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Giga-Gipfel Technologie für ein besseres Leben

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Einfache Sprache nimmt Unsicherheit

Am zweiten Veranstaltungstag geht es auf den Gipfel des Gaislachkogls – auf über 3000 Metern höhe liegt dort das Restaurant Ice Q, Drehort des neuen James Bond Films „Spectre“, und Tagungsraum für den Giga-Gipfel. Während zunächst ein Wolkenschleier über dem Horizont liegt, klart die Sicht am Nachmittag auf und eröffnet den Ausblick auf ein großartiges Alpen-Panorama. Quaintance eröffnet den Tag mit der Devise „Zeigt, was in euch steckt – wir alle haben eine Vision und die sollten wir teilen“.

Der erste Programmpunkt ist ein Gespräch über das Näherbringen der Digitalisierung an die Gesellschaft zwischen der Programmiererin, Autorin und Speakerin Aya Jaff und Miriam Meckel, der Gründungsverlegerin von ada. Jaff sieht große Unterschiede im Verständnis von KI zwischen Experten und Leuten aus anderen Branchen: „Wenn ich zum Beispiel das Publikum auf einem Event frage, was KI ist, kommen oft Horrorszenarien von Robotern, die auf die Menschheit losgehen. Technologieexperten hingegen sehen einfach einen Algorithmus, der eine Sache richtig gut macht und das ist alles.“ Man brauche keine Angst vor künstlicher Intelligenz haben, zumal die meisten Leute sie laut Jaff bereits nutzen: „Die Suchoptimierung bei Google ist eigentlich nichts anderes“, sagt die Programmiererin. Benutze man wie das US-Unternehmen eine einfache Sprache, könne man Leuten die Unsicherheit im Umgang mit technischen Innovationen nehmen.

Auf das Gespräch folgt der erste Workshop – über den Tag verteilt sollen die Teilnehmer des Events herausarbeiten, wie man Technologie für gutes einsetzen kann. In der ersten Runde stellen sie sich die Frage, was das Wertvollste und Spannendste sei, das man mit digitaler Innovation erreichen könne. Die Ideen sind unterschiedlich und gleichen sich dennoch im Kern: Die Welt ernähren, globaler Zugang zu Bildung, Verlängerung des Lebens. In den weiteren Workshops werden Thesen aus den Ideen des ersten Brainstormings entwickelt und überlegt, wie diese umgesetzt werden könnten. Auf den Zusammenfassungen der Arbeitsgruppen stehen letztlich Parolen wie „Chancengleichheit für eine vernetzte Weltgemeinschaft“, „Erhaltung unseres Planeten“ aber auch weit gefasste, optimistische Statements wie „Heute unmögliches möglich machen.“

Eindrücke vom Giga-Gipfel
Joana Breidenbach, Mitgründerin der Spendenplattform betterplace.org, sagt: "Um soziale Digitalisierung zu fördern, fehlt der wirkliche politische Wille.“ Quelle: Sebastian Muth
Anne Kjaer Riechert ist Mitgründerin und Geschäftsführerin der ReDI School of Digital Integration, einer Programmierschule für Flüchtlinge. Sie wünscht sich mehr ähnliche Einrichtungen, um "zusätzliche Innovationskraft zu entfesseln". Quelle: Sebastian Muth
Der Giga-Gipfel fand im Restaurant Ice Q, Drehort des James Bond Films "Spectre", statt. Rund 50 Experten und Vordenker der Technologiebranche vernetzten sich auf Initiative der Medien ada, Handelsblatt, Tagesspiegel und Wirtschaftswoche sowie Vodafone. Quelle: Sebastian Muth
Bildungsstratege Kimo Quaintance (rechts) sorgte während des Gipfels für erfrischende Impulse, um neue Ideen oder, wie auf diesem Bild, Konzentration zu schöpfen. Quelle: Sebastian Muth
Léa Steinacker, Chief Innovation Officer der WirtschaftsWoche, moderierte den Giga-Gipfel auf deutsch und englisch. Quelle: Sebastian Muth
Programmiererin, Autorin und Speakerin Aya Jaff zeigte sich besorgt über den wachsenden Energieverbrauch von Künstlicher Intelligenz. Laut ihr sollte sich die digitale Bewegung Gedanken machen, wie Daten sich auf andere Weise speichern lassen, um den Energiebedarf auch in Zukunft decken zu können. Quelle: Sebastian Muth
In mehreren Workshops beschäftigten sich die Teilnehmer des Giga-Gipfels damit, was das Wertvollste ist, das Technologie ermöglichen könnte und wie sich das in ihrem Fachbereich konkret umsetzen ließe. Auf dem Bild von links: Magdalena Rogl, Bereichsleiterin Social Media-Communications bei Microsoft Deutschland und Jeanne Kindermann, Social Brand Manager bei L'Oréal Deutschland. Quelle: Sebastian Muth

Dafür müssten zunächst die passenden Strukturen geschaffen werden, sagt Valerie Mocker, die Entwicklungschefin bei der englischen Innovationsstiftung Nesta. In Deutschland fehle ein Fonds für soziale Innovation: „In Großbritannien und Finnland haben wir einen Fonds, der offen für alle ist, wir suchen die besten Ideen.“ Gerade in der Bundesrepublik seien Finanzstrukturen stark auf Organisationstypen und nicht auf Probleme ausgerichtet, was Innovation erschwere.

„Technologie ist die einzige Chance, globale Probleme zu beseitigen“

Chris Boos, Geschäftsführer des KI-Unternehmens arago GmbH und Mitglied des Digitalrates der Bundesregierung ist ähnlicher Ansicht. Im Podiumsgespräch mit Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt bemängelt er eine zu hohe Passivität hinsichtlich der Digitalisierung in Deutschland: „Bei uns steht Risikovermeidung an erster Stelle, weil wir viel zu verlieren haben und uns deshalb Stabilität zum Ziel gesetzt haben.“ Laut ihm brauche es konkrete Forderungen aus der Gesellschaft, um eine Veränderung zu bewirken, denn „Technologie ist die einzige Chance, globale Probleme wie zum Beispiel den Klimawandel zu lösen.“

Auch Joana Breidenbach, Mitgründerin der Spendenplattform betterplace, vermisst in Deutschland den Innovationstrieb: „Um soziale Digitalisierung zu fördern, fehlt der wirkliche politische Wille.“ Gemeinsam mit Anne Kjaer Riechert, Mitgründerin und Geschäftsführerin der ReDI School of Digital Integration, einer Programmierschule für Flüchtlinge, erörterte sie auf dem Podium Möglichkeiten für stärker sozial ausgerichteten Fortschritt. Riechert sieht eine gute Möglichkeit darin, weitere Einrichtungen wie ihre Programmierschule zu gründen, um zusätzliche Innovationskraft zu entfesseln.

Im Grundsatz waren sich alle Teilnehmer des Giga-Gipfels einig: Die Digitalisierung kann Gutes bewirken – die Gesellschaft sollte allerdings mehr eingebunden und besser informiert werden, um Unsicherheiten durch Transparenz zu beseitigen. Laut Vodafone-Geschäftsführer Ametsreiter ist die Technologiebranche in Deutschland viel besser als sie sich darstellt – durch das Präsentieren kleiner Dinge, könne gezeigt werden, dass Innovation Spaß machen kann. Sein Appell zu Ende des Treffens der digitalen Bewegung lautet: „Wir dürfen Dinge nicht nur diskutieren, sondern müssen sie auch umsetzen.“ Auf dem Giga-Gipfel dürften dafür viele neue Impulse und interessante Anregungen gesetzt worden sein.

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