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Künstliche Intelligenz bei Ikea Wenn das Billy-Regal Käufer lockt

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Das Start-up Nyris erkennt Produkte per Handykamera und baut eine Art Google für Bilder. Nun gewinnt es den Möbelkonzern Ikea als Investor. Quelle: PR

Das Start-up Nyris erkennt Produkte per Handykamera und baut eine Art Google für Bilder. Nun gewinnt es den Möbelkonzern Ikea als Investor. Und der will mit der Software den Einkauf noch bequemer machen.

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Zu den mächtigsten Maschinen unserer Zeit, das werden wenige bestreiten, gehören die Suchmaschinen. Google oder Bing haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten Webseiten, Bücher, Nachrichten durchsuchbar gemacht – und damit fast das gesamte niedergeschriebene Wissen der Welt.

Nun sind auch Bilder an der Reihe, sich durchforsten zu lassen, glaubt Anna Lukasson-Herzig. Die Gründerin des Berliner Start-ups Nyris hat mit ihrem Team eine Suchmaschine entwickelt, die in Fotos Objekte erkennt. „Wir nutzen künstliche Intelligenz, um visuelle Informationen zu erfassen“, sagt sie. Eine Art Google für Bilder also.

Nun hat Nyris einen neuen Investor an Bord geholt: Der schwedische Möbelkonzern Ikea beteiligt sich an dem Start-up, wie die WirtschaftsWoche erfahren hat. Die genaue Summe wollen die Schweden nicht verraten. Ziel sei es, mit der Technologie von Nyris Kunden die Suche von Ikea-Produkten zu vereinfachen, sagt Per Krokstäde, Manager für Innovationen und strategische Partnerschaften bei Ikea.

Bildsuche findet Billy-Regal

Heute schon nutzt Ikea die Nyris-Technologie in seiner Handy-App Ikea Places. Wer damit seine Smartphone-Kamera auf ein Möbelstück von Ikea richtet, sei es ein Billy-Regal oder ein Sofa, erhält auf dem Bildschirm direkt den Link des Produkts im Ikea-Online-Shop. „Sie können die meisten unserer gut 10.000 Produkte über die visuelle Suche finden“, sagt Krokstäde. Und zu Aufnahmen von Möbeln anderer Hersteller sucht die Software die Ikea-Produkte, die ihnen am meisten ähneln.

Eben entdeckt, schon bestellt: Die Bildsuche soll den Einkauf bei Ikea fast so einfach machen wie die Aufnahme eines Fotos. Wer in der Wohnung von Bekannten oder im Restaurant ein schönes Möbelstück entdeckt, soll es per App blitzschnell identifizieren können. Werbung gewissermaßen, für die Ikea keinerlei Anzeigen mehr schalten muss. Das Billy-Regal selbst ködert die treuesten Kunden.

„Wir nutzen künstliche Intelligenz, um visuelle Informationen zu erfassen“, sagt Anna Lukasson-Herzig über ihr Start-up. Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Auch deshalb hat nicht nur Ikea, sondern eine ganze Reihe von Händlern die visuelle Suche für sich entdeckt. Modeketten und Online-Shops arbeiten nicht nur daran, Produkte per Bildsuche überall genau zu identifizieren, sondern auch Stile zu erkennen – und Produkte zu empfehlen, die zu den bestehenden passen. Zum Blazer, den die Handykamera vor die Linse bekommt, gibt’s dann einen Tipp für die passenden Schuhe; zum Küchentisch auch noch einen Vorschlag für dazugehörige Schränke oder Stühle.

Keine halbe Sekunde, also nur die Dauer eines Wimpernschlags, braucht die künstliche Intelligenz von Nyris, um das jeweilige Handybild mit Millionen von Produktfotos abzugleichen, die die Software zuvor analysiert hat. In bis zu 95 Prozent der Fälle soll sie mit ihrem Suchergebnis richtig liegen.

Mit diesen Werten zählt das Start-up nach eigenen Angaben zu den führenden drei Anbietern für die visuelle Suche weltweit. Zu den Wettbewerbern der Berliner zählen nicht nur Start-ups wie Clarifai aus den USA, sondern auch Konzerne wie Microsoft, Amazon und Alibaba.

Ersatzteile blitzschnell erkennen

Gründerin Lukasson-Herzig scheut die Konkurrenz nicht. Ähnlich wie der Anbieter Algolia sich bei der Textsuche innerhalb von Webseiten etabliert habe, könne Nyris zu einem führenden Suchdienst für Bildinhalte werden, gibt sie sich überzeugt. Auch dank sehr wettbewerbsfähiger Preise: 0,25 Cent die Berliner pro Suchanfrage ab – manche Wettbewerber verlangen 50-mal so viel.

In mehr als 50 Ländern wird die Nyris-Technologie heute genutzt – zu den Kunden zählen etwa Lidl oder Henkel. Mit dem neuen Investment wollen die Berliner in weitere Länder expandieren. Es geht um einen gewaltigen Markt. Visuelle Suche ist ein Trendthema – und wird weltweit im Jahr 2027 laut den Marktforschern von Zion Market Research knapp 28,5 Milliarden Dollar Umsatz generieren.


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Nicht nur im Handel ist die Technologie gefragt, sondern auch in der Industrie. So nutzen Unternehmen die Nyris-Technologie bereits, um in Lagern oder Fabriken Ersatzteile schneller zu identifizieren oder Informationen dazu per Handy abzurufen.

Flottenmanager bei Daimler können die Handykamera auf Bereiche eines Trucks richten, etwa die Reifen oder den Motor, um Daten wie Fahrleistung, Wartungstermine oder den Reifendruck abzurufen. Solche Anwendungen sollen Zeit sparen und Fehler vermeiden, hoffen die Anwender.

Auch Ikea denkt über solche Lösungen für seine Mitarbeiter nach - etwa zur Qualitätskontrolle. Auch die visuelle Suche für Ikea-Kunden soll sich in den nächsten Monaten weiter verbessern. Wer sein Ikea-Sofa fotografiert, dem empfiehlt das Handy bald vielleicht auch das passende Regal. Es muss ja nicht immer Billy sein.

Mehr zum Thema: 70 Jahre Preisvergleich – Die Inflation der Ikea-Möbelklassiker

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