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Vorsprung durch Technik Das sind die Preisträger des Digital Champions Award

Bereit für Neuland: Das Unternehmen Wagner überträgt seine Expertise aus der Beschichtungstechnik (links) aufs Kosmetikgeschäft. Schwan Cosmetics ist bereits Weltmarktführer für Lippenstifte, will Kunden nun schneller bedienen. Quelle: Presse

Zwischen den Sonntagsreden zur Digitalisierung und dem, was Unternehmen tatsächlich umsetzen, klafft eine Lücke. Ein paar der echten Umsetzer kürt der Digital Champions Award. Vier Beispiele, die Schule machen sollten.

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Kaum ein Schlagwort in der deutschen Wirtschaft ist so allgegenwärtig und doch so schwammig wie dieses: Digitalisierung. Auch deshalb verleiht die WirtschaftsWoche gemeinsam mit der Deutschen Telekom nun bereits zum sechsten Mal den Digital Champions Award. Ein Blick auf die Preisträger macht die Digitalisierung nicht nur greifbar, sondern auch deutlich, warum sie sich rechnet.

Produkte & Dienstleistungen: Wagner

Es war ein Glücksfall, dass sich Valentin Langen, damals Assistent der Geschäftsleitung beim Maschinenbauer Wagner, 2013 im Urlaub einen Sonnenbrand holte. „Erst habe ich mich gewundert, weil ich mich eingecremt hatte“, erzählt Langen, heute Geschäftsführer des Tochterunternehmens Ioniq Skincare, „dann dämmerte mir, dass ich beim Einreiben vermutlich geschludert hatte – und auch Sonnenbrand im Grunde ein Beschichtungsproblem ist.“ Eines, für das, wie Langen fand, ein Hersteller, der die perfekte Steuerung von Düsen, Druck und Beschichtungsmitteln beherrscht, eine Lösung haben müsste.

Mit Wagners Technik zur Lack- oder Pulverbeschichtung veredeln Autohersteller die Felgen ihrer Edelkarrossen, schützen Anlagen- und Brückenbauer oder Industrieunternehmen ihre Bauten gegen Korrosion oder aggressive Chemikalien. Langen überzeugte seinen Chef bei dem in Markdorf am Bodensee ansässigen Unternehmen, die Übertragung der Technik auf Hautpflegemittel ausprobieren zu dürfen. So entstand ein batteriebetriebener Sprayer vom Format einer größeren Deoflasche, der flüssige Hautpflegemittel über mehrere, nur 0,07 Millimeter feine Düsen zerstäubt. „Im Grunde haben wir das Know-how einer industriellen Beschichtungsanlage in ein intuitiv bedienbares Handgerät für den Hausgebrauch gepackt“, so Langen.

Sein Team ersann eine Technologie, die die hauchfeinen Tröpfchen von Sonnenmilch oder Pflegecremes minimal elektrostatisch auflädt und die Haut unter eine winzige entgegengesetzte Spannung setzt. Ähnlich wie ein Luftballon, den man leicht übers Haar führt. So werden die winzigen Tropfen selbst dann wie magnetisch von der Haut angezogen, wenn man nicht allzu treffsicher sprüht. Und an den Fingern klebt keine verschmierte Creme. Zudem kann das Gerät erfassen, welche Pflegemittel wann aufgetragen werden und per App Tipps geben. In diesem Sommer ist der Direktvertrieb in Deutschland und Großbritannien gestartet.

Prozesse & Organisation: Schwan Cosmetics

Um einem Kunden in Indien eine Ahnung davon zu geben, ob ein Lippenstift das richtige Rot trifft, konnten beim Unternehmen Schwan Cosmetics schon mal drei Wochen vergehen. Denn die Verkäufer mussten, nachdem die E-Mail oder der Anruf des Kunden eingegangen war, erst einmal die Muster intern ordern und zur Poststelle bringen. Im schlimmsten Fall hing die Probe später noch im Zoll fest.

Ein offensichtlich ineffizienter Prozess, den das Unternehmen nun radikal digitalisiert hat. Anstatt in mehreren Wochen ist der Prozess jetzt in ein paar Minuten abgeschlossen. Dank dem Color Visualizer, einem Portal, auf dem sich die 700 über den Globus verteilten Kunden von Schwan Cosmetics seit 2019 umsehen können wie jemand, der in einem Onlineshop nach dem passenden Hemd zum Anzug sucht. Alexander Sarkissian, im Unternehmen für digitale Initiativen verantwortlich, öffnet das Tool auf seinem Computer und führt die unterschiedlichen Filter vor: Lippen oder Augen? Glänzend oder perlend? Ein Kunde kann auch ein Foto hochladen, eine Lupe über die Farben darin führen – und erhält Vorschläge, welcher Ton aus dem Sortiment diesen am nächsten kommt.

Für den Familienkonzern Schwanhäuser ist das eine entscheidende Neuerung, ist die Sparte Kosmetik weit vor Schreibgeräten und Outdoorausrüstung doch die größte Ertragssäule. Die Firma mit Sitz im fränkischen Heroldsberg verkauft Kayal, Lipenstifte oder Rouge nicht unter eigenem Namen, sondern als Zulieferer für internationale Markenhersteller wie Revlon oder L’Oréal oder kleinere Indielabel. Die verlangen in immer kürzeren Abständen neue Produkte. Und neben den etablierten Anbietern gewinnen kleine Labels in unterschiedlichen Regionen an Bedeutung. Der Color Visualizer ist auch eine Antwort darauf: Die Zeit zwischen dem Moment, in dem ein Kunde Interesse zeigt, und dem, in dem er die ersten Proben sieht, hat das Tool von zwölf Tagen auf einen gesenkt. So rechnet sich für den Konzern nun auch, kleinere Hersteller zu bedienen: Weil die Produkte individuell erstellt werden, ist der Aufwand stets gleich – egal, ob der Kunde 50.000 oder nur 5000 Lippenstifte kauft.

Kundenerlebnis: Lamilux

Lange passten die Flachdachfenster, Lichtkuppeln und Dachausstiege von Lamilux nicht recht zum Alltag von Architekten. Zu unterschiedlich sind die Größe, die Art der Verglasung, die mögliche Verschattung durch Marquisen sowie die elektrischen Antriebe. Die Produkte sind in mehreren Millionen Varianten erhältlich. Viel zu viel für die meisten Architekten, die in Softwareprogrammen gern mit mehr oder weniger standardisierten Teilen 3D-Modelle von Gebäuden erstellen. „Wir haben uns gefragt: Wie können wir Architekten unsere Produkte für diese Modelle zur Verfügung stellen, ohne dabei die Variantenvielfalt unserer Tageslichtsysteme einzuschränken?“, sagt Johanna Strunz, die seit 2019 als Vertreterin der vierten Generation in der Geschäftsführung des Familienunternehmens aus dem oberfränkischen Rehau sitzt und für die Digitalisierung verantwortlich ist.

Um die Vielfalt der Angebote besser abzubilden, haben Strunz und ihr Team im vergangenen Jahr einen webbasierten Konfigurator für zehn verschiedene Produkte entwickelt. Mit diesem kann sich etwa ein Bauherr zusammenstellen, wie er das Tageslicht in seinem Gebäude nutzen möchte. „Dadurch kommen Flachdachfenster oder Lichtkuppeln direkt in den richtigen Abmessungen in das Architektenmodell eines Gebäudes“, erzählt Strunz. Über ein sogenanntes Plug-in lässt sich der Konfigurator auch in die Software von Architekten integrieren und die Größe oder die Antriebsart eines Flachdachs innerhalb des Modells ändern. „Über ein Zusatzmodul kann der Architekt dann sogar mit einer Virtual-Reality-Brille durch das dreidimensionale Gebäudemodell gehen und den Lichteinfall eines Tageslichtfensters überprüfen“, so Strunz.

Transformation Mittelstand: Noerr Partnergesellschaft

Rechtsanwälte, so heißt es zumindest, sind eine eher konservative Zunft. Das galt bis vor zwei Jahren auch für Noerr, mit etwa 500 Anwälten, Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern eine der größten Wirtschaftskanzleien Europas. So beschaffte jeder Standort für sich selbst die Computer, es gab keine einheitliche Software. Und die Sicherheitsarchitektur musste optimiert werden, um sensible Daten noch besser vor Hackerangriffen zu schützen. Immerhin, die Kanzlei erkannte das. IT-Chef Christian Ammer sorgte dafür, dass die Rechner über eine Stelle angeschafft und gewartet wurden; die Daten, bis dahin nur vor Ort gespeichert, wurden weitgehend in die Cloud verlagert. „Als dann die Coronapandemie begann, mussten wir nur noch etwas schneller den Schalter umlegen als geplant“, erzählt Ammer. Das komplette Team konnte zügig ins Homeoffice wechseln und dennoch 2020 das beste Geschäftsergebnis aller Zeiten der Kanzlei einfahren.



Nun digitalisiert Ammer auch die Prozesse in der Kanzlei. So ist es essenziell, dass Rechtsanwälte gerichtliche Fristen einhalten. Das überwacht jetzt eine Software. Auch übernimmt der Rechner die Kontrolle von Unternehmensunterlagen bei einer Fusion oder Übernahme, analysiert sie mithilfe von künstlicher Intelligenz nach juristischen Problemen. Vor wenigen Tagen startete Noerr zudem das erste voll digitale Produkt: Mandanten, die Fremdpersonal einsetzen wollen, können über ein Webportal automatisiert überprüfen lassen, ob das rechtlich im jeweiligen Fall unbedenklich ist.

Mehr zum Thema: Nachhaltigkeit drängt, wer will da schon stillstehen: Die Preisträger feiern den ersten Sustainable Impact Awards. Doch direkt im Anschluss wollen sie darüber diskutieren, wie sie die nächsten Probleme lösen können.

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