WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Energie Brennendes Eis: Neue Fördertechniken für Öl und Gas

Seite 2/2

Kühne Bohrungen

Da Erdgas an den Ölpreis gekoppelt ist und deshalb stetig an Wert gewinnt, setzen die Konzerne auch bei der Förderung dieses Energieträgers immer aufwendigere Techniken ein. Per Horizontalbohrung erschließen sie Lagerstätten, deren Poren so klein sind, dass sich das Gas nicht so einfach austreiben lässt. Das zunächst mit einer Stahlhülle abgedichtete Bohrloch wird dann mithilfe von gezielten Sprengungen an vielen Stellen perforiert. Eine Flüssigkeit, die mit Hochdruck eingepresst wird, dringt durch die Löcher und sprengt das Gestein auf – das Gas kann fließen.

Auch wenn bessere Erschließungs- und Ausbeutungsmethoden das Ende hinausschieben, gehen Öl und Gas allmählich zur Neige – nach aktuellen Berechnung wird in 40 bis 50 Jahren die letzte Tonne gefördert sein. Spätestens dann hängen Wohlstand und Wachstum davon ab, dass Ersatzrohstoffe zur Verfügung stehen.

Der russische Gasriese Gazprom gehört zu denen, die bereits daran arbeiten, eine neue Energiequelle zu erschließen. Im sibirischen Permafrost und einige 100 Meter unter dem Meer lagern gewaltige Mengen an Methanhydrat – im Prinzip gefrorenes Erdgas. Die weltweiten Vorräte sind mehr als doppelt so groß wie die an Kohle, Öl und Gas und würden genügen, die Menschheit einige Jahrhunderte mit Energie zu versorgen.

Gerüchten zufolge hat der Mineralölkonzern BP vor der kanadischen Küste bereits begonnen, die energiereichen Klumpen zu fördern – was extrem schwierig und gefährlich ist. Eisförmig ist das Gas nämlich nur unter relativ hohem Druck und bei niedrigen Temperaturen. Sobald sich einer dieser Parameter ändert, verwandelt es sich in Gas, steigt an die Oberfläche und entweicht in die Atmosphäre. Die Folgen für das Klima wären verheerend. Methan ist als Wärmeisolator 30-mal wirkungsvoller als Kohlendioxid und würde die Erde in ein Treibhaus verwandeln. Alles wird also darauf ankommen, das Methan-Eis kontrolliert abzubauen.

Vor zwölf Jahren gelang es Wissenschaftlern an Bord des deutschen Meeresforschungsschiffs „Sonne“ erstmals, ein Methanhydrat-Lager zu lokalisieren und einen Klumpen davon an Bord zu hieven. Die Forscher staunten nicht schlecht, als das Eis zu brennen anfing, als einer von ihnen eine Flamme an den faustgroßen Klumpen hielt. Der Rest verdampfte innerhalb von Minuten. Seitdem fühlen sich deutsche Wissenschaftler berufen, das Material zu erforschen, das die Energieversorgung für Jahrhunderte sicherstellen könnte.

Alle Fäden laufen im Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) in Kiel zusammen. Zunächst geht es um eine wissenschaftlich fundierte Abschätzung das Gefahrenpotenzial eines Abbaus. Zugleich suchen die Wissenschaftler nach sicheren Verwertungsmethoden. Professor Klaus Wallmann, Leiter der Forschungseinheit Marine Geosysteme am IFM Geomar, glaubt, dass es noch Jahre dauert, ehe Methanhydrat industriell genutzt werden kann. „Angesichts der aktuellen Debatte um die Energieversorgung der Zukunft ist es wichtig, den Entstehungsprozess von Methanhydrat sowie die ökologischen, ökonomischen und rechtlichen Aspekte dieser Ressource intensiv zu erforschen“, sagt Wallmann. Die Kieler haben bereits eine faszinierende Idee, die gleichzeitig das Kohlendioxid-Problem lösen könnte: Flüssiges Kohlendioxid aus den Abgasen von Kraftwerken soll in Methanhydratlagerstätten fließen. Dort verdrängt es das Methan aus dem Hydrat und bildet selbst eine stabile Eisschicht. Noch gibt es allerdings keine großtechnische Lösung, das frei werdende Methan komplett einzufangen, ohne das Risiko einzugehen, dass es in die Atmosphäre entweicht.

Einfacher haben es da Länder, die über Methanhydratvorkommen im Permafrost verfügen. Sie können auf Techniken zurückgreifen, die für die Ölförderung genutzt werden: auf Horizontalbohrungen und eingepressten Dampf, der das Energie-Eis schmelzen lässt, sodass es an die Erdoberfläche strömt. Die Vorkommen im Meer sind jedoch um ein Vielfaches größer.

Ein anderer Hoffnungsträger ist Ölsand. Die größten Reserven lagern in Kanada. Ölsande entstanden, als Erdöl an die Oberfläche trat und die flüssigen Bestandteile verdunsteten. Zurück blieb Sand, überzogen von zähem Bitumen, dessen Nutzung erst bei den heutigen Öl- und Gaspreisen wirtschaftlich wird. Vorreiter ist das kanadische Unternehmen Syncrude. Mittlerweile sind aber alle großen Mineralölkonzerne in das Geschäft eingestiegen. Weltweit lassen sich mindestens 100 Milliarden Tonnen Öl aus derartigen Sanden gewinnen. Das genügt, um den Weltverbrauch für gut drei Jahre zu decken. In Kanada sind es 24 Milliarden Tonnen. In gewaltigen Waschmaschinen trennen Laugen und heißes Wasser den Sand von dem Bitumen. Daraus lassen sich die gleichen Produkte herstellen wie aus Rohöl.

Das Problem dabei: Um den Ölsand zu fördern, müssen Wälder auf einer Fläche gerodet werden, die der von England und Wales entspricht. Zudem ist für die Treibstoffproduktion aus Ölsanden viermal so viel Energie nötig wie für die aus Rohöl. Greenpeace in Kanada hat sein Urteil denn auch schon gefällt. Für den Energieexperten der Organisation, Mike Hudema, wäre der Abbau von Ölsanden „das schwerste Umweltverbrechen, das es je gab“.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%