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HalbjahreszahlenVW-Konzern mit „beachtlicher finanzieller Robustheit“

Volkswagen konnte im ersten Halbjahr Gewinne erzielen. Doch vor allem im zweiten Quartal litt der Konzern unter den chinesischen Corona-Einschränkungen. 28.07.2022 - 15:13 Uhr aktualisiert

Im Auftaktquartal hatten die Wolfsburger trotz Verkaufseinbußen wegen des Chipmangels fast doppelt so viel verdienen können wie Anfang 2021 - im zweiten Jahresviertel belasteten dann jedoch unter anderem neue Corona-Lockdowns in China das Geschäft.

Foto: dpa

Trotz Chipkrise und neuer Corona-Einschränkungen in China hat der Volkswagen-Konzern im ersten Halbjahr einen Gewinnsprung geschafft. Der zum September ausscheidende Vorstandschef Herbert Diess verabschiedet sich mit insgesamt starken Zahlen. So lag das Ergebnis nach Steuern mit 10,6 Milliarden Euro gut ein Viertel über Vorjahresniveau, wie die Wolfsburger am Donnerstag mitteilten.

Das zweite Quartal, in dem weitere Lockdowns den chinesischen Markt ausbremsten, drückte für sich genommen die Erträge um 22 Prozent. Der Absatz von Elektroautos zog aber an. Finanzchef Arno Antlitz sagte, Europas größte Autogruppe habe ungeachtet „beispielloser globaler Herausforderungen beachtliche finanzielle Robustheit bewiesen“. Für die zweite Jahreshälfte geht er von einer Entspannung aus. In Asien habe schon eine spürbare Erholung eingesetzt.

„Allerdings lassen sich die konkreten Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine oder der Covid-19-Pandemie weiterhin noch nicht abschließend beurteilen“, schränkte VW ein. Vor allem profitable Oberklassewagen trugen den Konzern zuletzt durch die angeschlagene Autokonjunktur.

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Das Betriebsergebnis von Audi verbesserte sich von 3,3 Milliarden auf fünf Milliarden Euro, bei Porsche von 2,7 Milliarden auf 3,3 Milliarden Euro. Für die Kernmarke VW Pkw blieben 1,9 Milliarden Euro übrig nach 1,2 Milliarden Euro vor einem Jahr. Hier nahmen Umsatz und Absatz merklich ab. Zugleich wurden ein Viertel mehr E-Autos ausgeliefert.

Die Gewinne sollen auch in eigene Software und Dienstleistungen fließen. Weitere elektrische Modelle folgen, und nach dem Baustart der Batteriezellfabrik in Salzgitter treibt Volkswagen Planungen für die nächsten Zellwerke voran. Der Rückkauf von Europcar soll genutzt werden, um das Netzwerk der Mobilitätsdienste auszubauen - von Shuttle-Services über Carsharing bis zu Abo- und Mietangeboten.

Ist Blumes Doppelrolle tragbar?

In der Entwicklung selbstprogrammierter IT-Systeme hakte es zuletzt heftig. Interne Reibereien und teure Abstimmungsprobleme verzögerten geplante Modellanläufe und sollen mit zur Ablösung von Diess geführt haben. Im zweiten Quartal sei die zuständige Konzernsparte Cariad bei Updates für die bestehende Fahrzeugflotte besser geworden, hieß es. Das Management sei nach Spannungen viel besser ausgerichtet, sagte Antlitz. Aber der Verlust verdoppelte sich nahezu von 502 Millionen auf 978 Millionen Euro. Ein Grund dafür liegt auch in den Investitionen für den weiteren Ausbau von Cariad und neues Personal.

„Wir können die Transformation der Gruppe aus einer Position der Stärke fortsetzen“, meinte der Finanzvorstand zu den Verdiensten von Diess, der Anfang September von Porsche-Chef Oliver Blume abgelöst wird. Antlitz soll Blume dabei im Tagesgeschäft unterstützen, weil dieser parallel weiter die Stuttgarter Tochter leiten soll. Die genaue Aufteilung der Aufgaben muss erst geklärt werden. „Wir haben die Spezifika noch nicht ausgearbeitet“, sagte Antlitz.

Herbert Diess' Strategie für Elektroautos, Software und neue Mobilitätsangebote brachten VW auf einen Weg, den selbst die Hauptaktionäre priesen, die ihn schließlich aus dem Amt drängten. Nun ist es an Oliver Blume, den zweitgrößten Autobauer der Welt zu transformieren, damit er mit Elektropionier Tesla Inc. und den etablierten Konkurrenten Toyota Motor Corp. und Stellantis NV besser mithalten kann. Auf den 54-jährigen designierten Nachfolger wartet vor allem die Börsennotierung des Konzernjuwels, der Sportwagensparte Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG – in einem Umfeld, das für IPOs so schlecht ist wie seit Jahren nicht mehr. Außerdem gilt es, die langwierigen Probleme in der Softwareabteilung zu lösen, welche die Entwicklung neuer Elektro-Porsches und -Audis verzögert.
Nachfolgend einige der Herausforderungen, die auf Blume warten:

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Porsche an die Börse bringen
Die industrielle Logik hinter dem Börsengang einer Minderheitsbeteiligung an der profitabelsten großen Marke des VW-Konzerns ist solide. Der IPO könnte der größte aller Zeiten in Europa werden. Er muss ein Erfolg werden, um die niedrige Börsenbewertung von VW endlich zu steigern.
Doch neben Bedenken hinsichtlich der Führungsstruktur wächst die Befürchtung, dass Konjunkturrisiken, steigende Energiekosten und geopolitische Spannungen die Bewertung von Porsche belasten werden. Im Jahr 2019 verlief das Börsendebüt von VWs Lkw-Sparte Traton SE eher enttäuschend.

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Software in den Griff bekommen
VWs Ambitionen, eine eigene Softwaresparte auf die Beine zu stellen, ähneln einer quälenden Odyssee aus Strategiewenden, Führungswechseln und Produktverzögerungen. Tesla ist den Wolfsburgern weit voraus bei regelmäßigen „Over-the-Air”-Updates, die zusätzliche Funktionen bieten und die Leistung der Fahrzeuge verbessern. Und auch traditionelle Autobauer wie Toyota tun sich weniger schwer damit als VW. Die Nutzung der Möglichkeiten von Software, einschließlich der Erschließung neuer Einnahmequellen, ist eine der Herausforderungen für die Branche insgesamt.

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US-Wachstum am Laufen halten
VW hat zwar endlich aufgehört, in Amerika Geld zu verlieren, aber das Unternehmen ist noch weit davon entfernt, zu Toyota, General Motors Co. oder Ford Motor Co. aufzuschließen. Um mit diesen und mit Newcomern wie Rivian Automotive Inc. besser konkurrieren zu können, lässt VW die Geländewagenmarke Scout wieder aufleben, die einen elektrischen Pickup und ein robustes SUV anbieten wird.
Im Luxussegment versucht Audi seit langem, es auf globaler Ebene mit der Mercedes-Benz AG und der BMW AG aufzunehmen, hat aber keine Produktionsbasis in den USA.

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Trendwende in China
VW hat auf seinem größten Markt Anteile verloren, weil es den Chipmangel schlecht in den Griff bekommen hat und es an den digitalen Funktionen mangelt, welche die technikaffinen chinesischen Kunden zunehmend erwarten. Die neue Fabrik von Tesla in Shanghai ist nicht der einzige Stachel im Fleisch von VW. Auch Produkte lokaler Hersteller sind auf dem Vormarsch. VW kann es sich nicht leisten, dass die Gewinne aus den chinesischen Geschäften, die es zur Finanzierung seiner Elektro-Ambitionen braucht, schwinden.

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Herausforderung Tesla
Während VW in der Chip-Krise damit kämpfte, Produktionslinien am Laufen zu halten, konnte der US-Elektroautohersteller trotz der Turbulenzen in der Lieferkette ein stetiges Wachstum verzeichnen. Nachdem CEO Elon Musk sein Werk in Schanghai in kürzester Zeit zum weltweit leistungsfähigsten gemacht hat, hat er weitere Fabriken im texanischen Austin und in Grünheide bei Berlin eröffnet. Die flotte Expansion von Tesla macht VWs Elektroauto-Projekt Trinity, zu dem auch ein 2-Milliarden-Euro-Werk in Deutschland gehört, umso entscheidender.

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Eindämmung von Kontroversen
Gleich nach seiner Ernennung entschuldigte sich Blume für Äußerungen, die er während einer internen Veranstaltung im vergangenen Monat über Finanzminister Christian Lindner gemacht hatte. Blume hatte damit geprahlt, dass er regelmäßig mit Lindner in Kontakt war, als die Ampelkoalition einen Kompromiss zum Thema synthetische Kraftstoffe aushandelte. Blume entschuldigte sich am Wochenende und sagte, er habe den Austausch vereinfacht dargestellt und nicht versucht, Lindner zu beeinflussen.

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Details dazu werde es wohl in einigen Wochen geben. Bei einigen Branchenexperten waren Zweifel lautgeworden, ob Blumes Doppelrolle tragbar ist - zumal er sich mit Porsche-Finanzchef Lutz Meschke um den bis Jahresende vorgesehenen Börsengang der Marke kümmern muss.

Ein Teil der Aktien der Porsche AG soll bald am Finanzmarkt frei gehandelt werden können. So will Volkswagen seinen Wert erhöhen. „Es ist immer noch absolut sinnvoll“, sagte Antlitz auf die Frage, ob der Zeitrahmen angesichts der weltwirtschaftlichen Turbulenzen passe. Man werde zudem „robuste Verfahren“ einrichten, die Interessenkonflikte in der Steuerung von Porsche und des Konzerns vermeiden sollen.

Lesen Sie auch: VW und Porsche gründen „Kooperationsboard“ – Blume will Software bei Cariad lassen

Bei der Produktivität gebe es Fortschritte. Die Kernmarke VW galt im Vergleich zu anderen Herstellern lange als renditeschwach. Ihr neuer Chef Thomas Schäfer gab weitere Kostensenkungen als Ziel aus: „Damit wollen wir mittelfristig eine Effizienzsteigerung um 20 Prozent für die gesamte Markengruppe Volumen erreichen.“ Neben den Wagen mit dem VW-Emblem koordiniert Schäfer im Konzernvorstand die Zusammenarbeit mit Skoda, Seat/Cupra und den leichten VW-Nutzfahrzeugen.

VW Pkw stellt sich im zweiten Halbjahr auf eine deutlich höhere Belastung durch Rohstoff- und Energiekosten ein. Wie sehr sich das in den Fahrzeugpreisen niederschlägt, ist unklar. Antlitz sagte zu den stockenden Auslieferungen: „Wir fahren bis zum Jahresende weiter hoch, um sicherzustellen, dass unsere Kunden ihre Autos bekommen.“

Sonderkosten für „Dieselgate“

Im Herbst sind auch die nächsten Verhandlungen zum VW-Haustarif angesetzt. Antlitz dämpfte indirekt Erwartungen an hohe Lohnzuwächse. „Die Mitarbeiter profitieren bereits von unseren guten operativen Ergebnissen. Dies sollte mit berücksichtigt werden“, sagte er mit Blick auf die Bonuszahlungen. Ein größerer Teil der Teuerung sei zudem dauerhaft, sondern vorübergehend.

Der Konzernumsatz kletterte von Januar bis Juni um zwei Prozent auf 132,3 Milliarden Euro. Dabei spielte die erstmalige Einbeziehung des US-Lkw-Bauers Navistar eine Rolle. Über alle Marken und Regionen gesehen nahmen die Auslieferungen um mehr als 22 Prozent auf etwa 3,88 Millionen Fahrzeuge ab. Die Produktion ging nicht im gleichen Ausmaß zurück - ein Teil der Autos staut sich weiter in den Werken.

Das um Sonderkosten für „Dieselgate“ bereinigte operative Ergebnis fiel im zweiten Quartal um 28 Prozent auf 4,74 Milliarden Euro. Dabei wogen Bewertungseffekte für die Rohstoffabsicherung schwer. Solche Geschäfte gehen Firmen ein, um Preisausschläge oder Mengeneinbrüche abzufedern. Die Zahl der Beschäftigten sank geringfügig auf 668.000.

Lesen Sie auch unsere Aktienanalyse: VW und Porsche jetzt kaufen?

dpa
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