Darüber solltet ihr mal schreiben: Was ist mit dem ganzen Olympia-Material nach den Spielen von Paris 2024 passiert?
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) lobt sich dafür, wie nachhaltig Paris 2024 gewesen sei. Die Kleidung der Freiwilligen, Schilder und andere Materialien seien verteilt und wiederverwendet worden. Schuhe, Taschen oder Hüte wurden auf speziellen Flohmärkten verkauft, Schilder und Banner an soziale Initiativen und Umweltprojekte verteilt. Wohin die Flohmarkt-Einnahmen geflossen sind, beantwortete das IOC auf Anfrage der WirtschaftsWoche nicht.
An anderer Stelle ist das Komitee auskunftsfreudiger: Schwellen aus Gleisbetten dienten als Unterkonstruktion für die Tribünen am Invalidendom, der die Kulisse fürs Bogenschießen und den Straßenradsport bot. So konnten die Organisatoren dort auf neuen Stahl verzichten. „Fast alle der sechs Millionen Gegenstände wurden gemietet, wiederverwendet oder umgewidmet“, schreibt das IOC in seinem Abschlussbericht.
54.000 Möbelstücke, 9000 Matratzen und 11.000 Kissen aus dem Athletendorf wurden an einen gemeinnützigen Verein gespendet. In dem Dorf selbst sollen künftig Pariser Bürger wohnen. Wie nachhaltig Olympia für die Menschen vor Ort ist, das ziehen Experten in Zweifel. Der Stadtentwickler Sven Wolfe von der ETH Zürich fürchtet Gentrifizierung. Für das Olympische Dorf mussten 400 Arbeiter in der Gegend Saint-Denis weichen, besetzte Häuser wurden geräumt, ohne für diese Menschen Alternativen zu schaffen. Wolfe sieht darin eine „lange Tradition unter Ausrichterstädten, die Unerwünschten zu verstecken“, bevor das große Scheinwerferlicht auf die Stadt scheine. Überwachungsmaßnahmen gegen die lokale Bevölkerung würden auch nach den Spielen aufrechterhalten.
Ob die Seine auch nach den Olympischen Spielen wie versprochen nach Züricher Vorbild ein Schwimmbecken für die Öffentlichkeit wird, ist noch unklar. Die schlechte Wasserqualität hatte zu Verschiebungen von Wettkämpfen geführt. Athleten klagten über Übelkeit. In das Projekt wurde über eine Milliarde Euro gesteckt.
Die Reformen des IOC für nachhaltigere Spiele seien in Paris durchaus sichtbar geworden, sagt Wolfe, etwa durch die Nutzung bestehender Wettkampfstätten und Anlagen oder temporäre Bauten.
Trotzdem fordert der Wissenschaftler für Großereignisse wie Olympia eine unabhängige Aufsichtsbehörde, die uneingeschränkten Zugang zu Informationen und Durchgriffsmöglichkeiten hat. Weder das IOC noch die lokalen Behörden seien für diese Aufgaben geeignet, weil sie ein Interesse daran hätten, die Entwicklungen nachhaltiger und weniger schädlich darzustellen, als sie tatsächlich seien.
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