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Wirtschaft von oben #135 – Manila und Jakarta Hier entstehen neue Hauptstädte in Asien

Einst wurde Manila für 800.000 Menschen geplant. 1990 lebten bereits 9,6 Millionen im Großraum. Quelle: USGS

Manila ist die am dichtesten besiedelte Stadt der Welt und auch Jakarta säuft ab – im wahrsten Sinne des Wortes. Wegen Überschwemmungen, Schmutz und Verkehrschaos trennen sich die philippinische und die indonesische Regierung von ihren bisherigen Hauptstädten. Ein Blick aus dem All zeigt, wie Manilas Nachfolger entsteht. „Wirtschaft von oben“ ist eine Kooperation mit LiveEO.

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Wieder steht das Wasser in den Straßen. Der übergelaufene Javasee hat Anfang Dezember Häuser und Stadtteile Jakartas schwer beschädigt. Eine Überraschung ist das nicht. Große Teile des am Meer gelegenen Nord-Jakartas und beinahe die Hälfte der gesamten Stadt liegen unterhalb des Meeresspiegels. Und der steigt. Der Gouverneur sagt, Deiche seien die Lösung. Aber das wird nicht reichen. Der Norden könnte bis 2050 überflutet sein, wenn die Berechnungen der Experten stimmen.

Deswegen fügt Indonesien seinem mit Abstand wichtigsten Zentrum für Wirtschaft und Arbeitsplätze nicht nur etwas hinzu – die Deiche –, sondern nimmt ihm auch etwas weg: den Status als Hauptstadt. Die Verwaltung zieht in den kommenden Jahren um. Was die Reaktion auf gleich zwei missliche Lagen ist: die geografische und die demografische.

Denn Jakarta ist zahlreich und dicht bewohnt, vollgestellt und kaum befahrbar. Nur im Großraum Tokio leben noch mehr Menschen. Die exklusiven Satellitenaufnahmen von LiveEO veranschaulichen die Ausbreitung der Stadt, in deren Großraum heute mehr als 30 Millionen Menschen leben.


Stadtplaner, Bürgermeister und nationale Regierungen müssen nach Alternativen suchen, wie sie die Menschenmassen entzerren. Vorbilder für Umzüge und neu errichtete Städte gibt es gerade im asiatischen Raum, das Bevölkerungswachstum ist besonders hoch und die Landflucht so ausgeprägt wie in vielen Teilen der Welt. 2003 hat Malaysia seine Verwaltung umgezogen, Myanmar 2006. Jetzt also Indonesien und die Philippinen des umstrittenen Regierungschefs Rodrigo Duterte. Der hat vor einiger Zeit die einprägsame Devise ausgegeben „Bauen, Bauen, Bauen!“ Darunter fallen nicht nur ein neuer Flughafen für Manila, sondern auch Infrastrukturverbesserungen, die der Bevölkerung zugutekommen – und New Clark City.

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    Dort, auf dem Gelände einer ehemaligen US-Militärbasis, entsteht die neue Hauptstadt.


    Schon Dutertes Vorgänger hatte die Idee einer grünen, lebenswerten Stadt vorangetrieben. 2016, beim Spatenstich, war von einer neuen Hauptstadt aber noch nicht die Rede. Jahrelang gab es immer wieder verschiedene Vorschläge. Sogar ein australischer Geschäftsmann wagte sich vor. Die Wahl auf New Clark City fiel erst 2019. Neben den Sportanlagen steht das neue Verwaltungsgebäude.

    Wie sich wann welche Ministerien genau verlagern, ist unklar. Vielen Politikern und Staatsbediensteten dürfte der Ortswechsel jedoch gelegen kommen. Denn auch sie brauchen viel Geduld im Stadtverkehr von Manila.


    Bis der Umzug abgeschlossen ist, dürften noch viele Jahre vergehen. Bis dahin machen Firmen aus der ganzen Welt Geschäfte mit dem Projekt Neubauhauptstadt. New Clark City ist nicht einfach nur ein Ausweichort, der die Ballung in Manila eindämmen soll, sondern auch ein Lockruf für Investoren. Internationale und kleinere Unternehmen aus den USA, Schweden und Japan haben Aufträge in New Clark City übernommen. Sie errichten Transportnetze, bauen Straßen und sichern die Wasser- und Energieversorgung.

    Auf ausländische und privatwirtschaftliche Unterstützung ist die Regierung Duterte dringend angewiesen. Sie setzt auf einen Mix aus privaten und öffentlichen Geldern. Der Chef der philippinischen Entwicklungsbehörde BCDA, Vivencio Dizon, schwärmte 2020, das Projekt werde so transparent und offen gestaltet, dass es ein wahres Vorbild für eine öffentlich-private Partnerschaft sei.

    Doch der philippinische Staat ist in eine tiefe Corona-Rezession geraten. Das Bruttoinlandsprodukt stürzte 2020 um zehn Prozent ab. Die weiten Wege und die schlechten Verkehrsanbindungen verstärkten sich in der Zeit der Lockdowns noch einmal. Alexander Hirschle von der deutschen Außenwirtschaftsagentur Germany Trade & Invest schreibt in seinem jüngsten Länderreport: „Einige Firmen waren deshalb dazu übergegangen, für die Arbeitnehmer Schlaf- und Verpflegungsmöglichkeiten auf dem Firmengelände bereitzustellen.“ Dutertes Infrastrukturprojekte kurbelten inzwischen zwar den Bausektor wieder an. Die „Bauen, Bauen, Bauen!“-Initiative des Präsidenten habe während der Pandemie aber gelitten.

    Weit vor Corona war die Weltbank in einem Bericht 2017 zu dem Schluss gelangt, dass New Clark City eine durchaus heilende Wirkung auf die Wirtschaft des Landes haben könnte: Weil Arbeitsplätze und Wirtschaft so stark in Manila konzentriert seien, fehle es an Wettbewerb. Dies verstärke die Überfüllung und Verstopfung der Metropole nur weiter.

    In New Clark City sollen also Jobs entstehen. Ob etwa auch ärmere Bevölkerungsschichten aus den wassernahen, gefährdeten Gebieten Manilas überhaupt in der Lage sind, ihre Umgebung zu verlassen und sich die ordentliche, organisierte Stadt leisten können, bleibt abzuwarten. Es ist ein Dilemma: Gerade diejenigen, die auf besonders engem Raum in prekären Verhältnissen und möglicherweise auch noch in vom Wasser bedrohten Lagen leben, dürften es wohl am schwersten haben, in der neuen Umgebung eine Arbeit und ein Zuhause finden.

    Das gilt auch für Jakarta. Indonesien ist die größte Wirtschaftskraft Südostasiens. Die bisherige Hauptstadt hat den entscheidenden Anteil daran. Doch Verkehrschaos, Überflutungen und Verschmutzung sind auch dort ein großes Problem. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge liegen 20 bis 40 Prozent der Fläche bereits unterhalb des Meeresspiegels. Auf der Insel Java, zu der Jakarta gehört, leben 60 Prozent der Indonesier. Sie steuern mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts bei. Dieses Ungleichgewicht, das sich in der Einkommensverteilung widerspiegelt, will Präsident Joko Widodo ausbessern.

    Dafür hat er ein 34-Milliarden-Dollar-Projekt aufgesetzt.

    Kalimantan auf der gegenüber liegenden Insel Borneo. Anteil Gesamtbevölkerung: sechs Prozent. Anteil am indonesischen BIP: acht Prozent. Dort, im Osten der Provinz Kalimantan, sollen gut 56.000 Hektar Wald gerodet werden, um die neue Hauptstadt anzulegen. Einen Namen gibt es noch nicht. Anders als auf den Philippinen kommt der Staat nur für ein Fünftel der Investitionssumme auf. Allein zehn Milliarden Dollar kommen von den Vereinigten Arabischen Emiraten.

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    30 Prozent der Wälder Borneos sind in den vergangenen 50 Jahren bereits verschwunden, zugunsten der Papierindustrie und der Palmölplantagen. Doch Widodo hat Argumente für den Neubau, die für Jakarta eben niemals gelten: Es bestehe ein „minimales“ Risiko für Überflutungen, Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüche.

    Die Rubrik „Wirtschaft von oben“ entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – einer Beteiligung der DvH Ventures. Die Handelsblatt Media Group ist Teil der DvH Medien, zu der auch DvH Ventures gehört.

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