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Foto: LiveEO/Pleiades Neo

Wirtschaft von oben #308 – Chemieindustrie in ChinaDroht BASF und Co. in China das Schicksal der deutschen Autobauer?

Deutschlands Chemiefirmen ziehen in der Volksrepublik wie wild neue Produktionen hoch, zeigen aktuelle Satellitenbilder. Und das trotz massiver Überkapazitäten und wachsender chinesischer Konkurrenz. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.Nele Antonia Höfler 04.03.2025 - 10:46 Uhr

Die Wachstumshoffnung von Markus Kamieth, Chef des weltgrößten Chemiekonzerns BASF, liegt vor der Küste der südchinesischen Großstadt Zhanjiang. Genauer auf der Insel Donghai. Dort baut das Unternehmen für rund zehn Milliarden Dollar gerade ein Werk, das mit einer Fläche von neun Quadratkilometern die Dimension einer Kleinstadt hat.

Offiziell eröffnet wird der Standort wohl erst 2030. Doch schon jetzt ist das Werk das umstrittenste des Chemiekonzerns. Angesichts der politischen Spannungen zwischen China und Taiwan gilt die Chinastrategie von BASF als Hochrisikoprojekt. Die deutsche Regierung und Wirtschaftsexperten warnen vor Investitionen in China.

Denn inzwischen häufen sich die Probleme ausländischer Chemieunternehmen im Land. Gewaltige Überkapazitäten für chemische Produkte drücken die Preise. Auch weil Chinas eigene Chemieunternehmen massiv in den Ausbau der regionalen Produktion investieren. Das Land wolle seine Wirtschaft stärker selbst versorgen, erklärt Corinne Abele, Leiterin des Außenwirtschaftsbereichs der Außenwirtschaftsagentur GTAI, die das Marktgeschehen aus Shanghai beobachtet. Vieles an der Situation erinnert an deutsche Autobauer, die den chinesischen Markt einst dominiert haben, zurzeit aber nach und nach in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, weil chinesische Anbieter wie BYD das Geschäft übernehmen. 

In einigen Bereichen der Chemiebranche passiere der Angriff der chinesischen Konkurrenz „trotz vorhandener Überkapazitäten“. Der daraus resultierende Preiskampf führe letztlich „zu Preisen, die nicht mehr rentabel sind, und setzt damit auch ausländische Hersteller stark unter Druck.“ Zu allem Überfluss steckt Chinas Wirtschaft in einer Krise, im vergangenen Jahr wuchs sie um nur fünf Prozent. Nimmt man die Jahre der Corona-Pandemie aus, war es das schwächste Wirtschaftswachstum seit Jahrzehnten. Die Chemiebranche, die ganz am Anfang einer jeden Wertschöpfungskette steht, bekomme das früh zu spüren, wenn die Menschen sparen: „Das Angebot übersteigt in einigen Segmenten deutlich die Nachfrage“, sagt Abele.

BASF-Chef Markus Kamieth und sein Vorgänger Martin Brudermüller beharren auf den Chancen: Gut 40 Prozent der weltweiten Chemie- und Pharmaumsätze werden derzeit von China aus erwirtschaftet. Laut BASF dürften es bis 2030 die Hälfte sein. Die Argumentation also: Wer relevant bleiben will, muss vor Ort sein.

Satellitenbilder von LiveEO zeigen: Wo vor fünf Jahren noch eine Brache war, werden inmitten einer gigantischen Baustelle die ersten Chemikalien hergestellt. Zwei Anlagen im Süden des Geländes sind schon in Betrieb. Sie produzieren technische Kunststoffe, die in China vor allem die Automobil- und Elektronikindustrie verwendet.

Bilder: LiveEO/Airbus/Pleiades-Neo, LiveEO/Google Earth

Weiter im Werksinneren laufen die Bauarbeiten in diesen Tagen auf Hochtouren. Arbeiter bauen am Herzstück des Geländes: dem Steamcracker, der Rohölprodukte unter hohem Energieeinsatz in Grundchemikalien spaltet. Die gigantische Anlage steht also ganz am Anfang der Produktionskette. Gleich nebenan entstehen mehrere nachgelagerte Anlagen – unter anderem zur Herstellung von Petrochemikalien und Zwischenprodukten.

Bilder: LiveEO/Sentinel-2

Die chinesische Konkurrenz beschränkt sich derweil längst nicht mehr nur auf Basischemikalien, sondern produziert inzwischen auch technologisch herausforderndere, aber deutlich lukrativere Spezialchemikalien. Der chinesische Chemiekonzern Wanhua etwa. In den 1980er Jahren als ein kleiner Produzent von MDI gestartet, einer Chemikalie, die hauptsächlich zur Produktion von Schaumstoffen verwendet wird, ist er inzwischen ein Riese.

Aus seiner kleinen Anlage in Yantai in der ostchinesischen Provinz Shandong ist ein riesiger Chemiepark erwachsen. Aus dem lokalen Hersteller ein internationaler Konzern mit einer Marktkapitalisierung von knapp 30 Milliarden US-Dollar. Zum Portfolio gehören neben MDI inzwischen Spezialchemikalien, sogar Batteriematerialien.

Die chinesischen Unternehmen verbesserten Produktionstechnologien und Produktqualität – und haben sich dabei wohl auch einiges bei der deutschen Konkurrenz abgeschaut: Auch die Chinesen beherrschen inzwischen das Verbundsystem, die enge Vernetzung von Stoff- und Energieflüssen, was als Erfolgsgeheimnis der BASF gilt. Und die chinesische Regierung investiert jede Menge Ressourcen, damit die Volksrepublik bei neuartigen Materialien die Führungsrolle übernimmt. In vielen Bereichen der Forschung ist das Land westlichen Wissenschaftlern längst enteilt.

Das alles macht sich auch über Chinas Grenzen hinaus bemerkbar. Inzwischen fließt das Überangebot auf Märkte weltweit – etwa nach Europa. Es sorgt auch hier für einen harten Preiskampf für die ohnehin angeschlagene Industrie. Laut Daten der Weltbank exportierte China im Jahr 2023 Chemikalien und Kunststoff im Wert von 260 Milliarden Euro – ein Anstieg binnen zehn Jahren um mehr als 250 Prozent. Bei Kritikern schrillen längst die Alarmglocken. Droht der deutschen Chemie nun ein ähnliches Schicksal wie der Autoindustrie?

Covestro, Fengxian District, Shanghai, China 30.07.2024: Der integrierte Standort in Shanghai ist mittlerweile die insgesamt größte Produktionsstätte von Covestro weltweit. Bild: LiveEO/Airbus Foto: WirtschaftsWoche

Der Großteil der deutschen Chemieunternehmen erwirtschaftet heute einen entscheidenden Teil seiner Umsätze in China und sie wollen ihre Präsenz dort weiter ausbauen. Bei BASF kommen aktuell 13 Prozent des Umsatzes aus China, bei Leverkusener Kunststoffhersteller Covestro sind es mehr als 20 Prozent, bei Wacker Chemie gar ein Drittel. Die gesamte deutsche Branche setzt auf Asien als Wachstumsmotor – insbesondere in Zeiten, in denen daheim hohe Energiekosten zu schaffen machen. Laut Daten des Branchenverbands VCI gingen 2023 rund 36 Prozent aller Auslandsinvestitionen der deutschen Chemiekonzerne nach China. Ein Rekord, mit dem China erstmals die USA als beliebteste Zielregion überholte.

Die härtere Konkurrenz zeigt sich inzwischen auch in den Bilanzen. Laut BASF nahm die chemische Produktion in China zwar im dritten Quartal 2024 um rund sechs Prozent zu. Der Umsatz des Konzerns lag in China im gleichen Zeitraum aber 10,5 Prozent unter dem Wert des Vorjahreszeitraums. Auch Henkel wurde durch sein China-Geschäft im ersten Halbjahr belastet. Und Wacker meldete für das dritte Quartal gar ein Umsatzminus von 22 Prozent in Asien.

Covestro-Chef Markus Steilemann berichtete im vergangenen Jahr von Herausforderungen auf dem chinesischen Markt: „Chinesische Firmen haben erhebliche Überkapazitäten und wollen mit Kostensenkungen und steigendem Export ihre Anlagen besser auslasten“, sagte der Manager in einem Interview. „Deswegen bleibt der Markt preislich stark umkämpft.“

Bilder: LiveEO/Airbus/Pleiades, LiveEO/Airbus

Der Leverkusener Kunststoffhersteller betreibt in Shanghai neben einem Innovationszentrum seinen inzwischen weltweit größten Produktionsstandort. Im Laufe des Jahres kommt ein weiterer hinzu: In der chinesischen Stadt Zhuhai baut der derzeit eine neue Anlage. Aus dem All lassen sich die ersten Baufortschritte erkennen. Die Anlage wird in drei Phasen hochgezogen. Die erste soll im Laufe des Jahres abgeschlossen sein. Fertig ist der Komplex nicht vor 2033. Dann produziert er pro Jahr 120.000 Tonnen thermoplastisches Polyurethan. Der Kunststoff wird für Schuhsohlen, Staubsaugerroboter, Handyhüllen und vieles mehr verwendet. In China der womöglich spannendste Anwendungsfall: die Elektromobilität.

Henkel, Fengxian District, Shanghai, China 17.02.2025: Um sein Liefernetzwerk auszubauen, investiert der Konsumgüterhersteller hier 120 Millionen Euro in ein neues Werk für Klebstoffprodukte. Bild: LiveEO/Airbus/Pleiades Foto: WirtschaftsWoche

Von der in China derzeit rasant wachsenden Autoindustrie will auch der Düsseldorfer Konsumgüterhersteller Henkel profitieren. Der fokussiert sich in China vor allem auf die Produktion von Industrieklebstoffen. Die stecken in jedem Fahrzeug, werden aber besonders gerne bei der Produktion von Elektroautos verwendet. Hier wird mehr geklebt als geschraubt. Das reduziert Gewicht, schafft mehr Reichweite.

2023 hat der Konzern in Shanghai das nach eigenen Angaben weltgrößte Klebstoffwerk mit dem Namen „Dragon Plant“ eröffnet. Jährlich werden dort bis zu 428.000 Tonnen Kleber produziert. Doch das reicht offenbar nicht aus. Darum baut das Unternehmen in der chinesischen Provinz Shandong aktuell für 120 Millionen Euro ein weiteres Werk für Klebstoffe.

Bilder: LiveEO/Airbus/Pleiades, LiveEO/Maxar

Der Chemiekonzern Wacker erweitert unterdessen seine Produktion von Spezialsilikonen in Zhanjiagang. Die neue Anlage soll im Laufe des Jahres in Betrieb gehen. Die dort hergestellten Silikone werden unter anderem für die Produktion von Kosmetik und Textilien gebraucht, aber auch bei der Herstellung von Baustoffen und Lacken.

An eine Wiederholung des Debakels der deutschen Autoindustrie in China will in der deutschen Chemiebranche niemand glauben: Langfristig gesehen, da sind sich Experten und Vorstände einig, werden sich die Investitionen der deutschen Chemieunternehmen in China rechnen. So auch Alexander Keller, Chemieexperte bei Deloitte: „Auch wenn das Wachstum derzeit nicht so stark vorangeht wie in früheren Jahren, ist China immer noch der größte Chemiemarkt der Welt.“ Er geht davon aus, dass sich die Überkapazitäten in China in den kommenden Jahren wieder einpendeln.

Für die kommenden Jahre prognostiziert Keller aber insgesamt einen gegensätzlichen Trend: „Die Kundenindustrien der Chemie investieren wieder vermehrt in Europa“, berichtet er. Dazu zählen etwa die Pharma- und Batteriebranche. „Das wird regionale Chemiegeschäfte langfristig wieder hierherziehen.“

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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

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