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Wirtschaft von oben #45 – Coronakrise am FlughafenParkplätze für Billionen

Frankfurt, Seoul, Abu Dhabi: Die Coronakrise macht aus den geschäftigsten Flugplätzen der Welt riesige Abstellflächen für weit mehr als 11.000 derzeit überflüssige Maschinen. Satellitenbilder zeigen, dass der Platz knapp wird. Darum weichen immer mehr Airlines auf Provinzpisten aus – und die ersten inzwischen sogar auf Jet-Friedhöfe. „Wirtschaft von oben“ ist eine Kooperation mit LiveEO.Rüdiger Kiani-Kreß 08.04.2020 - 13:00 Uhr
Am Flughafen in Frankfurt bleiben die meisten Flieger am Boden und werden entlang einer 2011 eröffneten Start- und Landebahn geparkt. Foto: LiveEO/Planet

Die neue Nordwestbahn am Flughafen Frankfurt ist gerade der wohl traurigste Ort der deutschen Flugwirtschaft. Dort wo noch Ende Februar fast im Minutentakt Flugzeuge aus aller Welt landeten, parkt Ende März bereits ein halbes Dutzend Flugzeuge der Lufthansa, wie exklusive Satellitenbilder von LiveEO zeigen. Bald dürften es mehr als 20 sein, vermuten Manager des Konzerns.

Frankfurt

25.08.2019 (linkes Bild): Fast kein freier Platz mehr – das Problem hatte Deutschlands größter Flughafen noch nie. Denn wegen der vergleichsweise hohen Parkgebühren stellen Fluglinien ihre Jets hier ungern länger ab als unbedingt nötig.
26.03.2020 (rechtes Bild): In der aktuellen Coronakrise ist das anders. Der Platz ist so knapp, dass nun auch nach und nach die 2011 eröffnete Nordwestbahn zum Stellplatz wird. Für die ungewohnte Enge sorgt, dass die Lufthansa derzeit rein rechnerisch 700 ihrer 768 Jets am Boden lässt. Ebenso wichtig ist der Wunsch, dass sie viele davon zumindest ein paar Mal die Woche in die Luft schicken kann, um sie fit zu halten. Und den Rest sollen Lufthansa-Techniker schnell wiedererwecken können, wenn die Krise sich dem Ende nähert.

Bilder: LiveEO/UP42, LiveEO/Planet

An fast keinem der weltweit wichtigen Verkehrsflughäfen sieht es derzeit besser aus als in Frankfurt. Von Seoul Incheon in Korea und Abu Dhabi International, über Paris-Charles de Gaulle bis nach Toronto-Pearson: Seit die Corona-Krise Anfang März die Reisebranche voll traf, haben sich fast alle großen Drehkreuze von geschäftigen Knotenpunkten der Weltwirtschaft zu Abstellflächen rund um verwaiste Terminals gewandelt. „An manchen Tagen werden bis zu 800 Maschinen abgestellt“, so eine Analyse des Datenspezialisten Cirium.

ABU DHABI
27.03.2020: Mit dem Flughafen und seiner Heimatlinie Etihad hatte die Herrscherfamilie Al-Nahyan den erfolgreichen Nachbarn aus Dubai zeigen wollen, wie Flugverkehr richtig geht. Dafür kauften die jeweiligen Chefs beispielsweise für zig Milliarden Flugzeuge und Fluglinien. Immerhin hat der Ausbau dafür gesorgt, dass nun genug Platz ist für die gut 100 Maschinen der weitgehend stillgelegten Etihad Flotte. Foto: LiveEO/Sentinel, WirtschaftsWoche

Auf dem weltgrößten Airport Atlanta Hartsfield-Jackson im US-Bundesstaat Georgia hat Hausherr Delta gar drei der fünf Bahnen mit Fluggerät zugestellt. In Kopenhagen sind es zwei von drei Bahnen, wie die Satellitenbilder zeigen:

Kopenhagen

18.02.2019 (linkes Bild): Der Kastrup genannte größte Airport in Nordeuropa liegt zwar nahe der dänischen Hauptstadt. Aber dank der angrenzenden Öresund-Brücke ist er auch für Südschweden das Tor zur Welt.
27.03.2020 (rechtes Bild): Obwohl sich die Bürger besonders in Schweden noch bis vor Kurzem recht frei bewegen konnten, ging hier der Flugverkehr bereits im Februar so sehr zurück, dass SAS ihren Verkehr massiv kürzte und die Regionallinie Braathens Insolvenz anmeldete. Um genug Platz zu schaffen, schloss der Verkehrsdirektor des Flughafens Dan Meincke nicht nur viele der Rollwege, sondern eine der drei Bahnen und hat nun neben den 80 vorhandenen Stellplätzen Raum für bis zu 60 weitere Flugzeuge.

Bilder: LiveEO/UP42, LiveEO/Planet

Laut einer aktuellen Übersicht des auf die Fliegerei spezialisierten Datendienstleisters CH-Aviation für die WirtschaftsWoche steht seit dieser Woche mindestens ein Drittel der weltweit gut 33.000 aktiven Maschinen am Boden. „Viele der großen Flughäfen können bereits keine weiteren Jets mehr aufnehmen“, warnt eine Analyse des Datenspezialisten Cirium. Damit ruht nicht nur ein weiter Teil der Globalisierung, sondern auch ein Wert in Billionenhöhe. Mehr als 1500 Milliarden Euro an Wert könnte derzeit seine Zeit auf Beton verbringen statt beim Geld verdienen in der Luft.

Der hohe Wert rührt vor allem daher, dass die strikten Reisesperren vor allem die Langstreckenflüge treffen. So hat die weltgrößte Fluglinie American Airlines mit Ausnahme von London und Tokio alle Überseerouten gestrichen und beschränkt sich auf Verbindungen im Inland und nach Lateinamerika. Und weil selbst die überwiegend leer bleiben, bedient sich American überwiegend kleinerer Boeings. Dadurch bleiben überdurchschnittlich viele Großraumjets am Boden – allen voran fast 200 Exemplare des Superjumbo Airbus A380 oder der Boeing 747-8, von denen jede mit Einrichtung meist bis zu einer halben Milliarde Euro gekostet hat.

Dabei halten sich die Airlines noch zurück. Denn laut der Übersicht von CH-Aviation haben die Linien im Schnitt weltweit 80 Prozent der Kapazität abgebaut, aber nur gut ein Drittel der Flieger geparkt. „Statt eine Maschine wie bisher sechs bis acht Mal am Tag starten zu lassen, schicken sie nun sechs bis acht Maschinen jeweils einmal am Tag in die Luft“, beschreibt CH-Aviation-Vorstand Simonas Bartkus das Muster der fliegenden Kurzarbeit.

Der Anteil könnte jedoch noch deutlich steigen, fürchtet Peter Harbison, Chef der Beratungsgesellschaft Centre for Aviation. „Corona könnte am Ende 80 Prozent der Weltflotte an den Boden zwingen.“

Danach sieht es noch nicht aus. Derzeit wollen die Airlines laut ihren aktuellen Planungen bereits ab Mai wieder gut 80 Prozent der Kapazität anbieten, die sie noch im Februar für die Zeit vor Pfingsten im Angebot hatten. „Doch das wirkt sehr optimistisch“, urteilt der US-Branchendienst Skift.

Seoul Icheon

28.04.2019 (linkes Bild): Der Flugplatz der Hauptstadt Seoul sollte nicht weniger sein als das Tor zur Welt für den ehrgeizigen Wirtschaftswunderstaat Südkorea. Um genug Platz zu haben, erweiterten die Erbauer eine Insel. Immerhin sollten auf Incheon neben vier Terminals und Bahnen für den Passagierverkehr auch eine Piste nur für die Frachtfliegerei entstehen.
27.03.2020 (rechtes Bild): 29.03.2020 (rechtes Bild): In der Krise ist jetzt genug Raum für die stillgelegten Flotten von insgesamt gleich fünf Airlines: die Langstreckenlinien Korean und Asiana, sowie die Billigflieger Jeju, T’Way und Eastar.

Bilder: LiveEO/UP42, LiveEO/Skywatch

Denn die Hoffnung der Planer ruht auf der vermeintlich schnellen Erholung in China, wo die Fluglinien laut einer Übersicht der Marktforschung Anna.aero bereits wieder 80 Prozent der Vorjahreskapazität bewegen. Zum Höhepunkt der Krise Anfang Februar waren es nur 30 Prozent. Doch der Aufschwung rührt wohl eher aus den Vorgaben der Pekinger Regierung, die Airlines mögen doch bitte eine Rückkehr zur Normalität zeigen. Und die - nach umfangreichen Staatshilfen mehr denn - je politikfreundlichen Airlines folgen dem Ruf.

Allerdings sind die Jets schlecht gebucht, berichten Reisende. Und an den Airports sind noch viele Läden geschlossen. „Wenn in der Region ein Chanel-Laden zu hat, kann es mit der Rückkehr zur Normalität noch nicht weit her sein“, berichtet ein jüngst heimgekehrter Asienreisender. Offenbar treibt weder der wirtschaftliche Aufschwung die Geschäftsreisen, noch ist das private Reisefieber auch nur in der Nähe des Vorkrisenniveaus.

Stattdessen gibt es Anzeichen, dass viele Airlines im Rest der Welt ihr Angebot erstmal kürzen. „Dann folgt endgültig ein Schub bei den Stilllegungen“, so Harbison.

Es sind offenbar mehr als Planspiele. Denn inzwischen weichen die Airlines bereits von den Großairports reihenweise in die Provinz aus, wenn auch vorerst nur in kleinen Stückzahlen pro Flugplatz. So parkt der Lufthansakonzern seine vielen hundert nicht mehr benötigten Flieger nicht nur an wenig genutzten Airports wie am rekordverspäteten neuen Berliner BER oder Plätzen außerhalb des Liniennetzes wie Nordholz bei Cuxhaven.

Die Schweizer Tochter Swiss nutzt Militärflughäfen wie Dübendorf bei Zürich. Laut einer Übersicht des Portals Flightradar24 hat der Konzern mit dem Kranich im Logo seine überzähligen Maschinen fast europaweit verteilt - von Orten mit konzerneigenen Werkstätten wie Shannon in Irland, auf Luqa in Malta oder dem bulgarischen Sofia bis zu Orten wie Bratislava in der Slowakei oder Teruel in Ostspanien.

Noch großzügiger streut Easyjet. Der britische Billigflieger verteilt seine zuletzt 344 Flieger auf fast alle 30 Airports, an denen er eine Basis mit eigenem Personal hat.

Wien

21.04.2019 (linkes Bild): Am Drehkreuz vor den Toren der österreichischen Metropole geht es seit Jahren eng zu. Dafür sorgten Easyjet, Ryanair und Wizzair mit den Lufthansa-Töchtern Austrian Airlines und Eurowings. Sie alle wollten sich nach der Insolvenz von Air Berlin deren Kunden in Österreich und Süddeutschland sichern. Dafür stieg die Zahl der Flüge so stark, dass die Maschinen selbst mit Tickets für zehn Euro kaum zu füllen waren – und alle Geld verloren.
24.03.2020 (rechtes Bild): Nun wird es wieder eng, denn in der Coronakrise parken die fünf Kontrahenten ihre Jets auf den Flächen im Südosten Wiens.

Bilder: LiveEO/UP42

Air France stellt nicht nur, wie die Satellitenbilder zeigen, am stillgelegten zweiten Pariser Flughafen Orly oder in Toulouse ab, sondern auch im kleinen Vatry im Nordosten Frankreichs. American Airlines hat in Tulsa im Bundesstat Oklahoma die seit gut einem Jahr von einem Flugverbot betroffenen Boeing 737 MAX nun um seine Interkontinental-Boeings 777 und 787 ergänzt. British Airways und Virgin Atlantik haben gut 20 Flieger im südenglischen Seebad Bournemouth untergebracht. Und Hawaiian Airlines lässt seine Flieger in Honolulu ruhen.

Paris Orly, Terminal

25.07.2019 (linkes Bild): Seit der Eröffnung des CDG genannten Flughafens Charles de Gaulle im Jahr 1974 steht dessen Vorgänger Orly im Schatten. Während in CDG die prestigeträchtigen Geschäftsreisestrecken nach Übersee starten, muss sich die Nummer zwei im Süden der französischen Hauptstadt weitgehend mit Inlandsflügen oder den besonders eng bestuhlten Verbindungen in die Überseegebiete begnügen.
28.03.2020 (rechtes Bild): Auch jetzt steht Orly wieder im Schatten. Denn während CDG weiter offen ist, muss Orly wie auch das Billigflugzentrum Beauvais im Nordwesten schließen. Stattdessen dient das Gelände als Parkplatz. Und auch hier ist CDG dabei, die Führung zu übernehmen, weil Air France dort immer mehr Maschinen parkt – um sie schneller reaktivieren zu können, wenn die aktuelle Krise mal vorbei ist.

Bilder: LiveEO/UP42

Noch signalisiert die Wahl der zusätzlichen Ruhestellen allerdings Zuversicht. „Denn für einen längeren Aufenthalt sind diese Airports eher nicht geeignet“, erklärt der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. Denn nichts setzt einer Maschine mehr zu als eine längere Ruhe in einem Küstenort mit feuchtem Klima. Auch wenn die auffälligen roten Abdeckungen auf Triebwerken oder den Pitot-Rohren zur Geschwindigkeitsmessung viele unerwünschte Einflüsse wie Vögel im Motor oder Insekten in der Elektronik abhalten. Am Ende drohen nicht nur die ruhenden Triebwerke festzuhängen, weil ohne den Regelbetrieb das Öl nicht mehr in allen Teilen für ausreichende Schmierung sorgt. Zusätzlich treibt die salzige Luft schädliche Feuchtigkeit in alle Ecken und lässt das Metall schneller mürbe werden als im Flugbetrieb, wo die trockene Luft in großer Höhe schädliches Kondenswasser quasi aufsaugt.

Paris Orly, Landebahn

25.07.2019 (linkes Bild): Normalerweise heben in Orly vor allem Inlandsflieger ab.
28.03.2020 (rechtes Bild): Doch aufgrund der Coronakrise parken die Flieger nicht mehr nur um die Terminals, sondern auch auf Teilen der Rollwege.

Bilder: LiveEO/UP42

Wenn die Fluglinien trotzdem ihr teures Gerät in die feuchte Luft stellen, dann damit sie schnell wieder auf sie zugreifen können. Denn auch wenn das Material in der Meeresluft etwas mehr leidet, an den gut erreichbaren Airports haben die Linien und ihre Techniker die Jets immer gut im Blick. Und sie können sie schneller wieder in Dienst holen, wenn sich die Wirtschaft erholt und die Nachfrage rascher anzieht als erwartet. Bei der richtigen Vorbereitung dauert das nur 60 Stunden. An abgelegenen Airports zieht es sich inklusive Anreise und dem Transport des nötigen Materials gern eine halbe Woche länger oder auch deutlich mehr hin.

Doch die Zuversicht scheint zu schwinden. Denn inzwischen füllen sich heimlich auch jene Stellplätze, die das genaue Gegenteil von Frankfurt, Nordholz oder Hawaii sind: abgelegen, trocken – und mit 300 Dollar Gebühr für Dauerparker pro Monat deutlich günstiger als große Airports mit Tagesraten von teilweise mehreren Tausend Euro.

DUBAI
24.03.2020: Sein Ziel, das Zentrum der fliegerischen Welt zu werden, hatte der neue Flughafen des Emirates selbstbewusst im Namen. Doch weil nicht mal Emirates hier mehr als Frachter starten lassen wollte, wurde das DWC abgekürzte Projekt zu einem fast überflüssigen, weil kaum genutzten Großprojekt.Nun sorgt die Corona-Krise für einen Aufschwung als Parkplatz der derzeit nicht benötigten Jets von Emirates sowie des lokalen Billigkonkurrenten Flydubai, der ebenfalls im Besitz der Regierung und der Herrscherfamilien Maktum ist. Foto: LiveEO/Sentinel, WirtschaftsWoche

Wohl angesichts der stetig steigenden Zahl an Corona-Kranken schicken die ersten US-Gesellschaften ihre Maschinen im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste. Ziel ist meist der extrem trockene Südwesten der USA. Delta nutzt den Pinal Airpark in Arizona. American Airlines parkt seine Flieger am Roswell International Air Center in New Mexico. Die bei UFO-Fans bekannte ehemalige Militärbasis erweitert gerade von gut 15 auf fast 20 Quadratkilometer Abstellfläche. Und selbst in der sonst wichtigsten Wachstumsregion Asien wächst der Bedarf. Darum baut die vom ehemaligen Deutschbänker Tom Vincent betriebene Asia Pacific Aircraft Storage in der australischen Wüstenstadt Alice Springs aus.

Und anders als aus Frankfurt oder Paris kommen die dort geparkten Flugzeuge nicht zurück – oder nur als Ersatzteile für andere Maschinen.

Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

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