Trotz Abgasskandal Die vergessenen Baustellen des Volkswagen-Konzerns

Das Dieselgate hat Volkswagen in seinen Grundfesten erschüttert, nach dem Abgasskandal muss der neue Konzernchef Matthias Müller den Konzern neu ordnen. Dabei darf er aber die alten Baustellen nicht vergessen.

VW hat neben dem Dieselgate auch noch andere Probleme. Quelle: dpa/Montage

Beim Umsatz leicht zugelegt, das operative Geschäft liegt wie der Absatz auf Vorjahresniveau, unterm Strich bleibt ein stattlicher Milliardenbetrag als Überschuss. So hätten sich die Zahlen zum dritten Geschäftsquartal des Volkswagen-Konzerns gelesen. Konzernboss Martin Winterkorn hätte dann festgestellt, dass man mit dem Produktmix gut aufgestellt sei und die konjunkturbedingt schwierigen Märkte in China, Russland und Südamerika genau beobachte.

Doch so ist es nicht gekommen. Das Dieselgate hat VW-Chef Winterkorn sämtliche Posten im Konzern gekostet, zahlreiche Manager wurden beurlaubt. Der Skandal um massenhaft manipulierte Abgaswerte hat Europas größten Autobauer innerhalb weniger Wochen in eine tiefe Krise gestürzt. Doch auch ohne den Skandal wäre 2015 kein gutes Jahr für VW geworden – der Machtkampf Winterkorn- Piëch aus dem Frühjahr lässt grüßen. Jetzt wird es nicht einmal ein wirtschaftlich erfolgreiches.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

An Winterkorns Stelle musste sein Nachfolger Matthias Müller die Quartalszahlen erklären. Statt des satten Überschusses müssen Müller und sein neuer Finanzchef Frank Witter schon zu großen Rechenspielen greifen, um die Vorstellung ihrer ersten VW-Zahlen halbwegs positiv zu gestalten: Statt den Zahlen für das dritte Geschäftsquartal hat VW Neun-Monats-Zahlen präsentiert. Denn die waren dank der hohen Gewinne aus dem ersten Halbjahr positiv. Das liest sich schon ganz anders als der erste Quartalsverlust seit 15 Jahren – und dann auch noch in Milliardenhöhe.

Erster Quartalsverlust seit 15 Jahren

Wegen Rückstellungen in Höhe von 6,7 Milliarden Euro für die Folgen des Abgasskandals sind die Wolfsburger tief in die roten Zahlen gerutscht. Zum Stichtag Ende September weist VW vor Zinsen und Steuern ein Minus von 3,5 Milliarden Euro aus. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Analysten hatten mit einem ähnlichen Fehlbetrag gerechnet.

Was den neuen Vorstandschef und seinen obersten Finanzer aber dennoch optimistisch stimmen dürfte: Der Quartalsumsatz entwickelte sich mit 51,5 Milliarden Euro solide, auch das bereinigte EBIT – also das operative Ergebnis, aus dem einmalige Sonderbelastungen wie die Milliarden-Rückstellung herausgerechnet wurden – ging mit rund 3,2 Milliarden Euro nur leicht zurück.

Müller muss trotz des großen Verlusts im dritten Quartal im Gesamtjahr nicht mit roten Zahlen rechnen – die von Reuters befragten Analysten gehen im Schnitt von einem Überschuss von knapp fünf Milliarden Euro aus. Ausruhen kann er sich auf derartigen Prognosen allerdings nicht. Denn ob die bislang zurückgestellte Summe ausreicht, wird von Experten bezweifelt.

„Nach heutigem Stand der Dinge gehen wir von Gesamtkosten, also inklusive Strafzahlungen, Rückrufaktionen, Entschädigungen für Wertverlust und möglicher Schadenersatzforderungen, in Höhe von mindestens 30 Milliarden Euro aus“, sagt Frank Schwope, Auto-Analyst bei der NordLB. „Hinzu kommt ein immenser Reputationsschaden, der sich letztlich in zukünftig nicht verkauften Fahrzeugen beziehungsweise nicht erzielten Gewinnen ausdrückt, sich allerdings nur schwer bemessen lässt.“

Ein Betrag von 20 bis 30 Milliarden Euro ist stemmbar, glaubt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management (CAM). „Dank der aktuell noch hohen Finanzkraft wäre diese Kostenbelastung für den Volkswagen-Konzern noch verkraftbar“, so der Professor von der Hochschule Bergisch-Gladbach.

Diese hohe Finanzkraft hat sich der Konzern in den vergangenen Jahren unter Winterkorn hart erarbeitet – aber aus Sicht von Bratzel auch teuer bezahlt. „Die unbestrittenen unternehmerischen Erfolge von Volkswagen haben viele der seit Jahren bekannten Strukturprobleme und Defizite des Konzerns in den Hintergrund gedrängt“, sagt Bratzel. „Gelingt der Wandel, könnte Volkswagen sogar deutlich gestärkt aus der Krise hervorgehen.“

Um das zu erreichen, muss der neue Chef Müller die Baustellen jetzt angehen, während sich der neue Aufsichtsratsboss Hans Dieter Pötsch um die Aufarbeitung der Abgasaffäre kümmern soll. Welche Probleme das sind und welche Lösungen sich andeuten, zeigt WirtschaftsWoche Online in der Übersicht.

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