Deutsche Bank: Der Zickzackkurs zermürbt die Postbank
Postbank: Die Integration in die Deutsche Bank lässt von dem Institut nichts übrig.
Foto: imago imagesVor dem gläsernen Eingang der Bonner Postbank-Zentrale trifft sich an diesem Morgen die Angst. „Wir werden zusammengelegt, es wird Massenentlassungen geben“, sagt ein Beschäftigter. „Sie können uns nicht einfach vor die Tür setzen“, sagt ein Kollege. Die Angestellten sorgen sich – um ihre Bank, ihren Arbeitsplatz, ihre Zukunft. Und das vermutlich zu Recht. Denn zwei Tage zuvor ist eingetreten, was viele seit Monaten befürchtet hatten. Die Deutsche Bank wird die Postbank nicht wie angekündigt verkaufen oder an die Börse bringen, sondern integrieren. Damit ist eine lange Hängepartie zu Ende. Die Zitterpartie für die Beschäftigten fängt erst an.
Unsicher sind auch die Perspektiven der Deutschen Bank. Die Kehrtwende wird teuer und stiftet interne Unruhe. Analysten bezweifeln, dass die Bank ihre Einsparziele erreichen kann. Vor allem aber muss das Institut endlich eine überzeugende Strategie für das deutsche Privatkundengeschäft liefern, mit dem es sich seit Jahrzehnten schwertut.
Das zu stärken war das Ziel, als Josef Ackermann im Herbst 2008 bei der Postbank einstieg. Die Bank übernahm die Mehrheit der Aktien des ehemaligen Dax-Konzerns, legte Abteilungen zusammen, trieb die Kooperation voran. Im April 2015 kündigte sie dann die Trennung an. Nun, keine zwei Jahre später, ist wieder alles anders.
Für den stets etwas zerquält wirkenden Vorstandschef John Cryan ist das unerfreulich. Zwar hat der Brite erkennen lassen, dass er den Abschied im Grunde für wenig sinnvoll hält. Trotzdem hatte er eine strategische Wende ausgeschlossen. Die Postbank solle endlich zeigen, dass sie Konzepte umsetzen kann. „It’s all about Execution“ betitelte Cryan eine seiner ersten Präsentationen.
Intern trifft der Missmut vor allem Aufsichtsratschef Paul Achleitner. Der hatte Ende 2014 eine neue Strategie entwerfen lassen. Was die Bank dann Anfang 2015 präsentierte, überzeugte die Investoren wenig. Dass die Trennung ohne Weiteres gelingen würde, schien schon da fraglich. „Sie ist die eindeutig bessere Option – auch für die Postbank“, verteidigte Achleitner das Konzept.
Schließlich hatte er einen Plan verworfen, den der damalige Privatkundenchef Rainer Neske favorisierte und der dem nun beschlossenen verdächtig gleicht. Hätte die Bank ihn damals umgesetzt, hätte sie einen hohen dreistelligen Millionenbetrag gespart. So viel hat die Trennung seitdem gekostet. Die Umkehr dürfte nun ähnlich teuer werden. „Achleitner ist für das Hickhack verantwortlich“, sagt ein Manager. „Es ist erstaunlich, dass Investoren das mitmachen.“
In den Jahren bis 2007 lief es rund bei Deutschlands größter Bank: Das Geldhaus verdiente Milliarden und Vorstandschef Josef Ackermann erwuchs zum staatsmännischen Vorstandschef, der es schaffte, dass die Kanzlerin zu seinem 60. Geburtstag ins Kanzleramt lud.
Das Bild zeigt Ackermann und Kanzlerin Angela Merkel im Jahr 2006 in Berlin.
Foto: APRückblick
Die Deutsche Bank hatte es nach der Übernahme der US-Großbank Bankers Trust zur Jahrtausendwende in den Olymp der großen Investmentbanken der Welt geschafft. Das lästige deutsche Privatkundengeschäft sollte zwischenzeitlich als „Deutsche Bank 24“ vom Rest gelöst werden – man spielte in einer anderen Liga. Der Plan wurde zwar kassiert und zurück blieb die „24“ am Ende der Deutsche-Bank-Bankleitzahlen. Doch der globale Anspruch des Instituts blieb bestehen.
Das Bild zeigt den damaligen Bankchef Rolf-E. Breuer nach der Verkündung der Bankers-Trust-Übernahme im Jahr 1998.
Foto: dpa Picture-AllianceDie Finanzkrise
Als ab 2006 der US-Immobilienmarkt kollabierte und in der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008 und einer globalen Finanzkrise gipfelte, gelang es der Deutschen Bank zwar ohne Staatshilfe durch zu kommen. Eine Fußnote der Geschichte war aber: Milliardenforderungen gegenüber dem US-Versicherer AIG waren der Bank nur dank US-Staatshilfen zugeflossen. Und Missetaten aus der Zeit vor der Finanzkrise verfolgen die Bank noch heute.
Bild: Lehman-Brothers-Mitarbeiter nach der Kündigung 2008 in London.
Foto: REUTERSDie Folgen der Immobilienkrise
Die USA werfen der Deutschen Bank vor, das Risiko von Immobilienwertpapiere in den Jahren vor der Finanzkrise verschleiert und gutgläubigen Investoren angedient zu haben. Ein Verfahren läuft seit Jahren und ist ein Grund dafür, dass die Aktie am Montag ein neues Allzeittief erreichte. Denn in den Vergleichsverhandlungen fordert das US-Justizministerium umgerechnet wohl 12,5 Milliarden Euro von der Bank (bei einem Börsenwert von 16 Milliarden Euro) – und das nach einem Milliardenverlust 2015 und gebildeten Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten von 5,5 Milliarden Euro. Die Bank selbst hofft, mit eher zwei Milliarden Euro im Immobilienstreit auszukommen.
Foto: dpaSchwaches Kerngeschäft
Nach der Finanzkrise gab es zwei wesentliche Entwicklungen unter globalen Großbanken. Die in den USA beheimateten Institute (Bild: New Yorks Finanzdistrikt) – mit zwangsweiser Staatshilfe versorgt – konnten die Krise beschleunigt hinter sich lassen. Sie wuchsen gar zu neuer Größe. Die andere Gruppe stutzte das Investmentbanking, dass weniger lukrativ wurde und mit weniger Mitarbeitern zu leisten war – und fokussierte sich auf die hauseigene Vermögensverwaltung. Die Deutsche Bank suchte den Mittelweg aus eigener Kraft: keine Staatshilfe, kein großer Strategieschwenk. Die Folge: Dutzende Strafzahlungen etwa wegen Zinsmanipulationen schlugen ins Kontor, während gleichzeitig das Kerngeschäft litt.
Foto: dpaRiskante Finanzierung
Sowohl der Internationale Währungsfonds als auch die US-Einlagensicherung halten die Bank für das riskanteste Institut der Welt. Im Verhältnis zum Eigenkapital ist die Deutsche Bank hochverschuldet. Die sogenannte „Leverage Ratio“ ist die niedrigste unter den globalen Großbanken. Zwar hat die Bank in den vergangenen Jahren Kapitalerhöhungen durchgezogen. Doch an dieser weltweit beachteten Kennziffer hat sich wenig geändert.
Foto: dpaWenig Reserven
Die Deutsche Bank rühmt sich zwar eines hohen Polsters an Liquidität, also stets zu veräußernder Wertpapiere in ihren Büchern. Das soll zeigen: Wir haben Reserven, auf die wir zugreifen können. Doch die drohenden Justizstrafen lassen Analysten vermuten, dass eine Kapitalerhöhung nötig werden könnte. Das würde den Aktienkurs noch weiter schwächen – in vorauseilendem Gehorsam fällt der Kurs.
Foto: dpaVerzweifelter Umgang mit der Postbank
Mit dem Ausbruch der Finanzkrise kaufte die Deutsche Bank die Postbank mit allein mehr als fünf Millionen Girokonto-Kunden in Deutschland. Zunächst galt der Deal als raffinierter Schachzug des damaligen Chef Ackermanns, das Institut unabhängiger vom Kapitalmarkt zu machen – dank der Einlagen von Sparer auf Sparbüchern und Konten. Doch das Geschäft bindet auch viel Eigenkapital etwa bei den Immobilienfinanzierungen. Und so sollte die Postbank verkauft werden. Doch der Konkurrenzdruck ist hart und wohl kein akzeptabler Preis zu erzielen. Es drohen Abschreibungen.
Foto: REUTERSGroßaktionär Katar
Großaktionär der Deutschen Bank ist die katarische Herrscherfamilie über zwei Investmentvehikel – knapp unter zehn Prozent inklusive Optionen. Die Aktie hat allerdings extrem gelitten und wie eng die Bande zwischen Arabien und Frankfurt sind, ist unbekannt. Die Kataris senden zwar einen deutschen Anwalt als Vertreter in den Aufsichtsrat. Dennoch ist unklar, wie langfristig das Investment sein wird.
Bild: Aufsichtsratschef Paul Achleitner.
Foto: dpaSchwäche im Kerngeschäft
Vorstandschef John Cryan (Bild) will das Investmentbanking schrumpfen und auf lukrative Bereiche beschränken. Dieser Übergangsprozess läuft just in dem Moment, da die Verhandlungen mit der US-Justiz eskalieren und die Postbank zum Bilanz-Sorgenkind mutiert. Die Aussage eines Sprechers, dass das dritte Quartal 2016 gut gelaufen sei, lässt noch nicht wirklich den Schluss zu, dass dieser Strategieschwenk bald Früchte trägt. In wichtigen Rankings der globalen Investmentbanken rutschen die Deutschen ab.
Foto: dpaDebatte um Staatshilfen
In der Finanzkrise hatte die Deutsche Bank in Berlin für Staatshilfen in der Branche geworben, selbst aber dann keine in Anspruch nehmen wollen. Das säte Zwietracht zwischen Regierung und Geldhaus. Die prekäre Entwicklung des Aktienkurses lässt jetzt die Debatte aufkochen, ob Deutschland im Zweifelsfall bereit wäre, die Bank zu stützen. „Die Deutsche Bank ist fest entschlossen, ihre Herausforderungen alleine zu lösen", sagt ein Banksprecher. Und Investoren sind gewiss, dass im Fall der Fälle der Staat bereitstünde – schließlich trägt die Bank das „Deutsche“ im Namen. Doch es gibt eben auch die europäischen Regeln, wie Gläubiger an Rettungen beteiligt werden müssen. Das schürt Unsicherheit.
Foto: REUTERSOffene Opposition
Mehrere Hedgefonds sind Wetten auf einen Fall des Aktienkurses der Deutschen Bank eingegangen. Der britische Fonds Marshall Wace setzt beispielsweise mit einer Position von 0,88 Prozent der ausstehende Papiere (etwa 12 Millionen Aktien) auf fallende Kurse (Stand: 23. September) – immerhin hat zumindest Investorenlegende George Soros (Bild) seine Wette auf den Sturz der Bank inzwischen unter die meldepflichtige Marke von 0,5 Prozent gesenkt.
Foto: REUTERSLetztlich blieb der Bank nichts anderes übrig, als die Richtung abermals zu ändern. Kaufinteressenten für die Postbank fragten nur locker an, ein Börsengang hätte nicht den angestrebten Ertrag gebracht. Ihre schwache Kapitalbasis will die Deutsche Bank nun durch eine Kapitalerhöhung von acht Milliarden Euro und den Teilbörsengang der Vermögensverwaltung stärken.
Blau-gelbe Jonglierübungen
Wirklich überraschend kommt der Beschluss nicht. Schon im April 2016 hatte die WirtschaftsWoche berichtet, dass aus dem angestrebten Abschied nichts werden dürfte. Obwohl Vorstand und Pressestelle offiziell weiter an den Plänen festhielten, rechnete intern seit Sommer kaum jemand mit deren Verwirklichung. Dass sich Führungskräfte der Postbank immer noch Anstecker mit der Aufschrift „Fit für die Börse 2.0“ ans Jackett hefteten, wirkte zunehmend bizarr.
Zum Vergrößern bitte anklicken
Foto: WirtschaftsWocheDabei hatte die Aussicht auf die erneute Selbstständigkeit bei ihnen zunächst Euphorie ausgelöst. So richtig wohlgefühlt hatten sich die meisten in der Deutschen Bank nie, zu sehr unterschied sich ihre hemdsärmelige Kultur vom distinguierten Auftreten der Abgesandten aus Frankfurt. Teamspiele wie gemeinsame Jonglierübungen mit blauen und gelben Bällen halfen da wenig. Geradezu prophetisch wirkt heute das damals intern verbreitete Schaubild eines Reißverschlusses mit gelben und blauen Zähnen. Erst ging der zu, dann ging er auf.
Nun geht er wieder zu. „Die Enttäuschung ist groß, die Gräben sind tief“, sagt ein Postbank-Aufsichtsrat. „Die Vorbehalte gegen die Deutsche Bank sind noch größer als bei der ersten Integration.“ Helfen könnte allein Sicherheit darüber, wie es weitergeht.
Außer Konkurrenz: KBC
Um mit einem Positivbeispiel anzufangen: Einst musste die belgische Bank KBC vor der Pleite gerettet werden. Mittlerweile hat sich das Institut gesund geschrumpft und die letzten Staatshilfen zurückgezahlt. Anleger honorieren das. Derzeit kostet es gut 60.000 Euro, um sich gegen den Ausfall von KBC-Anleihen im Umfang von zehn Millionen Euro abzusichern. Damit steht der Finanzkonzern besser da als viele seiner namhafte Konkurrenten. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis, also der Börsenwert im Verhältnis zum Eigenkapital der Bank, liegt mit 1,23 sogar über der magischen Schwelle von 1,0. Mit solch guten Relationen können sonst nur einige skandinavische Häuser wie SEB oder Danske Bank aufwarten.
Foto: REUTERSRang 10: UBS
UBS-Vorstandschef Sergio Ermotti hat gut lachen: Auch die Schweizer UBS steht in der Gunst der Investoren relativ weit oben. Der Preis für die Kreditausfallversicherung hat sich seit Jahresbeginn zwar verdoppelt - es kostet mittlerweile 106.000 Euro, wenn man ein 10 Millionen Euro schweres Paket aus vorrangigen UBS-Anleihen absichern will. Im europäischen Vergleich ist das aber recht gut. Ein KBV von 0,92 ist in diesen Zeiten ein großer Vertrauensbeweis. Für die Schweizer zahlt sich vermutlich der frühe Abschied aus dem Investmentbanking und das starke Standbein in der Vermögensverwaltung aus.
Foto: REUTERSRang 9: Société Générale
Die französischen Großbanken mussten seit Jahresbeginn ebenfalls Federn lassen. Die Risikoprämien verdoppelten sich bei den meisten auf mittlerweile knapp 140.000 Euro für Banken wie etwa BNP Paribas oder Société Générale. Allerdings sind die Aktionäre ziemlich misstrauisch, was die Wertigkeit der Bilanzen anbelangt. Bei BNP entspricht der Börsenwert nur 50 Prozent des Eigenkapitals. Bei Société Générale sind es sogar nur gut 40 Prozent.
Foto: dpaRang 8: HSBC
Ganz so schnell wie dieser Rugby-Spieler laufen die Risikoprämien britischer Banken wie HSBC oder Barclays zum Glück nicht davon. Die Institute aus dem Königreich liegen risikomäßig im Mittelfeld. Die Ausfallversicherungen kosten nun bereits 150.000 Euro pro Jahr. Auch das Kurs-Buchwertverhältnis lässt zu wünschen übrig: Bei HSBC sind es immerhin 0,67, bei Barclays, einem Institut, das unter Rechtsstreitigkeiten und einem schleppenden Investmentbanking-Geschäft leidet, ist diese Kennziffer mit 0,46 deutlich schlechter.
Foto: REUTERSRang 7: Commerzbank
Martin Blessing ist in seinem letzten Amtsjahr als Commerzbank-Chef: Endlich gibt es für die Aktionäre wieder eine Dividende. Und im Risikoranking steht er besser da als die Deutsche Bank. Allzu viel sollte sich das Institut auf diese Platzierung aber nicht einbilden. Fünfjährige Pleite-Versicherungen kosten bei ihr immerhin 180.000 Euro, auch hier hat sich die Prämie damit seit Jahresbeginn verdoppelt. Wenig schmeichelhaft ist auch das Kurs-Buchwert-Verhältnis, das gerade einmal bei knapp 0,3 liegt. Das bilanzielle Eigenkapital der Bank wird an der Börse als gerade einmal mit 30 Prozent seines Nominalwerts gehandelt. Das reicht für eine Platzierung knapp vor den ersten südeuropäischen Instituten.
Foto: dpaRang 6: Intesa Sanpaolo
Das italienische Bankensystem und seine Probleme trägt derzeit insgesamt zum relativ schlechten Ruf europäischer Banken bei. Aber es gibt Unterschiede. Über Intesa lässt sich sagen, dass sie eindeutig zu den stabileren Instituten des Landes gehört. Die Bank verdiente zuletzt doppelt so viel wie Erzrivale Unicredit. Mit 1,9 Prozentpunkten oder 190.000 Euro für ein 10-Millionen-Euro-Anleiheportfolio sind die Risikoprämien bemerkenswert hoch, das Kurs-Buchwert-Verhältnis von 0,75 ist aber beispielsweise mehr als doppelt so hoch wie das der Commerzbank oder der Deutschen Bank.
Foto: REUTERSRang 5: Santander
Die spanischen Banken spüren die Krise schon etwas deutlicher. Die iberischen Risikoprämien liegen bei 200.000 Euro für die Marktführer BBVA und Santander. Allerdings war die Erwartungshaltung der Investoren schon zu Jahresbeginn nicht ganz so groß: Es lag bei etwa 130.000 Euro. BBVA hat mit einem KBV von 0,66 die Nase vor dem Rivalen Santander mit 0,51.
Foto: REUTERSRang 4: Unicredit
Seit Jahresbeginn hat sich der Aktienkurs von Unicredit praktisch halbiert. Kein Wunder nach all den Negativnachrichten wie Gewinnrückgang und der Investorenkritik an Bankchef Federico Ghizzoni. Das Urteil der Investoren ist harsch: Die Risikoprämien für die Kreditausfallversicherungen sind mittlerweile auf 256.000 Euro gestiegen und der Börsenwert entspricht mittlerweile nur noch 30 Prozent des bilanziellen Eigenkapitals. Diesen miesen Börsenwert teilt Unicredit nicht nur mit der Commerzbank, sondern auch mit...
Foto: REUTERSRang 3: Deutsche Bank
... der Deutschen Bank. Aus einer Versicherungsprämie von 95.000 Euro zu Jahresbeginn sind mittlerweile 286.000 Euro geworden. Das entspricht einer Verdreifachung der Risikoprämien. Kein Wunder, dass die von John Cryan (Bild) geführte Bank es jetzt schon extra betonen muss, wenn sie sich für kreditwürdig genug hält, um Zinsen auf riskante Anleihen zu zahlen. Die implizite Ausfallwahrscheinlichkeit, die solche Versicherungsniveaus andeuten, beträgt knapp 20 Prozent.
Foto: REUTERSRang 2: Banco Popolare SC
Schlimmer geht immer, daher trösten wir die Deutschbanker noch mit zwei Beispielen, bei denen es noch trüber aussieht. Banco Popolare zum Beispiel hat einen ähnlich schwachen Börsenwert im Verhältnis zum Eigenkapital - und Investoren müssen dort für Kreditausfallversicherungen sogar 387.000 Euro zahlen.
Foto: REUTERSRang 1: Monte dei Paschi
Lässt man einmal Griechenland und dessen Banken beiseite, dann ist die Krise bei der ältesten Bank der Welt besonders tief: Die Risikoprämien für Ausfallversicherungen von Monte dei Paschi betragen mittlerweile stattliche 718.000 Euro. Der Börsenwert ist auf 15 Prozent des vorhandenen Eigenkapitals geschrumpft, das bedeutet ein KBV von 0,15. Nur ein außerordentlicher Ertrag bewahrte das Institut 2015 vor einem Verlust.
Foto: REUTERSDie jedoch wird es erst mal nicht geben. Die Banken stehen am Beginn eines Prozesses, der sich über vier Jahre ziehen wird. Am Montag informierte Frank Strauß telefonisch seine Führungskräfte, am Dienstag stellte er sich den Mitarbeitern. Dabei zeigte sich der Postbank-Chef vor allem emotional enttäuscht, inhaltlich hatte er wenig mitzuteilen. Dass er selbst in den Vorstand der Deutschen Bank einziehen dürfte, soll ein Hoffnungssignal sein. „Immerhin sitzt die Postbank bei allen Entscheidungen mit am Tisch“, heißt es in seinem Umfeld.
Doch intern glaubt kaum jemand, dass das viel bringen wird. „Es gibt ein Blutbad“, sagt ein Postbank-Manager. „Es wird nur darum gehen, die Kosten radikal zu drücken“, so ein Privatkundenmanager der Deutschen Bank. Was das bedeutet, haben die Banker gerade erst erfahren. Angeleitet von der Beratung Bain & Company, hat Privatkunden-Vorstand Christian Sewing den Abbau von 3000 Arbeitsplätzen durchgedrückt.
Und nun droht die nächste Welle. Zahlen gibt es nicht, aber klare Anhaltspunkte. So soll die Integration 900 Millionen Euro bringen. Zudem rechnet die Bank mit Abfindungen von einer Milliarde Euro. Auch soll das Verhältnis von Kosten zu Erträgen im zusammengelegten Privatkundengeschäft von über 80 auf 65 Prozent sinken. Das deutet auf den Wegfall Tausender Jobs.
Die Betriebsräte sind schon alarmiert. Am Mittwochabend wollten sich mehr als 200 Arbeitnehmervertreter der Postbank in Bonn treffen. Die Lage ist schon deshalb ernst, weil der Kündigungsschutz für die Beschäftigten Ende Juni ausläuft. Die Betriebsräte wollen ihn bis 2022 verlängern. Leicht wird das nicht. Immerhin: In der Postbank sind ungewöhnlich viele Beschäftigte in der Gewerkschaft, schon 2011 und 2015 zogen sie streikend auf die Straße.
Seit 2009 hat die Postbank die Zahl ihrer Beschäftigten weitgehend geräuschlos von gut 21.000 auf nun 18.000 reduziert. Nun wird das Sparziel noch ehrgeiziger. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass die Postbank nicht verschwinden wird. Laut Gesetz muss die Deutsche Bank die Weiterbeschäftigung in ehemaligen Staatsbetrieben garantieren. Ende 2015 arbeiteten bei der Postbank noch 4800 Beamte. Ihre Jobs sind sicher.
Die der Angestellten nicht. Hart wird es tatsächlich die Postbank-Zentrale treffen. „Nach einer Integration sind dort die meisten Funktionen überflüssig“, sagt ein Manager. Auch weitere Dopplungen dürften sich dann erledigt haben. So gilt es als sicher, dass die Bausparkassen BHW und Deutsche Bauspar fusionieren werden. Erste Schritte dazu hatte es bereits vor 2015 gegeben.
Schiffbruch mit Magellan
Neu ausrichten werden sich auch IT und Abwicklung. Hier wirkt das Hin und Her besonders grotesk. Die Einheiten hatte die Deutsche Bank vor 2015 aufwendig zusammengelegt und dann ebenso aufwendig wieder getrennt. Wie sie erneut zusammenfinden, ist offen. Angekündigt hat Cryan bisher nur das Ende der zwei bisher unabhängigen IT-Plattformen. Insider vermuten, dass das Geschäft wohl auf das System der Postbank wandern wird. „Die Infrastruktur ist gut und wickelt schon Leistungen für andere Banken ab“, sagt ein Postbank-Insider.
Sicher nicht wiederbelebt wird das einst mit großen Versprechungen gestartete System Magellan. Hunderte Experten hatten über Jahre an dem Projekt gewerkelt, die angestrebten Ziele jedoch nicht ansatzweise erreicht. Gleiches galt für den gemeinsamen Verkauf von Produkten. „Die Integration ist zu unentschlossen erfolgt, die Abteilungen in beiden Banken haben ihre eigene Agenda verfolgt“, sagt ein früherer hochrangiger Manager. „Das jetzt nachzuholen ist an sich richtig.“ Dass es im Privatkundengeschäft vor allem auch auf Größe ankommt, ist schließlich keine neue Erkenntnis. Mit zusammen 20 Millionen Kunden sind beide Institute ein echtes Schwergewicht.
Aber wer garantiert, dass es jetzt besser läuft? Insider vermuten, dass vor allem Strauß den Zusammenschluss vorantreiben soll. Die Postbanker respektieren ihn, bis 2011 war er bei der Deutschen Bank für die Kooperation mit der Postbank zuständig. Doch hinter dem Frontmann wird es dünn. Manager, die an der ersten Annäherung in leitender Funktion beteiligt waren, haben die Bank verlassen oder sind in andere Funktionen gewechselt. „Strauß muss sich jetzt hektisch ein Team suchen“, sagt ein Insider. Dabei sein wollen viele, schon, um sich möglichst unverzichtbar zu machen. „Es wird ein Hauen und Stechen geben, bei dem der Fokus aufs Geschäft verloren geht“, sagt ein Insider. Schon 2016 bewarben sich auffällig viele Postbank-Manager in Frankfurt.
Trotz des engeren Zusammengehens sollen beide Marken erhalten bleiben. Offen ist, wofür diese dann stehen. Die Bedürfnisse der Postbank-Kunden sind einfacher, sie haben vor allem Spareinlagen und Kredite. „Letztlich reicht künftig eine Marke für die Filialkunden und eine für die wohlhabende Klientel“, sagt ein Deutsche-Bank-Insider.
Eine derartige Teilung aber würde einen abermals radikalen Schnitt ins Filialnetz nach sich ziehen. Die Deutsche Bank reduziert die Zahl ihrer Zweigstellen gerade erst um 188 auf dann 535. Die rund 1000 Postbank-Standorte sind eigentlich bis 2020 sicher, so lange hat sich die Bank gegenüber der Post zur Annahme von Briefen und Päckchen verpflichtet. Im Zweifel ließe sich aber auch dieser Vertrag nachverhandeln.
Vorbild Norisbank
Der Druck, die Kosten noch stärker zu senken, dürfte zunehmen. Die niedrigen Zinsen belasten die Postbank ähnlich stark wie die Sparkassen. Zwar versucht Cryan, den ungünstigen Umständen das Beste abzugewinnen. Immerhin ließen sich so höhere Gebühren für Bankdienstleistungen durchsetzen. Tatsächlich hat die Bank ein neues Preismodell eingeführt und das bislang kostenlose Girokonto abgeschafft. Die Einbußen dürfte das kaum auffangen. 2016 gingen die Erträge mit Konten, Einlagen und Krediten bis zu 15 Prozent zurück.
Um die Effizienz weiter zu verbessern, soll die Postbank ihre Digitalisierung forcieren. Als konzerninternes Modell gilt dabei die fast vergessene Norisbank. Die hatte die Deutsche Bank vor dem Postbank-Kauf zu einer Discountmarke aufgebaut, nach der Übernahme machte sie alle Filialen dicht. Doch mit einem extrem reduzierten Internetangebot einfachster Basisprodukte hat sich die Norisbank positiv entwickelt. „Das Beispiel zeigt, dass wir digital erfolgreich sein können“, sagt ein Deutschbanker. Vor allem braucht das Geschäft wenig Personal: Die Bank hat nicht mal 50 Beschäftigte.
Vergleiche zur ungleich größeren Postbank sind da unangebracht. Trotzdem lässt diese Zahl die Sorgen der Postbank-Beschäftigten größer werden. Noch eine Sorge mehr.
