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Neuer Deutsche-Bank-Chef Sewing soll mehr Tempo machen

Christian Sewing

Paul Achleitner macht den bisherigen Privatkundenchef zum Chef der Deutschen Bank. Das ist eine mutige Wahl – aber noch keine Richtungsentscheidung.

Zwei Wochen hat Paul Achleitner eisern geschwiegen. Zu keiner Spekulation um die mögliche Ablösung des vom ihm erst vor knapp drei Jahren an die Spitze der Deutschen Bank gesetzten Briten John Cryan nahm der Aufsichtsratschef auch nur ansatzweise Stellung. Nun aber steht seine Wahl fest – und fällt völlig überraschend aus. Dass der 1970 geborene Christian Sewing nach Achleitners Willen die Bank künftig allein führen soll, hatte niemand erwartet. Die Wahl ist mutig – und damit automatisch auch riskant.

Dabei zählte Sewing, der vor allem als Risikomanager Karriere gemacht und zuletzt das Privatkundengeschäft der Bank geführt hat, als offizieller Vize-Chef des Instituts eigentlich zu den natürlichen Kandidaten bei jeder Nachfolgediskussion. Und dass Achleitner Cryan durch einen internen Nachfolger ablösen wollte, war schon seit Tagen absehbar. Insider hielten es jedoch für ausgemacht, dass dabei der für das Investmentbanking zuständige Marcus Schenck eine entscheidende Rolle spielen würde. Den hatte Achleitner ebenfalls zum Vize-Chef gemacht, Sewing, so die Vermutung, könnte allenfalls als (schwächere) Hälfte mit ihm an die Spitze kommen. Manche in der Bank hielten zuletzt sogar Postbankchef Frank Strauß für die wahrscheinlichere Ergänzung.

Die Wahl Sewings lässt sich nur verstehen, wenn man Achleitners Gründe für die Auswechslung Cryans kennt. Dem Österreicher an der Aufsichtsratsspitze soll es dabei weniger um grundsätzliche Fragen der Strategie oder persönliche Differenzen, sondern vor allem um das Tempo ihrer Umsetzung gegangen sein. Zwar hatte Cryan stets angekündigt, dass der Umbau der Bank ein Marathon und kein Sprint sein werde. Doch nach einem viel versprechenden Start hat er für Achleitners Geschmack inzwischen zu sehr an Fahrt verloren. Tatsächlich hat die Bank das von Cryan vorgegebene Kostenziel verfehlt, auch die Reduktion der internen Komplexität ist nicht vorangekommen wie geplant. Dass Cryan sich zuletzt immer mehr zurückgezogen und den Auftritt in größerer Runde vermieden hat, soll zudem die negative Stimmung und die Verunsicherung in der Bank weiter gefördert haben.

Die große Frage, die sich Mitarbeiter wie Investoren seit Monaten stellen, lautet aber, ob ein anderer es denn besser machen könnte. Dass Sewing persönlich besser ankommt als der mitunter abweisend wirkende Brite steht außer Frage. In der immer noch von Intrigen durchzogenen Bank gibt es kaum jemanden, der ihn nicht mag. Und dass er vor 30 Jahren mit einer Banklehre bei dem Institut angefangen und sich dann dort über verschiedenste Funktionen im In- und Ausland hochgearbeitet hat, verleiht ihm natürliche Autorität. Persönliche Qualitäten aber reichen nicht. Nett sein kann bekanntlich jeder.

Dass Sewing nun die Bank führen soll, verdankt er wohl vor allem einem Projekt namens Horizon. Bezeichnenderweise ging es bei dem vor allem um Schrumpfung. Fast 200 Filialen hat die Bank dabei zugemacht, 2500 Stellen abgebaut, digitale Prozesse dort eingeführt, wo früher Menschen waren. Dass das Projekt weitgehend geräuschlos und innerhalb des Zeit- und Kostenplans funktioniert hat, macht es in der Bank zu einem großen Erfolg. Das ist schließlich die Ausnahme.

Mit Horizon hat Sewing seine Abarbeitungskompetenz bewiesen. Für die wurde ursprünglich auch Cryan geschätzt. Aber reicht sie, um Deutsche-Bank-Chef zu werden? Seine weitere Bilanz als Privatkundenchef ist umstritten, die Ergebnisse der Sparte fielen zuletzt eher bescheiden aus, die Unzufriedenheit ist groß. Und da Sewing vor seiner Berufung an die Spitze der Sparte kaum Erfahrungen in dem Geschäft gesammelt hat, meinen manche, dass heute eher die Beratung Bain & Company als der zuständige Vorstand die Sparte führt.

Zudem hat Sewing mit dem größten Projekt gerade erst angefangen. Die Integration der Postbank ist eine Mammutaufgabe mit offenem Ausgang. Sie galt eigentlich als Reifeprüfung, die Sewing vor dem Sprung an die Spitze erst mal meistern muss. Dass er nun frühzeitig befördert werden soll, dürften etliche Investoren skeptisch sehen. Viele hatten in den vergangenen Monaten den Vorbehalt geäußert, dass die beiden Vizechefs noch nicht so weit seien. Nun soll es einer allein richten.

Der große Verlierer der personellen Veränderungen ist Investmentbanker Marcus Schenck. Er kennt Achleitner seit Jahrzehnten und führt mit dem Kapitalmarktgeschäft die nach wie vor wichtigste Sparte der Bank. Allerdings fällt seine Bilanz als Spartenchef ungünstig aus, in einigen wichtigen Ranglisten ist die Bank zuletzt deutlich zurückgefallen. Bei vielen in der Deutschen Bank ist Schenck wegen seiner aufbrausenden Art auch nicht allzu beliebt. Und dann hat er den Posten vermutlich auch etwas zu sehr gewollt. Als er bei der Bilanzpressekonferenz der Bank plötzlich einen minutenlangen Vortrag über die Vorzüge des Investmentbankings hielt, konnte man das durchaus als Bewerbungsrede für den Posten an der Spitze verstehen.

Sewing ist der erste Chef der Deutschen Bank seit Jahrzehnten, der seine Karriere nicht vor allem im Kapitalmarktgeschäft gemacht hat. Besonders bei den Beschäftigten dort wird er um Akzeptanz kämpfen müssen. Seine Berufung ist aber keine grundsätzliche Entscheidung gegen das Investmentbanking. Zumindest ein von manchen befürworteter deutlicher Ausbau der Aktivitäten scheint nun aber unwahrscheinlich. Das Geschäft an sich wird die Bank aber weiter betreiben – wie sie es tun wird, ist eine von vielen ebenso offenen wie wichtigen Fragen. Christian Sewing wird sie bald beantworten müssen.

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