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Easyjet-Billigreisen„Wir wissen, welche Hotels wir Deutschen anbieten können – und welche lieber nicht“

Easyjet verkauft seit dieser Woche auch in Deutschland Pauschalreisen: Der Billigflieger lockt mit Billigurlaub – trotz hoher Flughafengebühren und Provisionen für Reisebüros. Wie das funktionieren soll? Garry Wilson, der Chef der Easyjet-Urlaubssparte, im Interview.Rüdiger Kiani-Kreß 13.12.2023 - 16:42 Uhr

Tragfläche eines EasyJet-Fliegers auf dem Weg von Lissabon nach Prag

Foto: REUTERS

WirtschaftsWoche: Herr Wilson, die Reisebranche hat einen Rekordsommer hinter sich. Nun wächst bei vielen die Unsicherheit, wie lange der Boom anhält. Auch bei Ihnen? 
Garry Wilson: Wir bei Easyjet Holidays sehen nach wie vor eine steigende Nachfrage. Wir werden in Zukunft vielleicht nicht so stark zulegen wie in diesem Jahr, in dem wir unseren Gewinn mehr als verdreifacht haben. Aber unsere Vorausbuchungen zeigen für den Sommer und sogar den Winter danach eine sehr starke Nachfrage. Wir hatten fast zwei Millionen Kunden im vergangenen Geschäftsjahr bis zum 30. September und erwarten für das nächste Jahr ein Wachstum von mehr als 35 Prozent.

Trotz Inflation und einer drohenden Rezession rechnen Sie mit 700.000 zusätzlichen Kunden? Ist das noch Nachholbedarf aus der Coronazeit?
Ich denke es ist nicht mehr, wie wir in der Branche sagen, „Revenge Travel“...

...also keine „Reise aus Rache“. Sondern?
Eine hohe Nachfrage nach Reisen, mit einem deutlichen Anstieg der Last-Minute-Buchungen. Urlaub ist für weite Teile der Gesellschaft ein Grundbedürfnis, gerade angesichts des unsicheren Sommerwetters im Norden Europas. Und nach der Pandemie gilt das offenbar stärker denn je. Und wir mit unseren niedrigen Preisen ermöglichen das fast allen Bürgern. 

Garry Wilson.

Foto: PR
Zur Person
Garry Wilson, 51, ist seit 2018 Chef des Easyjet Holidays genannten Urlaubsgeschäfts des britischen Billigfliegers Easyjet. Davor war der Brite zehn Jahre beim Reisekonzern Tui, zuletzt als Strategiechef und Einkaufsleiter. Easyjet Holidays verkauft auch Reisen aus Deutschland von 399 Euro bis knapp 8000 Euro pro Person im Doppelzimmer für eine Woche.

Vermitteln Sie als Tochter eines Billigfliegers also vor allem Häuser im Zwei- bis Drei-Sterne-Sektor?
Es wird Sie überraschen: Inzwischen buchen mehr als 70 Prozent unserer Kunden Vier- oder Fünf-Sterne-Hotels. Denn die bekommen sie bei uns für einen besseren Preis als bei unseren Wettbewerbern. Und dieser Vorteil wird bestehen bleiben. 

Wie können Sie günstiger sein als Ihr alter Arbeitgeber Tui
Erst mal haben wir fantastische Verbindungen zu den besten Hotels in allen unseren Zielgebieten. Darum bekommen wir sehr gute Raten. Außerdem ist unsere Kostenbasis niedrig – schließlich gehören wir zu Easyjet.



Als Anbieter mit knapp zwei Millionen Kunden bekommen Sie bessere Konditionen als Tui mit jahrzehntelangen Verbindungen und 19 Millionen Gästen?
Zu den Einzelheiten will ich mich nicht äußern. Der Einkauf ist allerdings nicht der einzige Grund, warum wir günstiger sind. Wir arbeiten auch effizienter. Unsere Mutter Easyjet war schon immer besonders kostengünstig. Und wir sind es noch mehr. Denn Easyjet Holidays arbeitet „Digital First“. Wir haben ein digitales Herz, also alle Prozesse quasi um eine eigens dafür entworfene IT herum organisiert – und nicht die IT irgendwie an die Arbeitsweise angepasst. Also sind gerade in der Verwaltung oder der Planung, wo es möglich und sinnvoll ist, viele Routineprozesse automatisiert, die unsere traditionellen Wettbewerber mit einer großen Menge an Mitarbeitern erledigen. 

Und das hält die Kosten ausreichend niedrig?
Die Hälfte unserer Kunden kommt ganz ohne Onlinewerbung zu uns – direkt per Klick von der Easyjet-Website. Dank unserer digitalen Arbeitsweise können wir die Größe unserer Teams und die Qualität unserer Dienstleistungen konstant halten, während wir unser Geschäft ausbauen. Diese Kostenvorteile können wir an unsere Kunden in Form niedrigerer Preise weitergeben – und haben trotzdem eine Umsatzrendite von zwölf Prozent, was für einen Reiseveranstalter sehr hoch ist.

Viele Veranstalter haben auch deshalb so viele Mitarbeiter, weil sie ihre Kunden betreuen wollen oder müssen, besonders wenn Flüge ausfallen oder sie Kunden evakuieren müssen wie zu Beginn der Coronazeit oder nach den Waldbränden in Griechenland. Wie schaffen Sie das mit 300 Mitarbeitern? 
Auch da hilft uns unsere digitale Arbeitsweise. Denn viele Dinge in kurzer Zeit zu erledigen, das schafft eine gute IT oft zuverlässiger. Und wir arbeiten daran, durch den Einsatz künstlicher Intelligenz noch mehr Informationen in kürzerer Zeit zu verarbeiten, um unseren Service weiter zu verbessern. Nicht nur bei Krisen, sondern auch etwa in der Reiseberatung.

Sie bieten seit dieser Woche auch in Deutschland Reisen an. Werden Sie hier genauso erfolgreich sein wie anderswo? 
Wir sind auch in Deutschland effizienter und günstiger als unsere Wettbewerber. Und wir haben uns gut vorbereitet, um unser derzeitiges Geschäftsmodell auf den deutschen Markt zu übertragen – mit einem umfangreichen Angebot an preiswerten Pauschalreisen, die höchste Flexibilität bieten.

Offenbar sind noch nicht alle Ihre Systeme für den deutschen Markt angepasst. Vorige Woche standen auf Ihrer Suchseite noch Sätze wie „Ich hätte gerne eine irgendwelche Reise“.
Sie haben recht, aber das war noch eine Testseite. Der schwierige Teil für den Start ist erledigt. Die Systeme laufen, die Hotels sind angebunden, und die Preissteuerung funktioniert.

Sind Ihre Hürden in Deutschland nicht eher die vergleichsweise hohen Kosten, etwa für die Abfertigung an Flughäfen. Außerdem: Die Mehrheit der Deutschen bucht Urlaub im Reisebüro. Und es gibt in Deutschland starke Wettbewerber wie Tui oder Eurowings, die ebenfalls viel in die digitale Ferienvermittlung investiert haben. 
Das ist uns bewusst. Aber der Reihe nach. Die Flughafenkosten sind Sache der Airlines. Beim Reisebürovertrieb sehe ich ebenfalls keine Hürde. Wir möchten unsere Marke etablieren und als vertrauenswürdiger Pauschalreise-Anbieter in Deutschland wahrgenommen werden. Dafür gilt: Wir sind sehr offen für eine Zusammenarbeit mit Reisebüros. Ich weiß aus meiner Zeit bei der Tui sehr genau, wie wichtig den deutschen Kunden dieser Vertriebsweg ist. 

Werden Sie auch die übliche Vermittlungsprovision zahlen?
Wenn wir mit den Reisebüros zusammenarbeiten, wird es eine solche provisionsbasierte Regelung geben.

Wie hoch wird die sein? Die zu Ihrer Tui-Zeit üblichen neun Prozent würden Sie fast Ihren ganzen Gewinn kosten.
Dazu kann ich noch nichts sagen. Wir werden uns genau ansehen, wie viel wir wann und an welcher Stelle in diesen Vertriebsweg investieren – und entscheiden, wenn wir die nötigen Informationen haben.

Sie bieten nur Reisen ab Berlin, Hamburg und München an. Wie wollen Sie sich so gegen Wettbewerber wie Eurowings Holidays und Tui durchsetzen?
Wir sind sehr zufrieden mit unserem Flugangebot. Denn wir rechnen auch in Deutschland damit, dass die Hälfte unserer Buchungen über die Easyjet-Website kommt. Darum ist die Konzentration auf die drei größten deutschen Städte eine gute Grundlage, zu wachsen. Und wir bieten von allen drei Städten aus äußerst attraktive Urlaubsziele an. Aber wir unterschätzen nicht die Konkurrenz in Deutschland, denn sie hat unter anderem dazu geführt, dass unser Geschäft vor Corona nicht besonders profitabel war. 

Lufthansa hat Easyjet und auch Ryanair fast aus dem Land getrieben. Schreckt Sie das nicht?
Wir haben uns den deutschen Markt sehr genau angesehen, und viele von uns haben dort gearbeitet. Das gibt uns, glaube ich, eine recht gute Vorstellung, was uns erwartet. Wir wissen, was die Kunden wollen: etwa, welche Hotels wir den Deutschen in Zielgebieten – zum Beispiel auf Mallorca – anbieten können, und welche besser nicht. Dazu gilt auch in Deutschland: Wir bieten bei den Hotels eine Qualität zu einem Preis, bei dem uns niemand schlägt.

Wie groß wollen Sie in Deutschland nach einem Jahr sein?
Trotz aller Vorbereitung wollen wir erst mal ein paar Monate unsere Kunden besser kennenlernen und herausfinden, was sie von uns erwarten. Wenn das klar ist, treten wir einen Schritt zurück und schauen, wie stark unser Geschäft organisch zulegen kann - und wo wir in welchem Umfang in stärkeres Wachstum investieren sollten. 

Wie viel Geld investieren Sie in den Aufbau des Deutschlandgeschäfts?
Es gibt ein Budget. Aber das veröffentlichen wir nicht. Zumal wir auch flexibel sind. Wir sind bereit zu tun, was nötig ist – und sich rechnet.

Lesen Sie auch: Wie der unkonventionelle Star der Luftfahrt Eurowings endlich profitabel machte

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