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Krankenhäuser und Corona „Wir sollten uns die Feuerwehr zum Vorbild nehmen“

Berliner Charité-Chef Prof. Dr. Heyo K. Kroemer Quelle: imago images

Heyo Kroemer, Chef von Europas größtem Uniklinikum Charité, über ungewohnte Hierarchien, das Ende des Wettlaufs um Patienten und Finanzlöcher durch die Corona-Pandemie.

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WirtschaftsWoche: Wann wurde an der Charité klar, dass das Coronavirus viele Menschen krank macht und die Krankenhäuser sich umstellen müssen?
Heyo Kroemer: Mitte März gab es Hochrechnungen, dass die Intensivbetten in Berlin am Ostermontag voll belegt sein würden, wenn die Zahl der Infizierten so weiter steigen würde. Am 17. März erließ das Land Berlin eine Verordnung, dass die Krankenhäuser alle nicht unmittelbar notwendigen Behandlungen aussetzen müssten. Wir haben sehr schnell reagiert und etwa die Hälfte aller üblichen Operationen abgesagt und eine große Zahl von Betten für COVID-19 Patienten bereitgehalten.

Wie haben Sie das entschieden? Krebsoperationen können ja schlecht verschoben werden...
Nur planbare und verschiebbare Eingriffe wurden abgesagt. Es wurden aber aus unserer Sicht auch Nebenwirkungen sichtbar. Wer einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall hat, begibt sich eigentlich schleunigst in ein Krankenhaus. Auch diese Menschen sind nicht mehr in der Zahl wie vorher zu uns gekommen. Zu vermuten ist, dass manche Patienten aus Angst vor Ansteckung nicht mehr die Notaufnahmen aufsuchen.

Wie geht das – einen Klinikkonzern von jetzt auf gleich umzusteuern?
Berlin ist nicht immer für exzellente Organisation bekannt. In diesem Fall hat Berlin gut reagiert. Die Krankenhäuser mit Intensivbetten wurden in drei Level aufgeteilt, wobei es im Level 1 mit der Charité nur ein Krankenhaus gab, in dem besonders schwere Fälle mit besonderen Technologien behandelt werden konnten. Dem Level 2 wurden 16 Krankenhäuser zugeordnet. Parallel erfolgte die Belegung aller Berliner Intensivbetten zentral durch einen Arzt der Charité. Wir konnten das Personal für die Intensivbereiche so besser einteilen und den Stationen mehr Personal zuordnen als im Regelbetrieb. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren hoch motiviert und haben exzellent zusammengearbeitet. Das Beste für eine große Organisation wie die Charité ist möglicherweise ein gemeinsamer Feind - und wenn es ein Virus ist.

In der Krise funktioniert anscheinend auch, was sonst in der Konkurrenz nicht läuft: Die Kranken werden in Krankenhäuser gebracht, wo ihnen am besten geholfen wird...
Wir schlagen schon lange vor, eine Stratifizierung der Krankenhäuser vorzunehmen, also abzustufen, wer welche Behandlungsmöglichkeiten hat. Danach müssen dann die Patienten verteilt und die Vergütung unterschieden werden.

Wie sieht gute Krankenhausversorgung in Ihrer Vorstellung aus?
Wir hatten während der Pandemie die Versorgung spezieller Patienten in Zentren konzentriert und andere Bereiche heruntergefahren. Für die Zukunft brauchen wir Reservekapazitäten. Das funktioniert aber im aktuellen Vergütungssystem nicht. Man bekommt nur Geld für Patienten, die tatsächlich behandelt werden. Es wäre sinnvoller, sich die Feuerwehr als Vorbild zu nehmen. Niemand kommt auf die Idee, eine Feuerwehr nur nach den Einsätzen zu bezahlen. Die wird danach bezahlt, dass sie dort ist, wo sie gebraucht wird und dass sie gut vorbereitet ist.

Und dafür sollen die Uni-Kliniken vorbereitet sein?
Die Uni-Kliniken vereinen etwa 20 Prozent der Intensivbetten in Deutschland. Die sind fast alle in staatlichem Besitz – wären also für weitere Pandemien oder Ausnahmesituationen schnell organisierbar. Das müsste allerdings jenseits der sonst üblichen Fallpauschalen vergütet werden. Unter den Uni-Kliniken sind wir schon dabei, ein solches Netzwerk zu entwickeln.

Sie wollen also die Uni-Kliniken besserstellen?
Deutschland ist das einzige Land, das ich kenne, dass die klinischen Leistungen seiner Uni-Kliniken genauso vergütet wie alle anderen, obwohl wir andere Vorhaltekosten haben. Wir sind neben der Maximalversorgung noch in der Forschung und Lehre aktiv, was wiederum die Versorgung von Kranken ermöglicht.

Ein leeres Klinikbett wird in der Coronakrise mit etwa 560 Euro am Tag vergütet. Für manche ein gutes Geschäft - warum nicht für Sie?
Ein Bett in der hochkomplexen Universitätsmedizin ist ja normalerweise mit Patienten belegt, die schwerer erkrankt sind als in vielen anderen Kliniken. Unsere Kosten sind deutlich höher. Wir würden im Mittel bis zu 300 Euro mehr am Tag in der Krankenversorgung einnehmen.

Es scheint widersinnig: Alle loben, dass die Universitätskliniken sehr Gutes leisten, aber die machen zugleich Verlust. Wie lange können Sie sich frei gehaltene Betten leisten?
Das Erwachen wird noch kommen. Die großen Uni-Kliniken werden durchgehend mit einem höheren zweistelligen oder niedrigen dreistelligen Minusbetrag aus dem Jahr 2020 kommen. Das müssen dann die Länder als Eigentümer ausgleichen Da große Länder wie Bayern und NRW viele Uniklinika haben, werden sich diese Verluste schnell summieren.

Was sollte der Bundesgesundheitsminister dabei beherzigen?
Wir sollten die Situation nutzen und in Ruhe nachdenken, welche Versorgung wir in Zukunft brauchen und wie sie bezahlt wird. Die Fallpauschalen sollten ergänzt werden durch zusätzliche Komponenten für solche Kliniken, die eine Leistung für die Allgemeinheit vorhalten. Viele gute Vorschläge gibt es bereits, auch vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen.

Sollten dann Hochleistungskliniken wie die Charité auch Abstriche machen und die Grundversorgung anderen überlassen?
Mehr Kooperation und bessere Absprachen machen meines Erachtens Sinn. Dabei muss der Staat allerdings wieder deutlicher Position beziehen und organisieren, welche Versorgung wo stattfinden soll. Wir müssen definieren, wie gute Versorgung aussieht und das dann auch durchsetzen. Das ist Teil der Daseinsvorsorge.

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