Nach Absage vom Bund: Lilium will Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden
Lilium baut elektrisch angetriebene, senkrecht startende und landende Flugzeuge. Eine Zulassung hat das Unternehmen noch nicht.
Foto: REUTERSFrank Thelen fand warme Worte: „Ein Lilium-Jet ist halt wirklich eine Revolution“, konstatierte der TV-bekannte Investor im Sommer im Gespräch mit den Chefs des Unternehmens. Thelen hat früh in Lilium investiert, er trommelt oft und laut für den Luftfahrt-Newcomer, der mit vollelektrischen, senkrecht startenden und landenden Fliegern den Markt erobern will. Bei Youtube ist Thelens Werbe-Interview unter dem Titel „When will Lilium fly?“ abrufbar.
Wobei die die Frage inzwischen wohl lauten müsste: Wird Lilium überhaupt jemals abheben? Per SEC-Mitteilung kündigte die börsennotierte Gesellschaft am Donnerstagnachmittag an, in den nächsten Tagen einen Insolvenzantrag zu stellen. „Die Geschäftsführer haben festgestellt, dass die Gesellschaften überschuldet sind und in den nächsten Tagen nicht in der Lage sind oder sein werden, ihre fälligen Verbindlichkeiten zu begleichen. Die Geschäftsführung der Tochtergesellschaften hat die Gesellschaft darüber informiert, dass sie einen Insolvenzantrag nach deutschem Recht stellen müssen und in diesem Zusammenhang ein Eigenverwaltungsverfahren in Deutschland beantragen werden“, heißt es in der Mitteilung.
Ein Eigenverwaltungsverfahren zielt auf den Erhalt des Unternehmens ab. Dabei dürfte das bisherige Management um den ehemaligen Airbus-Manager Klaus Roewe im Amt bleiben. In der Regel werden bei Eigenverwaltungsinsolvenzen aber zusätzliche Sanierungsexperten an Bord geholt. Zudem wacht ein vom Gericht eingesetzter vorläufiger Sachwalter darüber, dass bei der Rettungsmission die Interessen der Gläubiger gewahrt werden.
Da der operative Sitz der Lilium GmbH im bayerischen Gauting ist, dürfte das Amtsgericht Weilheim in Oberbayern zuständig sein. Wann genau Lilium den Insolvenzantrag stellen wird, blieb zunächst unklar. Experten erwarten, dass die Berater der Gesellschaft noch das Wochenende zur Vorbereitung nutzen werden. Nach Marktinformationen wird das Unternehmen unter anderem von der Insolvenz- und Sanierungskanzlei Görg beraten.
Bislang 1,5 Milliarden Euro in Lilium investiert
Lilium hatte sich in den vergangenen Monaten um staatliche Unterstützung bemüht und fest auf ein 100 Millionen Euro schweres Darlehen der staatlichen Förderbank KfW gesetzt, um die Entwicklung und den Bau seines von 30 Elektromotoren angetriebenen Kleinflugzeugs zu finanzieren. Der Haushaltsausschuss des Bundestages konnte sich jedoch nicht auf eine Bürgschaft von 50 Millionen Euro einigen. Der Freistaat Bayern hatte eine Bürgschaft von 50 Millionen Euro in Aussicht gestellt – unter der Voraussetzung, dass der Bund in gleicher Höhe bürgen würde. „Wir hätten unseren Beitrag erbracht“, sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Die Grünen hätten Lilium dagegen die Unterstützung verweigert, obwohl es mit dem Bundeskanzleramt anders besprochen gewesen sei.
Von Seiten der Grünen hieß es, ein Engagement bei Lilium sei angesichts der schwierigen Haushaltslage des Bundes „nicht verantwortbar“. Das Flugtaxi sei ein Luxus-Nischenprodukt, das mit hohen technischen Risiken behaftet sei. Lilium sei nicht systemrelevant.
Lilium pocht darauf, dass es beim „Lilium Jet“ nicht primär um ein Flugtaxi für kurze Strecken gehe, sondern eher um einen Regional- und Shuttleflieger mit einer Reichweite von bis zu 175 Kilometer. Zudem soll der Lilium-Jet nicht nur einen oder zwei, sondern sechs Passagiere befördern können. Später seien auch größere Flugzeuge mit der Technologie denkbar.
Der bemannte Erstflug soll Anfang 2025 stattfinden, die ersten Maschinen sollen 2026 an Kunden ausgeliefert werden. Aber das kostet viel Geld: Allein im ersten Halbjahr 2024 wurden fast 200 Millionen Euro ausgegeben. Kunden und Investoren haben in das an der US-Börse Nasdaq gelistete Unternehmen bereits 1,5 Milliarden Euro investiert. Laut Börsenunterlagen gehören der chinesische Internetkonzern Tencent, der britische Risikokapitalgeber Atomico und die Beteiligungsgesellschaft Lightrock zu den größten Aktionären. Auch Gründer und Manager des Unternehmens sowie der frühere Airbus-Chef Tom Enders halten demnach Anteile an Lilium. Frank Thelen hatte zwar früh mit seiner Firma Freigeist Capital investiert, taucht in den Börsenunterlagen aber nicht auf.
Interesse an der Elektro-Luftfahrt
Wie es nun weitergeht, ist offen. „Ein solches Insolvenzverfahren ist erst einmal der richtige Schritt, den Fortbestand zu ermöglichen“, sagt Luftfahrtexperte Karsten Benz. "Ich habe ein Grundvertrauen, dass es für technologische Konzepte wie das von Lilium weitergeht. Das Modell ist zukunftsfähig, es muss aber genügend Kapital gesichert werden, um die Voraussetzungen für eine Betriebserlaubnis zu schaffen. Ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell bleibt noch aus.“
Die Chancen für einen Erhalt des Unternehmens stehen nicht schlecht. Lilium beschäftigt rund 500 Luftfahrtingenieure und hat für seine elektrischen Flugtaxis nach eigenen Angaben bereits Kunden mit über 700 Fest- und Vorbestellungen in den USA, Großbritannien, Frankreich, Saudi-Arabien und vielen anderen Ländern.
Das Interesse an der Elektro-Luftfahrt ist hoch. Mit verbesserten Batterien könnten nach Einschätzung von Lilium in den 2040er-Jahren 80 Prozent aller Flüge elektrisch und damit CO2-frei erfolgen. In China gehöre elektrische Luftfahrt zu den Prioritäten im laufenden Fünfjahres-Plan, der chinesische Flugzeugbauer Comac und der Batteriehersteller Catl investierten Milliarden. Die USA unterstützen den Lilium-Konkurrenten Joby laut Lilium-Manager Roewe mit 600 Millionen Dollar.
Das Insolvenz-Team dürfte zunächst versuchen, die Kosten zu senken, teure Verträge zu beenden und die Geschäftspartner zu beruhigen. Vor allem aber muss ein rascher Verkaufsprozess für das Start-up eingeleitet werden. Gut möglich, dass der Einstieg bei einem – via Insolvenzverfahren – entschuldeten Unternehmen und die Möglichkeit, dort die Kontrolle zu übernehmen, für etliche Investoren eine interessantere Option ist, als dem Unternehmen weitere Kredite zu geben.
Doch fest steht auch: Jeder Tag, an dem nicht klar ist, wie es weitergeht, schadet dem Unternehmen. Lieferanten könnten nervös werden, Kunden Bestellungen stornieren. Um Lilium zu retten, bleibt nicht nicht viel Zeit.
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