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Neue Coronavirus-Variante So bringt Omikron den Billigfliegern noch mehr Vorsprung

Die Flugeinschränkungen durch die Coronavirus-Variante Omikron treffen alle Airlines. Doch Ryanair und Easyjet kommen besser aus der Krise. Quelle: Getty Images

Die aktuellen Bilanzen von Easyjet und Ryanair zeigen: Die Billigflieger werden die Coronakrise wohl auch mit der neuen Virus-Variante besser überstehen als die etablierten Linien. Diese vier Vorteile machen sie stärker.

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Easyjet-Chef Johan Lundgren wirkte ein wenig hektisch, als er die Bilanz für das im September abgelaufene Geschäftsjahr 2021 vorstellte. In gerade mal sieben Minuten ratterte der sonst eher entspannte Schwede in einer Telefonkonferenz die aktuellen Zahlen, die Auswirkungen der wieder steigenden Coronazahlen und den Ausblick auf den kommenden Sommer herunter.

Für die Eile sorgen aus Sicht von Beobachtern wahrscheinlich die guten Aussicht von Europas zweitgrößtem Billigflieger für die kommende Urlaubssaison. Derzeit arbeitet die Linie mit Hauptsitz im Londoner Vorort Luton fieberhaft daran, das Geschäft hochzufahren. „Und da wollte Johan wahrscheinlich keine Chance verpassen, weil er zu lange im Call war“, so ein führender Manager eines Wettbewerbers halb scherzhaft.

Die Ziele des ausgebildeten Konzertposaunisten sind ehrgeizig. Easyjet will im kommenden Sommer wieder mindestens so groß sein wie vor der Krise. In den Feriengebieten Kanarische Inseln sowie vor allem Türkei und Ägypten soll sich die Passagierzahl teilweise vervielfachen. „Wir haben eine Gewinnerformel“, so der Manager, „damit werden wir Marktanteile holen – und zwar von allen Wettbewerbern.“ Ähnlich angriffslustig äußerten sich zuletzt auch Ryanair-Konzernchef Michael O’Leary und Wizz-Air-CEO József Váradi.

Das sieht Alex Irving vom New Yorker Brokerhauses Bernstein ähnlich: „Unsere Zuversicht ist gewachsen“, resümiert der Analyst heute in einer Studie die Aussichten der Flugdiscounter. Auch Andrew Lobbenberg von der Londoner Investmentbank prophezeit in seiner jüngsten Studie zu den Auswirkungen der Omikron genannten jüngsten Coronavirus-Variante auf die Luftfahrt bessere Zahlen. Zwar gebe es unterm Strich erstmal weniger Passagiere. Doch das trifft die Billigflieger deutlich weniger als die etablierten Linien. Und zur Hauptreisezeit ab Juni sei bei den Preisbrechern alles vorbei. „Wir sind optimistisch, dass sich deren Sommergeschäft positiv entwickelt“.

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    Am besten schlägt sich aus Sicht des Analysten Ryanair, aber auch für Easyjet und Wizz Air erwartet er im Geschäftsjahr 2022 eine Rückkehr in die Profitabilität. Sogar der Lufthansa-Discounter Eurowings und die neue Freizeit-Tochter Discover könnten im kommenden Jahr schwarze Zahlen schreiben. Dagegen werden laut Lobbenberg der Lufthansa-Konzern insgesamt und Air France-KLM im kommenden Jahr statt des bis zu Omikron erwarteten operativen Gewinns wohl wieder Verluste schreiben – auch wenn sie im Geschäft mit Fracht und Wartung wieder ordentlich Geld verdienen.

    Vorteil 1: Die Spezialisierung im Fluggeschäft

    Für einen Aufschwung der Flugdiscounter sprechen alte Tugenden und etwas Glück. Ein gute Fügung ist es, dass sie fast ausschließlich im einzigen Bereich des Fluggeschäfts aktiv sind, der funktioniert: Short Haul Leisure. So nennt die Branche günstige Nonstop-Flüge in Europa für Urlauber, Arbeitsmigranten und Besuche bei Verwandten und Freunden. Das Geschäft ist im Krisenjahr 2020 auf 40 Prozent und damit relativ wenig abgesackt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Billigflieger ihre Maschinen um fast jeden Preis füllen und die Kunden bei den meist kurzfristigen Öffnungen eines Reisegebiets günstigere Angebote fanden als bei den etablierten Linien wie Lufthansa. Dagegen sind Geschäftsreisen, Umsteigeverbindungen und Langstrecken – die Spezialität von Air France und Co. – auf im Schnitt 20 Prozent abgesackt. Zudem läuft die Leisure-Erholung schneller. „Während Direktverbindungen in diesem Jahr auf 80 Prozent der Werte aus dem Jahr 2019 ansteigen und ab 2022 sogar die Vorkrisenzahlen übertreffen, wird der Rest des Markts das wohl erst 2025 schaffen“, so das Fazit von Analyst Irving. Besonders bei Geschäftsreisen dürfte sich die Erholung wegen der neuen Omikron-Variante nun weiter deutlich ins Frühjahr verschieben, erwartet Myles Walton, Luftfahrtspezialist der Investmentbank UBS.

    Zwar hat etwa auch Easyjet seine Wachstumspläne für das Frühjahr diese Woche geringfügig angepasst. Doch das wird die breite Erholung zur der ersten Hauptreisezeit ab Ostern wohl nicht bremsen. Trotz der umfangreichen Berichte über die Risiken sei „die Verhaltensänderung der Kunden gering“, beobachtet Analyst Irving in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie. Das belegen auch die Zahlen des US-Marktforschers Apptopia. Der fand heraus, dass die Kundschaft inzwischen im Schnitt wieder genauso häufig auf den Apps oder Buchungsseiten der Billigflieger nach Angeboten suchen wie vor der Krise.



    Vorteil 2: Schnellere Erholung

    Zweiter Vorteil der Schnäppchen-Marktführer Ryanair, Easyjet, Wizz Air und mit Abstrichen Eurowings ist, dass sie ihren Teil der Fliegerei leichter stimulieren können als Air France-KLM oder British Airways ihr wichtigstes Feld: Reisen zu Geschäftspartnern oder nach Übersee. „Die Mehrheit der Kunden mag derzeit zwar ängstlich sein, doch sie buchen, wenn sie einen günstigen Preis sehen und das Ziel gut kennen“, so Eddie Wilson, operativer Chef des Ryanair-Fluggeschäfts.

    Denn die dafür nötigen Rabatte können die Billigflieger eher wegstecken als ihre Wettbewerber. Dafür sorgen ihre niedrigeren Kosten. Sie geben im Schnitt rund drei Cent aus, um einen Kunden einen Kilometer zu transportieren. Bei den Etablierten liegt der Wert in der Regel zwischen sechs und neun Cent. Dazu fliegen die Preisbrecher trotz aller Anstrengungen der Etablierten immer noch deutlich effizienter. Die Jets der Billigairlines sind jeden Tag im Schnitt elf Stunden in der Luft. Das verteilt die teuren Ausgaben für Personal oder Flugzeuge breiter und drückt die Kosten pro Flug im Vergleich zu Lufthansa und Air France, die auf weniger als neun Stunden kommen.

    Das hat sich in der Krise nicht geändert. Zwar haben in den vergangenen anderthalb Jahren alle Airlines umfangreiche Sparprogramme aufgelegt. Doch die Discounter konnten sich in der Krise deutlich schneller und gründlicher reformieren. Als bestes Beispiel gilt Analysten Easyjet, wo der vor zwei Jahren von Ryanair abgeworbene Manager Peter Bellow für eine neue Kultur sorgte. Nun kommentiert sein CEO Lundgren Sparversuche mit Sätzen wie „wir sind da jetzt rücksichtslos“. Vor der Krise hieß es eher zögerlich: „Wir arbeiten daran, eine Kostenkultur zu installieren.“ So konnte Easyjet die Ausgaben nach eigenen Angaben dauerhaft um mehr als zehn Prozent senken. Gleichzeitig haben vor allem Easyjet und Ryanair ihre Kosten auch weiter flexibilisiert, vor allem durch neue Einigungen vom Personal, mehr als 100 neue Verträge mit Flughäfen bis zu den Flugzeugherstellern und Leasingfirmen. Und fast alle enthalten jetzt neben Nachlässen auch klare Anreize zu mehr Zuverlässigkeit und höheren Einnahmen.

    Das sorgt dafür, dass die Kosten bei unvorhergesehenen Schwankungen im Geschäft wie jetzt durch die jüngste Virus-Variante stärker sinken als vor allem bei Konkurrenten wie Air France. Gleichzeitig bleiben die Einnahmen pro Kunde stabil oder steigen, etwa weil die Billigflieger ihren Passagieren mehr und den Reisebedürfnissen angepasste Zusatzangebote zum reinen Ticket machen, wie Gepäckpauschalen und die Bordverpflegung. „Die machen das super“, lobt Analyst Irving.

    Vorteil 3: Zusätzliche Einnahmen bei Urlaubern

    Gleichzeitig erweitern die Billigflieger ihr Geschäft und bieten nun komplette Urlaubspakete. Das kann extrem profitabel sein und fast ohne Risiko. Denn die Airline liefert nur den Flug. Dann packt sie gegen eine Vermittlungsgebühr von rund zehn Prozent vom Umsatz Übernachtungen sowie Extras wie Mietwagen und Ausflüge dazu. „Unsere Tochter Easyjet Holidays wird allein im kommenden Sommer mehr als ein Million Kunden haben“, so Lundgren. Ryanair rechnet mit ein paar hunderttausend Vermittlungen. „Von solchen Zahlen können wir nur träumen“, so ein führender Lufthanseat.

    Vorteil 4: Finanzreserven

    Zu guter Letzt haben die Billiglinien relativ hohe finanzielle Reserven. Wegen ihrer höheren Einkünfte abseits der Tickets und ihrer bereits vor der Krise niedrigeren bis nicht existierenden Schulden, brauchten sie zum Überleben wenige der meist teuren Staatshilfen. Darum drücken sie weniger Belastungen und sie konnten sich anders als Air France-KLM Krisenkredite vergleichsweise günstig und flexibel auf dem Kapitalmarkt besorgen. Das erlaubt den Discounter jetzt schneller zu expandieren, wenn die Nachfrage anzieht. Denn sie können sich beim Vorstoß in neue Märkte niedrigere Preise und notfalls auch länger Anlaufverluste leisten.

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    Dank der Vorteile könnte die neuerliche Krise somit gar eine Art weiterer Stimulanz für die Billigflieger insgesamt und nicht zuletzt Easyjet werden, erwartet Experte Irving. „Sie haben ihre Glücksbringer zurück“, so der Analyst.

    Mehr zum Thema: Mit einem neuen Bündel an Digitalangeboten will sich der irische Billigflieger nun endlich als Vorreiter beim Service präsentieren. Das ist für die Linie fast überlebenswichtig.


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