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Recyclingkonzern Alba „Das Geschäftsmodell Rohstoff-Verbrauch wird dieser Planet nicht überleben“

Alba-Chef Axel Schweitzer Quelle: ddp images

Alba wollte groß in Asien herauskommen. Doch nun wehren sich viele Länder gegen deutschen Müll, und dann kriselt auch noch Albas chinesischer Investor. Alba-Chef Axel Schweitzer erklärt, warum er dennoch an eine Welt ohne Abfall glaubt.

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Bei Alba macht der Chef seinen Kaffee noch selbst. Axel Schweitzer hat eine eigene Maschine in seinem Büro, eine Nespresso. Die sind berühmt für den Müll, der durch die Kapseln entsteht. Ist das die richtige Wahl für jemanden, der an eine Zukunft ohne Müll glaubt? Die Kapseln seien gut recycelbar, sagt Schweitzer, weil sie ausschließlich aus Aluminium bestehen. Die Maschine sei auch die letzte Kapselmaschine im Büro, versichert er. Alle anderen seien bereits ausgetauscht.

WirtschaftsWoche: Herr Schweitzer, Sie wollen Müll in Europa und in Asien verwerten. Unterscheidet sich der Abfall in China von deutschem Müll?
Axel Schweitzer: Ja, definitiv. Ich hatte schon immer die Angewohnheit, mir Abfälle genauer anzuschauen – was für meine Umwelt meist belustigend bis befremdlich wirkt. Der Müll in China hat in der Tat oft eine ganz andere Zusammensetzung, er enthält viel mehr organisches Material wie Essensreste. Oder das Beispiel Elektroschrott: Wir haben in Hongkong die modernste Recyclinganlage für Elektrogeräte aufgebaut. Da gibt es natürlich wesentlich mehr Reiskocher oder Klimaanlagen als in Europa. Deshalb ist es so wichtig, unsere Technologien auf die lokalen Gegebenheiten anzupassen und nicht einfach unsere Anlagen per „Copy und Paste“ dort aufzubauen.

Viele Unternehmen wagen den Schritt nach China gar nicht erst, weil sie Angst haben, dass die chinesischen Partner ihre Technologien kopieren.
Firmen haben mitunter Befürchtungen, dass ihnen die Technologie abhanden kommt. Wir sind bereit, unsere Technologien mit Partnern zu teilen, um sie dann auch vor Ort gemeinsam auszurollen. Wir haben damit bisher sehr überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Zusätzlich können auch wir von Asien für unser Geschäft in Europa lernen, weil dort zum Beispiel neue technologische Anwendungen schneller umgesetzt werden.

Was haben Sie in Asien gelernt, das dann in Europa eine Rolle gespielt hätte?
Zum Beispiel das Thema Smart City: Bei Ausschreibungen in Asien kommt sofort die Frage, ob wir autonome Kehrmaschinen in das Entsorgungskonzept integrieren. Die Metropolen in Asien sind teilweise viel weiter, das wirkt zurück nach Europa. Wir haben jetzt die ersten autonomen Kehrmaschinen im Praxisbetrieb getestet, auf unseren eigenen Geländen in Leipzig und Wilhelmshaven. Insofern ist Technologietransfer keine Einbahnstraße.

In China wollten Sie auch mit Hilfe ihres Investors Techcent Fuß fassen. Nun hat Techcent selbst Finanzprobleme. Durchkreuzt das Ihre Pläne?
Die Techcent-Investoren sind im wesentlichen Fondsinvestoren. Auf Grund der Eintrübung an den chinesischen Finanzmärkten und des damit einhergehenden Drucks auf Unternehmen, Schulden abzubauen, will Techcent sich mit einem anderen Unternehmen zusammenschließen. Wenn ein zusätzlicher finanzstarker Partner hinzukommt, unterstützen wir dies, gerade wenn er unsere Philosophie teilt und uns hilft, den eingeschlagenen strategischen Wachstumspfad in China mit Kraft weiter zu gehen.

Also brauchen Sie einen neuen Partner?
Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht, mit lokalen Partnern den „Roll out“ unserer weltweit führenden Recycling-Technologien voranzutreiben. Insofern sind wir auch in China offen für weitere Partnerschaften.

Früher hat Alba vor allem Plastikballen und andere sortierte Abfälle zum Recycling nach China geliefert. Doch seit zwei Jahren weigert sich China, die Abfälle aus Europa anzunehmen. Welche Konsequenzen hat das?
Es ist verständlich, dass sich China mit dem Importverbot dagegen wehrt, zur Müllkippe der Welt zu verkommen. Wir begrüßen das. Denn es führt dazu, dass einzelne Länder gehalten sind, selbst Recyclingkonzepte aufzubauen. Und wir sind da ein möglicher Partner. In Japan beispielsweise wollen wir eine Anlage für das Recycling von PET-Flaschen errichten. Dort arbeiten wir mit einem japanischen Partner zusammen, der die Flaschen sammelt. Bisher hat das Unternehmen diese Flaschen exportiert, jetzt sollen sie lokal verarbeitet werden.

Auch andere Länder wie Malaysia oder Vietnam wollen keine europäischen Müllexporte mehr annehmen. Funktioniert der internationale Müllhandel noch – oder kommt dieses Geschäft zum Erliegen?
Abfall darf ohnehin nicht exportiert werden, das war vorher auch nicht anders. Aber die Ansprüche an die Qualität der Rohstoffimporte steigen richtigerweise. Die verschärften Einfuhrvorschriften haben einen Anpassungsprozess ausgelöst. Der Markt befindet sich aktuell noch nicht im Gleichgewicht. Aber gerade weil sich aus hochwertigen sortierten Abfällen Rohstoffe gewinnen lassen, muss der Handel damit auch morgen und übermorgen noch möglich sein. Das ist sinnvoll. Niemand würde bei Primärrohstoffen wie Kohle oder Rohöl sagen, dass sie nicht mehr gehandelt werden dürfen.

Malaysia und die Philippinen haben auch Container zurückgeschickt, die nicht den Vorgaben entsprachen. War Alba davon betroffen?
Von uns sind keine Container wegen falsch deklarierter Ladung zurückgekommen. Wir haben einige Container mit Folie aus China zurückerhalten, weil sie erst nach dem Inkrafttreten des betreffenden Einfuhrverbots dort angelandet waren. Aus Vietnam kamen einige Container mit Folie zurück, weil der Zoll wegen Überlastung mit der Bearbeitung nicht nachkam und unsere Kunden nach der langen Frist die Ware nicht mehr angenommen haben.

Viele der Staaten, die nun die Abfälle aufnehmen, haben selbst keine funktionierenden Systeme, um Müll zu sammeln und zu verwerten. Ist das nicht ein Problem?
Natürlich müssen wir überlegen, wie ein professionelles Recycling auch in Schwellenländern umgesetzt werden kann. Da muss noch viel mehr passieren, insbesondere bei Sammelsystemen. Aber meist sind vom Tag Null an noch nicht die benötigten Mengen in voller Höhe da, um Recyclingsysteme auch wirtschaftlich effizient und nach definierten Umweltstandards aufzubauen und zu betreiben. Da kann es sinnvoll sein, importierte Mengen hinzuzunehmen.

Und so lässt sich das globale Abfallproblem lösen?
Das ist ja nur eine der Richtungen, in der wir etwas tun müssen. Auf der anderen Seite müssen die internationalen Unternehmen ihrer Verantwortung viel stärker gerecht werden. Wir sollten nicht einfach nur sagen: Aus Deutschland werden keine Kunststoffe in den Meeren landen, ist doch alles ganz gut und es besteht kein Handlungsbedarf. Natürlich kommen diese Abfälle nicht aus deutschen Flüssen in die Meere. Aber die Hersteller produzieren, verkaufen an Konsumenten und schicken ihre Produkte auch nach Übersee. Heute ist es für den Hersteller noch relativ egal, was die Konsumenten dort mit den ge- und verkauften Produkten beziehungsweise mit den Abfällen machen. Aber dieses Geschäftsmodell, das auf Wachstum durch Rohstoffverbrauch basiert und keine Kreisläufe schafft, wird dieser Planet nicht überleben.

Sie sagen, Sie wollen eine Welt ohne Abfall schaffen. Gefährdet das nicht Ihr Geschäftsmodell?
Vor 50 Jahren waren meine Eltern die ersten, die ins professionelle Recycling gegangen sind. Damals sah das Geschäftsmodell meist so aus: Der Müll wurde eingesammelt und dann zur Deponie gebracht. Viele der damaligen Mitstreiter waren der Meinung, Alba sei verrückt, das etablierte und lukrative Geschäftsmodell zu disruptieren. Aber wenn wir davon überzeugt sind und so eine Entwicklung kommt, dann wollen wir die Bewegung anführen.

Aber auch in Deutschland sind noch nicht alle Ziele erreicht. Dieses Jahr sollen 58,5 Prozent der Verpackungen aus dem gelben Sack und der gelben Tonne recycelt werden. Was ist Ihre Einschätzung: Schaffen wir das?
Es ist noch zu früh, um das zu sagen. Aber es muss unser Ziel sein. Das ist ähnlich wie im Basketball: Ziel muss es sein, ganz oben zu stehen. Aber ob es reicht, hängt manchmal von der Tagesform ab – oder vom Schiedsrichter.

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