Rikscha-Fahrer: „Während des Oktoberfests ist München das größte Bordell Europas“
Alexander Gutsfeld fährt seit zwölf Jahren Oktoberfestbesucher mit seiner Rikscha durch München.
Foto: WirtschaftsWocheWirtschaftsWoche: Herr Gutsfeld, wie sind Sie eigentlich Rikscha-Fahrer auf dem Oktoberfest geworden?
Alexander Gutsfeld: Das war ein ganz normaler Studentenjob. Mein Bruder fuhr auch Rikscha, und ich habe immer gesehen, mit wie vielen Geldbündeln er nach Hause gekommen ist. Dann habe ich vor zwölf Jahren auch angefangen.
Was fasziniert Sie daran?
Nicht nur das Geld. Sondern auch das Anarchische. Es gibt keine fixen Preise, in den zwei Wochen des Oktoberfestes geht in München alles. Es macht mir Spaß, mit den – meist doch sehr betrunkenen – Kunden über die Preise zu verhandeln – und so viel Geld wie möglich in zwei Wochen zu machen.
Womit wir bei der Frage wären, wie viel Geld Sie in den zwei Wochen verdienen.
Es gibt ein Gesetz unter uns Rikscha-Fahrern: Wir verraten nicht, was wir insgesamt verdienen. Aber zur Disco P1, die vier Kilometer von der Theresienwiese entfernt liegt, sind schon 120 Euro drin.
Was für Leute steigen bei Ihnen ein?
Erst, wenn die Zelte schließen – so um zehn, halb elf Uhr abends – verdiene ich den Großteil meines Geldes. Die meisten haben da schon ein bisschen Bier intus. Mit jeder Maß Bier steigt die Bereitschaft, Geld auszugeben. Am liebsten sind mir die Leute aus dem Käfer-Zelt oder dem Marstall-Zelt. Dort gehen Leute hin, die Geld haben – und Lust, es auszugeben. Touristen aus den USA und Australien, aber auch viele Deutsche, die dem gutverdienenden Bürgertum angehören.
Durch Ihre Tätigkeit als Rikscha-Fahrer haben Sie auch Einblicke in so manche Schatten-Ökonomie rund ums Oktoberfest. Welche sind das?
Zum einen ist das der Drogenhandel. Meine Gäste fragen mich oft nach Koks. Aber da helfe ich ihnen nicht weiter. Wer auf der Wiesn Drogen kaufen will, kann dies hier tun. Ich habe einige Kleinganoven kennengelernt, die hier auf der Straße Koks verkaufen. Andere beliefern ihre Kunden persönlich, fahren zu den Clubs, wo die Leute weiterfeiern, wenn die Festzelte schließen.
Wie ist es mit dem Sex-Gewerbe?
Während der Wiesn wird München zum größten Bordell Europas. Da verdoppelt sich die Zahl der Sexarbeiter in München. Ich kenne den Geschäftsführer eines kleinen Bordells. Der sagt: Ohne die Wiesn müsste er seinen Laden zumachen.
Kennen Sie den Bordell-Besitzer geschäftlich?
Ja, wir als Rikscha-Fahrer spielen eine besondere Rolle im Geschäft mit der Prostitution. Wir fahren die Kunden zu den Bordellen. Am meisten Geld habe ich mit einer Fahrt zum Puff verdient. Da kostet die Fahrt zum Bordell nicht so viel – weil wir Fahrer wissen, dass wir pro Gast noch einmal 50 Euro Provision kassieren. Manchmal fahre ich sogar drei Gäste auf einmal zum Puff – inklusive Fahrpreis von 50 Euro sind das dann 200 Euro.
Wie funktioniert dieses Geschäft konkret?
Die Fahrt zu dem Bordell ist anstrengend, die Strecke geht bergauf. Ich muss dann aufpassen, dass meine Passagiere dann auch wirklich ins Bordell reingehen und sich nicht von den hohen Eintrittspreisen abschrecken lassen. Wenn sie nicht reingehen, gehe ich leer aus. Deshalb sage ich ihnen auch immer vor der Fahrt, was der Eintritt kostet. Wenn sie den Eintritt zahlen, schreibe ich eine Rechnung, gebe sie an der Kasse des Bordells ab – und ein Mitarbeiter zahlt mir das Geld bar aus.
Sie sind mittlerweile kein Student mehr, sondern Journalist. Ihre Erfahrungen auf der Wiesn haben Sie mit der hörenswerten Podcast-Serie „Das Lederhosen Kartell“ verarbeitet. In welchen Bereichen haben Sie Kartelle gefunden?
Am ehesten trifft der Begriff Kartell auf die sechs Münchner Brauereien zu. Augustiner, Hacker-Pschorr, Hofbräu, Löwenbräu, Spaten und Paulaner. Nur sie dürfen auf dem Oktoberfest ihr Bier ausschenken. Sie haben den Verein Münchner Brauereien gegründet, der exakt sechs Mitglieder hat – eben diese Brauereien. Sie haben die Regel aufgestellt, dass eine Brauerei nur dann eine Münchner Brauerei ist, wenn sie ihr Bier mit Münchner Wasser herstellt. Dafür braucht man aber einen Tiefbrunnen – und der ist sehr teuer. Damit sind viele Brauereien schon mal raus.
Welche Macht haben die Bier-Barone?
Die Brauereien haben eigene Festzelte – und schenken auch in anderen Festzelten Bier aus. Das sind aber nur Peanuts gegenüber dem Marketing-Effekt, den sie erzielen. Zwei Wochen im Jahr kann sich die Marke der Welt präsentieren, alle reden darüber. Und kaufen danach vielleicht weiterhin das Bier aus München.
Was so ein Wiesn-Wirt auf dem Oktoberfest verdient – sind Sie diesem Geheimnis schon nähergekommen?
Jeder Wirt, den man dazu fragt, weicht dieser Frage aus. Es gab mal einen Wiesn-Wirt, Sepp Krätz, der 2014 wegen Steuerhinterziehung vor Gericht stand. Da kam heraus, dass er während der Wiesn drei Millionen Euro eingenommen hat.
Sind denn die Rikscha-Fahrer auch ein Kartell?
Viele Münchner Fahrer sind nicht erfreut darüber, dass sie Konkurrenz bekommen haben, etwa aus Mazedonien oder Griechenland. Aber auch aus Berlin. Manche Münchner Rikscha-Fahrer haben sogar damit gedroht, feste Preise einzuführen. Also eine Art Rikscha-Kartell zu gründen.
Und, was halten Sie davon?
Gar nichts. Die Kunst des Rikscha-Fahrens ist doch gerade die Preisverhandlung. Ich sehe schon an der Qualität der Lederhosen meiner Kunden, welchen Preis ich verlangen kann. Festpreise wären der Tod für unser Geschäft.
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