Security-Branche: In fünf Tagen zum Sicherheitsmann
Sicherheitsgewerbe: Kaum eine Branche wächst so schnell. Einblicke in die fragwürdigste Ausbildung des Landes.
Foto: Getty ImagesDrogen gehen immer. Ob die Lüftung nicht funktioniert oder das Mittagstief auf die Aufmerksamkeit drückt – plötzlich sind alle wieder da. Marc Boll weiß das, schließlich bildet er seit mehr als zehn Jahren Sicherheitsleute aus. „Also, hatte einer von euch schon mal bei der Arbeit Ärger mit Drogen?“ Ein junger Typ zeigt auf, Can, er trägt die schwarzen Haare zu einer akkuraten Frisur drapiert, wie sie auf den Fußballplätzen, in den Wettbüros und Shisha-Bars des Landes derzeit modern sind. „Ich habe einem Gast Drogen abgenommen, als ich sie bei ihm auf dem Tisch gesehen habe“, erzählt er. „Ganz gefährlich“, sagt Boll. „Wenn ihr die Drogen an euch nehmt, macht ihr euch nämlich selbst strafbar, Inverkehrbringen von Drogen nennt man das.“ Can wendet ein: „Aber es kam sofort die Polizei, und denen habe ich die Drogen übergeben.“ „Dann hast du eigentlich alles richtig gemacht“, sagt Boll. Can ist damit immer noch nicht zufrieden. „Ja, aber am Ende musste ich trotzdem 600 Euro zahlen.“ Boll: „Aber wofür denn, mit den Drogen hast du doch alles richtig gemacht. Ist sonst noch was vorgefallen?“ Can erzählt weiter: „Ich bin mit dem Typen rausgegangen, der wollte seine Drogen wiederhaben, hab ich ihm nicht gegeben. Dann haben wir Polizei gerufen und gewartet.“ „Wie, ihr habt gewartet?“, fragt Boll nach. „Na ja, haben wir Schlägerei gehabt.“ Willkommen bei der Unterrichtung im Sicherheitsgewerbe, Deutschlands wohl fragwürdigster Ausbildung.
Wenn über die Wachstumsbranchen des Landes gesprochen wird, dann geht es um Autos, Mittelstand, Maschinen. Rechnet man Wachstum in Arbeitsplätze um, taucht aber eine ganz andere Branche in der Spitze auf: Seit 2010 sind im Sicherheitsgewerbe mehr als 50.000 neue Jobs entstanden, gut 250.000 Menschen arbeiten dort. Derzeit verzeichnet die Bundesagentur für Arbeit mehr als 15.000 offene Stellen. Insgesamt werden jährlich mehr als fünf Milliarden Euro für Bewachung ausgegeben. Allein die drei größten Anbieter Securitas, Kötter und NWSG setzten mit Sicherheitsdienstleistungen in Deutschland 2014 mehr als 1,2 Milliarden Euro um, knapp 20 Prozent mehr als 2010. Ob in Kaufhäusern, Nahverkehrszügen oder exquisiten Wohngebieten, wo jemand mit wachen Augen seine Runden dreht, fühlen sich die Menschen sicherer. An Bahnhöfen und Flughäfen gilt Selbiges. Hunderttausende ankommende Flüchtlinge, die untergebracht und bewacht werden müssen, haben die Nachfrage seit vergangenem Jahr noch einmal schlagartig erhöht. Gleichzeitig gelten die Mindestlohnjobs mit ihren unmöglichen Arbeitszeiten nicht gerade als übermäßig attraktiv.
Da drängt sich die Frage auf: Wo kommen all die neuen Mitarbeiter her? Um das herauszufinden, ist der Kurs „Unterrichtung im Sicherheitsgewerbe“ genau der richtige Ort. Wer den absolviert hat, der darf nahezu alle Jobs in der Branche übernehmen, zumindest solange keine Waffen ins Spiel kommen. Auch die Gründung eines eigenen Sicherheitsunternehmen ist dann möglich.
Durchfallquote: Null Prozent
Marc Boll ist ein erfolgreicher Trainer, wenn man sich seine Kategorien zu eigen macht. 21 Teilnehmer sind zur Unterrichtung bei dieser Industrie- und Handelskammer im östlichen Ruhrgebiet gekommen, Trainer und alle Teilnehmer, 19 Männer und 2 Frauen, haben in der Realität selbstverständlich andere Namen. Um hier mitmachen zu dürfen, gibt es nur eine Voraussetzung: Verständnis der deutschen Sprache. Um zu bestehen, müssen die Teilnehmer 40 Stunden Unterricht mitmachen, am Ende steht eine kleine Prüfung. „Aber macht euch da mal keine Sorgen“, beschwichtigt Boll gleich zu Beginn. „Ich habe in diesem Jahr eine Durchfallquote von null Prozent – und ich werde alles tun, um die zu halten.“
Platz 10: Cali, Kolumbien
Während sich die Aufmerksamkeit in Europa derzeit vor allem auf den Konfliktherd Nahost richtet, liegen die wahren Todeszonen in Lateinamerika und der Karibik: 33 Prozent aller Morde weltweit geschehen dort, obwohl nur acht Prozent der Weltbevölkerung in der Region leben, heißt es in einem Bericht der mexikanischen Nichtregierungsorganisation "Bürgerrat für öffentliche Sicherheit und Strafrecht". Eins von fünf Mordopfern weltweit ist entweder Brasilianer, Venezolaner oder Kolumbianer.
In Cali - der Hauptstadt des kolumbianischen Departamento Valle del Cauca - wurden 2015 1523 Morde registriert. Auf 100.000 Einwohner kommen über 64 Tötungsdelikte. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Mordrate bei 0,8 Tötungsdelikten pro 100.000 Einwohner. Bei einem Wert über 10 spricht die Weltgesundheitsorganisation WHO von einer „Gewaltepidemie“.
Foto: dpaPlatz 9: Kapstadt, Südafrika
Auch Südafrika zählt weiterhin zu den gefährlichsten Orten der Welt. In Kapstadt, der zweitgrößten Stadt der Region, 2015 registrierten die Behörden 2451 Tötungsdelikte. Pro 100.000 Einwohner wurden rund 66 Menschen Opfer eines Gewaltverbrechens.
Foto: dpaPlatz 8: Palmira, Kolumbien
Aufgrund des Friedensprozesses mit der linken Guerillaorganisation Farc, eines entschlossenen Vorgehens gegen das organisierte Verbrechen und innovativer städtebaulicher Maßnahmen in den Brennpunkten, ist die Zahl der Morde in Kolumbien zuletzt zwar auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten gesunken. Mit knapp 12.000 Tötungsdelikten im vergangenen Jahr gehört es aber noch immer zu den Ländern mit den meisten Morden weltweit. Die Gewalt zwingt die Menschen weiterhin überall in der Region zur Flucht.
Allein in der Gemeinde Palmira (mit knapp 305.000 Einwohnern) wurden im letzten Jahr 216 Morde gemeldet. Das entspricht einer Rate von 70 Tötungsdelikten pro 100.000 Einwohnern.
Foto: dpaPlatz 7: Valencia, Venezuela
Neben der venezolanischen Hauptstadt Caracas landet auch Valencia in den Top 10 der gefährlichsten Städte der Welt. Die Kriminalitätsrate liegt hier bei über 72 Morden pro 100.000 Einwohnern. Ein sehr bedenkliches Ergebnis, wie Kriminologe Carlos Vilalta vom mexikanischen Forschungsinstitut Cide bestätigt. "Die Lage in Lateinamerika ist ein Desaster. Es ist die einzige Region der Welt, in der die Zahl der Tötungsdelikte zwischen 2000 und 2012 angestiegen ist“, sagt er. In Valencia wurden 2015 1125 Tötungsdelikte registriert.
Foto: APPlatz 6: Distrito Central, Honduras
Noch krimineller geht es im Distrito Central in Honduras zu. Hier liegt die Mordrate bei über 73. Die Gemeinde mit knapp 1.200.000 Einwohnern vermeldete 2015 genau 882 Morde.
Foto: dpaPlatz 5: Maturín, Venezuela
Mit Maturín zählt eine weitere venezolanische Stadt zu den gefährlichsten Orten überhaupt. Bei nicht einmal 600.000 Einwohnern wurden 2015 in dieser Stadt 505 Morde begangen. Das treibt die Kriminalitätsrate auf über 86 pro 100.000 Einwohner. Besonders bedenklich: Die gefährlichsten fünf Städte der Welt liegen ausnahmslos in Lateinamerika.
Foto: FotoliaPlatz 4: Acapulco de Juárez, Mexiko
Trotzdem sind Gewaltakte in Lateinamerika nur selten in den internationalen Schlagzeilen. Weltweite Aufmerksamkeit erregte zuletzt der Fall von 43 Studenten. Sie waren im September 2014 im mexikanischen Bundesstaat Guerrero von der Polizei verschleppt und vermutlich von Mitgliedern einer Drogenbande getötet und verbrannt worden. Tausende Menschen, die jedes Jahr in den Favelas von Rio de Janeiro, auf den Straßen von Caracas, in den Shanty Towns von Kingston oder der mexikanischen Provinz sterben, finden hingegen kaum Beachtung.
So schon gar nicht die 903 Tötungsdelikte, die 2015 in Acapulco de Juárez in Mexiko registriert wurden. Hier liegt die Mordrate sogar jenseits der 100 bei 104,7.
Foto: REUTERSPlatz 3: San Salvador, El Salvador
Das neue Jahr ist erst einige Stunden alt, da versinkt El Salvador schon wieder in einer Gewaltorgie. Bei Gefechten zwischen mutmaßlichen Mitgliedern der Jugendbande Mara Salvatrucha und der Polizei sterben im Bezirk Valle Nuevo sechs Menschen im Kugelhagel. In der Region El Zapote töten Männer in Militäruniformen sechs vermeintliche Gangmitglieder. Weitere Menschen sterben bei Schießereien, Raubüberfällen oder Familienstreitigkeiten. Am Ende des Neujahrstags stehen 35 Morde in der Polizeistatistik.
Damit fängt das neue Jahr so blutig an wie das alte endete. Über 108 Morde pro 100.000 Einwohner wurden 2015 allein in der Hauptstadt San Salvador registriert. Die Kriminalitätsrate liegt bei 108.
Das macht El Salvador zum weltweit gefährlichsten Land außerhalb von Kriegsgebieten. Für den Großteil der Gewalt in dem mittelamerikanischen Land werden Jugendbanden - die sogenannten Maras - verantwortlich gemacht. Die Gangs kontrollieren ganze Stadtviertel. Dazu kommt, dass nur fünf von 100 Mördern verurteilt werden.
Platz 2: San Pedro Sula, Honduras
Auch San Pedro Sula in Honduras treibt die Kriminalstatistik in die Höhe: Auf 100.000 Einwohner kommen rund 111 Morde. In Zahlen wurden im letzten Jahr allein 885 Tötungsdelikte gemeldet.
Foto: dapdPlatz 1: Caracas, Venezuela
Die venezolanische Hauptstadt Caracas ist mit fast 120 Tötungsdelikten pro 100.000 Einwohnern die Mord-Hauptstadt der Welt. Fast 4000 Morde wurden 2015 in Caracas registriert. Der Schlüssel im Kampf gegen die Gewaltepidemie in Lateinamerika ist nach Einschätzung von Experten das Justizwesen. „In Ländern mit hohen Mordraten sollte die Reform des Rechtswesens Priorität genießen“, schreibt Manuel Eisner von der Universität Cambridge in einer Studie.
Foto: AP
Boll ist der Typ freundlicher Rüpel. Tut nichts – solange du nett zu ihm bist. Von seiner Bundeswehrlaufbahn hat er die Muskelpakete behalten, in den Jahren als Chef einer Bewachungsfirma kam das Unternehmerbäuchlein dazu. Er weiß, wovon er spricht – und wie er es an den Mann bringt. Was ist der Unterschied zwischen einem Raub und einem räuberischen Diebstahl? „Beim Raub kommt erst hauen, dann klauen, beim räuberischen Diebstahl ist es umgekehrt.“
Der Kurs ist aufgeteilt in drei Blöcke: Recht, Arbeitsschutz und Umgang mit Menschen. Im Prinzip wird dabei alles behandelt, was für die Sicherheitsmitarbeiter von Bedeutung ist: Bürgerliches Gesetzbuch, Strafgesetzbuch, Schusswaffengebrauch, Drogendelikte. Bloß: 40 Stunden sind wenig Zeit. In vier Tagen will Boll den Kurs durchziehen, am Freitag folgt die Prüfung.
Einbrüche auf Rekordniveau
Nach vorläufigen Schätzungen wurden deutschen Versicherern im vergangenen Jahr 160.000 Wohnungseinbrüche gemeldet. Damit erreicht die Zahl der versicherten Einbrüche den höchsten Stand seit 2003.
Quelle: Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft
Foto: dpaEntschädigungen auf Rekordniveau
Insgesamt zahlte die Branche an Entschädigungen für Einbrüche die Rekordsumme von 530 Millionen Euro.
Foto: dpaAlle vier Minuten ein Wohnungseinbruch in Deutschland
Allein in den letzten fünf Jahren haben Einbrüche um über 30 Prozent zugenommen, der Schadenaufwand um über 50 Prozent. 2014 waren es 150.000 Einbrüche, die Versicherungsleistung betrug 480 Millionen Euro.
Foto: CLARK/obsEinbruchsserie
Hauptangriffspunkte der Täter sind vor allem Fenster und Türen, wichtigste Einbruchswerkzeuge der Schraubendreher und rohe Gewalt. Der GDV-Studie zufolge werden 40 Prozent der Einbruchsversuche abgebrochen, wenn der Täter nicht schnell genug ins Haus kommt.
Foto: dpaSchnell aufgehebelt
Doch aus Sicht von GVD Geschäftsführer Jörg von Fürstenwerth wird es Einbrechern „in Deutschland immer noch zu leicht gemacht“. Denn meist haben erfahrene Gangster Türen und Fenster in Sekunden aufgehebelt. „Dies liegt unter anderem daran, dass die in Fenster und Türen eingebaute Sicherungstechnik oft nicht mehr auf dem neuesten Stand ist.“, so Fürstenwerth.
Foto: dpaStaat will stärker fordern
Die Bundesregierung hat mittlerweile angekündigt, ihre Fördermittel zur Verbesserung des Einbruchschutzes auf 50 Millionen Euro im Jahr aufzustocken. Hier klebt der Innenminister von Rheinland-Pfalz, Roger Lewentz in Mainz ein Plakat für die Einbruchspräventionskampagne K-Einbruch.
Foto: dpaVersicherungslobby hofft auf Investitionen
Die Versicherungslobby begrüßt die staatliche Förderung. „Die hohe Nachfrage nach staatlicher Unterstützung zeigt, dass die Menschen bereit sind, in moderne Sicherheitstechnik zu investieren“, so Fürstenwerth. Bei Neubau und Sanierung sei es mit nur geringen Mehrkosten möglich, beim Schutz gerade von Fenstern und Türen deutlich aufzurüsten.
Foto: dpa/dpawebForderung nach neuen Bauvorschriften
Auf lange Sicht fordert der GVD allerdings, dass Einbruchschutz durch Bauvorschriften geregelt werden müsse. Vorschriften zur Beschaffenheit und zu den Widerstandsklassen von Fenstern und Türen gibt es bislang nicht. „Nur wenn die Politik flächendeckend Anforderungen für den Einbruchschutz verbindlich vorschreibt, können wir etwas erreichen“, so Fürstenwerth.
Foto: dpaTäter-Profil
Gibt es den typischen Einbrecher? Ja. Nach neuesten Erkenntnissen ist dieser unter 30 Jahre alt, männlich und begeht den Einbruch gemeinsam mit einem Komplizen. Täter kommen nicht selten aus dem engeren und weiteren Bekanntenkreis des Opfers.
Foto: dpaDie Angst bleibt
Einbruchsopfer haben meist mit psychologischen Folgen zu kämpfen, die in der Regel deutlich schlimmer sind als der finanzielle Schaden. So fühlen sich über 45 Prozent der Betroffenen auch noch zwölf Monate nach der Tat in ihrer gewohnten Umgebung unsicher. Fast 40 Prozent empfinden Gefühle der Macht- und Hilflosigkeit oder leiden langfristig unter Angst.
Foto: dpaAlso legt er gleich los. Boll gibt den Teilnehmern zunächst den richtigen juristischen Terminus mit auf den Weg: „Nach dem BGB seid ihr Besitzdiener.“ Beauftragt vom Eigentümer eines Gebäudes, eines Grundstücks, eines Zugs – ist der Sicherheitsmitarbeiter mit all den Rechten ausgestattet, die sonst dem Eigentümer vorbehalten sind. Und das heißt? „Eigentlich könnt ihr euch fast alles erlauben, ihr müsst am Ende nur die richtige Ausrede haben“, sagt Boll und lacht kurz auf.
Abschließen!
Wer das Haus verlässt – auch wenn nur für den kurzen Gang zum Bäcker – der sollte die Haus- oder Wohnungstür unbedingt abschließen. Denn wenige Minuten reichen aus, um eine ungesicherte und vor allem nicht abgeschlossene Tür aufzuhebeln.
Foto: dpaFenster zu!
Wer das Haus verlässt, sollte daran denken Fenster und Balkon- oder Terrassentüren zu schließen. Ganz wichtig: Auch gekippte Fenster sind offene Fenster…
Foto: Initiative ‚Nicht bei mir!‘Verstecke sind niemals gut!
Den Schlüssel draußen irgendwo zu verstecken ist niemals hilfreich. Auch wenn es nicht die Fußmatte oder der Blumenkübel ist – Einbrecher finden den Ersatzschlüssel und einfacher kann man es ihnen nun wirklich nicht machen. Außerdem: Die Versicherung kommt in so einem Fall definitiv nicht für den Schaden auf.
Foto: dpaSchlüssel weg, Schlösser tauschen!
Wenn ein Schlüssel verloren geht – auch wenn es nur der Schlüssel ist – dann auf jeden Fall Schlösser tauschen. Denn man kann sich nie sicher sein, wie oder wo der Schlüssel weg gekommen ist und im schlimmsten Fall wurde er geklaut. Also: sicher ist sicher – Schließzylinder wechseln.
Foto: dpaNachbarschaftshilfe
Aufmerksamkeit lohnt sich. Wenn sie im eigenen Mehrfamilienhaus, der Wohnanlage oder auf einem Nachbargrundstück Fremde sehen, die herumschleichen und dort nicht hinzugehören scheinen, dann lieber einmal zu viel nachfragen als einmal zu wenig. Wer aufmerksame Nachbarn hat, der braucht manchmal keinen Wachhund oder Überwachungskameras.
Foto: ZBKeine Urlaubszeichen
Wer in den Urlaub fährt, sollte vorsorgen, dass es keine Hinweise auf die Abwesenheit gibt. Zum Beispiel sollte der Briefkasten nicht überquellen und die Rollladen nicht tagelang unten sein.
Foto: Initiative ‚Nicht bei mir!‘
Immer wieder baut er diese Verweise ein, die man als zynisch auffassen kann oder als brutalen Pragmatismus. Einmal erläutert er den Sonderfall der Notwehr, den Notwehrexzess. In engen Grenzen kann dabei der Täter straffrei bleiben, aber die Beweisführung ist schwierig. „Wenn es so weit kommt“, sagt Boll, „dann ist es in der Praxis wohl besser, wenn euer Gegner gar nicht mehr wieder aufsteht.“ Das Prinzip: Wenn ich ein Eigentum bewache, dann bestimme ich auch die Regeln. Wer Stress macht, bekommt ein Problem mit mir. Alles Weitere klären wir vor der Tür.
Welche Folgen diese Neigung zur Selbstjustiz hat, zeigte sich zuletzt an der deutsch-österreichischen Grenze. Da wunderte sich die Landtagsabgeordnete Eva Gottstein von den Freien Wählern, als sie von einem Sicherheitsmann beim Versuch, mit der Bahn von Kufstein nach München zu kommen, nach ihrem Ausweis gefragt wurde. Als sie sich weigerte, wollte man sie nicht in den Zug lassen. Ausweise kontrollieren, dürfen die Sicherheitsleute das überhaupt? Dürfen sie nicht, stellte Landesinnenminister Joachim Herrmann wenig später klar. Und enthüllte dann doch, wie die staatliche Verwaltung bis zu diesem Zwischenfall wohl beide Augen zugedrückt hatte. Um den Flüchtlingsstrom zu stoppen, hatte die Bundespolizei im Herbst den Bahnbetreiber vor die Wahl gestellt: Entweder ihr sorgt dafür, dass in euren Zügen in Zukunft weniger Flüchtlinge ins Land kommen – oder wir halten die Züge so lange an der Grenze an, bis jeder Fahrgast von uns kontrolliert worden ist. Der Betreiber wählte die erste Option – um den Rest sollte sich der Sicherheitsdienst kümmern.
Der Fall zeigt eine typische Zwickmühle zwischen Auftrag und Legalität, in die sich Sicherheitsdienste gerne begeben. Auf der einen Seite stehen die Wünsche des Eigentümers, auf der anderen Seite der drohende Rechtsbruch, um diese durchzusetzen.
Der Staat schiebt die Verantwortung ab
Schon in der ersten Pause kommt einer der Teilnehmer zu Boll. Er gehört zu einer Gruppe türkischstämmiger Sicherheitsleute, die im hinteren Teil des Raumes Platz genommen haben und sich nur in ihrer Muttersprache unterhalten. „Wenn das in der Prüfung drankommt, kann jetzt gleich gehen“, sagt er in gebrochenem Deutsch zu Boll, „ich hab überhaupt nichts kapiert.“
So wie ihm geht es fast allen hier. Der Kursleiter rattert Normen und rechtliche Definitionen herunter, um das 300-seitige Lehrbuch in vier Tagen durchzuarbeiten, bleibt ihm auch kaum etwas anderes übrig. Das vom DIHK herausgegebene Buch selbst liest sich eher wie ein Gesetzeskommentar als wie ein Unterrichtsmaterial. 300 eng bedruckte Seiten, viele Paragrafen, keine Schaubilder, keine Praxisfälle.
Und so verfestigt sich schnell der Eindruck: Hier geht es nicht um die Interessen der Auszubildenden, sondern um die des Staates. Wenn jeder Sicherheitsmitarbeiter die Unterrichtung durchlaufen hat, können die staatlichen Aufseher zu Recht behaupten: Wir haben sie über ihre gesetzlichen Rechte und Pflichten aufgeklärt. Ob die Teilnehmer verstanden haben, was ihnen da erzählt wurde spielt keine Rolle mehr – die Verantwortung für Fehler tragen sie schließlich alleine.
Als Auslese fachlich und persönlich geeigneter Mitarbeiter dient diese Scheinausbildung ganz offensichtlich nicht, wie jüngst eine Untersuchung in Rheinland-Pfalz offenbarte. Dort wurde im Dezember aufgedeckt, dass drei Rechtsradikale als Sicherheitsmitarbeiter in einem Flüchtlingsheim gearbeitet hatten. Also überprüfte das Landeskriminalamt alle gut 1100 Sicherheitsmitarbeiter in den Unterkünften des Landes. Die Beamten fand zwar nur zwei weitere Rechtsradikale, mussten aber insgesamt 79 Mitarbeiter aufgrund diverser Vorstrafen sofort aus dem Dienst entfernen. Das heißt: Bei einer mehr oder weniger zufälligen Stichprobe entpuppten sich fast zehn Prozent aller Beschäftigten als Kriminelle.
Am zweiten Tag ist Boll beim Thema verbotene Waffen angekommen: Der Dozent unterscheidet da grundsätzlich zwischen denen, „die Peng machen“, und denen, „die Löcher machen“. Einhandmesser, als Taschenlampe getarnte Elektroschocker, Totschläger, Boll zählt auf, was alles nicht erlaubt ist. Ein paar Minuten dreht sich die Diskussion um „Katzenköpfe“, als Schlüsselanhänger in Katzenform getarnte Schlagringe. Zivko, ein gemächlicher Typ um die 40, der zum von Alkohol und Zigaretten gezeichneten Gesicht verblichene Tätowierungen und Jeansjacke trägt, erkundigt sich: „Und was ist mit Laserpointern?“ Boll weiß, wohin die Frage zielt. „Du meinst wahrscheinlich nicht die, mit denen ich hier durch Folien klicke!“ Zivko erklärt: „Nein, aber es gibt ja so Dinger, also, in Tschechien da haben die jetzt so blaue, die brennen dir aus 30 Zentimenter Entfernung ein Loch in die Hand.“
Immer wieder wird deutlich, dass einige der Teilnehmer nicht in erster Linie wissen wollen, welche Grenzen ihnen das Recht setzt – sondern wie man sie überschreiten kann, ohne dabei erwischt zu werden.
Das prägt auch den Dialog zum Thema Waffenbesitzkarte, das am dritten Tag auf dem Plan steht. Dozent Boll erläutert die Ausnahmen: „Für eine Schreckschusspistole braucht ihr keine Waffenkarte.“ Es folgt ein kurzer Dialog, an dem sich der halbe Kurs beteiligt: „Aber man kann doch auch mit einer Schreckschusspistole jemanden töten.“ Boll: „Na ja, vielleicht wenn du damit zuschlägst“. „Nein, auch wenn man sie aufs Trommelfell aufsetzt“. „Na, da kannst du auch gleich damit zuschlagen!“ „Oder wenn man sie aufbohrt, das geht auch.“
Ist das noch die theoretische Analyse, ein Lehrbuchfall? Oder werden hier eigene Erfahrungen wiedergegeben? Während des gesamten Kurses werfen die Antworten der Teilnehmer diese Fragen immer wieder auf – und bleiben im Raum stehen.
Tag 4, Unfallverhütung: Heiko, ein zappeliger Typ mit blutunterlaufenen Augen, schildert einen Vorfall. Er sei mal mit der Hand in eine Maschine geraten, weil die nicht richtig gesichert war, kurz danach auch noch sein Kollege, ein verworrener Vortrag. Aber die Quintessenz ist klar: „Ich klage bis heute, dass ich Geld bekomme, die stellen sich da total quer.“ Auch wenn es nicht wirklich zum Thema passt, fragt Boll nach: „Wer war denn da dein Arbeitgeber?“ Heiko: „Das war Vater Staat.“ „Wie meinst du das?“ „Na, die JVA halt.“
Das deutsche Strafrecht setzt auf Resozialisation, deshalb ist es angemessen, dass eine Vorstrafe keinen dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausschließt. Aber erstaunlich ist es doch, wie wenig Arbeitgeber und erst recht die Auftraggeber von Sicherheitsmitarbeitern über deren kriminelle Karrieren erfahren. Zwar können Arbeitgeber bei Neueinstellungen ein Führungszeugnis fordern, da steht aber deutlich weniger drin, als landläufig angenommen wird. Erststrafen von bis zu drei Monaten oder Geldstrafen unter 90 Tagessätzen werden gar nicht aufgenommen, Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr nach drei Jahren gelöscht. Mit Ausnahme bestimmter Sexualdelikte verschwinden auch alle höheren Strafen nach fünf Jahren aus dem polizeilichen Führungszeugnis.
Das Geschäft der Handelskammern
Kein Wunder also, dass der seriöse Teil des Gewerbes seit einiger Zeit Reformen fordert. „Jeder zukünftige Unternehmer sollte mindestens eine Ausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit haben“, formuliert Gregor Lehnert vom Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW). Vor allem aber erkennt er einen Strukturfehler in der Beaufsichtigung. „Mit Ausnahme von Österreich sind in allen 25 anderen EU-Länder die Innenministerien für das Sicherheitsgewerbe zuständig“, sagt Lehnert. Angesichts des Aufgabenfeldes der Unternehmen klingt das ziemlich einleuchtend – in Deutschland liegt die Verantwortung aber beim Wirtschaftsministerium. Das ist auch im Sinne der Industrie- und Handelskammern, die bundesweit für die Unterrichtungen zuständig sind. Und das ist derzeit ziemlich lukrativ. Pro Kurs bleibt bei den Kammern ein fünfstelliger Betrag hängen, in den meisten Städten sind die Kurse für den Rest des Jahres bereits ausgebucht.
Zumindest für die Teilnehmer in Bolls Kurs lohnt sich das Ganze ja auch. Denn Boll macht sein Versprechen wahr, ab Donnerstagmittag konzentriert er sich ganz auf die Prüfungsvorbereitung. Das letzte und laut Prüfungsordung größte Themengebiet „Umgang mit Menschen“, wird in einem Folienfilm abgehandelt. Boll: „Das geht auch ohne Fachwissen.“ Stattdessen nimmt er sich Zeit, die Fragen einzeln mit den Teilnehmern durchzugehen. Alle 20 Testfragen und Antworten, die am nächsten Tag drankommen, liest er tatsächlich Wort für Wort vor. Manche Antworten schreibt er gar an die Tafel an, weil die Teilnehmer sie nicht verstehen. Özkan, einem elegant gekleideten jungen Mann, ist auch das nicht genug. Mit seinem Handy zeichnet er Bolls Ausführungen auf. Als der es merkt, einigen sie sich darauf, die Aufzeichnung sofort zu löschen – nach der Prüfung. Und so kommt es, wie es kommen musste: Alle Teilnehmer bestehen den Test. Und die Bundesrepublik ist wieder um 21 Fachkräfte reicher.