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Uber „Es ist an der Zeit zu kaufen, wenn Blut in den Straßen fließt“

Geht es für Uber bald wieder bergauf? Quelle: REUTERS

Die Aktie des einst wertvollsten Start-up-Unternehmens der Welt hat einen neuen Tiefstand erreicht. Selbst Insider haben Zweifel an Uber. Zeit, einzusteigen?

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Uber hat mich am Dienstag aus einer Klemme befreit, genauer: dessen nervenstarker „Diamond-Driver“ Daryoush. Mein Termin bei einem Hightech-Unternehmer in der Nähe von Santa Ana dauerte länger als geplant. Ich besichtigte noch seine neueste, 250 Millionen Dollar teure Erfindung, die Zeit war schon lange überzogen. Irgendwann schaute ich auf die Uhr und erschrak: Mein nächster Termin in Culver City bei einem anderen schwer beschäftigten Hightech-Multimillionär startete in anderthalb Stunden. Laut Google und Apple Maps war die Strecke vom Süden bis mitten hinein nach Los Angeles an diesem Nachmittag nicht mehr pünktlich zu schaffen. Jede Menge Stau, der Verkehr in Los Angeles ist berüchtigt. Die Verspätung würde aber von der Interview-Zeit abgehen – oder meinen Termin gleich ganz platzen lassen.

Lyft und Uber boten die Strecke für den gleichen Fahrpreis an: 82 Dollar für 100 Kilometer. Aber Uber konnte immerhin innerhalb von fünf Minuten einen Fahrer schicken. Daryoush, gebürtiger Iraner, beruhigte mich nach dem Einsteigen: Er kenne die Strecken in Los Angeles wie seine Westentasche. Mit einem strategischen Mix aus Carpool-Spuren und einigen Schleichwegen in der Nähe des Ziels, wäre es vielleicht noch pünktlich zu schaffen. „Versprechen kann ich nichts. Nur ein Unfall oder zwei und es haut nicht mehr hin“, sagte er und fuhr los.

Mit Kalkulationen kennt der Einwanderer sich aus. Eigentlich ist er staatlich geprüfter Buchhalter. Seit dreieinhalb Jahren fährt er stattdessen Menschen an ihr Ziel – zunächst auch für Lyft, inzwischen nur noch für Uber, „um Konflikte zu vermeiden“. Über zehntausend Fahrten hat Daryoush allein für Uber absolviert und sie durchgerechnet. Um es kurz zu machen: Reich ist er damit nicht geworden. Aber der Job als Buchhalter langweile ihn so sehr, dass er lieber Leute durch die Gegend chauffiere. Außerdem kann er bei der Unterhaltung mit den Fahrgästen sein Englisch trainieren.

Es wird eng für den Uber-Chef

Die Mission glückt: Daryoush gelingt es, mich sogar fünf Minuten vor dem Termin in Culver City abzusetzen. Etwas Zeit, um auf dem Smartphone noch schnell zu prüfen, wie die Uber-Aktie abgeschlossen hatte. Nach den Quartalszahlen vom Montag war sie mal wieder auf Talfahrt gegangen.

Am Mittwoch ist nun die Haltefrist für Mitarbeiter und etliche Gesellschafter ausgelaufen. Es folgte ein neuer Tiefpunkt. Seit dem Börsengang im Mai hat Uber damit insgesamt 34 Milliarden Dollar an Börsenwert verloren, der Kurs ist um 43 Prozent abgesackt.

Von den bis zu 100 Milliarden Dollar, die dem einst wertvollsten Start-up der Welt noch im vergangenen Jahr an Wert zugeschrieben wurden, ist keine Rede mehr. Es wird eng für Firmenchef Dara Khosrowshahi, der aus Uber ein „Amazon der Mobilität“ formen will. Wenn schon die eigenen Mitarbeiter Zweifel zu haben scheinen, warum sollten dann normale Anleger seiner Strategie trauen? Ist Uber die Neuauflage von Alan Greenspans „irrational exuberance“, ein überbewertetes Zukunftsversprechen? Ein neues Pets.com, dem Symbol für die Auswüchse der Dot.com-Blase?

Nein. Denn es gibt große Unterschiede. Nicht zuletzt, weil Uber immer noch 12,7 Milliarden Dollar auf der hohen Kante hat und so selbst mit den gegenwärtigen Verlusten noch mehrere Jahre durchhalten könnte. Eine Blase ist es ebenfalls nicht, was auch die Geldgeber erkannt haben.

Eine Rückblende: Im Mai 2015 hatte ich die seltene Chance, George Roberts zu treffen. Roberts ist eine Legende unter Investoren. 1976 gründete er mit seinem Cousin Henry Kravis sowie Jerome Kohlberg das Beteiligungsunternehmen KKR, dessen Co-CEO er ist. Schon im Frühsommer 2015 war Uber der Star der sogenannten Unicorns, also Jungunternehmen, die mindestens eine Milliarde Dollar wert sind. 50 Milliarden waren es im Falle von Uber angeblich. Ich fragte Roberts damals, was er von Unicorns wie Uber und dem Zimmervermittler Airbnb halten würde. Roberts enthüllte, dass KKR tatsächlich in beide hätte investieren können. Er entschied sich dagegen, weil er keinen Weg sah, sein Investment zu vervielfachen. Heute muss er sich mit dieser Begründung darüber hinwegtrösten, mindestens bei Uber eine Chance verpasst zu haben. Beim Börsengang von Uber im Mai haben sich etliche der frühen Gesellschafter eine goldene Nase verdient.

Bemerkenswert war vor allem, dass Roberts schon 2015 partout keine Blase sehen wollte. „Die platzen, und es bleibt nichts übrig“. Uber und Airbnb aber würden weiter existieren, weil sie reale Geschäfte machen und ihre Kunden begeistert sind.

Mit anderen Worten: Uber löst ein echtes Problem. In Deutschland mag es anders sein, aber in seinem Kernmarkt USA bedient Uber einen großen Bedarf. Ich hätte am Dienstag in Los Angeles keine echte Alternative gehabt. Ein normales Taxi? Hier hätte ich erstmal die richtige Telefonnummer herausfinden, auch die Anfahrtszeit erst erfragen müssen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre ich laut Google mindestens 3 Stunden und 39 Minuten unterwegs gewesen – mit vier Mal umsteigen. In beiden Fällen wäre mein Termin wohl ausgefallen.

Auch ein Mietwagen machte keinen Sinn. Alleinfahrern steht die Carpool-Spur nicht offen und am Zielort hätte ich mindestens 15 Minuten nach einem Parkplatz suchen müssen. Zudem fehlt mir die Routine, um im aggressiven Berufsverkehr von Los Angeles den Spurwechsel um jeden Preis durchzudrücken.

Tafelsilber zum Verkauf

Uber ist echtes Geschäft. Das Unternehmen hat in diesem Jahr bislang für 36 Milliarden Dollar Fahrten vermittelt und dabei einen Umsatz von 7,5 Milliarden Dollar erzielt. Aber rechtfertigt das eine Bewertung, die nach dem Rutsch von Mittwoch immer noch bei 46 Milliarden Dollar liegt? Gründer wie Gunnar Froh von Wunder Mobility sind skeptisch. Froh kennt den Markt wie kaum ein anderer. Er offeriert einen Cloud-Dienst, mit dem Unternehmen ihren eigenen Mobilitätsservice aufsetzen können und hält das für viel lukrativer. Solche Dienste setzen zudem die Eintrittshürden weiter herunter. Oracle-Gründer Larry Ellison ätzte deshalb neulich, dass „Uber so gut wie wertlos“ sei.

Andererseits ist Uber bereits eine weltweit bekannte Marke. Ein Blick in die Bilanz zeigt, dass Khosrowshahi das eigentliche Kerngeschäft, den Fahrdienst, sofort profitabel machen könnte, wenn er die Investitionen in anderen Bereichen einstellt und diese veräußert. Tatsächlich hat sein Vorgänger Travis Kalanick, wenn es eng wurde, Teile verkauft. Darunter auch das Chinageschäft, das Investoren einst als Kronjuwel gepriesen wurde. Diesmal könnte Khosrowshahi seinen Essenlieferdienst Uber Eats verscherbeln. Aber ein Zurückfahren von Uber auf einen Fahrdienst würde die Vision vom „Amazon der Mobilität“ platzen lassen. Und den Uber-Chef dem Vorwurf aussetzen, dass er mit einem Verkauf des Dienstes an DoorDash seinem Hauptaktionär Softbank einen Gefallen tut, weil dieser auch am Erzkonkurrenten beteiligt ist.

Softbank-Chef Masayoshi Son, der am Mittwoch zum ersten Mal in 14 Jahren wegen hoher Wertberichtigungen einen Verlust bei der Vorlage der Quartalszahlen verkünden musste, kann gute Nachrichten gut gebrauchen. Sein Ruf als unfehlbarer Tech-Investor ist dahin, seit er seinen Schützling WeWork mit zusätzlichen 9,5 Milliarden Dollar vor dem Bankrott retten musste. Doch in der Kritik an Son geht unter, dass er damit nun auch die endgültige Kontrolle über WeWork hat, ebenfalls eine bekannte Marke.

Bei Uber könnte er sich nach dem Tiefstand vom Mittwoch relativ günstig eindecken und seinen Einfluss noch weiter ausbauen. Vielleicht dreht sich die Stimmung in der Weltwirtschaft in den nächsten Jahren und statt Wachstum um jeden Preis wird wieder stärker auf Gewinne geachtet.

Dann wäre ein Uber, das zwar langsamer wächst, aber ohne Geld zu verbrennen, attraktiver. „Es ist an der Zeit zu kaufen, wenn Blut in den Straßen fließt“, soll der Finanzier Baron Nathan Mayer Rothschild vor über zweihundert Jahren der (umstrittenen) Legende nach gesagt haben. Nachvollziehbar ist: Uber ist in diesem Jahr heftig zur Ader gelassen worden, wer nun einsteigt, könnte den Börsenkurs auf dem Weg zurück nach oben begleiten.

Oder – um es mit KKR-Co-Chef Roberts auf den Punkt zu bringen: Irgendwann kommt das Beben, und das Geld wird wieder umverteilt.

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