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Ermittlungen wegen Vertriebskartell Deutsche Telekom unter Verdacht

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Für Debitel ein Sechser im Lotto: In den verbleibenden zwei Monaten bis Ende 2007 verspricht T-Mobile „zusätzliche Ergebnischancen in Höhe von sechs Millionen Euro“ und „Kulanzen in Höhe von 10,25 Millionen Euro“ – zusammen also rund 16 Millionen Euro. Ein Teil der Zuwächse bei Debitels Gewinn im Geschäftsjahr 2007 ist auf diese zusätzlichen Einnahmen zurückzuführen.

Die Telekom teilte in einer offiziellen Stellungnahme mit, dass sie den Vorwurf des unlauteren Wettbewerbs sehr ernst nehme. Zu weiter gehenden Details wollte sie keine Stellung nehmen.

Die Begeisterung ist offenbar so groß, dass das Kartell schon wenige Tage später formell Konturen annimmt. Der Debitel-Vorstand trifft sich turnusgemäß am 8. November, und der designierte Vorstandsvorsitzende Oliver Steil nutzt die erste Sitzung nach seiner Ernennung, um seine Pläne vorzustellen. Steil plädiert für einen noch engeren Schulterschluss mit der Telekom. In einer „strategischen Charta“, die die WirtschaftsWoche bei einem Debitel-Manager einsehen konnte, schlägt Steil erstmals offiziell vor, die Unabhängigkeit von Debitel aufzugeben und „der Deutschen Telekom eine bevorzugte Vermarktung einzuräumen“. Konkret soll Debitel „einen überproportionalen Marktanteil der Telekom-Produkte anstreben“. Gleichzeitig empfiehlt sich Steil als „Primärpartner für die T-Punkte-Organisation“ und will „überproportional am T-Punkt-Wachstum“ teilnehmen. Soll heißen: Debitel will künftig mehr T-Shops eröffnen als die Telekom und damit zum Gelingen von Obermanns Verkaufsoffensive beitragen.

Richtig eng wird die Zusammenarbeit während der Übernahmeverhandlungen zwischen Freenet und Debitel im April 2008. Weil die dug-Shops hinter die Planvorgaben zurückfallen, schalten T-Mobile-Manager offenbar Sicherheitsvorkehrungen ab und ermöglichen den Händlern so nicht erlaubte Massenabfragen von Kundendaten, die zu Vertragsverlängerungen genutzt werden (siehe Kasten Seite 51).

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    Hürden aus dem Weg geräumt

    Die Kooperation geht so weit, dass der Telekom-Vorstand wenige Wochen später persönlich Hürden beim Verkauf von Debitel aus dem Weg räumt. Die Übernahmeverhandlungen mit Freenet wären in letzter Sekunde gescheitert, wenn die Telekom auf der Übernahme der ursprünglichen Sicherungsvereinbarung in Höhe von rund 100 Millionen Euro bestanden hätte. Diese Vereinbarung hatte T-Mobile mit Debitel Anfang der Neunzigerjahre abgeschlossen, um sich gegen Forderungsausfälle abzusichern. Als künftiger Eigner hätte Freenet eine Bankbürgschaft vorlegen müssen, um die Ausfallrisiken abzusichern. Doch damit tat sich die hoch verschuldete Freenet schwer. Denn der Kreditrahmen war längst ausgeschöpft.

    „Debitel und Freenet haben mit der Sicherungsvereinbarung ein großes Problem, dessen Lösung sie sich etwas kosten lassen würden“, heißt es in einer kurz vor Abschluss der Übernahmeverhandlungen am 21. April 2008 verfassten E-Mail eines Managers aus der Rechtsabteilung an T-Mobile-Chef Humm. „Wir sollten unser Risiko aus unseren Forderungen an einem hoch verschuldeten Freenet-Konzern nicht auf die leichte Schulter nehmen.“

    Ein anderer Manager pflichtet ihm bei: „Meines Erachtens ist das Risiko für uns zu hoch. Die Transaktion scheint nahezu das gesamte Eigenkapital der Debitel zu vernichten.“

    Humm wollte den Deal jedoch nicht scheitern lassen und modifizierte die Sicherungsvereinbarung so, dass Freenet keine Bankbürgschaft über 100 Millionen Euro mehr brauchte. Acht Wochen später verhandelte T-Mobile mit Freenet über die „Migration“ der wertvollsten Kunden. Freenet sollte sich für das Entgegenkommen offenbar erkenntlich zeigen.

    Neuer Verdacht

    Die „strategische Zusammenarbeit“ mit Freenet legte die Telekom erst ad acta, als die Protagonisten eines engeren Schulterschlusses mit der Deutschen Telekom – die Debitel-Vorstände Steil und Dittrich – ihre Posten bei Freenet im Herbst 2008 beziehungsweise im Frühjahr 2009 aufgaben. Als größter netzunabhängiger Anbieter, heißt es bei Freenet, achte man inzwischen wieder verstärkt darauf, keinen Netzbetreiber bevorzugt zu bedienen.

    Telekom-Manager hegen noch einen weiteren Verdacht. „Vielleicht sind ja schon in dieser Nacht Absprachen über den späteren Verkauf des Online-Dienstleisters Strato getroffen worden“, vermutet ein Insider. Klar war schon damals, dass Freenet den Schuldenstand verringern und einige Tochtergesellschaften verkaufen musste. Als Perle galt die in Berlin ansässige Strato, die Web-Dienste für Privatleute und Kleingewerbetreibende anbietet.

    Freenet-Chef Christoph Vilanek hat Strato dann im November 2009 für 275 Millionen Euro an die Telekom verkauft – Konkurrent United Internet hatte ein genauso hohes Angebot abgegeben.

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