Zollkrieg: Der künstlich billige Yuan ist unser aller Problem

Eigentlich ist es eine positive Nachricht: Eine EU-Delegation in Peking soll kurz vor einer Einigung stehen. So soll über eine Abschaffung der im vergangenen Jahr verhängten Zölle gegen chinesische Elektro-Autos verhandelt werden. Zölle, das lässt sich so pauschal sagen, schaden allen Beteiligten. Und doch sollte auch Brüssel nicht das große Bild außer Augen lassen: China spielt unfair, und das seit Jahrzehnten. Mit diesem Ausschnitt aus seinem Potpourri an Behauptungen liegt US-Präsident Donald Trump völlig richtig.
90 Tage, so lange will Trump die Zölle gegen alle Länder außer China nun aussetzen. Man kann davon ausgehen, dass er diese Zeit nutzen wird, um eine Allianz gegen die zweitgrößte Volkswirtschaft zu schmieden. Und Europa täte, bei allem berechtigten Frust über die Willkür und Wankelmütigkeit der derzeitigen US-Politik, gut daran, sich dieser Allianz anzuschließen.
Dollar-Recycling
Spätestens seit dem Beitritt der Volksrepublik China zur Welthandelsorganisation 2001 galt folgender Mechanismus: China produziert günstige Waren und verkaufte diese in die USA. Die Vereinigten Staaten hatten im Gegenzug nur wenige Güter anzubieten. Das Handelsdefizit erreichte im Jahr 2018 mit 419,2 Milliarden US-Dollar seinen Höhepunkt. Gemäß der reinen Lehre würde ein solches Defizit über die Währung ausgeglichen werden: Die Nachfrage nach chinesischen Produkten hätte eine Aufwertung der chinesischen Währung zur Folge gehabt. Damit wären diese vergleichsweise teurer geworden, bis sich das System selbst ausbalanciert hätte.
Dazu kann es aber bis heute nicht kommen, da die chinesische Währung nicht frei handelbar ist. China akzeptierte für seine Waren amerikanische US-Dollars und investierte einen Großteil davon in amerikanische Staatsanleihen. Damit half es mit, die Zinsen für die Schuldverschreibungen niedrig zu halten. Auf dem Höhepunkt im Jahr 2013 hielt Peking 1,3 Billionen US-Dollar in Staatsanleihen. Eigentlich eine Win-Win-Situation - zumindest für einige Zeit, in der es nur wenige geopolitischen Spannungen gab.
Seit 2018 aber hat Peking begonnen, seine Bestände an amerikanischen Staatsanleihen stark zu reduzieren. Die Exportüberschüsse werden neuerdings vor allem in Gold investiert. Damit kippt der eine Teil des ungeschriebenen Deals, während der andere weiter voll intakt ist. In den zwei Jahrzehnten zuvor nämlich hatte die künstlich niedrige chinesische Währung längst die Produktionsbasis der USA ausgehöhlt.
Gleichzeitig hat das Doppel-Defizit in den USA einen Punkt erreicht, der nicht mehr tragbar ist: Erstmals übertreffen dieses Jahr die Zinszahlungen der USA den Verteidigungsetat.
Historische Blaupause Japan
Etwas also muss aus amerikanischer Sicht gesehen. Peking muss an den Verhandlungstisch gezwungen werden, um den Yuan entweder frei handelbar zu machen, oder ihn zumindest in einem kontrollierten Rahmen aufzuwerten. Beides würde chinesische Exporte schlagartig verteuern. Dass das möglich ist, zeigt das Beispiel Japans 1985. Damals überschwemmten japanische Produkte den amerikanischen Markt. Man einigte sich im Plaza-Accord auf eine Aufwertung des japanischen Yen.
Damit dieses Ziel erreicht werden kann, wird die neue US-Administration in den kommenden drei Monaten alles versuchen, um Verbündete zu locken und ihnen zu drohen. Einen Vorgeschmack dessen war die Drohung von Finanzminister Scott Bessent, Aktien von chinesischen Unternehmen an der New Yorker Börse vom Handel auszusetzen. Dazu gehören Schwergewichte wie Alibaba und Tencent. Peking verbannt unterdessen Hollywood-Filme und gibt sich als Freihandelskämpfer, der es nie war.
Bis zu einer nachhaltigen Einigung zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt kann noch viel Zeit vergehen. Die EU aber sollte sich der eigentlichen Problematik bewusst sein, bevor sie vorschnell Abkommen mit Peking schließt. Die unfaire Abwertung des chinesischen Yuan zu beenden, ist eine einmalige historische Chance, für Europa im Zweifel sogar noch viel mehr als für die USA: Hier nämlich existiert die Industriebasis noch, die deshalb im Zweifel auch als erste von einer besseren Wettbewerbsfähigkeit profitieren würde - genauso wie am Ende übrigens auch die chinesische Bevölkerung, deren Kaufkraft stiege.