Ikea: „An unserer Philosophie wird sich nichts ändern“
Ikea hat die größte Marktmacht in Europas Möbelindustrie.
Foto: REUTERSIkea-Deutschland-Chef: „Als Unternehmer arbeitet man für die Ewigkeit“
Lange lief das Geschäft mit Küchen und anderen Möbeln in Deutschland gut. Auch in der Coronapandemie, als viele Familien ihr Geld nicht für die Urlaubsreise ausgaben – aber für neue Möbel. Viele Unternehmen überboten sich seiner Zeit mit Rekordumsätzen. Gute Jahre aber waren es für die Hersteller deshalb nicht zwangsläufig: „Die Branche hat gute Umsätze gemacht, aber nicht immer gut verdient“, sagt Jan Kurth, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie (VDM). Am Ende fraßen höhere Kosten die Marge wieder auf.
Mit Beginn des Ukrainekriegs kam die Branche dann endgültig in Schwierigkeiten. Gestiegene Rohstoff- und Energiepreise, gestörte Lieferketten. Aus Angst vor den hohen Kosten hielten sich Verbraucher bei Investitionen zurück, auch beim Kauf von Küchen und Möbeln. Laut VDM sank der Umsatz 2023 im Vergleich zum Vorjahr um 4,3 Prozent auf etwa 18 Milliarden Euro. Auch für 2024 ging die Branche nicht von Wachstum aus.
Es wurde sogar noch schlimmer. Hersteller vermeldeten Kurzarbeit, sinkende Auftragslagen oder sogar Insolvenzen. Im ersten Quartal 2024 stieg das Umsatzminus um weitere 13 Prozent.
Schock zum Jahresstart
Zum Jahreswechsel 2025 dann ging ein weiteres Raunen durch die Branche: Der österreichische Möbelriese XXXLutz will die Porta-Gruppe mit ihren rund 140 Standorten in Deutschland, Tschechien und der Slowakei übernehmen. Die Übernahme soll der nächste Schritt sein für die wachstumshungrigen Österreicher – für alle anderen im Markt macht es die eh schon komplizierte Ertragslage wohl noch unerfreulicher.
Nicht wenige Hersteller fühlten sich Anfang Januar erpresst von der Marktmacht. Auch der VDM zeigte sich alarmiert. Durch die Übernahme befürchte man „eine Konzentration, die nicht nur gefährlich für die Hersteller, sondern ebenfalls bedenklich für die Vielfalt im Möbelhandel“ werden könne. Auch die „Preisgestaltungsmacht“ gegenüber Möbelkäufern nehme durch die Fusion zu.
Ikea fährt zweitbestes Ergebnis in Deutschland ein
Nur einen lassen die Turbulenzen bislang völlig unberührt: Branchenprimus Ikea. Zumindest auf den ersten Blick. So erzielte das Unternehmen im vergangenen Jahr das zweitstärkste Ergebnis seiner seit 1974 andauernden Geschichte in Deutschland. Ikea konnte die Sechs-Milliarden-Euro-Umsatzmarke verteidigen – ist also in etwa so groß wie das gesamte XXXLutz-Reich in 14 Ländern (wenn auch ohne Porta).
Zudem konnte Ikea seinen Online-Umsatz um drei Prozent auf über 1,4 Milliarden Euro anheben. Der Online-Verkauf macht nun über ein Viertel des Gesamtumsatzes aus. Auch die Besucherzahlen blieben hoch, sowohl online als auch im stationären Handel. Die Webseite besuchten über 250 Millionen Besucher (+ 15 Prozent), in die Einrichtungshäuser schlenderten im vergangenen Geschäftsjahr fast 80 Millionen Menschen (- 2,9 Prozent).
Die Möbelbranche soll wieder wachsen
Trotzdem heißt es aus dem Unternehmen: „Das Geschäftsjahr war von einer herausfordernden wirtschaftlichen Lage in Deutschland geprägt: Hohe Inflation, steigende Zinsen und eine gedämpfte Konsumnachfrage sorgten für ein herausforderndes Geschäftsumfeld.“ Zu spüren bekamen das die Kunden auch damit, dass die Preise deutlich erhöht wurden, teilweise um mehr als 100 Prozent.
Und die Zeiten dürften nicht einfacher werden, wie Ikea-Deutschlandchef Walter Kadnar im WirtschaftsWoche-Podcast „Chefgespräch“ einräumt. Auch im Jahr 2025 schaue er auf einen gestressten Markt. „Der Möbelmarkt ist geschrumpft, er hat verloren nach den Covid-Jahren, in denen Leute große Investitionen getätigt haben“, so Kadnar. „Unsere Aufgabe ist es, den Kuchen wieder größer zu machen und nicht nur ein größeres Stück abzubekommen.“
Ikea-Deutschlandchef Walter Kadnar kann zufrieden sein: Ikea erzielte im vergangenen Jahr das zweitstärkste Ergebnis seiner seit 1974 andauernden Geschichte in Deutschland.
Foto: PRDennoch sei er glücklich, in einem Unternehmen zu sein, das in die Zukunft blickt und einen langfristigen Ansatz hat – und sich und seinen Prinzipien dabei treu bleibe. „Wir wollen weiter für die vielen Menschen da sein – wir haben die Philosophie, den Menschen mit kleinem Geldbeutel zu helfen, und daran wird sich auch nicht ändern, auch nicht in der Herstellung“, sagt er.
Secondhand-Geschäft wird wichtiger
Ikea setzt zunehmend auch neue Kanäle, statt nur auf den stationären Handel. „Omni-Channel ist das Nonplusultra“, sagt Kadnar. Schon heute erwirtschafte Ikea in Deutschland ein Viertel seines Umsatzes online. „Und der Online-Handel hat noch mehr Potential – auch wenn der stationäre Handel noch immer ein Schwergewicht ist“, sagte der Ikea-Chef im WiWo-Podcast.
Um noch mehr Verkaufskanäle zu bedienen und die großen, blauen, oft am Stadtrand platzierten Möbelhäuser zu ergänzen, setzt Ikea seit einigen Jahren auch auf sogenannte Planungsstudios. Kleinere Läden, meist in Innenstädten, die zusätzliche Kunden anziehen sollen. Derlei Läden eröffnete der Konzern etwa in Berlin, München, Stuttgart oder Köln. Aber auch in Spanien, den USA, Frankreich oder Serbien. Eines dieser Planungsstudios hat Ikea kürzlich allerdings schon wieder aufgegeben: Die Filiale in Potsdam soll im Spätsommer schließen, zumindest in seiner aktuellen Form.
Der Wandel der Branche zeige sich auch in der wachsenden Bedeutung des Secondhand-Geschäfts mit den Möbeln. „Bei Ikea haben im vergangenen Jahr 4,5 Millionen Menschen unseren Zweite-Chance-Markt wahrgenommen“, sagt Kadnar. Hier können Kunden Möbel zurückbringen und erhalten eine Guthabenkarte für das Einrichtungshaus. Die alten Möbel sollen auf dem Zweite-Chance-Markt erneut verkauft werden.
„Wir wissen, dass der Einrichtungsmarkt im Secondhandbereich in Deutschland bei ungefähr zwei Milliarden Euro liegt“, sagt Kadnar. „Die Hälfte davon sind Möbel, der Rest Accessoires – und ungefähr zehn Prozent schon heute Ikea-Produkte.“ Und beim Wandel zu mehr Nachhaltigkeit sieht der Deutschlandchef eine große Chance für die Möbelbranche in diesem Jahrzehnt: „Was der Umwelt und den Menschen hilft, hilft am Ende auch dem Business.“
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