WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Schnelllieferdienst Getir Was das wertvollste Start-up der Türkei in Deutschland vorhat

Lebensmittel-Onöinehändler Getir Quelle: Getir

Der Wettstreit unter den 10-Minuten-Lieferdiensten heizt sich weiter auf: Gorillas Vorbild Getir ist nun auch nach Deutschland gekommen – und will zur Nummer eins aufsteigen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

achDas Versprechen ist groß: „Wir liefern Lebensmittel in Minuten“, heißt es bei Getir. Es ist eine Kampfansage an Gorillas, Flink. Picnic und Co., also jene blitzschnellen Lebensmittel-Lieferdienste, die bereits jetzt um die Gunst der deutschen Kunden wetteifern. Getir, was aus dem Türkischen übersetzt so viel heißt wie „bring“, will nun auch in Deutschland Fuß fassen. Seit Juni liefert Getir in Berlin aus – weitere Städte sollen folgen. Im Angebot: 1500 Produkte – Fleisch, Snacks, Obst, Gemüse, Tiernahrung, Windeln. Geliefert wird in eigens entwickelten, auffällig violetten E-Bikes und E-Scootern.

Der in Deutschland noch unbekannte Lieferdienst ist tatsächlich eine kleine Macht – mit Erfahrung. Seit 2015 liefert das türkische Start-up Lebensmittel innerhalb von zehn Minuten im Heimatland aus. Die Liefer-App ist derzeit in dreißig Städten in der Türkei verfügbar, darunter in Istanbul und Ankara. Nun breitet sich das Start-up über die türkischen Grenzen hinaus aus: Seit Ende Januar ist es in London, seit Mai in Amsterdam – und seit Juni in Paris und Berlin. Getir geht hin, wo das Wachstumspotenzial groß scheint. „Der UK-Markt ist im Bereich E-Food reifer, zumindest was die Metropolregionen betrifft“, sagt Lars Hofacker, Forschungsbereich-Leiter E-Commerce im Handelsforschungsinstitut EHI. Und in Frankreich seien die stationären Stores häufig größer, wodurch Click & Collect oder Heimlieferung einen größeren Nutzen bringe. Das Unternehmen traut sich aber noch mehr Wachstum zu: Es hat angekündigt, im vierten Quartal in den US-Markt einzusteigen.

Nachfrage nach Lebensmittel-Onlinehandel verdoppelt

Und wie stehen die Chancen in Deutschland? Getir kommt spät, aber vielleicht gerade richtig: Seit Beginn der Coronakrise etablierte sich der Onlinehandel von Lebensmitteln. Das bestätigen aktuelle Zahlen vom Bundesverband für E-Commerce und Versandhandel (BEVH), für die deutsche Verbraucher zu ihren Konsumgewohnheiten befragt wurden. Der Online-Umsatz erhöhte sich demnach im Vergleich zum Vorjahr von 4,9 Milliarden Euro auf 6,89 Milliarden Euro. Das Wachstum ist mit 40,9 Prozent satt. Und das, obwohl Supermärkte und Drogerien immer geöffnet waren.

Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) hat in einer Erhebung festgestellt, dass sich die Zahl derer, die Lebensmittel im Netz bestellen, in der Pandemie verdoppelt hat.

Eines der wertvollsten Start-ups der Türkei

Von dem Aufschwung der schnellen Lebensmittellieferdienste profitiert auch Getir. Investoren finden Gefallen an dem türkischen Start-up: Bei der ersten Finanzierungsrunde, die Anfang vergangenen Jahres abgeschlossen wurde – also vor Beginn der Coronapandemie – nahm Getir rund 38 Millionen US-Dollar ein. Anfang Januar diesen Jahres erhielt der Händler nun eine weitere Finanzspritze in Höhe von 128 Millionen US-Dollar und im Juni folgte die dritte Finanzierungsrunde von insgesamt 550 Millionen US-Dollar. Sie brachte dem Unternehmen eine Bewertung von aktuell 7,5 Milliarden US-Dollar ein. Damit gehört das Unternehmen zu den wertvollsten Start-ups der Türkei.

Getir setzt auf ein Franchise-Modell

Für Konsumenten in Deutschland ist es zunächst nur in ausgewählten Stadtteilen Berlins möglich, Lebensmittel über die Getir-App zu bestellen. Der Onlinehändler will sein Geschäftsmodell mit einem Mix aus eigenen und Franchise-geführten Filialen deutschlandweit ausbauen, bestätigt der Deutschlandchef Tobias Brühne. Heißt: Manch ein Einzelhändler wird künftig die Lizenz erwerben, um Waren unter der Marke Getir ausliefern zu können. So ließe sich auch die Expansion vorantreiben. „Franchise-Modelle können vor allem dort Sinn ergeben, wo eine gemeinsame Plattform für die Online-Präsenz genutzt wird und ein Franchise-Nehmer dann vor Ort den Service für den Kunden anbietet“, sagt der Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder. Mit dem Modell unterscheidet sich der türkische Express-Lebensmittel-Lieferdienst von der Konkurrenz.

Tobias Brühne Quelle: Getir

Getir-Deutschlandchef Brühne sieht aber noch einen Punkt, in dem sich das Unternehmen von der Konkurrenz Gorillas, Flink Get Faster und Co. unterscheidet: Das Tech-Unternehmen sei der Pionier der ultraschnellen Lebensmittel-Lieferung und habe durch das Geschäft in der Türkei bereits mehr Kundenerfahrung. Das engverzahnte System, die Tech-Infrastruktur sowie das professionelle Equipment der Fahrer könne ein großer Vorteil sein. Dass die Konkurrenz schon seit Monaten in Deutschland ausliefert, sieht Brühne zumindest nicht als Nachteil: „Die anderen Anbieter wie Gorillas helfen uns, das Konzept bekannt zu machen“, sagt er.

Und tatsächlich: Das Berliner Unternehmen hat das Konzept vergangenes Jahr nach Deutschland gebracht, macht aber keinen Hehl daraus, woher die Idee stammt. Gorillas-Chef Kagan Sümer nannte Getir im Podcast-Interview mit Philipp Westermeyer, Chef der Plattform Online Marketing Rockstars (OMR), als Inspirationsquelle. „Getir ist das einstige Vorbild einiger Quick-Commerce-Anbieter“, sagt auch EHI-Experte Lars Hofacker über das Beziehungsgeflecht der schnellen Lieferdienste.

Noch keine Kooperationen mit Supermarktketten

Bleibt die Frage, ob das Vorbild Getir auch in Deutschland groß rauskommen – und erstmal bekanntwerden kann. Kooperationen mit großen Supermarktketten helfen nämlich der Konkurrenz, sich auf dem Markt auszubreiten. So hat der Konkurrent Flink beispielsweise zuletzt Rewe als starken Partner aus dem Lebensmittelhandel ins Boot geholt. Auch für Getir sind nach Angaben von Deutschlandchef Brühne formalisierte Sourcing-Kooperationen, also der gemeinsame Wareneinkauf durch mehrere Unternehmen, angedacht. Bisher arbeitet der Express-Lebensmittel-Lieferservice jedoch mit den Herstellern und Großhändlern direkt zusammen: „In Deutschland gibt es eine Mischung aus europäischem Zentraleinkauf, deutschen Großhändlern und lokal beliebten Produkten, die wir direkt beziehen“.

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


 Was heute wichtig ist, lesen Sie hier


An Selbstvertrauen mangelt es jedenfalls nicht. Getir-Gründer Nazim Salur macht da klare Ansagen: Getir soll sich als Marktführer in der Branche präsentieren. „Wir sehen hier großes Potential mit unserer innovativen Technologie und unserem erstklassigen Service begeisterte Kunden zu gewinnen, sagt er. Doch so viel ist sicher: Gorillas, Flink, Picnic, Get Faster und Co. haben bereits einen festen Stellenwert auf dem deutschen Markt. Getir hingegen muss ihn sich erst noch verdienen.

Mehr zum Thema: Lieferung in 10 Minuten? Peppen Sie Ihr Leben mit einer Lebensmittel-Bestellung bei Gorillas auf: Mit Stoppuhr und erhöhtem Puls hat unser Kolumnist es getestet.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%