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Schwarze Liste der USA Zwangsarbeit-Vorwürfe gegen chinesischen Hugo-Boss-Zulieferer

Hugo-Boss-Unterhose Quelle: REUTERS

Die USA setzen einen chinesischen Textilzulieferer auf eine schwarze Liste wegen des Verdachts der Zwangsarbeit. Zu dessen Abnehmern zählt auch Hugo Boss. Die Chinesen wie auch Hugo Boss weisen die Vorwürfe zurück.

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Als das US-Handelsministerium vor wenigen Tagen elf weitere chinesische Unternehmen wegen Unterdrückung muslimischer Minderheiten auf eine schwarze Liste setzte (die sogenannte „entity-list“), sorgte das auch im baden-württembergischen Metzingen für eine gewisse Unruhe. Die neuerdings gebrandmarkten chinesischen Unternehmen, erklärte US-Handelsminister Wilbur Ross, seien an Menschenrechtsverletzungen an Uiguren und anderen muslimische Minderheiten in der Region Xinjiang beteiligt. In Xinjiang, im Nordwesten Chinas, werden religiöse Minderheiten wie die muslimischen Uiguren systematisch unterdrückt.

Jene US-Liste enthielt zuvor bereits 37 chinesische Unternehmen – nicht alle aus denselben Gründen; größte Aufmerksamkeit erlangten etwa die US-Sanktionen gegen das chinesische Technikunternehmen Huawei wegen angeblicher Bedrohung der nationalen Sicherheit.

Die Verbindung nach Metzingen ergibt sich nun durch eines der neu hinzugefügten Unternehmen: die Changji Esquel Textile. Die Firma ist ein Subunternehmen der Hongkonger Esquel Group (Umsatz: rund 1,3 Milliarden US-Dollar), einem der größten Textilhersteller der Welt. Diese Esquel-Tochterfirma beliefert zahlreiche namhafte Textilhersteller – darunter auch Hugo Boss.

Unternehmen auf der schwarzen Liste der USA können ohne Genehmigung der US-Regierung keine Komponenten von amerikanischen Unternehmen beziehen. US-Firmen dürfen zwar theoretisch weiterhin Produkte jener Unternehmen kaufen. „In der Praxis“, schreibt die „New York Times“, „ist es jedoch unwahrscheinlich, dass große internationale Marken weiterhin Geschäfte mit einer Firma machen, die auf einer Regierungsliste wegen Zwangsarbeit oder anderen Missbräuchen in Xinjiang aufgeführt ist.“

Ist das also nun auch ein Problem für Hugo Boss? Der MDax-Konzern (Umsatz: 2,9 Milliarden Euro) erklärt auf WirtschaftsWoche-Anfrage: „Hugo Boss pflegt mit der Esquel-Gruppe eine langjährige und vertrauensvolle Geschäftsbeziehung. Grundsätzlich liegt den Lieferantenbeziehungen bei Hugo Boss die Einhaltung unseres Lieferantenverhaltenskodex zugrunde, der unter anderem die strikte Einhaltung der Menschenrechte einschließlich des Verbots von Zwangsarbeit beinhaltet.“ Die Esquel-Gruppe und auch ihre Tochterfirmen, teilt Hugo Boss mit, würden regelmäßig überprüft, auch von anderen Abnehmern, und wiesen „keine Auffälligkeiten“ auf.

China ist der größte Baumwollproduzent der Welt

China ist der weltgrößte Baumwollproduzent. Und rund 84 Prozent der chinesischen Baumwolle stammen laut der englischen Zeitung „Guardian“ aus der Region Xinjiang. Zu den Abnehmern von Esquel zählen auch andere internationale Modehersteller wie Ralph Lauren und Tommy Hilfiger. Beide Bekleidungskonzerne sehen sich nun zusätzlich an den Pranger gestellt von der Menschenrechtskoalition Uyghur Human Rights Project, die am Donnerstag einen Appell veröffentlichte und mehrere Dutzend Bekleidungsmarken und Händler namentlich dazu auffordert, „den Einsatz von Zwangsarbeit in der Autonomen Region Xinjiang“ zu beenden. Und bereits im März hatte eine Studie des Australian Strategic Policy Institute Zwangsarbeit von Uiguren in chinesischen Arbeitslagern offengelegt und in diesem Zusammenhang auch deutsche Firmen genannt (unter anderem Volkswagen, Daimler, Porsche, Puma, Adidas), die daraufhin teilweise Untersuchungen ankündigten.

Hugo Boss und Esquel stehen nicht auf diesen Listen. Dennoch ist unschwer erkennbar, dass viel auf dem Spiel steht. Und die Lage ist kompliziert. Denn: Beweise für die harten Anschuldigungen lieferte das US-Handelsministerium nicht, was Esquel-Chef John Cheh verständlicherweise erzürnte. In einem auf der Unternehmenswebseite veröffentlichten Brief schrieb er, er sei „zutiefst beleidigt“ über die Entscheidung der USA: „Wir haben absolut keine Zwangsarbeit in unserem Unternehmen eingesetzt und werden dies auch niemals tun.“ Niemand habe im Vorfeld der Listung mit ihm oder einem Esquel-Mitarbeiter gesprochen. Für Beobachter ist auch auffällig, dass sich US-Sanktionen gegen China erst nach dem Zustandekommen des gemeinsamen Handelsabkommen Mitte Januar häufen. „Seitdem ist die Trump-Administration China gegenüber kritischer geworden“, bemerkt die „New York Times“ und sieht in der neuerlichen Listung der elf chinesischen Unternehmen den „jüngsten Schritt in der Kampagne der Regierung, chinesischen Unternehmen den Kauf von Produkten amerikanischer Firmen zu untersagen“.

Das „Wall Street Journal“ hatte hingegen im Mai vergangenen Jahres berichtet, dass Esquel drei Spinnereien in Chinas nordwestlicher Region Xinjiang errichtet und mindestens 34 uigurische Arbeiter aufgenommen habe. Konzernchef Cheh entgegnet, es gebe „keine Beweise zur Untermauerung der gegen uns erhobenen Vorwürfe über den Einsatz von Zwangsarbeit“. „Eine weltweit führende Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die zuletzt 2019 zu CJE (Changji Esquel Textile) kam, bestätigte, dass wir keine Zwangsarbeit einsetzen, und im Laufe der Jahre haben viele internationale Gruppen und Kunden den Standort mit positiven Berichten besucht.“

Esquel liefert für Hugo Boss T-Shirts und Polo-Hemden

Für Deutschlands Vorzeige-Herrenschneider Hugo Boss steht zu befürchten, durch die Aktion der USA ins Fahrwasser einer rufschädigenden Diskussion zu geraten. Denn mit Esquel arbeiten die Metzinger nach eigenen Angaben bereits seit rund zwanzig Jahren zusammen. Die Chinesen beliefern Hugo Boss aktuell vor allem mit T-Shirts, Polos und Sweatshirts sowie sogenannter Loungewear.

Hugo Boss teilte mit, man habe Esquel nun im Zuge der Listung neuerlich kontaktiert und „die Vorwürfe entsprechend adressiert und die Bedeutung der in unserem Lieferantenverhaltenskodex niedergeschriebenen Standards – wie etwa die Gleichbehandlung aller Mitarbeiter – betont“. Esquel habe versichert, „dass alle Vorgaben und Standards im Rahmen unserer Geschäftsbeziehung eingehalten wurden und werden“. Darüber hinaus garantiere Esquel, „dass alle Standorte weltweit Regeln und Beschäftigungsbedingungen einhalten, die die Mitarbeiter respektieren und ihre Rechte im Rahmen der geltenden Arbeits- und Sozialversicherungsgesetze und -vorschriften schützen“.

Je nach dem, wie lange noch Unklarheiten in der Sache bestehen, könnte das Thema auch den zukünftigen Hugo-Boss-Chef noch beschäftigen: Daniel Grieder wird zum Juni 2021 neuer Chef in Metzingen. Der 58-Jährige kommt von: Tommy Hilfiger.

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