UhrenWoche: Welcher Uhrensammler traut sich?

Der Mythos vieler mechanischer Uhren basiert im Kern auf der Sehnsucht nach dem Perpetuum mobile – der ewig arbeitenden Maschine. Zwar sind auch die besten mechanischen Armbanduhren mit Automatikaufzug noch kein solches Gerät, denn es kann sie rein physikalisch nicht geben, aber zumindest ist die Schweizer Uhrenindustrie, was die Reparierbarkeit ihrer Zeitmesser angeht, nah dran: Mechanische Uhren sind wohl die einzigen Maschinen, die seit Jahrhunderten ununterbrochen repariert werden – was sie als generationsübergreifendes Sammelobjekt so wertvoll macht.
Einzige Voraussetzung: Die Handwerker kommender Generationen müssen jeweils in der Lage sein, die Materialien und Handwerkstechniken zu beherrschen, um Zahnräder, Zeiger und Zifferblätter wieder instand zu setzen. Entscheidendes Bauteil bleibt jedoch das Herz der Uhr – die Spiralfeder. Und genau hier könnte es in Zukunft zum Bruch mit der Vergangenheit kommen. Sind Siliziumbauteile oder Kohlenstoff wirklich für die Ewigkeit gemacht?
Die Geschichte der modernen mechanischen Uhr beginnt vor genau 350 Jahren: 1675 kombinierte der Niederländer Christiaan Huygens erstmals ein Unruhrad mit einer Spiralfeder – einer haarähnlichen Spirale, die im Herzen des Regulierorgans eines Uhrwerks oszilliert. Herkömmliche Spiralen bestehen bislang aus Eisen-Nickel-Legierungen, die bekannteste heißt Nivarox.
Kaum einen Zentimeter im Durchmesser messen diese Unruhspiralen. In mehrfacher Hinsicht handelt es sich um ein strategisches Bauteil: Die Herstellung ist komplex und wird nur von wenigen Unternehmen beherrscht. Firmen wie das deutsche Unternehmen A. Lange & Söhne, Rolex oder Patek Philippe verkaufen das als Mehrwert an ihre Kunden, weil die Werke auf diese empfindlichen Bauteile abgestimmt sind und dadurch besser funktionieren.
Doch seit Anfang des Jahrtausends herrscht Aufbruchstimmung. Ausgerechnet Silizium revolutioniert die traditionelle Uhrmacherei – jenes Material, das Smartwatches antreibt und aus dem Computerchips bestehen. Das geht Sammlern, die von Hand veredelte Uhrwerke lieben, schon mal gegen den Strich. Aus der Halbleiterindustrie entlehnt, weist es aber bemerkenswerte Eigenschaften auf, die die Fertigung von Spiralen ermöglichen, welche jene aus Metalllegierungen weit übertreffen.
Ein Konsortium großer Namen der Industrie entwickelte die Technologie zur Serienreife: Rolex, Patek Philippe und die Swatch Group gehören dazu – neben dem eigentlichen Pionier, der unabhängigen Manufaktur Ulysse Nardin.
Sie alle verfügen heute über Hightech-Uhrwerke: Patek Philippe startete 2006 mit der Spiromax-Unruhspirale, die Swatch Group stellte im selben Jahr bei Breguet ein erstes Modell damit vor, bevor die Technologie auch bei anderen Konzernmarken Anwendung fand. Bei Rolex wiederum wurde die sogenannte Syloxi-Spirale 2014 im Kaliber 2236 vorgestellt – dem ersten einer neuen Generation von Rolex-Uhrwerken, das vor allem in der Lady-Datejust verwendet wird.
Wie ich in einer älteren Kolumne beschrieb, besteht bei der dieses Frühjahr vorgestellten Land-Dweller von Rolex bereits das gesamte Hemmungssystem aus Silizium und darf als bisheriger Höhepunkt der Entwicklung gelten.
Der Haken an der Sache: Siliziumspiralen werden nur von den wenigen Unternehmen verwendet, die die Technologie zu Beginn des Jahrtausends – im Jahr 2002 – patentiert hatten. Zudem haben diese Firmen seitdem weitere Patente in diesem Bereich angemeldet – etwa zu speziellen Fertigungsprozessen, Geometrien oder Befestigungsmethoden der Spirale –, sodass sich neue Akteure buchstäblich in ein juristisches Minenfeld begeben müssten, um Vergleichbares zu entwickeln.
Das kann TAG Heuer, Tochter des Luxusgüterkonzerns LVMH, natürlich nicht gefallen. Unter Hochdruck hat man in den letzten zehn Jahren eine mindestens ebenso revolutionäre Alternative entwickelt, um unabhängig zu bleiben. Auf den Geneva Watch Days stellte man die TH-Carbonspring vor, die erste Spiralfeder der Welt aus Kohlefaser. Ab Dezember wird sie in zwei Ikonen des Hauses verfügbar sein – der Monaco und der Carrera.
Die Entwicklung war teuer und dauerte fast eine Dekade. Ironie der Geschichte: Zum erfolgreichen Abschluss gebracht hat das Projekt ausgerechnet ein ehemaliger Rolex-Mitarbeiter – Emmanuel Dupas, heute Direktor des hauseigenen Forschungsinstituts. Er war mehr als 20 Jahre bei Rolex tätig, wo er zahlreiche Innovationen entwickelte. Sieben Jahre lang verantwortete er bei Rolex den gesamten Bereich der Uhrwerke, bis er am 1. Januar 2021 als Forschungsleiter zu TAG Heuer kam. Dort leitet er seither ein Team von 35 Experten, Wissenschaftlern und Uhrmachern, die sich um neue Materialien und Technologien kümmern.
Trotz überzeugender Uhren dürften Sammler nicht ohne Grund skeptisch sein. Sie werden sich an die ersten Gehversuche erinnern: Schon vor seinem Amtsantritt hatte TAG Heuer erste Prototypen bereits 2019 mit einer neuen Kohlenstoffspiralfeder in der Carrera Heuer 02T Nanograph Tourbillon vorgestellt. Sie sollte die Robustheit und Präzision der neuen Feder in einem komplexen Werk unter Beweis stellen.
Im selben Jahr versuchte TAG Heuer mit der Autavia Isograph Chronometer, die auf einem Sellita-basierten Kaliber 5 aufbaute, die Technologie in die Serienproduktion zu bringen. Fertigungsschwierigkeiten allerdings führten dazu, dass man wieder auf klassische Spiralen zurückgriff. 2021 stellte man dann mit der Carbon Monaco für die Only Watch-Auktion einen Heuer-02-Chronographen mit der ersten weiterentwickelten Carbon-Spiralfeder vor.
Nun ist das neue Kohlefaser-Herz serienreif. Es wird in-house bei TAG Heuer in gleichbleibender Qualität produziert; vier Patente schützen den Prozess. Damit ist TAG Heuer nicht länger auf patentgeschütztes Silizium angewiesen.
Die neue Spirale bringt drei entscheidende Verbesserungen:
- Alltägliche Magnetfelder beeinflussen die Spirale nicht mehr – eine häufige Ursache von Gangabweichungen entfällt.
- In Labortests, bei denen Stahl sich verbiegt und Silizium bei Erschütterungen von bis zu 5000 g bricht, bleibt die Carbon-Spirale intakt.
- Geringe Masse: Sie ist leichter als Silizium, reduziert die Trägheit und verbessert Isochronismus sowie Stabilität in vertikalen Lagen.
Zudem hat TAG Heuer die Porosität des Materials minimiert, um eine mögliche Beeinflussung durch Luftfeuchtigkeit zu verhindern. Denn im Gegensatz zu Metall oder Silizium wird die TH-Carbonspring durch ein chemisches Aufdampfverfahren – die sogenannten Chemical Vapour Deposition (CVD) – gebildet. Dabei werden Carbon-Nanoröhren gezüchtet und anschließend mit amorphem Kohlenstoff versetzt, um die Struktur zu stabilisieren. Das Ergebnis ist eine homogene Spirale mit extrem geringer Dichte.
Was bei Silizium anfänglich die Temperaturschwankungen waren, war bei Kohlenstoff die Feuchtigkeit. Chefentwickler Dupas sagt: „In den ersten Prototypen zeigte die Spirale eine starke Empfindlichkeit gegenüber Feuchtigkeitsschwankungen. Dies führte zu unbefriedigenden Gangwerten – ein zentrales Problem, das wir lösen mussten, um die TH-Carbonspring marktreif zu machen.“ Das poröse Kohlenstoff-Verbundmaterial wird mit einer dünnen Schicht amorphen, nicht porösen Kohlenstoffs eingekapselt.
Ein weiterer entscheidender Vorteil: Die Spiralrolle – jenes winzige Bauteil, das die Unruhspirale an der Unruhwelle befestigt – wird direkt beim chemischen Wachstum mitgebildet. Ein zusätzlicher, fehleranfälliger Montageschritt entfällt.
Das man der Technologie nun traut, beweist, dass sie in zwei ikonischen Modellen des Hauses debütiert: der Monaco, dem Nachfahren des ersten Automatik-Chronographen, und der Carrera, benannt nach einem halsbrecherischen Autorennen in Mexiko, der Carrera Panamericana. Bei beiden Modellen bestehen auch die Gehäuse und Zifferblätter aus dem Leichtbau-Werkstoff – genauer: aus geschmiedeter Carbonfaser, die man allerdings bereits länger einsetzt.
Angetrieben wird das Modell Monaco vom hauseigenen Kaliber TH20-60, einem chronometerzertifizierten automatischen Flyback-Chronographen mit 80 Stunden Gangreserve, während im Inneren der Carrera das Kaliber TH20-61, ein ebenfalls chronometerzertifiziertes automatisches Tourbillon-Chronographenwerk mit 65 Stunden Gangreserve arbeitet.
Nun haben Sammler mindestens ein Problem: Zwei Technologien im Inneren der Uhrwerke erheben den Anspruch, zukunftsfest zu sein – auf welche sollten sie setzen? Und auch wenn sich mit Rolex und Patek Philippe die wohl wichtigsten Sammlermarken der Silizium-Technologie öffnen, geht es Uhrenkäufern bei so viel Innovation in so kurzer Zeit nicht viel anders als Autofahrern beim Umstieg aufs Elektroauto: Sie vertrauen lieber auf Altbewährtes – oder warten einfach ab.
Erschwerend kommt hinzu: Reparierbar im klassischen Sinne sind weder Spiralen aus Silizium noch aus Kohlefaser. Bei Schäden werden sie vollständig ersetzt. Ob es in Zukunft eine ausreichende Versorgung mit Ersatzteilen geben wird, hängt plötzlich nicht mehr vom findigen Uhrmacher ab, der auf seit Jahrhunderten bewährte alte Techniken und Materialien zurückgreifen kann, sondern vom Fortbestehen der Unternehmen und deren High-Tech-Abteilungen.
Meine Einschätzung: Solange die Uhrengehäuse wenigstens aus klassischen Materialien bestehen, ist das alles nicht so schlimm.
Uhren aus ultraleichter, robuster Kohlefaser, so vernehme ich es aus Sammlerkreisen, haftet leider oft etwas Künstliches an. Die Haptik erinnert eher an Kunststoff. Zumindest heute bevorzugen viele Sammler noch Modelle, deren Gewicht man beim Tragen spürt.
Man wird wohl noch ein paar Jahre brauchen, um zu sehen, welche Technologie sich durchsetzt – auch wenn es bei Rolex schon lange Wartelisten für die Land-Dweller geben soll. Den Kunden erscheint, verständlicherweise, bei neuen Produkten, die sie ein Leben lang tragen sollen, die Gefahr zu groß, dass solche Innovationen schnell wieder in der Schublade verschwinden. Die volle fünfjährige Garantie, die TAG Heuer beim Kauf dieser beiden Uhren gewährt, hilft vielleicht dem Sohn oder der Tochter des Käufers wenig, wenn es in dreißig Jahren keine Ersatzteile mehr gibt.
Auch die Auflagenzahl der Uhren spricht für sich: TAG Heuer verhält sich extrem vorsichtig. Man hat sich entschieden, zunächst nur jeweils 50 Uhren zu produzieren, obwohl Uhrwerk und Unruhspirale bereits industrialisiert sind und die Fertigung von tausenden Modellen ermöglichen würde, um irgendwann auch wirtschaftlich zu werden.
Entwicklungschef Dupas tritt ebenfalls auf die Bremse: „Wie bei jeder bahnbrechenden Innovation ist es wichtig, Ehrgeiz mit Sorgfalt auszubalancieren. Die TH-Carbonspring stellt eine völlig neue Technologie in der Uhrmacherei dar, und wir wollen sicherstellen, dass sie absolut robust ist, bevor wir ihren Einsatz ausweiten.“
Macht jetzt auch nicht gerade Mut. Bleibt die Frage, ob sich Early Adopters, die so viel Geld ausgeben, als Versuchskaninchen eignen: Die TAG Heuer Monaco Flyback Chronograph TH-Carbonspring kostet 17.000 Euro, die TAG Heuer Carrera Chronograph Tourbillon Extreme Sport TH-Carbonspring 40.000 Euro. Bestellbar sind beide ab Dezember.
Sollte sich diese Technologie durchsetzen, haben Käufer dieser ersten Uhren natürlich den Sammler-Jackpot geknackt: Sie besäßen dann ein streng limitiertes Modell aus dem Jahr seiner Einführung – und damit den Vorreiter einer neuen Generation von Uhren. So war es bei TAG Heuer schon einmal: Die Monaco schrieb als erster Automatik-Chronograph 1969 Uhrengeschichte. Allerdings trieben die Entwicklungskosten das Unternehmen damals beinahe in den Ruin. Nun sollen diese Modelle den Pionieranspruch fortschreiben. Da das Unternehmen heute zum LVMH-Konzern von Bernard Arnault gehört, muss man sich um den zweiten Teil keine Sorgen machen. Fehlen nur noch die Early-Adopter-Kunden. Na, wer traut sich?
Lesen Sie hier alle Artikel der UhrenWoche und weitere spannende Geschichten rund um die Trends der Uhrenbranche.
