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Werner knallhart
In Deutschland wurde 2020 so wenig Fleisch gegessen wie seit mindestens drei Jahrzehnten nicht mehr. Quelle: dpa

Fleischkonsum: DSDS hilft den Bauern aus der Tierleid-Falle

Die Politik will Fleischesser nicht bevormunden, Landwirte können die Abkehr vom Tierleid aber nicht allein schultern. Viele Kunden wollen weiter Billigschnitzel. Noch! Denn es gibt einen Ausweg: Die Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ hat es gezeigt.

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Das Umweltbundesamt fordert aktuell, dass wir unseren Fleischkonsum halbieren. Für Böden und Klima. Für viele unvorstellbar. Doch da tut sich was. Aber langsam. Denn länger als das Regal mit dem Haustierfutter ist in unseren Supermärkten eigentlich nur die Wursttheke.

Proteine, Trichinen, Eisen, Salmonellen, Krebs. Wie gut oder riskant Fleisch für uns Menschen ist, sei hier mal dahingestellt. Reden wir nicht über unsere Gesundheit, sondern über unser Gewissen. Was ist mit den Tieren? Tierschutz steht als Staatsziel im Grundgesetz. Wenn Rechte miteinander konkurrieren, muss man abwägen. Deshalb darf man auch Schweine, Rinder, Hühner und Puten einsperren. Es stünde nicht im Verhältnis, jedesmal querfeldein mit der Zwille hinter einer bis dato glücklichen Sau her zu rennen, sobald ein Kunde im Supermarkt 100 Gramm Bierschinken bestellt.

Aber stellen Sie sich mal vor, Sie sitzen auf einer Parkbank und sehen einem niedlichen Hund dabei zu, wie er um seinen Halter herum auf der Wiese herumtollt. Plötzlich geht der Halter zu seinem Hund und schneidet ihm die Hoden raus. Da würden Sie völlig zu Recht die Polizei rufen, wenn Sie dazu kreislaufmäßig noch in der Lage wären.

Landwirte durften den Ferkeln bis Ende 2020 noch ohne Betäubung die Hoden herausschneiden. Bis vor ein paar Wochen noch! Ohne Hoden wächst leckereres Fleisch. Mittlerweile dürfen die Bauern den Ferkeln nach einem Schnellkurs selbst das Betäubungsgas Isofluran verabreichen und müssen dies vor der Kastration auch tun. Die Tierschützer von Peta befürchten allerdings nun, dass diese Selfmade-Betäubungen häufig fehlerhaft oder aus Zeitmangel gar nicht durchgeführt werden.

Stellen wir uns das beim Zahnarzt vor: „Meine Assistentin hat einen Schnellkurs gemacht, die betäubt Sie eben. Ich habe für die OP nämlich nicht viel Zeit.“ Ja, ich vergleiche hier Schweine mit Menschen. Aber Schmerz ist Schmerz. Wie Ärztinnen und Pfleger wären sicher auch die Landwirte froh, sie hätten mehr Zeit für ihre Schützlinge. Aber Zeit nimmt sich nur der Landwirt, der nicht mit denen konkurriert, die sich diese Zeit sparen und somit billiger verkaufen können.

Damit die Sauen in all dem Gedränge in den Massentier-Ställen ihre eigenen Ferkel nicht erdrücken, werden sie in einem sogenannten Kastenstand fixiert. Da können die sich dann zwar weniger bewegen als in einem Sarg, aber praktisch ist es schon. Und immerhin spüren sie ja noch das Saugen an ihren Zitzen. Irgendwann werden ihnen die Babys aber weggenommen. Dass Tierforscher davon überzeugt sind, dass diese intelligenten sozialen Tiere deswegen tiefe Trauer empfinden, lässt sich mit einem Schuss Häme wegwischen als unseriöse Vermenschlichung von Nutztieren. Und bislang hat sich keine Sau offiziell beschwert.

All das könnte die Politik lösen. Mit Gesetzen, die für faire Preise für fairen Umgang mit den Tieren sorgen. Damit teureres Biofleisch nicht konkurriert mit heiklem Billigfleisch, ohne dass den Verbrauchern sonnenklar ist, wo die Unterschiede liegen. Und mit Regeln, die auch Billigkonkurrenz aus fernen Ländern in Ethik-Schranken weist. Aber das Bundeslandwirtschaftsministerium mit seiner Frontfrau Julia Klöckner ist schließlich ja nicht das Ressort „Jeden Tag eine gute Tat“. Billig-Fleischesser dürfen wählen gehen. Schweine haben keine Stimme. So betrachtet kann man auch ohne Betäubung noch gut schlafen.



Die Landwirte könnten sich aber ja weigern, ihre Tiere auf diese tier- und menschenunwürdige Art durchs Leben zu bugsieren. Einige tun dies auch. Aber Tierwohl kostet mehr. Bislang ist Bio-Fleisch eine Nische. Weil wir es nicht kaufen. Es liegt an uns.
Wollen wir so essen? Wenn jemand sagen würde: „Zerrupfte Legehennen, eingepferchte Sauen, von ihren Müttern getrennte Ferkel – ist mir letztendlich egal!“ – was wäre das für ein Unmensch, oder? Aber genauso nehmen wir diese Zustände alle gemeinsam hin. Wir handeln unmenschlich. Wir schaffen es aber bestens, diese Erkenntnis zu umgehen. Deshalb sehen wir so wenig Bilder von der Massentierhaltung. Nicht, weil die Landwirte uns diese Bilder hinterhältigerweise verheimlichen. Sondern weil wir nicht nachfragen.

Und entdecken wir im Urlaub in südlichen Ländern in der Auslage beim Metzger einen hautlosen Schafskopf mit Augen: Igitt wie ordinär! Das arme Tier.

Landwirte als Täter zu sehen, hilft nicht weiter. Denn sie sind eben auch Opfer. Weil sie von uns in der Täterrolle alleingelassen werden. Die Landwirte hierzulande sind letztendlich mit ihrem Geschäftsmodell in eine Falle geraten, die wir alle gemeinsam gestellt haben: Verbraucher, Handel, Politik. Landwirte würden doch mit Sicherheit gerne auf weniger aber fairer umsteuern, wenn wir kaufen. Die Bauern können die Konsumenten aber nicht umerziehen. Und mit visionsloser Politik Marke Klöckner kommen wir nicht voran, klar. Das ist das alte rückständige Deutschland.

Wer stößt den Umbruch aber an? Antwort: Die Profis mit dem Marketing. Sie können Trends erspüren und beschleunigen. Und es geht los. Ich habe vergangene Woche DSDS geguckt. Und habe erstens eine gute Show mit Thomas Gottschalk gesehen und zweitens viel Werbung. Werbung für umweltfreundliche Shampoos, Produkte mit weniger Verpackung und Werbung von Wurstherstellern, die jetzt auf vegetarische Alternativen für Wurst, Frikadellen und Geflügel-Nuggets setzen. Das ist also die neue Welt des jungen Publikums. Da etabliert sich gerade der neue Massenmarkt für weniger Fleisch. Pflanzliches verdrängt Billigfleisch aus den Kühlregalen. Weil wir es kaufen. Und der Trendverstärker ist die Werbung.

In Deutschland wurde 2020 so wenig Fleisch gegessen wie seit mindestens drei Jahrzehnten nicht mehr. Nicht mehr lange und wir werden uns schämen für unsere heutige Skrupellosigkeit. Es ist so klar, dass das kommen wird. Die Frage ist, wie schnell. Das neue Fleisch-Image ist die Chance für alle. Fleisch nicht mehr dreimal pro Tag und zwischendurch noch die unbedacht weggeatmete Minisalami als kleiner übersalzener Fettsnack zwischendurch. Das Steak, das Filet, die Bratwurst als Highlight der Woche.

Wenn wir Fleisch dann als besonderes Extra betrachten, so wie eine gute Flasche Wein, eine edle Schokolade, einen besonderen Käse oder ein hochwertiges Öl, dann werden wir dafür gerne bezahlen und kämen am Ende finanziell aufs Gleiche raus. Mit dem guten Gewissen, das Tier wurde vorher als Mitgeschöpf geachtet. Wenn die Mehrheit voller Überzeugung denkt: Das Staatsziel Tierschutz kann nicht hinter dem gefühlten Recht auf dreimal Billigfleisch pro Tag zurücktreten. Wenn wir unsere Nutztiere, die das Leben für unseren Genuss lassen, genauso achten wie unsere Haustiere, für deren Wohl einige ihr letztes Hemd geben würden.

Stellen wir uns mal vor, wir könnten uns immer sagen: Weil ich dieses Stück Fleisch esse, hat ein Tier auf dieser Welt gelebt, das sonst nie geboren worden oder geschlüpft wäre. Und dieses Tier war bis zum Ende voll in seinem Element. Artgerecht. Gesund, zufrieden, stressfrei, glücklich. Mit einem schmerzlosen schnellen Tod. Heute ein absurd schöner Traum. Die Folge wären nicht nur Tierglück, sondern auch Bauernglück, wenn Landwirte für ihre Produkte anständig bezahlt würden, damit sie human mit ihren Tieren umgehen können und trotzdem angemessen Geld verdienen.

Auf diesen Gedanken müssen wir erstmal kommen. Und das kann Marketing. Mit klaren Botschaften, die die Vorteile von fairem Fleisch klar zeigen. So wie es gelungen ist, Kapselkaffee, Kichererbsenchips, Craft Beer und Proteinpudding als Must-have zu etablieren. Wenn wir Verbraucher erstmal anfangen, uns für Billigfleisch zu schämen, geht es sicher ganz schnell.

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In einem Land, indem Politik nicht von Ideen lebt, die uns inspirieren, sondern immer erst reagiert, wenn die Gesellschaft vor so viel Rückständigkeit den Kopf schüttelt, müssen es eben die machen, die etwas davon verstehen, Menschen zu begeistern. Die gewissenhaften Profis in der Wirtschaft.

Mehr zum Thema: Eine neue Studie prognostiziert: Der Verzehr von tierischen Lebensmitteln wird in vier Jahren seinen Höhepunkt erreicht haben. Danach übernehmen Proteine aus Pflanzen und Mikroorganismen die Speisekarten und Essenspläne.

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