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Kunststoffhersteller-KriseDie Zeiten, in denen Plastik gutes Geld brachte, scheinen vorüber

Plastik hatte nie einen guten Ruf, aber war immer ein gutes Geschäft. Das ändert sich: In Deutschland ist die Plastikproduktion eingebrochen. Lässt sich dieser Trend noch stoppen?Jacqueline Goebel 19.03.2025 - 16:23 Uhr

Gepresste und verpackte Getränkeflaschen aus Plastik werden in einer Recycling-Fabrik für den Export nach China vorbereitet.

Foto: imago images

Wenn man Christine Bunte fragt, welche Worte ihr als erstes zu Plastik einfallen, sagt sie: „Omnipräsent. Funktional. Und Verpackungen.“ Erst danach kommt das Gespräch auf Spielzeug, ihre Tochter, auf ihre eigenen Kindheitserinnerungen an Lego-Häuser. Und danach auf die aktuelle Situation, die Kunststoffkrise.

Seit Anfang des Jahres ist die Christine Bunte Hauptgeschäftsführerin für den Verband Plastic Europe in Deutschland – damit ist sie so etwas wie Deutschlands oberste Plastiklobbyistin. Der Verband vertritt die Interessen der Mitglieder vor Parlamenten und Gesellschaft. Es sei kein einfacher Job, sagt Bunte selbst. Besonders in diesen Zeiten.

Es steht schlecht um die Plastikproduzenten in Deutschland. Nicht nur, da der Ruf von Plastik hinüber ist. Auch die Zeiten, in denen sich mit Plastik hierzulande gutes Geld verdienen ließen, scheinen vorüber. Die Produktion lag 2024 rund 25 Prozent unter dem Niveau von 2021. Die Preise sinken, der Umsatz schrumpfte allein im vergangenen Jahr um drei Prozent. Während die Branche 2021 noch 35 Milliarden Euro erwirtschaftete, waren es im vergangenen Jahr nur noch 26,7 Milliarden Euro, verkündete Plastic Europe auf ihrer Jahrespressekonferenz.

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Deutschland ist größter Kunststoff-Hersteller

Der Trend trifft ganz Europa, und doch Deutschland besonders. Deutschland gilt eigentlich als der größte Plastikproduzent in Europa – in keinem anderen Land wird mehr Erdöl in hunderte verschiedene Kunststoffgranulate verarbeitet, die dann eingeschmolzen und zu Verpackungen, Autoteilen, Fensterprofilen oder Spielzeug gepresst werden.

Nun herrscht Ausverkaufsstimmung: „Wir sehen momentan bei allen unseren großen Mitgliedern Sparmaßnahmen. Wir sehen, dass in Teilen bestimmte Anlagen geschlossen werden. Wir sehen, dass Kürzungen im Personalbereich gibt“, sagt Christine Bunte. So hat BASF bereits zwei Sparprogramme aufgelegt, und Anlagen geschlossen und verkauft. Evonik, Spezialchemie- und Additivhersteller: Streicht seinen Konzern zusammen, bis zu 7000 Stellen könnten wegfallen. Der Spezialkunststoffhersteller Covestro: Verkauft an Adnoc, Staatskonzern der Vereinigten Arabischen Emirate. Der österreichische Konkurrent Borealis: Nun ebenfalls Teil von Adnoc. Hinzu kommen noch mittelständische Plastikproduzenten, die kürzen oder sogar vor dem Aus stehen.

Zwar habe es bisher noch keine großen Anlagenschließungen gegeben – aber die Krise dauert an, seit Jahren, ohne Erholung. Üblicherweise benötigen die Anlagen der Plastikproduzenten eine Auslastung von über 80 Prozent, um rentabel zu sein – nun liege die Auslastung gerade mal im 70-Prozent-Bereich, sagt Bunte. „Von daher ist es nicht auszuschließen, dass noch weitere Maßnahmen gibt.“

Was also tun, Frau Bunte? Als oberste Plastiklobbyistin ist sie auch so etwas wie die Chefstrategin der Branche. Außerhalb der Vorstandsetagen ist sie diejenige, die eine Linie für die Zukunft der Plastikproduzenten in Deutschland vorgeben muss – und diese vor allem an Politik und Gesellschaft verkaufen muss. Und das gilt umso mehr, wenn sich eine neue Regierung bildet und jeder Verband darum wetteifert, seine Ziele im Koalitionsvertrag abgedruckt zu sehen.

Bunte will Produktion halten

Bunte ist ausgebildete Chemikerin, ihre Doktorarbeit schrieb sie noch über redoxaktive Polymere, „also keine Kunststoffe“, sagt sie. Bei BASF stieg sie in die Forschung ein, suchte nach Kunststoffen für Lithium-Schwefel-Batterien. Bis sie sich entschied, die Forschung gegen die Kommunikation einzutauschen. Sie beschäftigte sich mit der europäischen Kunststoffstrategie und chemischem Recycling, vernetzte als Teamleiterin der Corporate Advocacy bei BASF in Ludwigshafen die Lobbyisten in Brüssel und Berlin mit den Experten aus dem Konzern.

Auf den Job als Hauptgeschäftsführerin hat sie sich aktiv beworben. Ihr Vorgänger Ingemar Bühler kam von Bayer, hat den Verband auf Klimaneutralität und Kreislauffähigkeit getrimmt, manch einem Mitgliedskonzern soll das zu viel gewesen sein. Bühler schied auf persönlichen Wunsch aus. Der Verbandsvorstand, bestehend aus den Managern von Mitgliedskonzernen wie Evonik, BASF oder Sabic und Dow, hat sich für sie entschieden. Dabei war auch für Bunte bisher eher Nachhaltigkeit als Wirtschaftskrise ein Thema.

Nun steht die Wirtschaftsschwäche ganz oben auf ihrer Agenda. „Ich will mich mit meiner ganzen Energie dafür einsetzen, dass die richtigen Weichen gestellt werden, damit wir bis 2050 eine zirkuläre und nachhaltige Kunststoffindustrie haben. Eine Kunststoffindustrie, die weiterhin hier in Deutschland und Europa produziert.“

Global hält der Boom an

Das könnte schwierig werden. Die Gründe für die Schwäche der Kunststoffhersteller sind vielfältig: Die hohen Energiepreise gefährdeten die „Existenzgrundlage“ für die Industrie in Deutschland, sagt Bunte. Bürokratie und fehlende Planbarkeit belasten die Konzerne. Und Automobilhersteller und Baubranche, neben Verpackungen der wichtigste Einsatzbereich für Kunststoffe, stehen ebenfalls unter Druck. „Das sind unsere Abnehmer, die unsere Produkte weniger nachfragen.“ Im vergangenen Jahr ist sei der Umsatz innerhalb von Deutschland um 5,7 Prozent gesunken.

Nur ist das vor allem ein deutsches Problem. Im Rest der Welt geht der Plastikboom weiter. „Der globale Kunststoffmarkt ist im vergangenen Jahr noch mal um 3,5 Prozent gewachsen“, sagt Bunte. Bis 2050 prognostiziert die OECD sogar eine Verdreifachung der Produktion, getrieben durch Bevölkerungswachstum und Wohlstand. „Das heißt, es ist nicht so, als würden Kunststoffe global weniger nachgefragt. Sie werden schlichtweg woanders produziert.“

Vor allem in Asien laufen die Plastikwerke mit Überkapazität und drücken billige Kunststoffe in die Märkte. Aus China komme längst nicht mehr nur billiges Material, sagt Bunte, sondern auch Spezialkunststoffe. Und so ist Deutschland Netto-Importeur von Kunststoffen – obwohl die eigenen Anlagen häufig nicht ausgelastet sind. Selbst Recyclingmaterial komme mittlerweile billiger aus dem Ausland nach Deutschland, klagen viele in der Branche.

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Dieses globale Ungleichgewicht lässt sich nur schwer bekämpfen. Es verschlimmert sogar noch die Plastikproblematik. Denn die Plastikproduktion, die Umwandlung von Öl zu Kunststoff, macht laut OECD 90 Prozent der klimaschädlichen Emissionen aus – den Effekt von Plastikmüll noch gar nicht eingerechnet. Wenn die Plastikproduktion schrumpft, schrumpft auch der ökologische Fußabdruck. Doch das gilt nicht, wenn sich die Produktion nur verlagert.

In Europa immerhin werden die fossilen Rohstoffe zumindest zu einem Teil ersetzt. 2022 wurden über 13 Prozent der Plastikprodukte in Deutschland aus recyceltem Plastik produziert und weitere fünf Prozent aus Industriemüll. Immerhin ein Prozentpunkt steuern Kunststoffe aus natürlichen Rohstoffen wie Maisstärke und Zucker zu.

„Das heißt im Umkehrschluss, dass 80 Prozent der Kunststoffe auf Basis von neuen, fossilen Rohstoffen hergestellt werden“, sagt Bunte. Das sei mehr als in anderen Regionen der Welt, und doch noch zu wenig. Recycling ist aufwendig, und teuer. Solange der Ölpreis niedrig ist, rechnet es sich häufig nicht. Plastic Europe fordert deshalb feste Quoten, damit Autohersteller und Konsumgüterproduzenten mehr Rezyklat einsetzen müssen, wenn nötig.

Noch einen Zyklus lang Zeit

Der Branche bleibt nicht viel Zeit, um das zu ändern. Bis 2045 will Deutschland klimaneutral sein, die EU bis 2050. „Das fühlt sich weit weg an. Aber das sind 25 Jahre, für chemische Anlagen sind ein Investitionszyklus“, sagt Bunte.

Und bisher sind die Pläne, wie das Ziel Klimaneutralität in der Plastikproduktion erreicht werden könnten, noch abstrakt. Zwar gibt es Ideen, Plastikmüll etwa chemisch wieder in eine Art Öl zu zerlegen , oder Kohlenstoff einzufangen und zu verarbeiten. Doch ausgereift sind diese Technologien nicht. Und solange die Chemiekonzerne ihre Aktivitäten runterfahren, werden sie kaum das Risiko neuer Technologien eingehen. „Wir sehen, dass eigentlich bei allen Unternehmen Kreislauf und Klimaneutralität sehr, sehr weit oben auf der Agenda steht“, sagt Bunte und stockt dann kurz. „Auch wenn die Frage nach dem wirtschaftlichen Überleben vielleicht aktuell mehr Priorität hat.“

Wirklich Sorge mache ihr, dass ja nicht nur die Plastikproduzenten in Deutschland litten, „dass es vielen Branchen so geht“, sagt sie. Die Bürokratie belaste Unternehmen, die Zahl der Patente sinke, dazu komme noch der Fachkräftemangel. „Unsere Konjunktur kommt nicht voran. Und wenn man Unternehmen fragt, dann investieren sie, aber verstärkt außerhalb von Europa.“

Der Verband hat dazu ein Vier-Punkte-Papier aufgelegt, mit Forderungen an die Politik. „Zukunftsfähige Industriepolitik“, steht darauf, „Kreislaufwirtschaft wettbewerbsfähig machen“, „Planungssicherheit“, und „In Innovationen und Forschung investieren.“ Einfachere Genehmigungen, mehr Planbarkeit, mehr Unterstützung für industrielle Forschung fordert der Verband etwa. „Wir brauchen eine Bundesregierung, die das Thema Wettbewerbsfähigkeit als Teil der Transformation erkennt“, sagt Bunte. Das nun beschlossene Sondervermögen sei immerhin ein Anfang.

Doch danach, dass ihr Job bald einfacher wird, klingt das noch nicht.

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