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Markus Brunnermeier „Krisen sind auch Innovations-Booster“

Ökonom Brunnermeier: „Robustheit kann man sich als Eiche vorstellen, während die Resilienz wie Schilf ist. Während Schilf sich bei einem Sturm flexibel anpasst, kann die Eiche brechen.“ Quelle: Privat

Ökonom Brunnermeier glaubt, dass Krisen auch gute Seiten haben können. Im Interview spricht er über Deutschlands Stärke in der Coronakrise und sagt, warum wir jetzt mehr und nicht weniger Globalisierung brauchen.

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Markus Brunnermeier lehrt seit 2006 als Ökonomie-Professor an der Universität Princeton. Er hat vor kurzem für sein neuestes Buch „Die resiliente Gesellschaft“ den Preis für das beste Wirtschaftsbuch des Jahres gewonnen.

WirtschaftsWoche: Finanzkrise, Eurokrise, jetzt Corona – in den letzten Jahren hat Deutschland viele Krisen erlebt. Lassen sich Krisen überhaupt vermeiden, Herr Brunnermeier?
Markus Brunnermeier: Nein. Man kann Krisen reduzieren, aber gänzlich vermeiden lassen sie sich nicht. Wer das versucht, verschiebt die Krise häufig nur nach hinten – und dort wird sie dann umso größer.

Wie also lassen sich Krisen also gut meistern?
Es braucht Resilienz – die Fähigkeit, den Schock anzunehmen und auf ihn zu reagieren. Und zwar so, dass man schnell zurückkommt. Flexibilität und Lernbereitschaft sind wichtig, um sich in Krisensituationen anzupassen. Das Schlechteste ist, rigide zu sein und alles erhalten zu wollen. Und es braucht Menschen in der Gesellschaft, die anders denken. Auch Diversität spielt also eine wichtige Rolle. Im besten Fall erwachsen aus einer Krise so sogar Chancen, um langfristig weiterzukommen.

Krisen oder Pandemien haben also auch gute Seiten?
Das haben sie auf jeden Fall. Sie können ein regelrechter „Innovations-Booster“ sein – das zeigt nicht zuletzt die Coronakrise. Die Digitalisierung hat das Arbeiten generell geändert, das Unterrichten an Schulen und Unis gewandelt, Telemedizin hat an Akzeptanz gewonnen. Vieles wäre auch ohne die Pandemie gekommen, hätte sich aber über Jahre hingezogen. Und insbesondere Deutschland hat mit den mRNA-Impfstoffen gerade einen riesigen Durchbruch erlebt. Mit Biontech und Curevac ist das Land im Bereich der „Life Sciences“ ein Vorreiter. Hier kann die deutsche Wirtschaft auch nach der Pandemie noch viel erreichen und es sollte investiert werden.

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    Kann der Ausbau dieser neuen Geschäftsfelder helfen, wirtschaftliche Verluste in anderen Branchen, wie beispielsweise der Gastronomie, abzumildern?
    Gastwirte werden jetzt nicht plötzlich zu Medizinern oder Technologieexperten. Aber die „‚Life Sciences“ können jetzt viele junge Leute begeistern. Das sind zukunftsweisende Felder und es wäre gut, wenn sich mehr junge Menschen darauf spezialisieren und mehr Innovationen stattfinden würden. Wichtig ist ein Ökosystem von Risikokapitalgebern, damit die Forschung auch in Start-ups übergeht. Man muss Industrie und Wissenschaft mehr zusammenbringen. Das macht eine Wirtschaft auch resilienter. Wir werden schließlich noch weitere Pandemien und Krisen erleben.

    Wie können sich Unternehmen auf die kommenden Krisen vorbereiten und internationale Lieferketten resilienter gestalten?
    Die eine Möglichkeit ist das „Reshoring“, also die Produktion wieder nach Deutschland zurückholen. Die andere das „Multisourcing“, also das Verteilen von Zulieferern auf verschiedene Kontinente. Die lokale Konzentration wird verschwinden. Deswegen wird die Globalisierung bei Waren etwas zurückgehen. Bei den Dienstleistungen wie beispielsweise bei der Beratung oder im Marketing wird sie sich verstärken. Durch Zoom ist die Welt kleiner geworden.

    Ich schlage auch einen Stresstest für Lieferketten vor. Es wäre im Eigeninteresser der Industrie zu wissen, wo die Schwachpunkte sind und wie es wäre, wenn etwas schiefläuft. Dann können sie sich besser darauf einstellen. Die Just-in-Time-Philosophie wird durch eine Just-in-Crisis-Philosophie ersetzt.

    Deutschland ist bislang gut durch Krisen gekommen, weil es ein reiches Land ist und einen niedrigen Schuldenstand hatte. Können nur reiche Länder Krisen gut meistern?
    Deutschland hat in der Coronakrise schon geholfen, dass der Schuldenstand so niedrig ist. Zudem ist die deutsche Bundesanleihe ein „safe asset“, ein sicherer Hafen für Anleger. Das macht es dem Finanzminister leicht sich in Krisenzeiten zu verschulden. Reserven schaffen Stabilität. Das ist ein riesiger Resilienz-Pluspunkt, den Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern hat. Aber mit Reserven allein kann ich Krisen nicht abwehren. Es geht auch um Robustheit und Resilienz. Robustheit kann man sich als Eiche vorstellen, während die Resilienz wie Schilf ist. Während Schilf sich bei einem Sturm flexibel anpasst, kann die Eiche brechen.

    Dennoch hat die Bundesregierung in der Coronakrise zögerlich reagiert. Ist Deutschland dann doch mehr Eiche als Schilf, um bei Ihrem Sprachbild zu bleiben?
    Deutschland ist schon eher wie die Eiche. Die Politik sollte mehr Flexibilität und mehr Bereitschaft zum Risiko fördern. Dass Biontech-CEO Ugur Sahin innerhalb von wenigen Wochen seine ganze Firma von der Krebsforschung auf den Corona-Impfstoff umgestellt hat, war ein großes Risiko. Das erfordert Risikobereitschaft und Unternehmertum. Das Beispiel zeigt: Es würde Deutschland guttun, Unternehmertum und Flexibilität mehr zu fördern.

    Als die Politik dann reagierte, hat sie unter anderem Impfstoff schnell zugelassen und Unternehmenshilfen aufgelegt. Sind das Werkzeuge, die sich auch für künftige Krisen eignen?
    Viele Werkzeuge wurden während der Eurokrise entwickelt. Diesmal haben die Zentralbanken und die Regierungen aber wesentlich schneller reagiert als damals. Man hat aus den vorherigen Krisen gelernt und wusste, was zu tun war. Hilfreich war aber auch, dass die Akzeptanz in der Gesellschaft diesmal größer war als bei der Eurokrise. Es gab keinen Schuldigen für die Coronakrise. Das hat der Politik auch erlaubt, schneller zu reagieren.

    Wo Sie gerade schon von der Geldpolitik sprechen: Die Zinsen sind niedrig und teilweise auch schon im Minusbereich. Wie viel Spielraum haben Notenbanken überhaupt noch in Krisen?
    Der Spielraum hat sich verschoben. Notenbanken haben weniger Spielraum, weil sie die Zinsen nicht mehr senken können, aber die Finanzminister haben mehr. Obwohl der Schuldenstand der Länder so hoch ist, ist die jährliche Zinslast sehr gering. Der Schuldenstand pro BIP ist zwar hoch, nicht jedoch die Schuldenlast.

    Generell reagieren Zentralbanken schneller als Regierungen. Häufig legen Regierungen Hilfsprogramme auf, wenn die Krise schon wieder vorbei ist. In der Finanzkrise gab es in den USA viele Maßnahmen, aber konkrete Projekte haben gefehlt, um beispielsweise die Infrastruktur auszubauen. In Deutschland ist es ähnlich. Wir wissen nicht, wie wir das Geld sinnvoll ausgeben sollen, weil die bürokratischen Hindernisse zu groß sind.

    Bürokratieabbau würde eine Gesellschaft also resilienter machen?
    Ja, das ist Teil dieser Flexibilität. Bürokratische Hürden sind gerade in Deutschland ein Problem. Datenschutz zum Beispiel ist zwar wichtig, aber wenn Leute sterben, muss ich ihn zeitweise zurückfahren.



    Bürokratisierung mag ein Problem bei der Bekämpfung der Coronakrise gewesen sein. Aber ohne die Globalisierung hätte die Pandemie wahrscheinlich gar nicht das Ausmaß angenommen, was sie jetzt hat. Bedeutet mehr Resilienz also nicht auch weniger Globalisierung?
    Nicht unbedingt. Je globaler eine Wirtschaft ist, desto größer kann sie sich diversifizieren. Das ist bei Krisen ein Vorteil. Wenn Europa mit anderen Ländern wirtschaftlich verbunden ist, kann ein Schock besser abgefedert werden. Die Globalisierung funktioniert allerdings nur mit dem richtigen institutionellen Rahmen. Noch wird dieser von Europa und den USA fokussiert, aber die Globalisierung ist schon viel weiter. Wir sollten also jetzt nicht die Globalisierung zurückfahren, sondern die globalen Institutionen hochfahren.



    Die nächste große Krise droht bereits: der Klimawandel. Wie bewältigt ihn Deutschland am besten?
    Die Coronakrise hat gezeigt: Den Konsum zurückzufahren, wird das Klima nicht retten. Während des Lockdowns ist der CO2-Ausstoß weltweit um zehn Prozent zurückgegangen. Das ist gar nichts! Das heißt, wir müssen neue Technologien aufbauen. Und da kommt Deutschland eine besondere Verantwortung zu, weil wir sehr gut im Bereich der Umwelttechnologien sind. Wenn Deutschland diese Technologien entwickeln kann, ist das nicht nur ein Exportschlager, sondern auch ein Ausweg aus der weltweiten Klimakrise.

    Mehr zum Thema: Pharmakonzerne, Biotech-Start-ups und Hightechfirmen setzen mit riesigem Einsatz auf das Geschäft mit der Pandemie. Deutschland spielt vorne mit, hat aber einen Nachteil.

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