Schifffahrt: Deutschlands Wohlstand entscheidet sich auf dem Meer
Containerschiff am Hamburger Hafen
Foto: imago imagesFinanz- und Euro-Krise, Klimanotstand, Arabischer Frühling, Flüchtlingskrise, Bürgerkrieg in Syrien, Brexit, Covid-19-Pandemie, geopolitische Spannungen in Südostasien und zuletzt der Krieg in der Ukraine – die Krisen der vergangenen 15 Jahre haben die Welt tiefgreifend verändert. War die Zeit bis in die frühen 2000er-Jahre geprägt von einem Verständnis, dass global vernetzter Handel und eine ökonomische Verwobenheit der Staaten ein friedvolles Miteinander garantieren, wandelte sich dieser Ansatz in den vergangenen Jahren zunehmend in sein Gegenteil. Nicht gegenseitige Abhängigkeit, sondern Unabhängigkeit und Protektionismus scheinen für viele die neue industriepolitische Vision zu sein. Begriffe wie Friendshoring und Nearshoring und Gesetze wie der amerikanische Inflation Reduction Act oder das europäische CO2-Grenzausgleichssystem bestimmen die heutigen Diskussionen. Globalisierung und wechselseitig enge wirtschaftliche Verflechtungen werden als nicht mehr zeitgemäß erachtet angesichts der Sorgen einer krisengeschüttelten Welt.
Die Schifffahrt hingegen zieht im Zeitalter der Polykrise eine gegenteilige Lehre aus den vergangenen anderthalb Jahrzehnten. Um die vielen Herausforderungen heute und in Zukunft meistern zu können, braucht es den weltweiten Handel, braucht es wieder mehr Globalisierung – und mit ihr eine starke Seeschifffahrt.
Am Beispiel Deutschlands zeigt sich, wie wichtig globaler Warenaustausch und Zugang zu einer eigenen Handelsflotte für eine wirtschaftlich gesicherte Zukunft sind. Denn Deutschland ist ein rohstoffarmes Land. Erdöl und Erdölprodukte, Seltene Erden, Kohle und Eisenerz, Verbrauchsgüter, Vorprodukte und Halbleiter importiert Deutschland in großen Mengen per Schiff. Mittlerweile laufen über sechzig Prozent des deutschen Im- und Exports über den Seeweg. Im Zuge der Energiekrise in Europa musste Deutschland zudem neue Routen suchen, um seine Energieversorgung zu sichern. Relativ zügig stellt es deshalb auf einen seewärtigen Import von verflüssigtem Erdgas (LNG) um. Über die aktuell geplanten und zum Teil bereits in Betrieb befindlichen schwimmenden LNG-Terminals können rund 38 Milliarden Kubikmeter LNG pro Jahr in Deutschland per Schiff angelandet werden. Ohne die Seeschifffahrt wäre diese Versorgung nicht möglich.
Auch die Erfahrung mit Covid-19 lehrt, wie wichtig Seeschifffahrt und globaler Handel für Deutschland sind. Schon die teilweise wochenlangen Unterbrechungen der Lieferketten durch pandemiebedingte Hafensperrungen in Asien brachten vielerorts die Versorgung mit wichtigen Rohstoffen und Gütern zum Stocken. Der Handel über See wurde in der Pandemie aber nicht nur zum Nadelöhr, sondern rasch auch zu einem wichtigen Mittel, um den Zugang zu dringend benötigten medizinischen Produkten wie Masken, Handschuhen, Schutzausrüstung und Antigenschnelltests sicherzustellen. Selbst als der Wert des weltweiten Warenaustausches im Jahr 2020 um fast 8 Prozent sank, wuchs der Handel mit medizinischen Produkten um 16 Prozent. Allein der Handel mit Stoffmasken verfünffachte sich. Die globalen Lieferketten zur Herstellung von Covid-19-Impfstoffen umfassten bis zu 19 Länder und wurde zu einem großen Teil per Schiff abgewickelt.
Klimaschutz auf hoher See
Aber der wichtige Stellenwert der Seeschifffahrt für ein Land wie Deutschland geht weit über die Sicherung des weltweiten Warenaustauschs hinaus. Denn die Seeschifffahrt ist Teil der Lösung eines wesentlich größeren Problems: Ohne den Handel über See wird die Welt den Klimawandel nicht aufhalten können.
Die eigenen CO2-Emissionen wird die Schifffahrt entlang des Pfades des Pariser Klimaübereinkommen zum Jahr 2050 auf Netto-Null reduzieren, das hat jüngst die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO – eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen – beschlossen. Die Schifffahrtsbranche, Forschungsinstitutionen, Treibstoffhersteller und Staaten sind gemeinsam engagiert, alternative Kraftstoffe wie grünes Methanol und grünes Ammoniak rasch als künftige Treibstoffe für die Schifffahrt zu entwickeln. Die Dekarbonisierung der Schifffahrt ist nur noch eine Frage des „Wie“.
Doch neben dem Erreichen der eigenen Klimaneutralität ist die Schifffahrt auch notwendiger Katalysator der Dekarbonisierung unserer Gesellschaft. Sie ist unverzichtbares Medium, um „grüne“ Technologien zwischen Ländern auszutauschen und alternative Treibstoffe und Energien im- und exportieren zu können. So wird die Produktion von Wasserstoff durch Elektrolyse unter Verwendung von Ökostrom wichtige Grundlage einer neuen Energiewirtschaft vieler Länder – unter anderem Deutschlands – sein. Länder mit reichlich Sonnen- und Windenergie, wie beispielsweise Teile Nordafrikas, des Nahen Ostens und Australiens, werden künftig wichtige Standorte für Wasserstoffproduktion. Schon heute steht fest: Deutschland wird über 60 Prozent seines künftigen Wasserstoffbedarfs durch seewärtige Importe decken müssen.
Der Handel über See und eine eigene starke und wettbewerbsfähige Schifffahrt bleiben deshalb unverzichtbar. Die künftige Industriepolitik am Schifffahrtsstandort Deutschland muss sich auf diese Notwendigkeit einstellen. Es gilt, die heimische Branche zu stärken, den Zugang zum Seehandel zu sichern, die Globalisierung zu erhalten und damit die eigene Resilienz zu sichern. Denn ein wichtiger Teil der Zukunft unseres Landes liegt auf See.
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