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Schneider-Electric Konzernchef „Wir werden noch viele Jahre auf fossile Energiequellen angewiesen sein“

Der Chef des französischen Industrieriesen Schneider Electric, Jean-Pascal Tricoire, spricht im Interview unter anderem über verantwortlichen Kapitalismus. Quelle: imago images

Schneider-Electric-Chef Jean-Pascal Tricoire über verantwortlichen Kapitalismus, wie wir globale Krisen nur gemeinsam lösen und warum er sich freut, wenn der Konzern für deutsch gehalten wird.

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Zur Person:

Der Ingenieur Jean-Pascal Tricoire (57) steht seit 2006 an der Spitze des französischen Industriekonzerns Schneider Electric mit einem Umsatz von zuletzt rund 27 Milliarden Euro. Der Sitz des Unternehmens befindet sich in Rueil-Malmaison bei Paris. Tricoire entschied, den Konzern mit seinen weltweit rund 140.000 Mitarbeitern von Hong Kong aus zu steuern, um so den asiatischen Markt besser bedienen zu können.

Schneider Electric

Der französische Elektrotechnik-Konzern ist weltweit führend in der digitalen Transformation von Energiemanagement und – Automatisierung, stellt Energieverteilungssysteme, Automatisierungstechnik und Antriebstechnik her. Schneider Electric beliefert weltweit in mehr als 100 Ländern Krankenhäuser, Hotels, Fabriken, Rechenzentren und Gewerbegebäude mit Prozess- und Energietechnik und ist ein führender Anbieter digitaler Lösungen, die Energieeffizienz und Nachhaltigkeit ermöglichen.

Herr Tricoire, wegen der Corona-Pandemie findet das Weltwirtschaftsforum in Davos in diesem Jahr komplett digital statt. Wie beherrscht die Pandemie und ihre Folgen die Diskussion bei dem Top-Treffen zwischen Wirtschaft und Politik?

Natürlich steht die Coronapandemie ganz oben auf der Agenda. Diese Krise lehrt uns zwei zentrale Dinge. Wenn wir nicht darauf achten, wie wir mit unserer Umwelt und unserer Gesundheit umgehen, dann kann uns so ein Virus wie Covid-19 komplett blockieren – und zwar global. Zweitens zeigt diese Pandemie: solche Krisen können wir nur gemeinsam lösen.

Die Krise feuert die Diskussion über die Ungleichheit zwischen arm und reich an. Konzernlenker wie etwa Siemens-Chef Joe Kaeser fordern ein Ende des Kasino-Kapitalismus.

Verantwortlicher Kapitalismus, das ist ja kein neues Thema, darüber herrscht Konsens. Die Frage ist doch, wie bekämpfen wir Ungleichheit? Wie stoppen wir globale Probleme wie den Klimawandel? Das funktioniert nur, wenn wir gemeinsam handeln und, wenn alle Teile der Gesellschaft beteiligt sind an Entwicklung und Wachstum. Sehen Sie, Biontech, ein deutsches Unternehmen mit türkischen Gründern, hat zusammen mit dem US-Konzern Pfizer, einen Impfstoff für alle entwickelt. Die Pandemie zeigt: Wir können globale Probleme nur zusammen lösen. Deshalb rückt auch das Thema Nachhaltigkeit in diesem Jahr in Davos noch mehr in den Fokus als im vergangenen Jahr. Wie die Pandemie trifft auch der Klimawandel alle Nationen. Larry Fink, der Chef des Vermögensverwalters Blackrock, einer unserer Aktionäre, hat gerade erst wieder betont, kein anderes Thema habe für seine Kunden höhere Priorität als der Klimawandel.

Von Gemeinsamkeit ist aber nicht viel zu spüren, wenn wir etwa an die Spannungen zwischen den USA und China denken. Welche Erwartungen haben sie an den neuen US-Präsidenten Joe Biden?

In den vergangenen Wochen gab es immerhin zwei gute Nachrichten. Die neue US-Regierung will wieder dem internationalen Klimaabkommen von Paris beitreten. Und China hat angekündigt, bis 2060 klimaneutral werden zu wollen.

Jean-Pascal Tricoire, Chef des französischen Industrieriesen Schneider-Electric Quelle: PR

… in 40 Jahren?

China ist einer der größten CO2-Produzenten der Welt. Und ja, wir werden noch viele Jahre auf fossile Energiequellen angewiesen sein. Aber es ist ein klares Signal, dass die Chinesen das Thema Nachhaltigkeit und Klimawandel sehr ernst nehmen. Auch Europa will bis 2050 klimaneutral sein. Da passiert also wirklich etwas. Und wie gesagt, die Finanzbranche nimmt das Thema nachhaltig wirtschaften sehr ernst.

Derzeit kämpfen viele Volkswirtschaften vor allem mit der Coronapandemie und ihren Folgen. Schneider Electric ist ein globales Unternehmen mit weltweit 140.000 Mitarbeitern in über 100 Ländern. Wie hat sie die Coronakrise getroffen, und wie haben sie darauf reagiert?

Wir haben das Problem sehr früh kommen sehen, weil wir Schneider von Hongkong aus steuern. Wir haben uns schon im Januar vergangenen Jahres auf die Situation vorbereitet. Wer in Asien lebt, hat die SARS-Krise miterlebt. Masken zu tragen, war in Asien für die Menschen also nichts Neues. Alle nutzen Desinfizierungsmittel. Diese Erfahrungen haben wir mit unseren anderen Teams geteilt. Wir sind sehr dezentral aufgestellt, unsere Top-Manager sind in den jeweiligen Märkten auf der Welt verteilt. Die Länderteams verantworten den Umgang mit Corona. Denn kein Land der Welt hat gleich auf Corona reagiert. Waren in Ländern Schutzmasken knapp, haben wir selbst welche produziert. Ich halte nichts von zentralen Strukturen. Bei uns war es schon vor Corona normal, Homeoffice zu machen. Wer will, kann bei Schneider schon lange zwei Tage die Woche zu Hause arbeiten. Alle haben die notwendige Technologie, um von überall digital arbeiten zu können. Das Unternehmen funktioniert damit hervorragend. Davon haben wir jetzt in der Coronakrise profitiert, wir mussten uns nicht erst darauf umstellen wie viele andere Firmen. 

Wie hat sich die Coronakrise auf ihr Geschäft ausgewirkt?

In 90 Prozent der Länder, in denen wir agieren, sind wir als systemrelevant eingestuft worden, weil unsere Technologien in lebensnotwendigen Bereichen und Infrastrukturen eingesetzt werden. Wir liefern etwa Energiemanagementsysteme an die meisten Krankenhäuser weltweit. Wir sind dafür verantwortlich, dass der Strom auf Intensivstationen fließt. Wir liefern auch die notwendigen technischen Systeme für Datenzentren und Netzwerke, damit diese mit Energie versorgt sind. Außerdem sind wir einer der Hauptlieferanten für Nieder- und Mittelspannungsstromnetze auf der ganzen Welt. Diese sichern die Stromversorgung.

Schneider Electric hat die Coronakrise bisher also völlig unbeschadet überstanden? Auch in China, wo ja wochenlang Fabriken dicht machen mussten und eine strikte Ausgangssperre galt?

Wie jedes Unternehmen mussten wir uns an die Lage anpassen. Unsere multilokale Organisationsstruktur hat uns sehr geholfen, wir produzieren lokal und verkaufen lokal. Das gilt auch für China. Wir haben eng mit unseren Lieferanten und Partnern zusammengearbeitet, um alternative Lieferanten zu finden und die Produktion zu verlagern, wo es notwendig war.

Der Klimawandel ist eines der großen Themen in Davos. Im vorigen Jahr zeigte ihr Konkurrent Siemens, wie schnell ein Konzern in den Fokus von Klimaschützern gerät. Umweltschützer schossen sich auf Siemens ein, weil der Konzern eine Zugsignalanlage an die australische Kohlemine Adani geliefert hat. Könnte so etwas auch Schneider Electric passieren?

Die Lage von anderen Unternehmen kommentiere ich nicht. Unser Geschäft ist es, unseren Kunden Lösungen für Elektrifizierung und Energie zur Verfügung zu stellen, damit sie mit ihren Ressourcen so effizient wie möglich umgehen können.

Das beantwortet noch nicht unsere Frage. Liefert Schneider Electric denn Lösungen oder Komponenten an die Kohleindustrie?

Wir sind der digitale Partner für unsere Kunden, der ihnen effiziente und nachhaltige Lösungen bietet. Wir bedienen Kunden in vielen Segmenten. Datenzentren und Gebäude haben ich schon genannt, Bergbau und Gaskraftwerke gehören auch dazu. Warum machen wir das? Weil wir all diesen Kunden mit unseren Lösungen helfen, effizienter zu werden und weniger CO2 zu produzieren.

Schneider Electric ist in den vergangenen Jahren vor allem durch Übernahmen im Bereich Software gewachsen. Wie sieht ihre Strategie für die nächsten Jahre aus?

In den vergangenen 13 Jahren haben wir unser weltweites Geschäft verdreifacht. Die Hälfte davon über organisches Wachstum, der Rest mit Akquisitionen.

Im vergangenen Jahr haben sie gleich vier große Zukäufe gemacht.

Das Jahr 2020 war außergewöhnlich. Wir haben vier Software-Unternehmen übernommen. Zwei davon in Deutschland. Für 1,4 Milliarden Euro haben wir unter anderen den Stuttgarter Softwarekonzern RIB übernommen, ein Spezialist für Bausoftware. Unsere britische Tochtergesellschaft Aveva hat das amerikanische Softwarehaus Osisoft für fünf Milliarden Dollar übernommen, die sind Spezialisten für Industriesoftware. Alle Zukäufe passen perfekt in unser digitales Portfolio im Bereich Automatisierung und Digitalisierung.

In welchen Bereichen planen Sie weitere Übernahmen?

Unsere Zukunftspläne möchte ich nicht kommentieren. Aber unsere Herausforderung ist derzeit, dass sich all die Mitarbeiter dieser zugekauften Firmen bei Schneider empfangen fühlen und wir zusammen ein Team bilden. Wichtig ist uns, dass wir in den Märkten, in denen wir operieren, lokal verankert sind.

Wie groß ist die Konkurrenz von Amazon und anderen Softwareriesen aus den USA und China mittlerweile für Schneider Electric?

Ich glaube, dass die Digitalisierung Raum für Partnerschaften gibt. Wir haben bereits 1997 Internetanwendungen für Fabriken bereitgestellt. Einen entscheidenden Sprung wird die digitale Entwicklung nun durch die 5G-Technologie machen. Schneider wird von der Einführung dieser Technologie sehr profitieren, schon allein deshalb, weil es uns mehr Möglichkeiten an die Hand gibt. 5G multipliziert die Anzahl möglicher Anwendungen, die wir für Kunden schaffen. Zudem denken wir Digitalisierung ganzheitlich: Digitalisierung schafft Schnittstellen zwischen Menschen und mechanischen Prozessen und eben nicht nur die reine Digitalisierung. Unser Vorteil ist, dass wir den Kunden und dessen Bedürfnisse kennen. So können wir passgenau Lösungen anbieten. Das unterscheidet uns auch von den von Ihnen erwähnten Konkurrenten.

Gleichzeitig hat Schneider Electric keine eigene Cloud. Macht sie das nicht abhängig von Anbietern wie Amazon & Co?

Es stimmt, dass wir keine eigene Cloud haben. Aber ich sehe das nicht als Problem. Wir haben verschiedene Partnerschaften und unsere Kunden haben die freie Wahl, wie diese Partnerschaften ausgestaltet sein sollen. Wir sind offen für alle Standards. Wir wollen dem Kunden die beste Lösung anbieten. Und letztendlich bestimmt der Kunde, mit wem die Lösung verwirklicht wird.

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Wie wichtig ist Deutschland für Sie? Oder ist ein Markt, der die Energiewende nicht richtig hinbekommt, uninteressant?

Sie werden lachen, aber mit Deutschland habe ich in meiner Arbeit fast täglich zu tun. Das liegt aber weniger an dem Markt als mehr an unserem Firmennamen. Sie würden nicht glauben, wie viele Leute rund um den Globus davon ausgehen, dass Schneider ein deutsches Unternehmen sei. Auch wenn ich darauf hinweise, dass Schneider französisch ist, wollen mir viele Leute das oft nicht glauben. Ich denke manchmal, vielleicht sollte ich einfach sagen, ja, ja, wir sind deutsch (lacht). Aber Scherz beiseite. Wir verstehen uns als europäisches Unternehmen. Ich bin überzeugt von der europäischen Idee und begrüße es, dass für Unternehmen aus Europa die gleichen Standards gelten. Deutschland ist eine der größten Volkswirtschaften mit viel Industrie und vielen innovativen mittelständischen Unternehmen. Wir fühlen uns hier sehr integriert mit unseren über 5500 Mitarbeitern.

Mehr zu dem Thema: Eben noch von Friedrich Merz bedrängt, nun schon wieder obenauf beim digitalen Weltwirtschaftsforum: Der Bundeswirtschaftsminister durchlebt wilde Tage. Aber er ist in der Offensive.

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