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Sie wird seine Nachfolgerin Wer ist die Frau, die den Thyssen-Chef geschasst hat?

Die zukünftige Interims-Chefin von Thyssen-Krupp, Martina Merz, und der aktuelle Chef Guido Kerkhoff Quelle: REUTERS

Martina Merz wurde erst im vergangenen Dezember in den Aufsichtsrat von Thyssenkrupp gewählt. Nun wird sie als Nachfolgerin von Guido Kerkhoff neue Interims-Chefin des arg gedrückten Essener Industriekonzerns.

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Viel hat nicht gefehlt. Ein paar Wochen vielleicht, und Deutschlands Wirtschaft hätte endlich eine Antwort gehabt auf die Frage, die seit Jahren über Podien und durch Leitartikel wabert, die Gegenstand von ungezählten Appellen ist: Wann wird zum ersten Mal eine Frau einen der Dax-30-Konzerne führen - und wer wird diese Frau sein? Martina Merz, derzeit Aufsichtsratschefin des Essener Industriekonzerns Thyssenkrupp, wird es nur deshalb nicht werden, weil Thyssenkrupp am 23. September Deutschlands Elite-Börsenliga aufgrund der anhaltenden Krise verlassen und in den M-Dax absteigen musste. An ihr liegt es also nicht.

Denn am Dienstagabend kam die nächste Botschaft aus dem Hause Thyssenkrupp, die für Unruhe sorgt: Das Unternehmen teilte mit, „der Personalausschuss des Aufsichtsrats“ habe dem Aufsichtsrat empfohlen, mit dem derzeitigen Vorstandschef Guido Kerkhoff „Verhandlungen über eine zeitnahe Beendigung seines Vorstandsmandates aufzunehmen“. Und weiter? „Nachfolgerin soll die bisherige Aufsichtsratsvorsitzende Martina Merz werden, die den Vorstandsvorsitz interimistisch für eine Amtszeit von maximal zwölf Monaten übernehmen soll.“ Was genau „zeitnah“ bedeutet, konnte Thyssenkrupp auch auf Nachfrage nicht präzisieren; der Wechsel soll auf einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung beschlossen werden.

Auch wenn Martina Merz also „zeitnah“ kein Dax-30-Unternehmen führen wird – als Chefin eines M-Dax-Unternehmens steht sie auch ziemlich alleine da. Und auch das ist ein schneller Aufstieg: Bei Thyssenkrupp (Umsatz: 34,8 Milliarden Euro) wurde sie erst im Dezember 2018 in den Aufsichtsrat berufen, seit Januar 2019 steht sie an dessen Spitze. Manche Beobachter verweisen in diesem Zusammenhang freilich nicht ohne Spitzfindigkeit auf die zahlreichen Männer, die zuvor für diesen Posten gefragt worden waren, aber dankend abgewunken hatten: der ehemalige Airbus-Chef Tom Enders, der frühere Bayer-Boss Marijn Dekkers, Daimlers langjähriger (Ex-)Finanzvorstand Bodo Uebber, und auch der frühere Telekom-Chef René Obermann.

Klassen- und Schulsprecherin

Martina Merz (Jahrgang 1963) gilt dessen ungeachtet als resolut und selbstbewusst. Geboren und aufgewachsen ist sie in der Gemeinde Durchhausen (984 Einwohner) im Landkreis Tuttlingen, rund 45 Kilometer nordwestlich vom Bodensee entfernt. Sie hat eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder. Merz macht zunächst einen Realschulabschluss in Trossingen, wo sie auch Schulsprecherin war, und wechselt anschließend auf das Technische Gymnasium in Villingen-Schwenningen, wo sie Klassensprecherin war. Den eher pragmatischen Grund für die Schulwahl vertraute sie mal der „Stuttgarter Zeitung“ an: weil ein Mitschüler aus ihrer Trossinger Realschule aufs Gymnasium in Villingen-Schwenningen wechselte – und dieser junge Kerl ein eigenes Auto besaß, in dem sie mitfahren konnte.

Nach dem Abitur 1982 studierte sie Maschinenbau mit dem Schwerpunkt Fertigungstechnik an der Berufsakademie Stuttgart (die mittlerweile DHBW Duale Hochschule Baden-Württemberg heißt), begleitet von einer Ausbildung beim Stuttgarter Industrieriesen und Autozulieferer Bosch. Bei Bosch stieg sie rasch auf, man übertrug ihr Führungsaufgaben und Personalverantwortung. Es folgten zwei Bewährungsprüfungen für Frau Merz: 2001 wurde der von ihr geführte Bosch-Teilbereich für Türschlosssysteme an das Familienunternehmen Brose verkauft; 2012 wiederum verkaufte Bosch die ebenfalls von Merz geleitete Basisbremsen-Sparte an einen US-Finanzinvestor. In beiden Fällen ging Martina Merz mit zum neuen Eigentümer und leitete die jeweils neue Einheit (auch wenn sie 2006 zwischenzeitlich zu Bosch zurückkehrte). Bei Brose in Wuppertal musste sie Personal abbauen. Was sie in dieser Zeit gelernt hat? „Schwache Führungskräfte scheuen sich, kritische Themen anzusprechen.“

Gut beschäftigte Aufseherin

Nach fast 25 Jahren bei Bosch und einigen Jahren als Chefin der Bosch-Abspaltung Chassis Brakes International mit Sitz in Amsterdam sammelte sie ab 2015 hauptberuflich Mandate in Aufsichtsräten: Zunächst wurde sie Aufseherin beim S-Dax-registrierten Lkw- und Bus-Zulieferer SAF Holland in Luxemburg; im April 2015 wurde sie, zusammen mit Eckhard Cordes, in das Board des schwedischen Lkw-Bauers Volvo gewählt. Und im April 2016 ersetzte sie die Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller im Lufthansa-Aufsichtsrat. Zudem kontrolliert sie den Stahldrahtspezialist Bekaert im belgischen Zwevegem sowie den französischen Baustoffhersteller Imerys. Es gilt als wahrscheinlich, dass sie bald eines dieser Mandate abgeben wird.

Merz ist gut vernetzt: Sie engagierte sich im Europäischen Managerinnen-Netzwerk (EWMD) Baden-Württemberg und beim Netzwerk „women@bosch“. Nach dem Ausscheiden bei Chassis Brakes bezog sie ein Büro im sogenannten Innovationscampus „Code-N Spaces“, den der Stuttgarter IT-Dienstleister GFT Ende 2015 im Stuttgarter Stadtteil Fasanenhof eröffnet hat. Etablierte Unternehmen sitzen hier neben Gründern und tauschen sich aus. Merz sagte einmal: „Frauen haben einen viel höheren Anspruch an sich selbst als ihr berufliches Umfeld an sie. Oft nehmen sie zu früh den Fuß vom Gas und mäandern auf das Ziel zu, Männer gehen direkt drauflos.“ Man darf davon ausgehen, dass sie sich selbst eher nicht zu den Bremserinnen zählt.

Merz gegen Kerkhoff?

Im November 2018 schließlich wurde bekannt, dass der schwedische Finanzinvestor Cevian, der gut 15 Prozent der Thyssenkrupp-Anteile hält, Martina Merz im Thyssenkrupp-Kontrollgremium platzieren will. Cevian war auch schon beteiligt bei ihrer Wahl in den Volvo-Aufsichtsrat. Ihr weiterer Aufstieg beim Essener Konzern ist bekannt. Offen ist, inwieweit Merz mitverantwortlich ist für die Ablösung von Guido Kerkhoff. Der Manager gilt bei Cevian nicht gerade als Wunschlösung für den Vorstandssitz. Und der Personalausschuss des Thyssenkrupp-Aufsichtsrats, der laut Pressemitteilung die Empfehlung aussprach, Kerkhoffs Mandat zu beenden, wird geleitet von: Martina Merz.

Sie hat nun eine denkbar schwierige Aufgabe vor sich: Ursprünglich wollte Kerkhoff die Stahlsparte mit dem Europageschäft des indischen Wettbewerbers Tata fusionieren, das Vorhaben scheiterte im Frühling am Veto der Kartellwächter aus Brüssel. Infolgedessen wurde auch die geplante Aufspaltung des Konzerns in zwei Teile wieder abgesagt. Pensionslasten von acht Milliarden Euro und Schulden in Höhe von fünf Milliarden Euro erschweren die Arbeit.

Nun hängen alle Hoffnungen am Verkauf der Aufzugsparte. Hoffnung kann man gut gebrauchen angesichts der Aktienentwicklung: Seit Anfang 2018 hat sich der Kurs der Thyssenkrupp-Anteilsscheine halbiert auf derzeit knapp 13 Euro.

Die IG-Metall immerhin, bei Thyssenkrupp stark vertreten, ist nicht unzufrieden mit der künftigen Interims-Chefin. Knut Giesler, Chef der IG-Metall NRW, sagte gegenüber der WirtschaftsWoche: „Wir denken, dass mit Martina Merz die eingeschlagene Strategie machbar ist. Wir haben sie bis jetzt auch als konstruktiv erlebt.“ Das klingt schon fast wie ein Lob.

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