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ÜbernahmewelleDie Schwächen der deutschen Pharmaindustrie

Im Wochentakt übernehmen Arzneimittelhersteller für Milliardensummen Wettbewerber. Die Mehrheit der deutschen Unternehmen hat kein Geld oder baut auf Wachstum aus eigener Kraft. Der weitere Abstieg ist programmiert.Jürgen Salz 05.05.2015 - 15:52 Uhr

Deutsche Arzneimittelhersteller haben Probleme. In der Pharmabranche reiht sich eine Übernahme an die nächste.

Foto: Anna Schneider für WirtschaftsWoche

Schon wieder die anderen: 40 Milliarden Dollar bietet der israelische Pharmakonzern Teva, der weltweit größte Hersteller von Nachahmerpräparaten, für den US-Konkurrenten Mylan. Klappt die Übernahme, entstünde ein globaler Generikagigant mit einem Jahresumsatz von knapp 30 Milliarden Dollar.

Eigentlich wäre Mylan auch ein lohnendes Ziel für den deutschen Konkurrenten Ratiopharm gewesen. Doch das sind Träume von vorgestern. Der einstige Eigentümer von Ratiopharm, der schwäbische Patriarch Adolf Merckle, hatte jahrelang auf die eigene Kraft vertraut. Doch als er sich in der Finanzkrise verspekulierte, daraufhin in den Freitod ging und Ratiopharm zum Schuldenausgleich herhalten musste, war diese Strategie gescheitert. Seit fünf Jahren gehört das Unternehmen Teva.

Der Fall ist speziell, am Ende aber typisch für die deutschen Medikamentenhersteller. In keiner anderen Branche laufen derzeit so viele Firmenübernahmen und Zusammenschlüsse wie in der Pharmaindustrie. Allein im noch jungen Jahr 2015 waren es bislang 15 Milliardenzukäufe. Und in keiner anderen Industriebranche sind deutsche Unternehmen so weit außen vor: An den Top-Deals sind fast immer nur Amerikaner beteiligt.

Deutschland ist nicht mehr die Apotheke der Welt

Nur ein heimisches Unternehmen fiel in den vergangenen zwölf Monaten durch eine größere Übernahme auf: Für 14 Milliarden Euro erwarb Bayer dessen Sparte für rezeptfreie Präparate vom US-Konzern Merck. Ansonsten Fehlanzeige. Der große Rest rutscht immer mehr ins Abseits, weil sich neue Player bilden, die Konkurrenz durch Zukäufe an neue Top-Medikamente kommt und sich so gegen den Ablauf von Patenten und Flops in der Forschung absichert.

Nachdem Deutschland schon vor knapp drei Jahrzehnten den Ruf verloren hat, die Apotheke der Welt zu sein, fällt der Pharmastandort nun ein weiteres Mal zurück. Von der einstigen Vorzeigebranche existiert nur noch eine Handvoll Anbieter. Mit Ausnahme von Bayer steigen alle auf dem Weltmarkt zu Nebendarstellern ab.

Den jüngsten traurigen Beleg dafür lieferte Boehringer am vergangenen Mittwoch. Der zweitgrößte deutsche Pharmahersteller mit Sitz im rheinland-pfälzischen Ingelheim musste für 2014 einen Umsatzrückgang im Pharmageschäft um etwa sieben Prozent auf 10,1 Milliarden Euro einräumen. Vor wenigen Jahren war Boehringer noch schneller als der Pharmamarkt gewachsen. Konzernchef Andreas Barner verzichtete vor wenigen Monaten auf ein neues Hepatitis-Mittel, da inzwischen der US-Konkurrent Gilead einen großen Teil des Marktes kontrolliert.

Die größten Probleme bei Boehringer
untersucht die US-Behörde FDA bereits die Produktion im Stammwerk Ingelheim, weil ein Wirkstoff Fremdpartikel aufwies.
gegen Boehringer sind in den USA wegen des Anti-Schlaganfall-Mittels Pradaxa eingegangen
hat Boehringer in seine heruntergekommene US-Fabrik in Bedford/Ohio investiert. Nun wird das Werk mit 1100 Jobs geschlossen

Die Kalifornier hatten vor drei Jahren für stolze elf Milliarden Dollar das US-Biotech-Unternehmen Pharmasset geschluckt und damit den Grundstein für den Erfolg mit der neuen Hepatitis-Pille Sovaldi gelegt. Boehringer, das größere Zukäufe ablehnt und lieber auf eigene Präparate wie Spiriva gegen Raucherlunge und das Blutgerinnungsmittel Pradaxa vertraut, hatte das Nachsehen.

In der Liga von Bayer spielen in Deutschland nur wenige

Begonnen hat der Abschied der deutschen Pharmabranche von der Weltbühne im Grunde mit der Zerschlagung des Frankfurter Pharmakonzerns Hoechst, der zu Beginn der Achtzigerjahre die globale Nummer eins war. Das Unternehmen führt heute ein Schattendasein im französischen Sanofi-Konzern. Ein weiterer Tiefschlag für die Branche war die Entscheidung der risikoscheuen Großaktionärin Susanne Klatten aus der Quandt-Dynastie, 2006 die Pharmasparte des vormaligen Dax-Konzerns Altana zu verkaufen.

Das Unternehmen hatte durch Managementfehler den Anschluss verpasst und gehört inzwischen zum japanischen Konzern Takeda. Seither sind Hunderte Arbeitsplätze vor allem am Forschungs- und Produktionsstandort Konstanz weggefallen.

Entsprechend dezimiert präsentiert sich inzwischen die Riege hiesiger Pillenproduzenten. In der Liga von Bayer spielen allenfalls noch der schwächelnde Familienkonzern Boehringer sowie Merck in Darmstadt, ein börsennotierter, aber familiendominierter Chemie- und Medikamentenhersteller mit einem Pharmajahresumsatz von knapp sechs Milliarden Euro.

Aufsteiger 1: Valeant (Kanada)

Der kanadische Pharmariese wächst und wächst – hauptsächlich durch Zukäufe. Im Jahr 2013 kaufte Valeant den Kontaktlinsen-Hersteller Bausch & Lomb aus den USA für 8,7 Milliarden Dollar. Im Bereich Augengesundheit wollen die Kanadier ganz vorne mitmischen. Beim Umsatz hat es der Konzern zumindest schon einmal in die Top 30 der Welt geschafft. Die Pharma-Erlöse stiegen um 62,4 Prozent auf 5,8 Milliarden Dollar.

Quellen: Unternehmen, HB-Schätzungen

Foto: AP

Aufsteiger 2: Biogen Idec (USA)

Erst Ende März 2013 wurde das Multiple-Sklerose-Mittel Tecfidera in den USA zugelassen. Doch die Tablette ist eine Goldgrube für das aufstrebende US-Biotech-Unternehmen Biogen Idec. Im Jahr 2013 steigerte es dank Tecfidera den Umsatz um gut ein Viertel auf 6,9 Milliarden Dollar.

Foto: AP

Aufsteiger 3: Actavis (Irland/USA)

Das Unternehmen ist der weltweit zweitgrößte Hersteller von Nachahmerpräparaten. Doch allzu großes Wachstum verspricht dieses Geschäftsfeld nicht unbedingt, da der Preisverfall oft das Mengenwachstum aufzehrt. Actavis wächst daher vor allem mit Übernahmen: In den vergangenen drei Jahren steckte der Konzern mehr als 14 Milliarden Dollar in Zukäufe. Der Konkurrent Forest Laboratories soll nun für 25 Milliarden Dollar ebenfalls geschluckt werden. Im Jahr 2013 legte der Umsatz um 46,7 Prozent auf 8,7 Milliarden Dollar zu.

Foto: PR

Deutsche Unternehmen: Merck

Der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern wächst im Jahr 2013 moderat. Der Umsatz legt um 2,6 Prozent auf umgerechnet 7,9 Milliarden Dollar zu (Schätzung). In der Rangliste der größten Pharmaunternehmen der Welt schafft es Merck damit auf Platz 23. Das könnte sich aber ändern, denn das Unternehmen plant einen Zukauf: Die Darmstädter bieten rund zwei Milliarden Dollar für die britische Spezialchemiefirma AZ Electronic Materials – eine ehemalige Hoechst-Tochter, die unter anderem Komponenten für Apples iPad liefert.

Foto: dpa

Deutsche Unternehmen: Boehringer Ingelheim

Das Familienunternehmen ist der zweitgrößte deutsche Pharmakonzern. Im Jahr 2013 hielt Boehringer Ingelheim die Umsätze stabil und landet mit umgerechnet 14,7 Milliarden Dollar (Schätzung) auf Platz 17 der Rangliste. Aktuell ist Boehringer in den USA mit einer Klagewelle konfrontiert. Mehr als 2000 Kläger werfen dem Unternehmen vor, für schwere und zum Teil tödliche Blutungen nach einer Behandlung mit dem Gerinnungshemmer Pradaxa verantwortlich zu sein.

Foto: dpa

Deutsche Unternehmen: Bayer

Bayers Pharma-Umsätze wachsen, die Leverkusener legen zum sieben Prozent zu und rücken in der Rangliste mit umgerechnet 14,9 Milliarden Dollar Umsatz auf Platz 16 vor. Gerade Bayers neue Medikamente wie das Schlaganfallmittel Xarelto laufen prächtig. Die Umsatzziele für die fünf stärksten Medikamente wurden erhöht.

Foto: REUTERS

Platz 10: Teva (Israel)

Der weltgrößte Generika-Hersteller kommt aus Israel: Teva. Im Jahr 2013 stagnierte der Umsatz des Konzern allerdings bei gut 20 Milliarden Dollar. Große Hoffnungen ruhen auf dem neuen Chef Erez Vigodman. Teva ist auch in Deutschland aktiv – so gehört seit 2009 die Ulmer Ratiopharm zum Konzern.

Foto: Presse

Platz 9: Eli Lilly (USA)

Anfang 2014 machte der US-Konzern mit einer Übernahme von sich reden: Eli Lilly kaufte dem Geflügel-Produzenten Wiesenhof (PHW-Gruppe) die Tiermedizin-Tochter Lohmann Animal Health ab. Der Umsatz des Unternehmens wird dadurch weiter zulegen. 2013 wuchsen die Erlöse um knapp zwei Prozent auf 21 Milliarden Dollar.

Foto: Presse

Platz 8: Astra Zeneca (Großbritannien)

Patenabläufe und eine Schwäche bei Innovationen machen dem Pharmariesen Astra Zeneca zu schaffen. Im Jahr 2013 schrumpfte der Umsatz um mehr als acht Prozent auf 25,7 Milliarden Dollar. Und der Gegenwind nimmt weiter zu: Im Mai 2014 läuft in den USA der Schutz für Nexium ab, ein Mittel gegen Sodbrennen.

Foto: AP

Platz 7: Johnson & Johnson (USA)

Das US-Unternehmen Johnson & Johnson – im Bild die Zentrale in New Brunswick – ist einer der wenigen Großen, die in 2013 gewachsen sind. Die Erlöse stiegen um 10,9 Prozent auf 28,1 Milliarden Dollar. Die Pharmasparte sorgte für einen Gewinnschub beim Konsumgüterriesen. Auch dank eines deutschen Medikaments: Als US-Partner von Bayer beim Schlaganfall-Mittel Xarelto profitiert Johnson & Johnson von steigenden Umsätzen.

Foto: AP

Platz 6: Glaxo-Smith-Kline (Großbritannien)

In Deutschland kämpfte der Pharmariese zuletzt mit Lieferengpässen bei wichtigen Impfstoffen für Kinder. Dabei haben die Briten erst ein enttäuschendes Jahr 2013 hinter sich. Der Umsatz ging um 1,3 Prozent auf 33,5 Milliarden Dollar zurück – Platz sechs im Ranking.

Foto: AP

Platz 5: Sanofi (Frankreich)

Auch das Geschäft der Franzosen stagniert: Die Erlöse gingen 2013 um fast drei Prozent auf 37,1 Milliarden Dollar zurück. Zum Jahresende lief aber es besser beim Pharmakonzern. Dabei machte sich ein Zukauf im Biotech-Sektor bezahlt: Das Diabetes-Medikament Lantus der 2012 übernommenen US-Firma Genzyme sorgte für viele Verkäufe.

Foto: dpa

Platz 4: Merck (USA)

Das US-Pharmaunternehmen musste 2013 großer Umsatzverluste hinnehmen. Mit einem Minus von knapp acht Prozent büßte Merck Rang drei in der Rangliste ein. Günstige Nachahmer-Präparate setzen dem Konzern zu. Merck benötigt dringend einen neuen Verkaufsschlager.

Foto: AP

Platz 3: Roche (Schweiz)

Mit einem Umsatzzuwachs von knapp vier Prozent auf 39 Milliarden Dollar erobern die Schweizer den dritten Platz der Rangliste. Beim Gewinn ist das Unternehmen sogar führend in der Pharmawelt. In 2013 erwirtschaftete Roche ein Betriebsergebnis von 17,6 Milliarden Dollar (inklusive pharmafremder Erträge). Der Konzern profitiert vor allem von der wachsenden Nachfrage nach Krebsmedikamenten. Blockbuster sind Mab-Thera gegen Blutkrebs, Herceptin gegen Brustkrebs oder das breit eingesetzte Avastin.

Foto: rtr

Platz 2: Novartis (Schweiz)

Auch den Silberrang belegt ein Schweizer Unternehmen: Der Umsatz des Pharmakonzerns Novartis wuchs in 2013 leicht um 1,6 Prozent auf 47,5 Milliarden Dollar. Allerdings leidet das Unternehmen ebenfalls unter günstigen Nachahmerpräparaten. In 2014 rechnet Novartis mit Umsatzeinbußen beim Blutdrucksenker Diovan – die Erlöse des Konzerns sollen dennoch steigen.

Foto: dapd

Platz 1: Pfizer (USA)

Trotz des Ablaufs des Viagra-Patents und eines Umsatzverlustes von 15 Milliarden Dollar in nur drei Jahren bleibt Pfizer an der Spitze. Mit 47,9 Milliarden Dollar Umsatz (minus 6,5 Prozent) verteidigt der Pharma-Champion aus den USA knapp Platz eins der Rangliste. Die Erlöse soll in Zukunft vor allem das neue Brustkrebs-Medikament Palbociclib ankurbeln.

Foto: AP

Deutlich dahinter rangieren Merz in Frankfurt mit Präparaten wie Memantine gegen Alzheimer sowie Grünenthal in Aachen. Das eigentümergeführte Unternehmen war in den Sechzigerjahren durch das Schlafmittel Contergan in die Schlagzeilen geraten, das bei Tausenden Föten zu Missbildungen an Gliedmaßen führte. Heute kommen von Grünenthal vor allem Schmerzpräparate. Doch mit einem Umsatz von jeweils rund einer Milliarde Euro sind Grünenthal und Merz zu klein, um am Weltmarkt eine Rolle zu spielen.

Dass die Handvoll verbliebener namhafter deutscher Pillenhersteller nicht an den Fusionen der vergangenen Monate beteiligt ist, liegt entweder an fehlenden finanziellen Mitteln oder am ungebrochenen Glauben an sich selbst. „Die aktuelle Übernahmewelle in der Pharmaindustrie ändert nichts daran, dass wir aus eigener Kraft wachsen wollen“, sagt Merck-Chef Karl-Ludwig Kley, „unsere Medikamentenpipeline ist gut gefüllt.“

Seit 30 Jahren kein erfolgreiches Medikament

Woher der ungetrübte Optimismus rührt, ist allerdings wenig ersichtlich. Denn die Erfahrung der vergangenen Jahre sprechen gegen die Hessen, die nebenbei auch chemische Spezialitäten herstellen – etwa Flüssigkristalle, die in den Displays von Smartphones Verwendung finden.

Doch seit fast drei Jahrzehnten hat Merck kein einziges erfolgreiches Medikament mehr aus den eigenen Laborräumen auf den Markt gebracht. Die beiden aktuellen Top-Präparate, Rebif gegen multiple Sklerose sowie das Krebsmittel Erbitux, hat Merck schon vor Jahren zugekauft. 2014 wuchs die Pharmasparte nur um bescheidene 1,7 Prozent.

Die zehn größten Akquisitionen in der Pharmabranche seit April 2014
Ursprungsland: SchweizWert: 7,8 Mrd. Dollargekauftes Unternehmen: IntermuneQuelle: Unternehmensangaben
Ursprungsland: USAWert: 8,3 Mrd. Dollargekauftes Unternehmen: Cubist PharmaceuticalsQuelle: Unternehmensangaben
Ursprungsland: KanadaWert: 11,6 Mrd. Dollargekauftes Unternehmen: SalixQuelle: Unternehmensangaben
Ursprungsland: DeutschlandWert: 14,2 Mrd. Dollargekauftes Unternehmen: Merck & Co OTCQuelle: Unternehmensangaben
Ursprungsland: SchweizWert: 14,5 Mrd. Dollargekauftes Unternehmen: GSK OnkologieQuelle: Unternehmensangaben
Ursprungsland: USAWert: 16,5 Mrd. Dollargekauftes Unternehmen: HospiraQuelle: Unternehmensangaben
Ursprungsland: USAWert: 19,8 Mrd. Dollargekauftes Unternehmen: PharmacyclicsQuelle: Unternehmensangaben
Ursprungsland: USAWert: 20,8 Mrd. Dollargekauftes Unternehmen: ForestQuelle: Unternehmensangaben
Ursprungsland: USAWert: 28,9 Mrd. Dollargekauftes Unternehmen: PerrigoQuelle: Unternehmensangaben
Ursprungsland: USAWert: 65,0 Mrd. Dollargekauftes Unternehmen: AllerganQuelle: Unternehmensangaben

Der Weg von Merck in die Stagnation ist gepflastert mit gescheiterten Medikamenten. Die erhoffte Tablette gegen multiple Sklerose (MS) scheiterte ebenso wie ein Impfstoff gegen Krebs oder ein Mittel gegen Gehirntumor. Bei allen Medikamenten zeigte sich in den klinischen Tests, dass sie nur mangelhaft wirkten, beim Präparat gegen MS kam noch ein mögliches Krebsrisiko hinzu. Die Forschung und Entwicklung von Merck gehöre „zu den schlechtesten der Branche im vergangenen Jahrzehnt“, urteilte das amerikanische Analystenhaus Morningstar.

Zwar holte Konzernchef Kley den Bayern Stefan Oschmann, der inzwischen zu seinem Stellvertreter aufgestiegen ist und beste Chancen auf dessen Nachfolge hat, sowie die Spanierin Belen Garijo ins Haus. Beide gelten als fähige Chefs der Pharmasparte. Insbesondere Oschmann tauschte reihenweise Manager aus und strukturierte Forschung und Entwicklung um. So testet Merck neue Wirkstoffe nun früher und gründlicher als bisher.

Pharmaindustrie

Optimierte Blüten

von Jürgen Salz

Doch die eigene Medikamentenentwicklung braucht viel Zeit, jedenfalls mehr als der Kauf eines neuen Präparats per Firmenübernahme. Ob die von Merck derzeit entwickelten Medikamente, etwa gegen Krebs, endlich anschlagen, zeigt sich erst in einigen Jahren. „Der Turnaround in der Pharmaentwicklung ist erst dann wirklich geschafft, wenn wir ein neues Medikament registriert haben“, räumt Konzernchef Kley ein.

Kooperation mit Pfizer

Einen namhaften Partner konnte er allerdings kürzlich gewinnen. Gemeinsam mit dem US-Konzern Pfizer, dem Erfinder der Potenzpille Viagra, ist Merck eine Kooperation eingegangen: Beide Unternehmen wollen gemeinsam Medikamente auf den Markt bringen, die das körpereigene Abwehrsystem anregen sollen, bösartige Tumore zu bekämpfen. Im Erfolgsfall erhält Merck von Pfizer eine Prämie in Höhe von bis zu 2,3 Milliarden Euro. Doch der US-Partner ist keine Erfolgsgarantie. „Pfizer hat in der Vergangenheit auch nicht immer den besten Riecher gehabt“, sagt ein langjähriger Branchenbeobachter.

Ähnlich stur baut Boehringer auf die eigene Kraft. Jahrelang waren die Rheinland-Pfälzer ein Vorbild für Merck und standen für gutes Wachstum und jede Menge neue Top-Präparate. Alles vorbei: Der Erfolg hat die Ingelheimer offenbar nachlässig werden lassen. Der Umsatz schrumpft, der Gewinn stagniert. Das Top-Medikament Pradaxa gegen Schlaganfall hat die Erwartungen nicht erfüllt: Um Klagen in den USA wegen des angeblich höheren Blutungsrisikos abzuwehren, schloss Boehringer 2014 einen teuren Vergleich.

Umsatzwachstum deutscher Pharmahersteller

Foto: WirtschaftsWoche

Die Akquisition von Unternehmen mit zulassungsreifen Präparaten als generelles Gegenmittel lehnt Boehringer-Chef Barner allerdings ab: „Was zählt, ist die eigene Forschung.“ Der Mediziner setzt auf organisches Wachstum und will höchstens mal hier und da eine „gezielte Akquisition“ wagen.

Eine gewagte Strategie: Denn während Boehringers wichtigste Präparate wie etwa Spiriva gegen Raucherlunge, Umsatz verlieren, drängt sich von den neu entwickelten Arzneien – unter anderem gegen Krebs oder Lungenfibrose – noch kein Mittel als milliardenschwerer Verkaufsschlager, in der Branche „Blockbuster“ genannt, auf.

Bayer blickt zurück auf eine wechselvolle Geschichte. Der Konzern hat bahnbrechende Medikamente wie Aspirin erfunden, aber auch Heroin als Arznei verkauft. Bayer schuf bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Wohltaten für die eigenen Mitarbeiter, gründete Sportvereine und Werksbüchereien - und rekrutierte andererseits als Teil der I.G. Farben während des Zweiten Weltkrieges Tausende Zwangsarbeiter, die unter menschenunwürdigen Bedingungen schufteten. Wie alles begann...

Foto: dpa

1863

Am 1. August gründen der Kaufmann Friedrich Johann Bayer und der Färber Johann Friedrich Weskott die "Friedr. Bayer et comp.". Sitz der Gesellschaft ist Wuppertal, Zweck die Produktion von Farbstoffen.

Foto: Presse

1876

Das junge Unternehmen expandiert rasch im Ausland. Erste Produktionsbetriebe entstehen – zunächst in Russland, später auch in Frankreich, England und den USA.

Foto: Presse

1898

Das Unternehmen lässt sich Heroin als Warenzeichen schützen. Den Bayer-Chemikern gilt Heroin als ungefährliches, nahezu nebenwirkungsfreies Medikament, das die Atmung beruhigt. Nach der Einnahme sollen sich die Bayer-Arbeiter "heroisch" gefühlt haben - davon soll sich der Name Heroin ableiten. Bis 1915 produziert die Farbenfabrik jährlich eine knappe Tonne Heroin; das angebliche Medikament wird bald in 22 Länder exportiert. Erst 1931 stellte Bayer die Produktion ein.

Foto: Gemeinfrei

1899

Unter der Nummer 36433 wird das Medikament Aspirin in die Warenzeichenrolle des Kaiserlichen Patentamtes in Berlin aufgenommen. Entdeckt wurde Aspirin von dem jungen Chemiker und Pharmakologen Felix Hoffmann, der seinem rheumakranken Vater mit einem Antischmerzmittel helfen wollte. Bis heute ist Aspirin das bekannteste Bayer-Produkt.

Foto: Creative Commons-Lizenz

1904

Die Bayer-Arbeiter bekommen einen Sportverein. Der TuS 04 Leverkusen gründet sich – der Vorläufer des heutigen TSV Bayer 04 Leverkusen, der vor allem durch seine Fußball-Bundesligamannschaft bekannt ist.

Foto: Presse

1912

Carl Duisberg wird Generaldirektor, Leverkusen Firmensitz. Der Standort Wuppertal ist zu klein geworden; Duisburg entwickelt einen Plan für ein neues Chemiewerk in Leverkusen. Die Wahl des neuen Hauptstandorts stößt nicht überall auf Begeisterung. Bayer-Arbeiter reimen ein Klagelied: "Kann er einen nicht verknusen, schickt er ihn nach Leverkusen. Dort, an diesem End der Welt, ist man ewig kaltgestellt."

Foto: Gemeinfrei

1914-1918

Die chemische Industrie, darunter Bayer, liefert Giftgase an die Fronten des Ersten Weltkrieges. Bayer produziert unter anderem Salpetersäure, Chlor, Schwefelsäure, Oleum und Superphosphat.

Foto: Creative Commons-Lizenz

1925

Die I.G. Farben gründet sich. Die Führungsgesellschaft BASF übernimmt die anderen Unternehmen wie die Farbwerke Hoechst oder Bayer.

Foto: Presse

1939-1945

Im Laufe des Zweiten Weltkrieges rekrutiert die I.G. Farben über 80.000 Zwangsarbeiter. KZ-Häftlinge müssen für die I.G. ein Großwerk in Auschwitz bauen, wo kriegswichtige Treibstoffe produziert werden.

Foto: dpa/dpaweb

1951

Die I.G. Farben ist zerschlagen, Bayer wird wieder selbstständig.

Foto: Creative Commons-Lizenz

1964

Die beiden größten Fotoproduzenten Europas schließen sich zusammen – die Bayer-Tochter Agfa und die belgische Gevaert Photo-Producten NV. In den sechziger Jahren bestimmen vor allem Chemie- und Kunststoffinnovationen das Geschehen bei Bayer; erst in den achtziger Jahren wird das Pharmageschäft wieder wichtiger.

Foto: Presse

1994

Vorstandschef Manfred Schneider kauft die Rechte an dem Namen Bayer und am Bayer-Kreuz in den USA zurück, die seit dem Ersten Weltkrieg als Feindvermögen konfisziert waren.

Foto: AP

1999

Bayer bringt die Foto-Marke Agfa an die Börse. Im Laufe der Jahre trennt sich das Leverkusener Unternehmen auch von weiteren Konsummarken wie dem Sonnenbräuner Delial und dem Süßstoff Natreen. Agfa ist inzwischen in der Bedeutungslosigkeit versunken und  zerschlagen.

Foto: Presse

2001

Bayer nimmt den Cholesterinsenker Lipobay wegen schwerer Nebenwirkungen vom Markt. In den USA zahlt Bayer 1,2 Milliarden Dollar für Vergleiche.

Foto: AP

2003

Die Folgen der Lipobay-Krise und die schwache Chemiekonjunktur setzen Bayer zu. Konzernchef Werner Wenning gibt bekannt, dass sich Bayer von großen Teilen seines Chemiegeschäfts, insbesondere von innovations- und renditeschwachen Teilen, trennt. Daraus entsteht der Chemiekonzern Lanxess, der zunächst als "Bayer’s Resterampe" verspottet wird, inzwischen aber sogar den Sprung in die Dax-Liga geschafft hat.

Foto: dpa

2006

Bayer übernimmt für 16.5 Milliarden Dollar den  Pharmakonzern Schering. Zum Portfolio der Berliner zählen vor allem Verhütungspillen und Betaferon gegen Multiple Sklerose.

Foto: AP

2010

Mit dem Holländer Marijn Dekkers übernimmt zum ersten Mal ein Ausländer - noch dazu einer, der nicht im Konzern Karriere gemacht hat - den Chefposten bei Bayer. "Mehr Innovation, weniger Administration", lautet das Motto des Neuen. Schon kurz nach seinem Amtsantritt verkündet Dekkers den Abbau von weltweit 4.500 Stellen.

Foto: dpa

2013

Die Pharma-Pipeline von Bayer ist so gut gefüllt wie lange nicht mehr. Zahlreiche Mittel gegen Schlaganfall oder  verschiedene Arten von Krebs sind in den vergangenen Jahren auf den Markt gekommen. Weniger gut läuft es  bei den schon länger eingeführten Medikamenten. Gegen die Verhütungspille Yasmin sind, wegen einer vermeintlich höheren Thrombosegefahr, über 10.000 Klagen in den USA anhängig. Bislang hat Bayer eine Milliarde Dollar für Vergleich gezahlt.

Foto: CLARK/obs

2014

Für umgerechnet zehn Milliarden Euro kauft Bayer vom US-Pharmakonzern Merck das Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten. Damit gehören nun auch Produkte wie die Fußpflege-Marke Dr. Scholl’s oder das Allergiemittel Claritin zum Bayer-Sortiment.

Foto: REUTERS

2014

Im September kündigt Bayer-Chef Marijn Dekkers an, sich von der Kunststoffsparte Bayer Material Science zu trennen; künftig soll Bayer dann nur noch aus den Sparten Gesundheit und Pflanzenschutz bestehen. Die Kunststoffe tragen immerhin mehr als ein Viertel zum Bayer-Konzernumsatz von 42 Milliarden Euro (2014). Ende 2015 brachte Bayer das Geschäft an die Börse. Die Sparte heißt nicht mehr Bayer Material Science, sondern Covestro.

Foto: dpa

An fehlenden finanziellen Mittel kann Barners Fremdeln nicht liegen. Zwar kann sich das Familienunternehmen nicht über die Börse finanzieren. Doch mithilfe eigener Mittel und Bankkrediten könnte durchaus ein zweistelliger Milliardenbetrag im unteren Bereich für eine größere Akquisition zusammenkommen, heißt es im Unternehmen. Doch mit Barner ist das nicht zu machen. „Auch Zukäufe“, weiß er, „bergen Risiken.“

Es mangelt an Innovationen

Klar an finanzielle Grenzen stoßen im laufenden Übernahmeboom dagegen die viert- und fünftplatzierten der deutschen Pharmabranche, Merz und Grünenthal.

Der Ex-Contergan-Hersteller konnte sich 2013 gerade mal die Übernahme eines kleinen Medikamentenherstellers in Südamerika leisten und unter anderem deshalb einen Umsatzzuwachs von 28 Prozent im vergangenen Jahr erzielen. Doch mit Gesamterlösen von knapp über einer Milliarde Euro ist der Fusionszug rund um den Globus für Grünenthal abgefahren. Zudem läuft wohl längst nicht alles rund: Von ihrem Schmerzmittel Palexia hatten sich die Grünenthal-Manager mehr versprochen, ist aus der Branche zu hören; Vertreter von Krankenkassen beklagen die mangelnde Innovationskraft der Rheinländer.

Mindestens so ernüchternd sieht es bei Deutschlands kleinster Pharmafirma Merz aus. Das Geschäft stagniert, bei den Frankfurtern laufen derzeit die Patente für das Alzheimer-Präparat Memantine aus, das zuletzt für 400 Millionen Euro Umsatz steht. Ein Mittel gegen Tinnitus scheiterte vor der Zulassung.

Angesichts begrenzter finanzieller Möglichkeiten tritt Merz die Flucht nach vorn an und gab in den vergangenen Jahren einige Hundert Millionen Euro aus, um sich langfristig als Spezialist für Schönheitsmedizin zu etablieren. Auch diese Strategie ist kein Selbstläufer. Denn mit seinen Mitteln fürs bessere Aussehen konkurriert Merz künftig gegen den ungleich größeren US-Konzern Actavis, der kürzlich für 65 Milliarden Dollar den Wettbewerber Allergan übernahm. Allergan stellt Botox her, das Gesichtszüge strafft.

Bayer erwartet steigende Umsätze

So richtig rund läuft es derzeit nur bei Bayer mit einem jährlichen Pharmaumsatz von zwölf Milliarden Euro. Allein die fünf neuen Top-Präparate der Leverkusener – der Gerinnungshemmer Xarelto, das Augenmedikament Eylea, die Krebsmittel Xofigo und Stivarga sowie Adempas gegen Lungenhochdruck – sorgten 2014 für einen kombinierten Umsatz von fast drei Milliarden Euro. Das Ende ist damit noch nicht erreicht. Nach Analystenschätzungen könnten die fünf Arzneien in einigen Jahren sogar doppelt so viel einbringen.

Im Gegensatz zur deutschen Konkurrenz mischt Bayer zumindest in Maßen bei den weltweiten Akquisitionen mit. Neben den rezeptfreien Pillen des US-Konzerns Merck übernahm der Konzern im vergangenen Jahr auch den norwegischen Pharmaspezialisten Algeta– inklusive des vielversprechenden Krebsmittels Xofigo.

Dabei stand die Pharmasparte von Bayer noch vor gut einem Jahrzehnt – nach dem Rückzug des Cholesterinsenkers Lipobay wegen schwerer Nebenwirkungen – vor dem Aus. Nach der Krise strichen die Leverkusener die Zahl der Therapiegebiete zusammen und kauften später den Konkurrenten Schering.

Merck-Chef Kley lassen solche Erfahrungen hoffen; doch statt auf Zukäufe setzt er dabei weiter auf die eigenen Leute: „Viele Pharmaunternehmen stehen nach herben Rückschlägen in der Vergangenheit heute wieder sehr gut da.“

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