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Facebook kauft Whatsapp Das Imperium kauft ein

Für 19 Milliarden Dollar erwirbt Facebook-Chef Zuckerberg mit Whatsapp sein eigenes Twitter – und gewinnt einen weiteren Studienabbrecher als Weggefährten für seinen Verwaltungsrat.

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Whatsapp-Gründer Jan Koum verspricht, dass sich durch die Facebook-Übernahme für die Nutzer nichts ändern wird. Quelle: Presse

Selbst für Silicon-Valley-Verhältnisse ist es ein Mega-Deal, für den es nichts Vergleichbares gibt. 19 Milliarden Dollar (umgerechnet 14 Milliarden Euro) lässt Facebook für den gerade mal fünf Jahre alten Kurzmitteilungsdienst Whatsapp springen – die teuerste Übernahme in der Geschichte des Sozialen Netzwerks. Der Rekordwert entspricht zudem ungefähr dem derzeitigen Börsenwert des Kurznachrichtendienstes Twitter. Oder – in traditionellen Industrien – in etwa dem der Commerzbank. Vier Milliarden Dollar sollen in Bar fließen, dazu kommen Facebook-Aktien im Wert von zwölf Milliarden Dollar. In den kommenden Jahren sollen dann zusätzlich Aktien im Wert von drei Milliarden Dollar für die Whatsapp-Gründer und -Mitarbeiter fließen, womit sich der Gesamtpreis von 19 Milliarden Dollar ergibt.

Bei Whatsapp handelt es sich um eine beliebte App für Smartphones, bei der die Nutzer Nachrichten, Fotos und Videos über das Internet austauschen können. Der Dienst hat mittlerweile der althergebrachten SMS den Rang abgelaufen: 18 Milliarden Nachrichten werden täglich versendet. Facebook hat bereits einen eigenen Nachrichtendienst namens "Facebook Messenger" mit ähnlichen Funktionen; dieser soll auch weiterentwickelt werden. Mit dem Dienst können allerdings nur Facebook-Nutzer untereinander kommunizieren.

Die Whatsapp-Gründer und ehemaligen Yahoo-Mitarbeiter Jan Koum und Brian Acton steigen aus dem Stand zu Internet-Milliardären auf. Und ihr Risikokapitalgeber Sequoia Capital, der im Frühjahr 2011 in der einzigen bislang bekannten Finanzierungsrunde acht Millionen Dollar investierte, hat nach seiner Investition in Google den nächsten großen Internet-Jackpot geknackt. Eine satte Bewertung für ein Unternehmen mit gerade mal rund 50 Mitarbeitern. Der Kauf des Fotodienstes Instagram mit seinen 12 Mitarbeitern im April 2012, der Facebook rund 750 Millionen Dollar kostete, mutet dagegen wie ein Schnäppchen an.

Doch die Whatsapp-Gründer und ihre kleine Mitarbeiterschar haben es in Rekordzeit geschafft, mit ihrem Service eine Art modernen SMS-Dienst zu schaffen, der weltweit von 450 Millionen Mitgliedern genutzt wird, darunter etwa 30 Millionen in Deutschland. Jeden Tag kommen rund eine Million neue Nutzer weltweit hinzu. "So etwas hat zuvor noch niemand anderes in der Weltgeschichte geschafft", schwärmte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg am Mittwoch auf seiner Homepage. „Whatsapp ist auf dem Weg, eine Milliarde Menschen miteinander zu verbinden“, begründet Zuckerberg seine Entscheidung. Das Unternehmen werde dem Facebook-Imperium nun "dabei helfen, unsere Mission zu erfüllen, die ganze Welt zu vernetzen".

Zuletzt hatte es immer wieder Berichte gegeben, dass Facebook gerade die jungen Nutzer davonlaufen und lieber zu alternativen Diensten wie Twitter oder eben Whatsapp wechseln. Ob die Nutzer bei Whatsapp aber tatsächlich durchgehend jünger sind als bei Facebook, ist unklar. „Der Dienst fragt nicht nach dem Alter, wenn man sich anmeldet“, sagte Facebook-Finanzchef David Ebersmann. Man wisse bisher auch nicht, wie groß die Überschneidung zwischen den Nutzer-Gemeinden sei.

Jan Koum - vom armen Einwanderer zum Milliardär

Wie Nutzer der Datenweitergabe widersprechen
WhatsApp Facebook Datenweitergabe widersprechen Quelle: AP
WhatsApp Freunde stummschalten Quelle: REUTERS
Whatsapp führt zukünftig Statistiken zum Chat-Verhalten Quelle: Screenshot
Logo von Whatsapp Quelle: dpa
Screenshot der whatsapp-Homepage Quelle: Screenshot
Screenshot Whatsapp Quelle: Screenshot
Handy mit Whatsapp-Symbol Quelle: dpa

So wichtig war Zuckerberg die Übernahme, dass er Whatsapp-Chef Jan Koum – der wie Zuckerberg sein Studium zugunsten einer Internet-Karriere aufgab - sogar einen Platz im Verwaltungsrat von Facebook einräumt. Ein Zugeständnis, das sich materiell kaum messen lässt und den gebürtigen Ukrainer in den Machtolymp des Silicon Valley befördert. Koum schaffte den Aufstieg aus ärmsten Verhältnissen. Als der heute 37-Jährige Anfang der 90er Jahre als Teenager mit seiner Mutter in die USA kam, war er zunächst auf Sozialhilfe angewiesen.

Diesem Umstand trug er laut dem US-Magazin "Forbes" Rechnung, indem er für die Unterzeichnung des Verkaufsvertrags ein verlassenes Behörden-Gebäude auswählte, in dem er einst für Lebensmittelmarken anstehen musste. Nun ist er Milliardär: Sein Anteil an Whatsapp macht ihn laut "Forbes" 6,8 Milliarden Dollar schwer.

Zuckerberg und Koum kennen sich schon länger. Laut einem Bericht der "New York Times" redeten die Firmenchefs bereits seit zwei Jahren über die Übernahme. Zuckerberg hingegen sagte am Mittwoch, er habe den Deal in nicht einmal elf Tagen eingefädelt. Erst vorletztes Wochenende habe er Koum vorgeschlagen, "dass wir uns zusammentun"; sie seien sich dann schnell einig geworden. Der Deal hat auch eine ironische Note, denn Koum und der zweite Whatsapp-Mitgründer Brian Acton hatten sich einst bei Facebook beworben, nachdem sie im Jahr 2007 ihre Jobs bei Yahoo aufgegeben hatten - doch Facebook wollte sie damals nicht.

Wie bei Instagram können die Whatsapp-Gründer ihr Unternehmen unter dem Dach von Facebook als autonome Einheit weiterbetreiben. Für die Whatsapp-Nutzer ändert sich so erstmal nichts. Koum versprach in einem Blogeintrag nach Bekanntwerden des Deals, dass es weiterhin keine Werbeanzeigen geben werde, die die Kommunikation unterbrechen oder stören. "Wir denken, dass für unser Produkt Werbung nicht geeignet ist“, betonte Koum auch in einer gemeinsamen Telefonkonferenz mit Zuckerberg.

Was an Whatsapp Kopfschmerzen bereitet

Die Höhe der Übernahmesumme lässt vermuten, dass es noch andere Bieter gab. Im Silicon Valley werden neben Google auch Ebay und Yahoo genannt. Laut dem Technologie-Blog "The Information" soll Google Whatsapp allein dafür Geld geboten haben, über das Auftauchen anderer Interessenten informiert zu werden - dies habe Whatsapp aber abgelehnt. Yahoo-Chefin Marissa Mayer hat dank der Beteiligung an dem chinesischen Internet-Händler Alibaba ebenfalls eine Menge Mittel zur Verfügung. Doch eine Kaufsumme in dieser Höhe hätte sie nicht durchsetzen können. Ebensowenig wie Ebay-Chef John Donahoe. Zuckerberg hat hingegen den großen Vorteil, dass er dank Mehrfachstimmrechten Facebook kontrolliert und so schnelle Entscheidungen treffen kann.

Zuckerberg schlägt mehrere Fliegen mit einer Klappe

Snapchat bietet nun auch Chat-Funktion
Facebook-MessengerZwar kaufte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg den Messenger-Giganten WhatsApp, der mittlerweile eine Milliarde Nutzer hat. Trotzdem schafft es auch der Facebook-Messenger unter die beliebtesten Nachrichtendienste. Er hat mittlerweile 800.000 User und soll bald auch die Grenze von einer Milliarde knacken. Quelle: AP
SkypeSkype ist für fast alle Plattformen verfügbar und funktioniert sogar plattformübergreifend. Dabei kann der Anwender mit anderen nicht nur die Videochat-Option nutzen, sondern auch einfache Textnachrichten verschicken. Seit Mai 2011 gehört der Dienst zu Microsoft. Skype hat nach Schätzungen von Trefis.com weltweit etwa eine Milliarde Nutzer. Quelle: dpa
SnapchatDie App, die mit automatisch verschwindenden Fotos einen Trend auslöste, bietet künftig auch Textnachrichten und Videochats an. Getreu dem Snapchat-Grundprinzip verschwinden die ausgetauschten Nachrichten nach dem Ende der Konversation, wie die Entwickler im Blogeintrag " Putting the Chat into Snapchat" erläuterten. Über Snapchat wurden nach Angaben der Firma im Jahr 2014 mehr als 700 Millionen Bilder pro Tag geteilt. Die Fotos verschwinden wenige Sekunden, nachdem der Adressat sie geöffnet hat. Die Popularität des Dienstes lockte bereits Facebook an: Laut Medienberichten schlug Snapchat-Mitgründer und Chef Evan Spiegel ein drei Milliarden Dollar schweres Kaufangebot des weltgrößten Online-Netzwerks aus. Quelle: dpa
Threema Quelle: dpa
HoccerDer deutsche Messenger Hoccer ist Testsieger der Stiftung Warentest. Der Dienst verschlüsselt die Nachrichten, der Server des Start-ups steht in Deutschland. Die Nutzer müssen bei der Nutzung keine Daten über sich preisgeben. Im Herbst 2015 hatte Hoccer eine halbe Million aktive Nutzer. Quelle: Presse
Line Quelle: AP
TinderTinder zeigt an, wer sich gerade in der Nähe befindet und nutzt dabei alle Daten, die bei Facebook hinterlegt sind – auch auf die Freunde. So soll auch erreicht werden, dass vor allem Menschen gefunden werden, die gut zum Suchenden passen. 2015 nutzten zwei Millionen Deutsche die App. Quelle: Screenshot

Der Facebook-Chef bremst so nicht nur die Konkurrenz aus, er schlägt mit dem Einverleiben von Whatsapp sogar gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe:

- Er nimmt – ähnlich wie bei Instagram – einen Konkurrenten vom Markt.

- Er bietet dem Kurznachrichtendienst Twitter Paroli, der neben seinen öffentlichen Botschaften seine privaten Kommunikationskanäle stärker ausbauen will. Ausmanövriert sind parallel auch Yahoo und Google, mit denen Facebook um Werbegelder konkurriert.

- Er baut mit dem Erwerb der Whatsapp-Apps seine Präsenz im mobilen Internet aus.

- Er gewinnt eine weitere Einnahmequelle. Denn Whatsapp hat – auch das die große Ausnahme – mit seiner Abogebühr ein funktionierendes Geschäftsmodell: Bislang beträgt die Nutzungsgebühr einen Dollar pro Jahr, wobei das erste Jahr kostenlos ist.

Die spannende Frage ist, ob Zuckerberg letzteres über die Klinge springen lässt. Bei einem Dollar pro Jahr würde es selbst, wenn die Nutzergrenze von einer Milliarde geknackt wird, lange dauern bis auch nur der Kaufpreis wieder drin wäre. Zuckerberg ist zudem überhaupt kein Freund von Nutzungsentgelten. Bei Facebook hat er sogar geschworen, dass der Service auf alle Zeiten kostenlos bleibt. Natürlich ist das soziale Netzwerk nicht gratis. Nutzer bezahlen, indem sie Facebook in ihre Privatsphäre einweihen, was sich das soziale Netzwerk von Werbekunden vergolden lässt. Der große Wert liegt auch bei Whatsapp in der Auswertung von dessen Kommunikationsströmen. Man werde schauen, wie man WhatsApp zu einem wirklich großartigen Geschäft machen könne, sagte Zuckerberg in der Telefonkonferenz. Was genau sich ändern wird, darüber schwiegen sich Koum und Zuckerberg aus.

Aber gut möglich, dass Zuckerberg hier vorsichtig vorgeht und Whatsapp-Chef Koum zunächst nichts am Geschäftsmodell ändern lässt. Denn da die über Whatsapp ausgetauschten Nachrichten in der Regel weitaus sensibler als Facebook-Botschaften sind, würde ein Aufschrei durch dessen Nutzerschar gehen. Wahrscheinlich begleitet von Massenkündigungen. Koum betonte immer wieder, dass Whatsapp keine Nutzerdaten auswerte: "Wir interessieren uns nicht für Informationen über unsere Nutzer“, erklärte er noch im Januar. Fingerspitzengefühl ist deshalb gefragt. Und Zuckerberg kann sich Zeit lassen. Für ihn ist wichtig, dass er sich Whatsapp rechtzeitig gesichert hat. So hat er nun mit einem Schlag Zugang zu 450 Millionen Nutzern, und natürlich auch deren Daten und Adressbüchern.

IT



Bei den Anlegern sorgte die Übernahme bislang nicht für Begeisterungsstürme. Die Facebook-Papiere verloren im nachbörslichen Handel rund drei Prozent.

Der Kauf von Whatsapp ist auch ein Beleg für die wachsende Nervosität im Silicon Valley. Für Twitter gab es über die Jahre Dutzende Kaufinteressenten. Ebenso für Groupon wie auch Yelp. Doch deren Eigner wählten lieber den Börsengang, was zumindest beim Gang aufs Parkett finanziell die richtige Entscheidung war. Doch nun wächst die Unruhe, dass der Börse eine Korrektur bevorsteht. Neben Whatsapp zog deshalb auch der Thermostat-Anbieter NestLab, der kürzlich von Google erworben wurde, den sicheren Hafen eines Internet-Giganten vor. Und vor wenigen Tagen übernahm der japanische Online-Händler Rakuten die Kommunikations-App Viber für 900 Millionen Dollar.

Im Silicon Valley laufen schon Wetten, wer sich den Fotodienst Snapchat sichert. Den wollte Facebook dem Vernehmen nach für drei Milliarden Dollar kaufen, doch dessen Mitgründer Evan Spiegel hatte nicht nur abgelehnt, sondern sogar seine Kommunikation mit Zuckerberg öffentlich gemacht. Nun wird Spiegel wohl Druck von seinen Geldgebern bekommen, lieber doch auf Nummer Sicher zu gehen.

Mit Material von dpa

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