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Hinterland-Konferenz Pitch am Pissoir mit Frank Thelen

Hinterland-Konferenz Bielefeld 2019 Quelle: obs

Wie schafft der deutsche Mittelstand den Sprung ins digitale Zeitalter? Und wie verhindert die deutsche Start-up-Szene, dass ihr die Amerikaner das Geschäft mit der vernetzten Industrie streitig machen? Womöglich, wenn Familienunternehmer und Gründer zusammenkommen. Ein Besuch bei der „Hinterland“ in Bielefeld.

Den ersten Tipp gibt‘s gleich zu Beginn: Gerade hat Frank Thelen, selbst erklärter Retter der deutschen Wirtschaft, den Leuten zugerufen, dass es in Zukunft nicht mehr reichen werde, sich „auf das perfekte Spaltenmaß zu konzentrieren“. Dass man also nicht nur ein detailverliebter Tüftler sein, sondern groß denke müsse. Da verrät der Investor, bekannt aus der Fernsehshow „Die Höhle des Löwen“, noch dies: Unerkannt aufs Klo gehen, das könne er eigentlich auf keiner Konferenz mehr. Irgendwann stehe immer ein Gründer neben ihm – und nutze die Gunst der Stunde, um ihm seine Geschäftsidee zu präsentieren. Das sei dann doch etwas nervig.
Also eher kein Pitch am Pissoir?
Dabei geht es bei der Hinterland-of-Things-Konferenz in einem alten Lokschuppen in Bielefeld genau darum: Ideen auszutauschen – und besser noch Visitenkarten. Familienunternehmer und Start-up-Szene sind hier zusammengekommen. Um den einen den nötigen Schub für die digitale Ära mitzugeben – und den anderen Startkapital, Erfahrungen und idealerweise auch noch die ersten Aufträge. Denn der Gründer von heute, so die Idee hinter der Initiative, ist womöglich der Mittelständler von morgen.

Nicht ohne Grund findet das Happening im Herzen von Ostwestfalen statt. Hier sitzen sie, die traditionsreichen Familienunternehmen: Bertelsmann, Miele, Claas, Oetker.
An sie richtet auch Frank Thelen einen Appell, ehe er durchblicken lässt, dass er auf Smalltalk auf dem Herrenklo wenig Lust hat: Eine Finanzierungsrunde von 50 Millionen Euro und mehr, das sei in Deutschland noch immer schwierig. Familienunternehmen könnten solche Schecks schreiben, sagt er. „Die haben nur noch nicht den Muskel dazu.“

Lucas von Cranach, der für seine Fußball-App Onefootball unter anderem die Familie des SAP-Gründers Dietmar Hopp gewonnen hat, glaubt, dass der deutsche Mittelstand noch etwas viel Wertvolleres als Geld zu bieten hat: eine gewichtige Stimme in politischen Debatten. Etwa wenn es darum gehe, ob auch hiesige Pensionsfonds, wie die in den USA, ihr Geld in Start-ups stecken sollten. Viele Mittelständler, so sagt er, wagten sich noch viel zu selten aus der Deckung. Er wünsche sich mehr Unterstützung: „Die müssen auch mal Position beziehen. Oder um es deutlich zu sagen: mit der flachen Hand ins Apfelmus hauen.“

Ferry Heilemann, 32, weiß, wie man ein Unternehmen groß macht. Er ist einer der Gründer, von denen Frank Thelen gerne mehr in Deutschland hätte: Mit seinem Bruder Fabian hat er einst das Schnäppchenportal Daily Deal gegründet, für 114 Millionen Dollar an Google verkauft und später, als der Internetkonzern das Interesse daran verlor, wieder zurückgekauft.
Nach Bielefeld hat er ein paar Tipps für Gründer mitgebracht: darauf achten, dass es im Gründerteam verschiedene Blickwinkel gibt; sich in die Branche wagen, in die man die besten Drähte hat; den Markt ganz genau analysieren; seine Geschäftsidee einem ehrlichen Test bei Kunden unterziehen, ehe man loslegt. Jeder Gründer solle sich fragen: „Können wir was bauen, was nice to have ist – oder einen echten Painkiller?“

Inzwischen geht es Heilemann aber um mehr als nur darum, mit einer Copy Cat reich zu werden. Seit etwas mehr als zwei Jahren baut er gemeinsam mit seinem Bruder eine digitale Spedition auf: Freighthub. Er will einer unheimlich analogen und deshalb auch unheimlich ineffizienten Branche den Sprung ins digitale Zeitalter ermöglichen. Die Plattform, die Heilemann aufbaut, schlägt einem Kunden, der zum Beispiel einen Container von Shanghai nach Hamburg schicken will, 100 mögliche Routen vor – und zwar auf Knopfdruck. Bislang muss man für ein Angebot beim Spediteur meist anrufen: Und dann gibt’s eine einzige Route, auf die der Kunde auch noch drei Tage warten muss. Freighthub will die Fehlerquelle Mensch ausschalten – und so Verspätungen vermeiden, weil weniger LKWs im Stau stehen, kein wichtiges Papier für den Zoll fehlt.

Heilemann möchte nicht, dass Deutschland, nun da es nicht mehr nur um Schnäppchenportale geht, sondern um die Digitalisierung der Industrie, wieder zu langsam ist. Früher oder später werde auch eine so analoge Branche wie die Logistik die digitalen Möglichkeiten nutzen. Und bei diesem Geschäft sollen die Europäer dann bitte nicht außen vor bleiben. Mit Flexport gibt es für Freighthub inzwischen einen ziemlich gefährlichen Rivalen aus den USA. Man solle sich da nichts vormachen, sagt Heilemann: Amerikanische Techunternehmen gehe es nicht darum, in Europa Partnerschaften aufzubauen, „die treten an, um den Markt komplett zu beherrschen.“

Investor Thies Sander vom Risikokapitalgeber Project A appelliert an die Gründer, sich eine Nische zu suchen. „Es macht ja keinen Sinn, das nächste Amazon oder so aufzubauen!“
Laura Tönnies hat genau das getan, sich eine Nische gesucht. Ihr Start-up Corrux, das gerade erst drei Millionen Euro eingesammelt hat, will der Baubranche zu mehr Effizienz verhelfen. Bislang, erzählt sie auf einer der Bühnen in Bielefeld, sei es ja so, dass die Erkenntnisse aus einem Bauprojekt längst vergessen sind, wenn es ans nächste Bauprojekt gehe. Man könne das bei Stuttgart 21 beobachten, oder beim BER.
Aus den Daten, die Corrux analysiert, erkennen Bauunternehmer, welche Maschinen wirklich ausgelastet sind – und fürs nächste Jahr womöglich gar nicht mehr geleast werden müssten. Oder ob es am Sprit liegt, wenn der Motor immer mal wieder stockt.

Natürlich gibt es die großen US-Techkonzerne, die bei der Analyse mancher Daten einen enormen Vorsprung haben, die sich die klügsten Köpfe sichern und enorm viel Geld auf der hohen Kante haben. Das weiß auch Tönnies. Als eine Bedrohung empfindet sie das aber nicht. „Wir suchen uns ganz konkrete Anwendungen“, sagt sie. „Wenn du dich darauf konzentrierst, dann bist du beim Kunden präsent. Und dann ist die Gefahr gar nicht so groß, dass IBM kommt – und die abwirbt.“

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