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Jacht „Bayesian“Mike-Lynch-Bootsunglück: Staatsanwaltschaft ermittelt – möglicher Totschlag?

Nach dem Untergang der Luxusjacht von Mike Lynch ermittelt die italienische Staatsanwaltschaft. Es geht auch um die Frage, warum fast alle Crew-Mitglieder überlebten – von den zwölf Passagieren aber nur die Hälfte.dpa , AP und Reuters 25.08.2024 - 12:47 Uhr aktualisiert

Der Feuerwehrkommandant von Palermo, Girolamo Bentivoglio Fiandra, der Staatsanwalt Raffaele Cammarano und der Leiter der Staatsanwaltschaft von Termini Imerese, Ambrogio Cartosio, nehmen an einer Pressekonferenz teil.

Foto: REUTERS

Nach dem Untergang der Luxusjacht „Bayesian“ vor Sizilien hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung eingeleitet. Damit soll geklärt werden, ob das Segelschiff möglicherweise sank, weil die Gefahr eines aufziehenden Sturms unterschätzt wurde. Bislang richten sich die Ermittlungen aber nicht konkret gegen den Kapitän oder andere Mitglieder der Crew.

Nach den Worten von Staatsanwalt Raffaele Cammarano zeigte sich Kapitän James Cutfield bei der Befragung durch die Behörden „äußerst kooperativ“. Die „Bayesian“ aus dem Meer zu ziehen, könnte den Ermittlern nun helfen, den Unfallhergang zu klären. „Es liegt im Interesse der Eigentümer und Managern des Schiffes, es zu bergen“, sagte Behördenleiter Ambrogio Cartosio und fügte hinzu: „Sie haben ihre volle Kooperation zugesichert.“

Es gebe keine rechtliche Verpflichtung für den Kapitän, die Besatzung und die überlebenden Passagiere, in Italien zu bleiben. Die Behörden erwarteten aber, dass sie bei der Untersuchung kooperierten.

Mehrere Tote wurden nach dem Untergang der Luxusyacht „Bayesian“ entdeckt.

Foto: REUTERS

Ermittler: Yacht von Fallböe getroffen

Nach Erkenntnissen der Ermittler wurde die „Bayesian“ frühmorgens in einem Sturm mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 100 Kilometern pro Stunde von einer Fallböe getroffen, was dann zum Untergang binnen weniger Minuten führte. Staatsanwalt Raffaele Cammarano sagte auf einer Pressekonferenz in Palermo: „Es war ein plötzliches, abruptes Ereignis.“ Allerdings hatten andere Kapitäne in der Region ihre Boote zuvor in Sicherheit gebracht.

Fallböen entstehen nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes, wenn kalte Luft in einem Gewitter nach unten fällt, auf den Boden trifft und sich dort in linearer Richtung ausbreitet. Aus nächster Nähe sehen sie oft wie eine „weiße Wand“ aus, die sich rasend schnell bewegt. Häufig richten sie sogar mehr Schäden an als Tornados.

Bergung könnte sich noch Wochen hinziehen

Die Antwort auf die Fragen könnte nur eine Bergung der Yacht geben. Sie liegt in 50 Meter Tiefe auf der Seite. Sie an die Wasseroberfläche zu bringen, würde inklusive der notwendigen Vorarbeiten sechs bis acht Wochen dauern und bis zu 15 Millionen Euro kosten, wie Mick Sloane sagte, der Ingenieur, der 2012 die Bergung des Kreuzfahrtschiffs „Costa Condordia“ geleitet hatte. Man müsse sie „sehr, sehr langsam“ nach oben hieven.

Aufschluss erhoffen sich die Ermittler von der sogenannten Blackbox der 56 Meter langen Luxusjacht, die allerdings noch nicht entdeckt wurde. Zudem will die Staatsanwaltschaft vor einer Ausweitung der Ermittlungen die Bergung des Schiffs abwarten, was mehrere Wochen in Anspruch nehmen könnte. Die 500-Tonnen-Jacht – eines der größten Segelschiffe der Welt – liegt einen Kilometer vor dem kleinen Hafen Porticello in 50 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund.

Die Staatsanwaltschaft schloss aber auch nicht aus, dass zuvor schon einige Beteiligte namentlich in ein Register der Verdächtigen eingetragen werden. Dies würde ihnen nach italienischem Recht Zugang zu den Akten erlauben. Staatsanwalt Ambrogio Cartosio sagte: „Man darf nichts überstürzen. Man muss verstehen, wem ein Verbrechen zuzuschreiben ist. Das kann sowohl den Kapitän und die Besatzung als auch den Hersteller betreffen.“

Insbesondere geht es auch um die Frage, warum mit Ausnahme des Schiffskochs alle Crew-Mitglieder überlebten – von den zwölf Passagieren aber nur die Hälfte. Vermutet wird, dass die Todesopfer in ihren Kabinen im Schlaf überrascht wurden und sich nicht mehr befreien konnten. Auch von einer Party am Vorabend ist die Rede. Nach Angaben der Ermittler wurde bei den Überlebenden keine Alkoholtests gemacht.

Die Staatsanwaltschaft schloss nicht aus, dass vor der Bergung des Schiffs schon einige Beteiligte namentlich in ein Register der Verdächtigen eingetragen werden. Dies würde ihnen nach italienischem Recht Zugang zu den Akten erlauben. Staatsanwalt Ambrogio Cartosio sagte: „Es ist wahrscheinlich, dass es eine Kette von Fehlern und unkorrektem Verhalten gab.“ Dies könne „sowohl den Kapitän und die Besatzung als auch den Hersteller betreffen“. Die Jacht wurde 2008 von einer italienischen Werft gebaut.

Die Luxus-Yacht kurz vorm Untergang.

Foto: imago images

Erst nach vier Tagen Suche gab es Gewissheit: Auch der Leichnam der 18 Jahre alten Tochter des britischen Milliardärs Mike Lynch wurde gesichtet. Die Tote soll aus der „Bayesian“ von Spezialtauchern aus 50 Metern Tiefe an die Oberfläche gebracht werden. Insgesamt kamen bei dem Unglück vor der italienischen Mittelmeerinsel Sizilien am Montag sieben Menschen ums Leben, darunter zwei mit Lynch befreundete Ehepaare. Der Milliardär hatte mit der Segeltour einen Freispruch vor Gericht feiern wollen. Sein Leichnam war am Donnerstag von Spezialtauchern aus dem gesunkenen Segelboot an die Oberfläche gebracht worden.

Lynchs Ehefrau gehört zu den insgesamt 15 Überlebenden des Unglücks. Offensichtlich waren Crew und Gäste von einem Unwetter überrascht worden. Der genaue Hergang ist noch nicht geklärt.

Der verletzte Kapitän wurde von der italienischen Polizei stundenlang verhört. Die Zeitung „La Repubblica“ zitierte ihn mit den Worten: „Wir haben es nicht kommen sehen.“ Allerdings gibt es auch Zweifel an dieser Darstellung. Die 56 Meter lange „Bayesian“, eines der größten Segelboote weltweit mit einem 75 Meter hohen Aluminiummast, war im Besitz der Familie Lynch.

Untergang „Bayesian“: Der Moment des Unglücks

Laut der Küstenwache waren zehn Crewmitglieder und zwölf Passagiere an Bord der „Bayesian“, die kurz vor 5.00 Uhr morgens vor dem Hafen von Porticello nahe Palermo kenterte. Die Überlebenden wurden von der Besatzung eines anderen Schiffes, das unter niederländischer Flagge fuhr, an Bord genommen. Der deutsche Kapitän schilderte italienischen Medien den Moment des Unglücks: „Zuerst kippte das Boot auf die Seite, und innerhalb weniger Minuten war es gesunken. Es ging alles sehr schnell.“ Offenbar so schnell, dass sich nicht alle Passagiere aus ihren Kabinen im Unterdeck befreien konnten.

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Einsatzkräfte hatten die Super-Yacht in 49 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund gesichtet, berichtete Luca Cari, ein Sprecher der Rettungsdienste. Seither hatten Taucher versucht, in den Rumpf zu gelangen. Das Schiff liegt nach Angaben der Feuerwehr auf der Seite, was die Arbeiten unter Wasser erschwert. Am Einsatz waren Helikopter sowie Boote der Küstenwache, der Feuerwehr und des Zivilschutzes beteiligt. Die Bergung der Passagiere ist so kompliziert, dass sie die Rettungskräfte an den Fall der „Costa Concordia“ erinnert. Das Kreuzfahrtschiff war 2012 vor der Küste der Toskana gesunken. Damals waren 32 Menschen ums Leben gekommen. „Die „Bayesian“ ist eine kleine „Concordia“, zitierten italienische Medien einen der beteiligten Rettungstaucher.

Experten rätseln, weshalb ein Boot wie die 56 Meter lange „Bayeasian“ dem Sturm nicht standhielt und innerhalb weniger Minuten unterging. Der Chef des Mutterkonzerns Italia Sea Group des Bootsbauers Perini, Giovanni Costantino, sprach in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters von einer „Serie unbeschreiblicher, unvernünftiger Fehler“ der Crew, die zu dem Untergang geführt hätten. Die Frage ist unter anderem, ob Luken und Türen offen waren, die angesichts des Sturms hätten geschlossen sein müssen. Die italienische Küstenwache hat den Kapitän James Cutfield und die acht überlebenden Crew-Mitglieder im Auftrag der Ermittlungsbehörden befragt.

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„Bayesian“: Unwetter tobte

Die 56 Meter lange Yacht hatte vor Porticello vor Anker gelegen. Der Fischer Fabio Cefalù schilderte, er habe vom Ufer aus gegen 4.30 Uhr Feuer gesehen und sich sofort zur Unglücksstelle aufgemacht. Als er angekommen sei, sei die „Bayesian“ jedoch schon gesunken. Im Wasser hätten nur noch Kissen, Holzstücke und andere Gegenstände aus der Yacht getrieben. Er habe die Küstenwache alarmiert und sei drei Stunden vor Ort geblieben.

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Während des Unglücks tobte laut örtlichen Medienberichten in der Region ein heftiger Sturm, es kam zu einer sogenannten Wasserhose, einem Tornado über dem Meer. Bei diesem Wetterphänomen entstehen starke Bodenwirbel. Als die Wasserhose das Schiff erfasste, brach der 75 Meter hohe Mast. Es ist unklar, wieso das Schiff bei den schwierigen Wetterverhältnissen eine halbe Seemeile vor der Küste vor Anker lag.

„Sie waren am falschen Ort zur falschen Zeit“, kommentierte Salvo Cocina vom sizilianischen Zivilschutz. Eine andere Mega-Yacht in der Nähe sei in der Sturmnacht nicht so stark beschädigt worden. Deren Besatzung sei sogar an der Rettung von einigen der 15 Überlebenden beteiligt gewesen.

Mutter rettet Baby: „Ich hielt sie mit all meiner Kraft über Wasser“

Zu jenen, die glimpflich davonkamen, gehörte Charlotte Golunski. Sie berichtete von dramatischen Szenen. „Im Wasser konnte ich meine Augen nicht offen halten. Ich rief um Hilfe, aber ich hörte nur die Schreie der anderen“, erzählt die Neuseeländerin. Mit ihr an Bord war ihre einjährige Tochter: „Ich hielt sie mit all meiner Kraft über Wasser, streckte meine Arme nach oben, damit sie nicht ertrank.“ Es sei ihr aber dann gelungen, sie über den Wellen zu halten, bis ein Rettungsboot aufgeblasen gewesen sei und sie in Sicherheit gebracht worden seien, zitierte sie die italienische Nachrichtenagentur Ansa.

Mike Lynch in London (Archiv).

Foto: REUTERS

Die britische Boulevardzeitung „Daily Mirror“ titelte: „Heldenmutter rettet Baby aus Meereshölle.“ Der Vater des Mädchens, James Emslie, habe ebenfalls überlebt, erklärte Cocina vom Zivilschutz.
Die Besatzungsmitglieder und die Passagiere stammten aus verschiedenen Ländern: aus Deutschland, Großbritannien, Antigua, Frankreich, Irland, den Niederlanden, den USA, Myanmar, Neuseeland und aus Spanien.

Acht der 15 Überlebenden wurden in Krankenhäuser gebracht, die anderen in ein Hotel.

Der britische Botschafter in Italien, Ed Llewellyn, traf sich mit Überlebenden. Man tue alles, um sie in dieser „unglaublich traurigen und schwierigen Situation zu unterstützen und ihnen mit Kontakten zu den italienischen Behörden auf praktischer Ebene zu helfen“, sagt er.

Mit rührenden Worten verabschiedete sich unterdessen Lynchs Tochter Esme von ihrer jüngeren Schwester Hannah (18). „Sie ist mein kleiner Engel, meine Heldin“, heißt es in einer Mitteilung der Familie. „Hannah platzte oft in mein Schlafzimmer und legte sich zu mir. Manchmal strahlte sie, manchmal war sie frech, manchmal fragte sie um Rat. Egal, was passierte, sie brachte mir grenzenlose Liebe.“ Esme war nicht an Bord. Die Mutter überlebte das Unglück.

Mike Lynch galt als „König der Technologie“

Der Tech-Tycoon Lynch wurde von Boulevardmedien in seiner Heimat als „britischer Bill Gates“ bezeichnet. Der 59-Jährige war Mitgründer der Softwarefirma Autonomy, die 2011 für elf Milliarden US-Dollar (aktuell 9,94 Milliarden Euro) an den US-Konzern Hewlett Packard verkauft wurde. Erst vor wenigen Wochen wurde Lynch in einem Betrugsprozess in den USA rund um den Autonomy-Deal freigesprochen. Viele auf der Insel feierten ihn als den „König der Technologie“.

Der Autonomy-Kauf gilt als eines der schlimmsten Übernahme-Debakel im Silicon Valley. Lynch und der frühere Finanz-Manager Steve Chamberlain – der ausgerechnet wenige Tage vor dem Schiffsunglück beim Joggen tödlich von einem Auto erfasst wurde – sollen Hewlett-Packard über den finanziellen Zustand des Unternehmens getäuscht haben. Doch die Geschworenen sahen es anders – und entschieden überraschend auf Freispruch.

Lynch hatte offenbar seinen Prozesserfolg auf der Yacht feiern wollen. Er hatte Freunde und Unterstützer auf die „Bayesian“ eingeladen.

„Bayesian“ für Luxuskreuzfahrten gebaut

Die „Bayesian“ wurde 2008 in der Werft Perini Navi in der Toskana gebaut, wie die Zeitung „La Repubblica“ berichtet. Sie wurde renoviert und seit 2020 für Luxuskreuzfahrten genutzt. Das Schiff hat eine Länge von 56 Metern und ist elf Meter breit. Es gibt vier Doppelkabinen sowie eine Triple- und Mastersuite mit Platz für bis zu zwölf Passagiere.

Der Schiffsname würdigt den britischen Mathematiker Thomas Bayes (1701-1761), den Lynch in der Vergangenheit gelobt hatte. Die sogenannte Bayessche Inferenz gilt als Basis für die moderne Künstliche Intelligenz und die Computeranalyse. Der Mietpreis für eine Woche an Bord der „Bayesian“ lag laut den einschlägigen Internetportalen bei bis zu 195.000 Euro.

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