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Hardware Wie ein Start-up mit Spezialmetallen die Industrie beglückt

Da haben wir in Schlafsäcken in der Produktionshalle übernachtet“, erinnert sich Christian Großmann, Mitgründer und Chef von Ingpuls, „und Freunde und Familie haben uns in der Zeit mit Essen versorgt“. Quelle: PR

Aus der Wissenschaft über das Hardware-Start-up zum Zulieferer – und jetzt noch weiter: Ingpuls arbeitet sich von Bochum aus voran. Seine Allzweckwaffe: Legierungen, die sich an ihre Form erinnern.

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Der erste große Erfolg sorgte für die erste richtig große Herausforderung: Zehn Federn aus einer sogenannten Formgedächtnislegierung (FGL) hatte das Start-up Ingpuls an einen Automobilzulieferer geschickt. Hergestellt auf selbst gebauten Drahtziehmaschinen in einer kleinen angemieteten Lagerhalle in Bochum. Der Zulieferer war begeistert – und bestellte kurzerhand eine Million Federn. Zwölf Monate hatte Ingpuls Zeit, um eine richtige Produktionslinie aufzubauen, die hohe Stückzahlen in hoher Qualität ermöglichte. Kurz vor Ablauf der Lieferfrist, so um Weihnachten 2016, wurde es dann noch mal so richtig knapp. „Da haben wir in Schlafsäcken in der Produktionshalle übernachtet“, erinnert sich Christian Großmann, Mitgründer und Chef von Ingpuls, „und Freunde und Familie haben uns in der Zeit mit Essen versorgt“.

Der Großauftrag kam aus dem Nichts, kostete viel Nerven – und war für das Start-up die Eintrittskarte in die Automobilindustrie. „Da haben wir früh gelernt, worauf es ankommt, wenn es um Qualität, Struktur und Prozesse in der Produktion geht“, sagt Großmann heute. Mit Start-up-Methoden, aber einem deutlich längeren Atem, hat sich Ingpuls vorgearbeitet: Aus einem Forschungsprojekt wurde zuerst ein Hardware-Start-up, mittlerweile ist ein Mittelständler mit bald 60 Mitarbeitern entstanden

Vom Automobilsektor arbeitete sich das 2009 gegründete Unternehmen auch bei Hausgeräten, Raumfahrt- oder Gebäudetechnik vor. Und die Pläne sind groß: In den nächsten Wochen und Monaten will Ingpuls mit Industriepartnern mehrere Joint-Venture gründen, die sich jeweils auf eine Branche fokussieren. Vom Start weg, so Großmann, würden die Gemeinschaftsunternehmen mit einem zweistelligen Millionenbetrag bewertet.

Spezialwissen für Metalle mit Gedächtnis 

Angefangen hatten er und seine Mitgründer André Kortmann und Burkhard Maaß als Doktoranden am Institut für Werkstoffe der Ruhr-Uni Bochum. Einige Jahre forschten sie vormittags an der Uni und machten am Abend im Gründerzentrum reichlich Lärm – dort hatten sie eine Bohrfräsmaschine in herkömmlichen Büroräumen aufgestellt. Schnell war klar: Ihr Wissen war gefragt. Formgedächtnislegierungen sind spezielle Metalle, die verformt werden können – aber sich bei einer Erhitzung in ihre Ursprungsform zurückverwandeln. Dadurch kann etwa auf separate Motoren verzichtet werden, was Platz, Gewicht und Antriebsenergie spart.

Die Bedeutung von FGL wächst – das Know-how ist global noch begrenzt. Nach eigenen Angaben will Ingpuls die einzige Firma in Deutschland sein, die die gesamte Fertigungstiefe bei FGL anbietet - vom Rohstoff bis zur fertigen Komponente. In den vergangenen Jahren sammelte das schnell wachsende Start-up auch einige Auszeichnungen ein, etwa eine Nominierung für den Deutschen Innovationspreis

Ein klassisches Anwendungsfeld für FGL-Produkte ist die Medizintechnik, wo sie seit vielen Jahren zu Stents verarbeitet werden. Auf diesen Markt richtet sich jetzt auch Ingpuls zunehmend aus: „Wir haben zuerst Nischen identifiziert und erschlossen – jetzt wenden wir uns der Medizintechnik zu“, sagt Großmann. Die Strategie: „Die Innovationskraft auf der Prozessseite ist dort bislang sehr begrenzt, wir sind da für viele Hersteller das fehlende Glied in der Kette.“

Harter Weg für ein Hardware-Start-up

Der Weg von einer Beratung zum Hersteller war dabei herausfordernd. Hardware-Start-ups haben es in vielerlei Hinsicht schwerer als Software-Gründungen. Statt einem WG-Zimmer und einem Macbook werden teure Maschinen und größere Produktionsflächen benötigt. Software kann schnell veröffentlicht werden – die Gründer feilen dann an Details, während schon die ersten Umsätze hereinkommen. Wer dagegen ein physisches Produkt verkaufen will, muss mehr Zeit in die Entwicklung stecken. Viel mehr Risikokapital fließt daher in die Softwareentwicklung. Investoren hoffen hier auf schnellere Skaleneffekte.  

Ingpuls dagegen musste seinen eigenen Weg finden. Und durchlebt doch viele Phasen eines Start-up-Lebens – nur in größeren zeitlichen Abständen. Zu Beginn halfen Business Angels mit kleineren Beträgen, zum ersten Großauftrag kam auch eine größere Finanzierung durch Banken dazu. Mit dem Auftragsbuch wuchs dann auch das Interesse an Ingpuls selbst. Eine Privat-Equity-Gesellschaft sicherte sich 2018 schließlich für eine achtstellige Summe eine Minderheitsbeteiligung. „Wir haben ‚Geschäfte machen‘ auch erst mal lernen müssen“, sagt der promovierte Ingenieur Großmann, „als Unternehmer wir sind mit dem Unternehmen erwachsen geworden.“ Eine Erkenntnis: Am liebsten kooperieren die Gründer mit mittelständischen Unternehmen, die Lust auf eine enge Zusammenarbeit haben. „Mit den oftmals langsam arbeitenden Strukturen von Großkonzernen ist es schwieriger für uns“, sagt Großmann, „die Etablierung neuer Technologien erfordert eine intensive Kommunikation in beide Richtungen.“

Platz für Wachstum

Mit dem jetzt anvisierten Aufbau der verschiedenen Joint-Ventures will das Start-up nun einen nächsten Schritt gehen. In den Neugründungen mit Zulieferern, Mittelständlern und Konzernen sollen sich Spezialisten auf die Anwendungen für eine Branche fokussieren. Die grundlegende Forschung findet weiter bei Ingpuls selbst statt. Aktuell stehen etwa Nickel-Titan-Legierungen im Fokus. Bis zu 60 Tonnen dieses Materials können am Standort bereits pro Jahr hergestellt werden. Denn auch die Produktion will das Unternehmen nicht auslagern. Auf lange Sicht soll von der Forschung bis zum fertigen Produkt das meiste in Bochum entstehen. Im vergangenen Jahr erweiterte die Firma ihren Standort auf einem ehemaligen Zechengelände. Die notwendige Fläche hatte sich Ingpuls bereits in weiser Voraussicht gesichert: „Wenn wir erst anfangen müssten, nach Flächen zu suchen, geraten alle Zeitpläne durcheinander“, sagt Großmann.

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So aber soll das Wachstum ungebrochen weitergehen. Die Nachfrage ist da: „Wir etablieren jetzt mit Hochdruck eine zweite Schicht in der Produktion“, sagt Großmann. Und das in einer Branche, in der links und rechts Unternehmen mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Im Ruhrgebiet und im angrenzenden Sauerland stehen einige mittelständische metallverarbeitende Betriebe unter Druck, auch Stellenschließungen und Insolvenzen gehören zum Alltag. Ingpuls hat dagegen Stellen für Produktionsmitarbeiter, Drahtzieher und Federmacher ausgeschrieben. Auch aus der Belegschaft von Autobauer Opel, der sich bis 2014 größtenteils aus Bochum zurückgezogen hatte, sind einige Mitarbeiter zu Ingpuls gewechselt. „Wir werden nicht Mengen an Leuten anstellen können“, sagt Großmann, „aber einigen können wir eine neue Perspektive geben“. Wohin der Weg für die Firma führen soll, ist noch nicht völlig klar. Angebote hatten die Gründer bereits auf dem Tisch liegen. Einen Börsengang hält Großmann durchaus für möglich. Die Form stimmt schon mal.

Mehr zum Thema: Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf fordert schon mal Nullrunden wegen Corona oder die Rente mit 70. Olaf Scholz spricht er offen die Befähigung zum Kanzler ab, Armin Laschet hingegen lobt er.

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