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Helden Contra Corona – Erfahrungsbericht #33 „Für uns kommt es auf die Kommunen an“

Klaus-Peter Gust in dem von seiner Firma gebauten Mammut. Quelle: PR

Nach dem Corona-Schock will der Spielplatz-Gerätebauer Klaus-Peter Gust sein Unternehmen in die neue Normalität führen. Warum dafür die Finanzen der Kommunen entscheidend sind - im In- und Ausland.

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Klaus-Peter Gust, 60, ist Inhaber des Spielplatzgeräte-Unternehmens SIK-Holzgestaltung, das im brandenburgischen Langenlipsdorf kreative Rutschen und Klettergeräte aus Robinienholz fertigt. Aus einer 1988 gegründeten privaten Hinterhofwerkstatt im DDR-Sozialismus haben Gust und seine Frau Claudia ein international agierendes Unternehmen mit heute 235 Mitarbeitern und fast 20 Millionen Euro Umsatz gemacht. Gust ist einer von rund 100 Unternehmerinnen und Unternehmern, die die WirtschaftsWoche wegen ihrer kreativen Lösungen im betrieblichen Alltag in den vergangenen zwei Jahren als „Helden des Mittelstands„ beschrieben hat.

Was für ein schöner Tag für die Gusts! Ende der vergangenen Woche haben Klaus-Peter und Claudia Gust das Reisemobil startklar gemacht und sind vom heimischen Langenlipsdorf gemütlich drei Stunden nach Meck-Pomm gerollt - nach Waren an der Müritz. Warens Bürgermeister, andere geladene Gäste sowie - als eigentliche Hauptpersonen - die Kinder der Kita „Kleine Weinbergschnecken“ weihen bei freundlichem Wetter den neuen Spielplatz am Tiefwarensee ein. Der Nordkurier wird in der nächsten Ausgabe berichten, dass dem kleinen Tom „die Rutsche und das Wipptier am besten gefallen“. Beide Geräte hat Gusts Firma SIK-Holzgestaltung Mammuts nachempfunden. Die Kinder klettern im fast lebensgroßen Mammut hoch und rutschen aus dem geöffneten Maul des Tiers nach unten. Der angrenzende Eiszeitlehrpfad gab das Thema vor.

Die Gusts genießen die heiteren Eindrücke fernab der Corona-Alltagssorgen und das Ergebnis eines gelungenen Auftrags. 75.000 Euro hat die Stadt Waren in die Neugestaltung des zuvor verwahrlosten Spielplatzes investiert. Mit Projekten wie diesem haben die Gusts seit 1988 ihr Unternehmen aus kleinsten Vor-Wende-Anfängen richtig groß gemacht: 235 Mitarbeiter, fast 20 Millionen Euro Jahresumsatz. Im strukturschwachen Landkreis Teltow-Fläming zählt das Familienunternehmen zu den wichtigen Arbeitgebern und Gewerbesteuerzahlern.

Aber Aufträge wie der aus Waren kommen derzeit spürbar seltener rein. Die Städte und Gemeinden sind klamm, weil Steuern geringer fließen und die Ausgaben krisenbedingt steigen. „Auf unsere Auslastung haben wir nur bedingt Einfluss“, weiß Gust. 85 Prozent des Umsatzes bringen SIK-Holz Aufträge der öffentlichen Hand: „Die Probleme der Städte und Gemeinden treffen uns direkt“, sagt Gust.

Der Unternehmer hofft auf die Initiative des sozialdemokratischen Finanzministers Olaf Scholz, der die Steuerausfälle der Kommunen mit 57 Milliarden Euro aus Bundes- und Länderkassen kompensieren will. Gust findet das richtig: „Wir müssen zwar sparen angesichts der riesigen Mehrausgaben des Bundes, aber das Sparen muss sozial und gerecht sein.“

Finanzminister Scholz argumentiert auch ökonomisch. Würden die Kommunen jetzt aufgrund leerer Kassen ihre Investitionen zusammen streichen, dann verstärke das den Absturz der Konjunktur. Ob Scholz sich durchsetzt, ist aber keineswegs sicher. In Berlin gibt es unter anderem seitens CDU und CSU erheblichen Widerstand gegen den Plan zur Stützung der Kommunalhaushalte.

100 Kilometer weiter südlich, in Langenlipsdorf, hängt vom Ausgang der Debatte eine Menge ab. Noch lebt SIK-Holzgestaltung vom Auftragspolster des vergangenen Jahres. Wer dort Geräte fertigen lässt, musste vor einem Jahr 24 Wochen auf die Lieferung warten. Heute sind es nur noch zwölf Wochen. Mit intensiver Akquise versucht Gust neue Kunden und Aufträge zu gewinnen.

Aber die Außendienstler konnten Corona-bedingt kaum Termine wahrnehmen. Und ob SIK sich im September bei der Galabau-Messe in Nürnberg als Aussteller anmeldet, ist noch nicht sicher. Erst will Gust „schauen, ob die Kommunen dort teilnehmen“. Wenn nämlich die Bürgermeister und Stadtkämmerer wegen der Kosten und der Infektionsrisiken die Dienstreisen zur Galabau streichen, lohnt sich die Teilnahme auch für SIK nicht. Ans Sparen denkt natürlich auch Gust: „25.000 Euro würde uns die Teilnahme in Nürnberg alles in allem kosten.“

Aber es gibt auch gute Nachrichten. In Kürze liefert SIK-Holz einen riesigen begehbaren Stör nach Nowosibirsk. Und im Wettbewerb um eine Ausschreibung in Hongkong rechnet sich Gust gute Chancen aus. Der Unternehmer will „neue Märkte entwickeln“.

Die im April hart durchgetretene Bremse hat der Firmenchef etwas gelockert. Im gerade erst eröffneten neuen Zweitwerk im brandenburgischen Welzow - über zwei Millionen Euro hat SIK in der vor Arbeitsplatzverlusten stehenden Braunkohle-Stadt investiert - hat der Unternehmer zum 1. Mai die Kurzarbeit für die zwölf neuen Mitarbeiter beendet. In Langenlipsdorf machen weitere zwölf Mitarbeiter der kaufmännischen Abteilung noch zu 50 Prozent Kurzarbeit. Personal reduziert Gust, indem er einige befristete Verträge nicht verlängert.

Nach über 30 erfolgreichen Unternehmerjahren hat das Mitglied des Bundesverbandes Sport- und Freizeitgeräte plötzlich Worst-Case-Szenarien im Blick. „Wir wollen keine Insolvenz anmelden“, gibt er kurz Einblick in die schwärzeste denkbare Perspektive. Vor ein paar Wochen sagte er noch: „Man muss damit rechnen, dass ein Unternehmen wie unseres in solch einer Krise weggespült wird.“

Aber danach sieht es derzeit nicht aus. Bis jetzt war das Jahr 2020 noch in reduziertem Umfang profitabel für SIK-Holz. Und selbst wenn am Ende zur Jahreswende eine halbe Million Euro Verlust heraus käme, hätte das Unternehmen noch eine bescheidene Liquiditätsreserve von 1900 Euro, hat Gust ausgerechnet. „Jetzt zu planen, dass es schlecht läuft, ist nicht mein Ding“, sagt er. Notfalls bleibt ihm die Option, nochmals verstärkt Kurzarbeit zu nutzen, um weitere Corona-Durststrecken zu überbrücken. Auch wenn die Gehaltseinbußen für die Mitarbeiter schmerzhaft sind: Gust nennt Kurzarbeit „ein wunderschönes Instrument“. Schwierig bleiben die Perspektiven, das Abwägen und die Entscheidungen allemal.

Nach der Spielplatz-Einweihung sind die Gusts mit ihrem Reisemobil von Waren nach Fehmarn und dann nach Hamburg gefahren, um sich von SIK bestückte Spielplätze im Alltag anzuschauen. Es waren nur ein paar Tage, aber eine kurze Auszeit von der Krise daheim.

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In der Rubrik Helden des Mittelstands porträtiert die WirtschaftsWoche regelmäßig einen Mittelständler, der eine Herausforderung kreativ, mutig und klug gemeistert hat. Was tun diese Helden gegen die Coronakrise? Wir haben nachgefragt. Alle Folgen der Serie „Helden Contra Corona“ finden Sie hier.

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