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Helden contra Corona – Erfahrungsbericht # 36 Zwölf Unternehmer und ihr Corona-Schicksal

Corona hat ihr Geschäft häufig erschüttert. Doch die

Seit einem Jahr porträtiert die WirtschaftsWoche Unternehmer im Kampf gegen die Pandemie. Zwölf „Helden gegen Corona“ ziehen nun Bilanz: Sie berichten über fragmentierte Lebenswerke, üppige Krisengewinne - und erstaunlich viel Zuversicht.

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„Vor einer zweiten Welle habe ich Angst“, sagte Wilfried Hänchen, ein gestandener Großküchenbetreiber aus Dreiskau-Muckern unweit von Leipzig, als die WirtschaftsWoche ihn Mitte Mai 2020 fragte, wie sein Unternehmen durch die Coronakrise kommt. Der Sachse – im Segment Schul- und Kinderspeisung mit 20 Millionen Euro Umsatz die Nummer drei der deutschen Cateringbranche hinter Sodexo und Apetito – fühlte sich damals „wie im falschen Film“. Totenstille in seinen Küchen, 92 Prozent Umsatzausfall, das Geschäftsvolumen „plötzlich auf acht Prozent des Vorjahresniveaus“. 170 der 200 Schulen, Kindergärten, Behindertenwerkstätten und andere Einrichtungen, für die Hänchens 400 Mitarbeiter bis dahin kochten, hatten dichtgemacht. Die restlichen machten Notbetrieb. Sie zu beliefern, war Ehrensache – bloß rentabel war es angesichts der geringen Abnahmemengen bei gleich langen Touren nicht.

Wie steht es nun, ein Jahr später und nach der mittlerweile dritten Welle der Pandemie in Deutschland, um das Unternehmen?

Gefasst auf das Schlimmste erreichen wir Hänchen – und hören durchs Telefon sein kräftiges Stimmorgan in fröhlich sächselnder Frequenz. Die Umsatzverluste des Frühjahrs habe er im Laufe des Jahres 2020 bis auf ein Minus von 15 Prozent ausgleichen können, sagt der Firmenchef zufrieden. Mit Zwölf-Stunden-Arbeitstagen sei es ihm gelungen, zehn neue Kunden zu gewinnen, die täglich 2000 Mahlzeiten brauchen. Wenn es so laufe, habe er trotz seiner Bypässe „einfach Spaß“. Den teilt er sich mit Sohn Mirko, der Ende 2021 die Geschäftsführung übernehmen wird.

Wilfried Hänchen (l.) setzt auf die Zukunft: 2022 werde „ein wahnsinnig tolles Jahr“.

Seine Mannschaft, die angesichts der Herausforderungen verantwortungsvoll und selbstständig agiere, begeistert das Unternehmerurgestein: „Die Leute geben sich so eine Mühe!“ Corona-Hilfen, Kurzarbeit: Voll des Lobes ist Hänchen auch für flexible Behörden, Agentur für Arbeit, „riesengroße Unterstützung vom Staat“ und für die Hausbank. Die half ihm, einen KfW-Kredit über 500.000 Euro zu bekommen: „14 Tage nachdem wir den Antrag gestellt haben, war das Geld da, und der Zinssatz ist moderat.“ Weitere 500.000 Euro brachte Hänchen aus dem eigenen Vermögen ins Unternehmen ein, um sein Lebenswerk vor dem Virus zu retten. Und Hänchen hat auch noch 400.000 Euro investiert, unter anderem in Um- und Ausbau der Gebäude und moderne Verpackungs- und Gargeräte.

2022 werde „ein wahnsinnig tolles Jahr“, prognostiziert der Unternehmer. Dann will er einige kleinere Wettbewerber übernehmen, von denen er ahnt oder schon weiß, dass sie die Krise weniger gut überstehen. Wie hart der Schock für ihn selbst war, wird Hänchen – inzwischen doppelt geimpft – allerdings sein Lebtag nicht vergessen: „Das war eine schlimme Zeit. Ich hatte schlaflose Nächte und richtig Angst, dass wir es nicht schaffen.“

Die WirtschaftsWoche hat nachgefragt bei Mittelständlern, die uns im vergangenen Jahr verrieten, wie die Wirtschaft in den frühen Zeiten der Coronapandemie tickte – unter Prämissen vom damals angenommenen Verlauf der Corona-Infektionen und von prognostizierten wirtschaftlichen Reaktionen, die schnell überholt waren. So ergibt das Recherche-Update vom Mai 2021 ein Puzzle fragmentierter Lebenswerke, üppiger Krisengewinne – und Zuversicht, wo sie nicht zu erwarten ist. Wie bei Wilfried Hänchen.

Retten, was zu retten ist

Anderswo hingegen haben sich Befürchtungen nicht nur realisiert – es kam schlimmer als erwartet. Bei der Buhl-Unternehmensgruppe in Augsburg zum Beispiel. Aktuelle Bestandsaufnahme dort: Seine vor drei Jahren feierlich als „Business Center“ eröffnete Firmenzentrale hat Hermann Buhl vor einigen Wochen verkauft und zurück gemietet. 170 Autos aus seiner Firmenflotte haben seit Mitte 2020 ebenfalls neue Besitzer und werden auch nicht mehr gebraucht. Verkauft hat der 65-Jährige dabei ­immer fünf oder sechs der Fahrzeuge im Paket, um angemessene Preise zu erzielen. Noch gravierender: 25 seiner 53 deutschen Niederlassungen hat Buhl inzwischen dichtgemacht und sich von 3300 seiner zuvor 4200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter getrennt. Die Entscheidung bleibt für ihn unumkehrbar: „In die mittleren und kleineren Städte gehen wir nicht mehr zurück, obwohl das Geschäft dort immer profitabel war. Die Investitionen, das noch einmal aufzubauen, wären zu hoch.“

Liquidät sichern, Fixkosten senken, retten was zu retten ist: Buhl fährt sein bis vor 16 Monaten glänzendes Unternehmen, das im Januar 2020 die besten Zahlen in der 33-jährigen Firmengeschichte erreicht hatte, gerade auf die Vitalfunktionen herunter. Die Buhl-Gruppe ist bekannt als Nummer eins im Verleih gastronomischer Fachkräfte für Events in Arenen und Hotels – und im Lockdown folglich maximal getroffen. Das Ergebnis von dreieinhalb Jahrzehnten Lebensleistung sieht Buhl „ausradiert“, zumindest fragmentiert. Dass ihn das quält – keine Frage. Seine Frau habe psychisch aber noch mehr Probleme mit dieser Krise als er selber, berichtet Buhl besorgt.

38 Prozent Eigenkapital hatte die Buhl-Gruppe 2019. „Hätten wir die Erträge früher nicht im Unternehmen gelassen, wären wir heute tot“, sagt Buhl. Von 60 Millionen Euro Jahresumsatz konnte er 2020 ein Drittel retten, weil die von Events unabhängige eigene Jobbörse Studentpartout floriert. Die baut Buhl weiter aus. Aber 2021 wird nicht viel besser als das desaströse Vorjahr. 

„Ab Oktober geht das Geschäft langsam wieder los“, versucht sich der Unternehmer Mut zu machen. Gleichzeitig weiß er: Die Eventbranche wird die letzte sein, die zur vollen Normalität zurückkehrt. Und: „Ein neues Problem werden wir haben, wenn die Aufträge erst einmal kommen“, sagt Buhl. Denn dann muss er aus den leeren Kassen die Einsätze seiner Küchen- und Service-Teams vorfinanzieren, bis die ersten Veranstaltungen vorbei sind und Buhls Auftraggeber die Rechnungen bezahlt haben: „Das wird noch einmal eine ganz kritische Phase.“

Rund 2,6 Millionen kleine und mittlere Unternehmen, schrieb die Förderbank KfW in ihrem Research-Bericht im Februar, haben gegenwärtig mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen, also 68 Prozent des gesamten deutschen Mittelstandes: „Die Auswirkungen der Eindämmungsmaßnahmen - Kontaktverbote, Reisebeschränkungen, Quarantäneverordnungen, angeordnete Geschäftsschließungen, generelles „Abstandhalten“ sowie Kita- oder Schulschließungen - treffen damit etwa 220.000 Unternehmen mehr als im September 2020.“

Aber viele, die der WirtschaftsWoche im vergangenen Jahr von ihren existenziellen Sorgen berichteten, traf es nicht so hart wie erwartet. Obwohl sie Niedergang und Insolvenz fürchteten, kamen die meisten der Corona-Helden besser zurecht als sie es vor einem Jahr erwarteten.

Riffbecken-Aquarium statt Aerosol-Trenner

Florian Schuran etwa. Der Unternehmer aus dem Städtchen Heinsberg nahe der niederländischen Grenze, das vor einem Jahr als erster deutscher Corona-Hotspot Schlagzeilen machte, ist ein gefragter Aquarienbauer für große Hotels und Zoos. Hilfsgelder? Hat er keine beantragt, seine Rückkehr in die geschäftliche Normalität kam schneller als erwartet. Während der ersten Welle hatte Schuran die Produktion umgestellt. Da seine Kunden Projekte verschoben, fertigte er damals statt Aquarienwände aus Kunststoff nun Trennscheiben für Supermarktkassen und Arztpraxen. Die Nachfrage nach den Aerosol-Fängern war hoch. Inzwischen aber widmet sich Schuran schon wieder den Aquarien: Für den Düsseldorfer Aquazoo polierte und schliff er im November und Dezember vergangenen Jahres die Scheiben des Großen Riffbeckens. Bei den Innenscheiben kam auch Druckluft zum Einsatz, einige Male tauchte Schuran selbst ins Becken. Auch andere Hotels und Zoos vergaben wieder Aufträge. Für ein neues Hotel am Timmendorfer Strand baute Schuran ein Thekenaquarium.

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