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Das Gesicht des Protektionismus: US-Präsident Donald Trump Foto: AP

Zollkrieg mit den USA„Trump glaubt wirklich, die Europäer hätten die USA bestohlen“

Der US-Präsident straft die Europäische Union mit 20 Prozent Zoll. Die EU sollte trotzdem nicht zu aggressiv reagieren, warnt Handelsökonom Uri Dadush.Henrike Adamsen 03.04.2025 - 12:39 Uhr

WirtschaftsWoche: Herr Dadush, der US-Präsident hat vergangene Nacht sein Versprechen erfüllt und zehn Prozent Basiszölle gegenüber allen Handelspartnern angekündigt: Für die EU kommen noch einmal zehn Prozent oben drauf. Haben Sie mit dieser Größenordnung gerechnet?
Uri Dadush: Zwischen zehn und 20 Prozent waren tatsächlich erwartbar. Überraschend ist die Liste mit 60 Ländern, die noch einmal extra besteuert werden – ich dachte, da ginge es um maximal 15 Länder. Darunter sind auch sehr kleine und sehr arme Volkswirtschaften wie Madagaskar. Warum sollte man das tun? Das ist mir völlig unverständlich.

Kanada und Mexiko sind von den Basiszöllen ausgenommen. Ist das ein Zeichen, dass der US-Präsident doch mit sich verhandeln lässt?
Die beiden Nachbarländer haben sich sehr darum bemüht, Trumps Forderungen nachzukommen. Amerikanische Produzenten sind eng mit mexikanischen und kanadischen Zulieferern verwoben. Meine Befürchtung war: Wenn sich selbst Mexiko und Kanada nicht aus den Zöllen herausverhandeln können, schafft die EU das erst recht nicht. Es ist schwierig zu sagen, ob die besondere Behandlung nun wirklich auf erfolgreiche Verhandlungen zurückgeht oder ob die USA begriffen haben, wie extrem schmerzhaft ein Zusammenbruch der Lieferketten mit Kanada und Mexiko wäre.

Eine Begründung für die Zölle lautet: „Wie du mir, so ich dir“: Die US-Regierung hebt Zölle auf das Niveau, das die Handelspartner ihnen gegenüber veranschlagen. Ist das so falsch? 
Das ist der legitime Teil der Argumentation. Bei Autos erhebt die EU zehn Prozent Zölle, die USA aber nur 2,5 Prozent. Vor allem die europäische Agrarpolitik ist zu protektionistisch, die Landwirtschaft wird zu stark subventioniert. Das darf man bei aller Kritik an Trump nicht vergessen. Die wechselseitigen Zölle sind für den US-Präsidenten eine gute Schlagzeile. Trump glaubt fest daran, dass Zölle eine gute Politik seien. Um sie zu rechtfertigen, sind ihm alle Argumente recht – auch die, die nichts mit Zöllen zu tun haben.

Zur Person
ist Forschungsprofessor mit Schwerpunkt Handelspolitik und Makroökonomie an der Universität von Maryland, USA. Außerdem arbeitet er für den europäischen Think-Tank Bruegel in Brüssel. Im September 2024 erschien sein neuestes Buch „Geopolitik, Handelsblöcke und die Fragmentierung des Welthandels“.

Sie meinen Trumps Drohung, Zölle auch nach der Höhe der Mehrwertsteuer auszurichten, die Länder wie Deutschland erheben. Das hätte eine deutlich höhere Zollrate zur Folge.
Die Argumentation ist absurd. Mehrwertsteuern sind kein Grund, Zölle zu erheben. Konsumenten müssen auf heimische genauso wie auf importierte Produkte Mehrwertsteuer zahlen, es gibt also keine Diskriminierung. Würde man die Mehrwertsteuer auf importierte Güter aufheben, wäre das eine implizite Subvention.

Der US-Präsident schürt mit seinen Ankündigungen immense Unsicherheit, erste Indikatoren weisen auf einen Stimmungsumschwung in der Wirtschaft hin. Warum hält Trump an seinem Kurs fest?
Trump glaubt wirklich, die Europäer hätten die USA bestohlen und die Amerikaner schlecht behandelt. Er glaubt, Zölle helfen, das US-Handelsdefizit zu reduzieren – was falsch ist. Er glaubt, er könne so die Industrie stärken – was nicht passieren wird. Mit seiner Politik schafft er eine große Unsicherheit und nimmt die Destabilisierung der globalen Wirtschaft in Kauf.

In der EU zerbricht man sich den Kopf, was nun die intelligenteste Reaktion auf die US-Zölle wäre. Wie lautet Ihr Rat?
Anders als viele vor ein paar Monaten noch gedacht haben, lässt Trump nicht mit sich verhandeln. Deswegen ist die Idee falsch, so hart zurückzuschlagen, dass der US-Präsident seine Meinung ändert. Ich warne davor, bei den Gegenmaßnahmen zu übertreiben.

Aber die EU kann die Zölle nicht einfach hinnehmen.
Das ist richtig. Die EU muss genug Druck aufbauen, um Zölle in Höhe von 40 oder 50 Prozent zu verhindern. Außerdem braucht sie Verhandlungsmasse, sollte sich das transatlantische Verhältnis mittelfristig wieder normalisieren. Deswegen plädiere ich für moderate Vergeltungsmaßnahmen.

Wie sähen die konkret aus?
Die EU plant ja schon spezifische US-Produkte mit Zöllen zu belegen, die auf Unternehmen in Trump-Hochburgen abzielen. Das ist richtig. Geeignet sind auch Produkte, die die EU gut aus anderen Ländern substituieren kann, wie Mais und Sojabohnen aus Brasilien und Argentinien. Wichtig ist, die nächsten zehn Jahre der amerikanisch-europäischen Beziehung im Blick zu halten. Das Ziel sollte sein: mehr Unabhängigkeit, aber kein Bruch.

Mit Unternehmen wie ASML, den einzigen Herstellern von bestimmten Maschinen für die Chipproduktion, hätte Europa aber auch stärkere Druckpunkte zur Verfügung...
...aber das wäre der sicherste Weg, um aus einem kleinen einen großen Krieg zu machen. In einem kurzfristigen Handelskonflikt haben die USA die besseren Karten. Trump kann einfach 200-Prozent-Zölle auf Wein aus Frankreich und Spanien erheben – diese Mitgliedsländer würden sofort gegen eine kompromisslose EU-Linie protestieren.

Trumps Amtseinführung ist keine drei Monate her. Wann wird er aufhören, die Zollpolitik auf die Tagesordnung zu setzen?
Solange er Präsident ist, wird Trump Zölle nutzen. Sie sichern ihm die Aufmerksamkeit der Welt. Er will ganz oben in den Schlagzeilen sein, jeden Tag. Genau das hat er mit dem  „Liberation Day“ geschafft. Entscheidend werden die Midterm-Wahlen im November 2026. Nur wenn er da von den Demokraten geschlagen wird, könnte sich politisch etwas ändern.

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