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2025 hatte sich Donald Trump in Davos zuschalten lassen. (Archivbild) Foto: Laurent Gillieron/KEYSTONE/dpa

Davos 2026Wenn die Welt schockgefriert

Donald Trump will doch nur Geschäfte machen. Will er das? Beim Weltwirtschaftsforum wird einmal mehr alles um den US-Präsidenten und seine Übergriffigkeit kreisen.Max Haerder 19.01.2026 - 11:27 Uhr

Freiheit und Furcht haben diese Woche eine gemeinsame Adresse: Evangelische Gemeinde, Scalettastrasse 1, 7270 Davos Platz. Dort, in einer eher bescheidenen Kirche mit grauem Schindeldach und englischer Orgel, gleich oberhalb des Kongresszentrums, werden die Vereinigten Staaten während des Weltwirtschaftsforums ihr „USA House“ öffnen. Offizieller Slogan: „Freedom 250“, zum Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776.

Eine Million Dollar soll es Sponsoren wie McKinsey und Microsoft jeweils wert gewesen sein, die inoffizielle Botschaft der USA in den Schweizer Bergen zu finanzieren, glaubt man der „Financial Times“. Das dürfte ein vergleichsweise kleiner Preis sein in einer Welt, in der man sich das Wohlwollen des mächtigsten Mannes der Welt am besten mit Präsenten erhält. Ohnehin passt es bestens zu einem Bergdorf, das während dieser einen Weltwirtschaftswoche bereitwillig jeden Quadratmeter seiner Boutiquen, Bars und holzgetäfelten Hotels für die Pop-up-Showrooms von Konzernen, Staatsfonds oder Unternehmensberatungen räumt. Oder eben eine Kirche.

Ob Donald Trump sie überhaupt von innen sehen wird, bleibt bis auf Weiteres das Geheimnis des Secret Service. In Davos hat er sich jedenfalls persönlich angekündigt, so viel ist sicher. Wenn man den Trubel zum Maßstab nimmt, der schon 2025 herrschte, als Trump nur per Video zugeschaltet war, dürfte sein Kommen in diesem Jahr für einen Zustand sorgen, der sich irgendwo zwischen fiebriger Erregung und rastloser Nervosität einpendelt.

Was wird er sagen? Was verkünden? Wem drohen? Und wen locken?

Die Welt als Netflix-Plot

Man wird sich, ob man will oder nicht, Trump in Davos nicht entziehen können. Niemand weiß, ob er den anwesenden Investoren und Managern den krawattenroten Teppich ausrollt und im Jubiläumsjahr die Großartigkeit der USA in noch grelleren Versalien als üblich hinausposaunt – oder nicht doch mal eben Grönland annektiert und die Europäer in Grund und Boden demütigt.

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Schon vorab schickte er am Wochenende eine Botschaft über den Atlantik, wie nur er es vermag: neue Zölle für Deutschland und weitere europäische Länder wegen ihrer Solidarität mit EU- und Nato-Mitglied Dänemark – aufzuheben nur für den Fall, dass die Arktisinsel den Besitzer wechselt wie ein Penthouse an der Upper East Side. Freiheit und Furcht eben. Nur dass das alles kein Netflix-Plot mit nervenzerfetzenden Cliffhangern ist. Sondern die schockgefrorene Realität.

Wer auch immer gehofft haben sollte, die Business-Elite von Davos könne im Zeitalter des imperialen Trumpismus Politik vom Geschäft treffen oder Bilanzen von Großmachtinteressen – aus und vorbei. Der alljährlich beschworene „Geist von Davos“ hat aufgehört, die Globalisierung oder den Segen der Künstlichen Intelligenz zu feiern, Diversität und den Kampf gegen den Klimawandel zu beschwören. Nein, der überall diagnostizierte Epochenbruch, die „tektonischen Verschiebungen“ der Weltpolitik (Friedrich Merz) machen vor der Schweiz nicht halt. Der Riss geht auch einmal durch Davos.

Es dürfte sich dennoch lohnen, trotz und gerade wegen des Lautsprechers im Weißen Haus, auf Zwischentöne und Widerreden zu achten. Auf Jamie Dimon zum Beispiel. Der CEO von JP Morgan ist dieses Jahr eine der prominentesten und einflussreichsten Stimmen in Davos, neben dem neuen WEF-Kuratoriumschef Larry Fink von BlackRock. WEF-Gründerlegende Klaus Schwab, von dem Fink übernahm, trat vor ein paar Monaten weder ganz freiwillig noch besonders ehrenvoll zurück.

Dimon gilt als wohl mächtigster Banker der Welt. Jedenfalls ist er einer der wenigen US-Manager, die es noch wagen, Donald Trump öffentlich Contra zu geben und Warnungen auszusprechen, es mit Chaos und Unsicherheit nicht zu weit zu treiben.

Jüngstes Beispiel: Als die US-Justiz Fed-Chef Jerome Powell ins Visier nahm, gab Dimon demonstrativ zu Protokoll, es sei keine besonders großartige Idee, an der Unabhängigkeit der Notenbank zu kratzen. Es werde den umgekehrten Effekt haben: höhere Inflationserwartungen und höhere Zinsen. Seinen großen persönlichen Respekt für Powell hinterlegte er ebenfalls. Das war nichts anderes als ein kurzer Grundkurs Geldpolitik, mit Grüßen von der Wall Street nach Washington D.C.

So etwas traut sich in Corporate America sonst im Grunde niemand mehr. Ob Dimon oder auch Mit-Gastgeber Fink solche Sätze in Davos wiederholen werden?

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Auch wenn es zynisch klingen mag: Das Weltwirtschaftsforum bekommt dank Trump, was es will. Das Spektakel, die ungeteilte Aufmerksamkeit. Davos ist und bleibt für fünf absurd überfüllte, verdichtete Tage die Kapitale, in der big business und geopolitische Lage verschmelzen. Zugleich Zirkus und Zauberberg, Bühne und Börse, Seismograf und Thermometer. Von manchen gehasst, von vielen geliebt. Vor allem aber: nicht zu ignorieren.

Was kann Friedrich Merz ausrichten?

In diesem Jahr ist Davos womöglich sogar ein Ort, an dem Geschichte geschrieben wird. Trump trifft nach der Grönland-Eskalation hier erstmals auf seine EU- und Nato-Konterparts. Man zögert, sie noch Partner zu nennen. Friedrich Merz ist am selben Tag wie der US-Präsident vor Ort. Ein Treffen der beiden ist bislang nicht bestätigt, aber sehr wahrscheinlich. Im Kanzleramt werden sie gerade alles daran setzen, eines zustande zu bringen.

Sollte der Kanzler tatsächlich ein belastbares Verhältnis zu Trump aufgebaut haben und weiter einen gewissen Kredit genießen, nie wäre er wichtiger als in diesen Tagen. In Brüssel und den europäischen Hauptstädten spielen die Ersten das Ende der Nato durch, Milliarden-Gegenzölle auf Amerika, Auflagen für US-Digitalkonzerne. Eine Besetzung Grönlands, das wäre nichts anderes als ein Feldzug im Innersten des Westens. Das war alles undenkbar. Bis Trump kam, um andauernd Undenkbares zu verkünden.

Merz‘ Plan für den Besuch in der Schweiz war ein komplett anderer. Im vergangenen Jahr war er noch als Wahlkämpfer gekommen, sprach auf einer Nebenbühne. Beim WEF anno 2026 wollte er das ökonomische Comeback Deutschlands einläuten.

Merz wird am Donnerstag einen prominenten Slot auf der größten Bühne bekommen. Er hat bereits am Mittwoch Abendrunden mit internationalen Investoren und tags darauf Frühstücke mit Konzernchefs organisieren lassen, um sie von sich als Reformer und von einer Rückkehr an den Standort Deutschland zu überzeugen.

Aber das war vor Grönland. Davos mutiert zum Krisengipfel. Ein Muster der noch immer jungen Merz-Kanzlerschaft wiederholt sich: Die Weltlage verspeist die Wirtschaftspolitik zum Frühstück.

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