Finanzstabilitätsbericht: Die Zoll-Gefahr ist längst nicht gebannt
Die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) machen gleich am Anfang ihres neuen Risikoberichts deutlich, dass die Welt nicht mehr dieselbe ist wie vergangenes Jahr. Einige Dinge hätten sich seit November 2024 grundlegend geändert, heißt es auf der ersten Folie des neuen Finanzstabilitätsberichts, den die EZB am Mittwoch veröffentlicht hat.
Abgebildet sind dort zwei Grafiken, die für sich sprechen: Sie zeigen, wie stark die wirtschaftspolitische Unsicherheit in den vergangenen Monaten gestiegen ist. Insbesondere in Europa steht sie auf dem höchsten Stand seit 1995, höher noch als in der Coronakrise. Ähnlich in den USA: Dort ist die Unsicherheit laut Daten der EZB vor allem seit Herbst 2024 deutlich angestiegen – seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten.
Apropos Trump: Man könnte fast glauben, ohne ihn hätten die Währungshüter kaum etwas zu berichten. Der US-Präsident und seine unvorhersehbare Zollpolitik haben die Märkte fest im Griff und könnten dort schnell für Turbulenzen sorgen, so der Tenor des Berichts. Die Veränderungen in der globalen Handelspolitik führten zu einem scharfen Anstieg der Unsicherheit und zu starken Schwankungen an den Finanzmärkten. Schlimmer noch: „Die zunehmenden Handelskonflikte und die damit verbundenen Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum belasten die Aussichten für die Finanzstabilität.“ So fasst EZB-Vizepräsident Luis de Guindos die zentrale Aussage des halbjährlichen Berichts zusammen.
Dabei schätzt die EZB die Risiken nicht in allen Bereichen des Finanzmarkts gleich hoch ein. Die Banken der Euro-Zone etwa seien dank ihrer Kapital- und Liquiditätspuffer gut auf eine mögliche Krise vorbereitet. Sie erzielten robuste Nettoerträge und weiterhin hohe Renditen aufs Eigenkapital von über neun Prozent. Auch die Kreditbücher der Institute seien nach wie vor gut aufgestellt. Jedenfalls mit Einschränkungen: „Notleidende Kredite könnten zunehmen, wenn es weiterhin zu Spannungen in der Handelspolitik kommt“, schreiben die Ökonomen der EZB.
Eindringlicher warnen die Notenbanker vor Problemen bei Schattenbanken – also bei Nicht-Banken, die im Kreditgeschäft aktiv sind. Dazu zählen zum Beispiel Hedgefonds, Pensionsfonds, Versicherer oder Geldmarktfonds. Im Zuge der handelspolitischen Unsicherheit und einer hohen Volatilität an den Märkten drohten Schattenbanken Bewertungsverluste bei ihren Investments und deshalb auch „häufigere Margin Calls“, heißt es im Stabilitätsbericht.
Als Margin Call bezeichnet man es im Finanzjargon, wenn ein Investor Geld nachschießen muss, um eine Position offenhalten zu können. Vor allem Hedgefonds hebeln ihre Finanzwetten oft mit geliehenem Kapital, um ihre Rendite zu steigern. Bewegt sich der Wert ihres Investments nicht in die gewünschte Richtung, müssen sie oft Geld nachschießen.
Im Rahmen der Marktturbulenzen nach Trumps Zoll-Eskapaden im April kam es zu diversen Margin Calls. Mehrere Hedgefonds waren daraufhin gezwungen, unter anderem Staatsanleihen zu verkaufen, um sich Liquidität zu beschaffen. Das wiederum führte zu massiven Kursbewegungen. Die Notenbanker sehen das Risiko, dass Schattenbanken so Marktschwankungen noch verstärken. Sie müssen weniger Kapitalpuffer vorhalten als Banken und unterlegen Kredite mit weniger Eigenkapital.
Die zunehmende Größe und Vernetzung von Nicht-Banken „erhöhen das Risiko, dass dortige Schwachstellen negative Marktentwicklungen im gesamten Finanzsystem verstärken“, heißt es im Bericht. Wichtig seien Maßnahmen, die Schattenbanken resilienter machten gegen marktweite Schocks, so die EZB-Analysten. Schattenbanken sollten schärfer überwacht, ihre Liquiditätsvorsorge solle verbessert werden.
Sorge bereitet den EZB-Experten zudem, dass der Handelskonflikt in Form eines schwächeren Wirtschaftswachstums auch die Unternehmen und privaten Haushalte der Euro-Zone treffen könnte. Kreditausfälle, Insolvenzen und eine höhere Arbeitslosigkeit könnten die Folge sein. Die steigenden Verteidigungsausgaben vieler Euro-Länder könnten zwar die Wirtschaft ankurbeln, erhöhten aber das Risiko einer überbordenden Schuldenlast.