Trump-Zölle: Sell America! Jetzt erst recht

Erinnern Sie sich noch an den 9. April vergangenen Jahres? Das war der Tag, an dem der billionenschwere Markt für US-Staatsanleihen gründlich außer Kontrolle geriet – und damit sogar den mächtigsten Mann der Welt zum Einlenken zwang. Weil die von US-Präsident Donald Trump am „Liberation Day“ verkündeten Zölle das Vertrauen in die US-Wirtschaft schwinden ließen, kam es zu einem Ausverkauf am Anleihemarkt. Die Renditen für zehnjährige US-Bonds kletterten auf mehr als 4,5 Prozent, bei Papieren mit 30-jähriger Restlaufzeit waren es sogar mehr als fünf Prozent. Am Ende ruderte Trump zurück und verkündete eine 90-tägige Zollpause.
Auf so einen Moment möchte man dieser Tage einmal mehr sehnsüchtig hoffen: Steigende Anleiherenditen, die Trump von seiner wahnwitzigen Idee abbringen, die EU einfach so lange mittels Zöllen zu erpressen, bis er Grönland kaufen darf.
Kaum etwas ist für den US-Präsidenten so gefährlich wie hohe Renditen am Bondmarkt. Je höher die Zinsen steigen, die Anleihegläubiger von den USA verlangen, desto teurer wird es für Trump, seine hohen Schulden zu (re-)finanzieren. Außerdem schadet es auch seinen Wählern, wenn diese höhere Zinsen für ihre Immobilienkredite zahlen müssen.
Der Markt für US-Staatsanleihen ist der größte und liquideste der Welt – und tatsächlich eine der wenigen Achillesfersen, an denen die Wirtschafts- und Militärmacht USA verwundbar ist. Die USA, urteilte am Sonntag der oberste Devisenstratege der Deutschen Bank, hätten eine „zentrale Schwäche“: Das Land ist auf andere angewiesen, die ihm die rekordhohen Schulden finanzieren. Deshalb besteht immer noch ein hohes Defizit in der Zahlungsbilanz.
Und die EU? Die gehört zu eben diesen Finanziers. Gemeinsam zählen die Länder Europas zu den größten Gläubigern der USA. Laut der Deutschen Bank halten europäische Länder zusammen rund acht Billionen Dollar an US-Anleihen und Aktien, fast zweimal so viel wie der Rest der Welt zusammen.
Nun können die EU-Länder aber schlecht beschließen, das alles mal eben auf den Markt zu werfen. Ein Großteil der Assets wird von privaten Investoren gehalten. Und die rot-schwarze Koalition kann (zum Glück!) nicht einfach mal in München bei der Allianz anrufen und darum bitten, dass die all ihre US-Staatsanleihen verkauft.
Aber: Auch die europäischen Zentralbanken halten nennenswerte Volumina an US-Staatspapieren in ihren Büchern. Laut dem European Union Institute for Security Studies (EUISS) halten europäische Banken, Pensionsfonds und Zentralbanken zusammen US-Staatsanleihen im Wert von mehr als drei Billionen Dollar.
Die EU-Staaten könnten Trump also übel treffen, wenn sie ihre US-Bonds verkaufen würden. Zur Erinnerung: China macht sich schon seit Jahren mittels Anleiheverkäufen unabhängiger von den USA und könnte laut Analysten auch für den großen Abverkauf nach dem Liberation Day mitverantwortlich gewesen sein.
So eine Verkaufswelle wäre auch seitens der Europäer denkbar. Laut dem „Wall Street Journal“ wurde ein kollektiver Bondverkauf in Brüssel sogar schon mal diskutiert: im Herbst, als die Europäer fürchteten, bei Trumps Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland unter den Tisch zu fallen. Der Kampf um Grönland wäre eine passende Gelegenheit, dieses als „nukleare Option“ diskutierte Szenario wieder aus der Schublade zu holen.
Nun muss man sicher nicht gleich die ganz große Keule schwingen, und alle US-Bonds auf einmal auf den Markt werfen. Das ginge vermutlich nicht nur mit enormen Kursverlusten seitens der Europäer einher. Zudem würden die EU-Länder einen Währungskrieg riskieren. Trump, so fürchten Kritiker des Plans, könnte der EU im Gegenzug zum Beispiel den Zugang zum weltweiten Finanzsystem SWIFT kappen.
Sich aber sukzessive von seinen Dollar-Assets zu trennen, ist womöglich sogar ökonomisch geboten. Trumps erratische Politik könnte das Vertrauen in die US-Wirtschaft nochmals schwächen – und somit auch den Dollar weiter belasten. Bereits in der vergangenen Woche erklärte Dan Ivascyn, Chefinvestor des weltweit größten Anleihemanagers Pimco, gegenüber der „Financial Times“, Pimco werde Kapital „weg von US-Assets“ breiter verteilen, und begründete das mit der „unvorhersehbaren“ Politik Trumps. Daran dürften die Wendungen des Wochenendes kaum etwas geändert haben. Im Gegenteil.
Und Pimco ist bei weitem nicht der einzige Player am Anleihemarkt, der weniger in den USA investieren will. Auch dänische Pensionsfonds haben sich zum Beispiel schon vor Trumps Attacken gegen Grönland schrittweise aus Dollar-Assets zurückgezogen.
Natürlich ist es mit ein paar Milliarden Dollar an Verkäufen nicht getan. Es braucht schon etwas mehr, um die Renditen der US-Anleihen in Höhen zu treiben, die Trump zum Nachdenken bringen. Dennoch wäre eine kollektive Entdollarisierung der EU-Staaten womöglich das richtige Signal an den Markt – und vielleicht das einzige, was Trump wirklich trifft.
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