Werner knallhart: Tagesschau24 zusammen mit Phoenix: Das wäre Deutschlands Premium-News-Sender!

Kennen Sie das auch? Sie gehen zu Rossmann und greifen sich ein Duschgel aus dem Regal, dann gehen Sie auf die Suche nach Shampoo.
„Shampoo haben wir nicht“, sagt die Verkäuferin belustigt ob Ihrer Unwissenheit, „wir verkaufen Duschgel. Für Shampoo sind wir nicht zuständig. Shampoo gibt es doch nur bei dm.“
Und schiebt ab.
Kennen Sie so nicht?
Oder Sie kehren abends zu zweit in einer Weinbar ein, setzen sich an die Theke vor die kleine Vitrine mit Schinken, Schafskäsewürfeln und Oliven, bestellen sich einen portugiesischen Rotwein und ein paar Oliven, Ihre Begleitung wünscht sich ein Glas Riesling, da muss die sich vom Kellner hinter der Theke anhören: „Oh, Weißwein haben wir gar nicht. Nur Rotwein. Tut mir leid. Dafür sind wir zu klein. Vielleicht ja einen Rioja? Fängt auch mit R an.“
Ihrer Begleitung glätten sich prompt alle Lachfalten: „Was? Aberaber Sie haben doch da hinten ganze Regalböden leer, da könnten Sie doch wunderbar Weißwein bevorraten.“
„Ja, nee, das wäre zu aufwändig. Dafür sind wir zu wenig Leute. Unseren Auftrag als Weinbar sehen wir im Rotwein.“
Kennen Sie auch nicht? Ja, ich auch nicht. Es wäre auch schade, wenn es so liefe im Leben.
Bei den von mir hochgeschätzten Sendern Phoenix und Tagesschau24 ist es aber doch tatsächlich so: Beiden fehlt jeweils eine wichtige Komponente für einen Nachrichtensender, von dem man sagen würde: Das ist DER Nachrichtensender in Deutschland.
Phoenix nimmt für sich in Anspruch, uns allen für unseren schönen Rundfunkbeitrag „das ganze Bild“ zu zeigen. Und nennt sich Ereigniskanal. Das klingt weniger aktuell. Phoenix schreibt über seine Programmgrundsätze: „Mit seinem crossmedialen Programmangebot, das der Ausgewogenheit und Überparteilichkeit verpflichtet ist, erhellt Phoenix Hintergründe und veranschaulicht durch differenzierte Analyse komplizierte Zusammenhänge.(…) Phoenix ist live dabei, wenn sich politisch und gesellschaftlich Relevantes ereignet und wenn Geschichte geschrieben wird.“
Kurz gesagt: Vertiefung, Hintergründe und im Idealfall planbare Ereignisse wie die Wahl des Bundeskanzlers.
Für Phoenix nicht so relevant sind der Wintereinbruch im Voralpenraum und die auf Grund gelaufene Fähre vor Norwegen.
Phoenix glänzt mit dem, was klassische Nachrichtensender nicht bieten: mit viel Zeit für ausführliche Gespräche und Interviews von Leuten, die es wissen müssen. Phoenix bekommt den Bundeskanzler am Tag seiner Vereidigung spontan live ans Mikro, Phoenix ist das Zuhause der Bundestagsabgeordneten. So viel politische Debatte live, spontan, mit Ausdauer, Ruhe und Kompetenz – das liefert so nur Phoenix. Reporter wie Gerd-Joachim von Fallois, das alte Phoenix-Schlachtross (alt im Sinne erfahren und hoch souverän), füllen gefühlt jede spontane Programmlücke mit ihren Gesprächen. Einige Bundestags-Vormittage sind echte Quotenknüller!
Das Blöde ist nur: Es passieren nicht ständig gesellschaftlich relevante Dinge und erst recht wird nicht 24 Stunden am Stück Geschichte geschrieben. Und dann?
Wären da mehr aktuelle Nachrichten nicht relevanter, und wenn es auch mal der Wintereinbruch oder eine Geldautomatensprengung ist? Die liefert Tagesschau24, der Nachrichtensender von ARD, aktuell aus Hamburg. Und das hochprofessionell – das ist teuer.
Das merkt man daran, dass, um unsere Gebühren zu sparen, wiederholt und wiederholt wird.
Da kommt die Wettervorhersage schon mal innerhalb von sieben Minuten doppelt. Oder nach der parallel auch im Ersten gesendeten Tagesschau beginnt die Moderation auf Tagesschau24 danach mit den exakt gleichen Worten noch einmal: die Meldungen eins zu eins identisch. Persönliche Noten inklusive.
Da wird von der Moderatorin ein Interviewpartner anmoderiert, der dann antwortet, und zur zweiten Frage ist plötzlich eine Moderatorin aus dem ARD-Morgenmagazin zu sehen. Ganz anderes Setting, andere Studioatmosphäre. Weil das Gespräch eine vorne abgeschnittene Interviewwiederholung ist. Preiswert aus der Not heraus.
Dann wiederum kann es sein, dass nach der Wahl in Polen Phoenix und Tagesschau24 gleichzeitig Experten die Lage einschätzen lassen. Phoenix einen Politikwissenschaftler von der Uni Bonn etwa, Tagesschau24 den Korrespondenten in Warschau. Wäre beides nacheinander oder im Trialog nicht fein gewesen? Phoenix und Tagesschau mit ihren jeweiligen Kompetenzen vereint?
In Proporz-, Neid-, Standort-, Budget- und Personaldiskussionen mische ich mich nicht ein. Aber ich wünsche mir einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender, den man eigentlich immer laufen lassen kann, weil man dort
- immer auf dem neuesten Stand ist, wie es mit seinem weltweiten Reporternetz und seinem tief in den deutschen Regionen verwurzelten Reportern hierbei im Land nur die ARD liefern kann. Denn Nachrichten auf dem Niveau kann sich das Privatfernsehen nicht leisten.
- eine Hintergrundberichterstattung mit viel Zeit, die sich nicht von viertelstündigen News-Updates zu Glatteis und Bundesliga scheuchen lässt, wenn gerade im Bundestag Geschichte geschrieben wird, was niemand im Nachrichtenalltag so lebt und drauf hat wie die Leute von Phoenix.
Der private Nachrichtensender Welt lebt dieses Prinzip „Aktualität und Einordnung“ in einem schicken Studio in der neuen Springer-Zentrale und mit wummsigem Soundsdesign auf seine Art: mit viel Meinung der eigenen, teilweise sehr unterhaltsamen Leute und zugespitzten Thesen. Und eben auch mit Talkrunden direkt im News-Studio zu den weltbewegenden Themen und gleichzeitig der Möglichkeit, jederzeit Eilmeldungen zu verkünden.
Die Öffentlich-Rechtlichen mit ihrer Erfahrung, Kompetenz und einem Doppelschlag zweier Philosophien wären da doch ein brillanter Gegenspieler auf Topniveau. Es wäre einmalig.
Wer kompetent aktuell informieren will und wer komplizierte Zusammenhänge öffentlich analysieren will, weil das sein Auftrag ist, braucht vor allem eins: Publikum. Ich behaupte: Ein eilmeldungsfähiger Sender mit der Zeit für Analyse und Hintergrund, der schreibt schon selber Geschichte.
Lesen Sie auch: Im ÖBB-Nachtzug nach Wien: Ist das noch menschenrechtskonform?
