Commerzbank-Übernahme durch Unicredit: Der plötzlich ganz handzahme Aggro-Banker – und sein Amulett
Natürlich ist Andrea Orcel am Donnerstagvormittag in Banker-Uniform nach Frankfurt gereist: Er kombiniert den dunkelblauen Anzug mit einer roten Krawatte, dazu ein hellblaues Hemd, an dem klobige, silberne Manschettenknöpfe baumeln. Nur ab und an, wenn Orcel eine ausladende Arm-Bewegung macht, lugt unter seinem rechten Hemdsärmel etwas durch, das nicht in die Aufzählung passt: ein Armband aus bunten Stofffäden. Daran hängen kleine, blaue Kugeln mit einem schwarzen Punkt in der Mitte – ein türkisches Auge ist das, ein Amulett und Schutzsymbol, das böse Blicke abwehren soll. Welch herrliche Symbolik für diesen Auftritt!
Die von Orcel geführte italienische Großbank Unicredit war es, die vor einem Jahr zum Großaktionär der deutschen Commerzbank aufstieg, damit zu deren Übernahme ansetzte. Seitdem hat sich Orcel zwar immer wieder zum Ringen um die deutsche Großbank geäußert, aber stets aus der Ferne. In Frankfurt hat er seine Pläne bislang noch nie erklärt – bis heute, bis zu diesem Donnerstag im September auf der Bankentagung des Handelsblatts, einem der wichtigsten Szenetreffen.
Es ist, wenn man so will, ein Auswärtsspiel für Orcel, zu dem die Fans des FC Unicredit aber nicht angereist sind.
Orcel will Sorgen zerstreuen
Insofern ist Orcel gut beraten, mitsamt Amulett auf das Frankfurter Podium zu steigen: Binnen Jahresfrist hat er mehr böse Blicke auf sich gezogen als andere in einem ganzen Leben, opponieren doch das Management der Commerzbank und auch die Bundesregierung gegen ihn. Und genau da setzt Orcel an: Der Mann mit dem Spitznamen „Ronaldo des Investmentbankings“ versucht sich plötzlich an einer Charmeoffensive.
Bleibt die Frage: Meint er das, was er sagt, auch so – oder ist das alles nur eine plumpe, fast schon dreiste Farce, damit ihm die Übernahme endlich gelingt, der Widerstand ob seiner neuerlichen Versprechen bröckelt?
Zuerst spricht Orcel lange über Übernahmen im Konkreten und Allgemeinen. Aber dann geht der Unicredit-Banker auf die Sorgen ein, mit denen die Commerzbank, aber auch die Politik begründen, gegen eine Übernahme zu sein.
Die erste Furcht ist, dass der Wettbewerb am deutschen Bankenmarkt nachlässt, wenn die Mailänder die Frankfurter schlucken. Und dass vor allem Mittelständler nicht mehr zwischen ausreichend vielen Banken wählen können. Orcel kontert mit dem Argument, nach einer Übernahme hätte das fusionierte Institut nur 12 bis 14 Prozent Marktanteil. „Die Kunden könnten immer noch zwischen sieben bis acht Banken auswählen“, behauptet Orcel. Und springt zum nächsten Punkt.
Ja, verlautbart der Manager, er wisse von der Sorge, die Banken könnten sich bei der Integration der IT-Systeme verstolpern. Tatsächlich ist das Zusammenfügen von IT-Plattformen oft der kritischste Teil einer Fusion, weil dabei so viel schiefgehen kann. Aber Orcel wischt auch diese Zweifel beiseite: „Die Unicredit hat schon 350 Unternehmen auf ihre IT-Plattform integriert“, behauptet er. Soll wohl heißen: Besser als wir bekommt das sowieso keiner hin. Und schon adressiert er die nächste Furcht, vorgetragen vor allem von den Arbeitnehmern der Commerzbank.
Angeblich nur wenige Stellenstreichungen
Die Mitarbeiter fürchten, bei einer Fusion fielen massenhaft Stellen in Frankfurt weg. Orcel betont, ihm gehe es selbstverständlich darum, insbesondere die Erträge einer fusionierten Bank zu steigern. Und nicht so sehr darum, Kosten zu senken und Mitarbeiter hinauszuwerfen. Er sagt sogar, er würde in das Filialnetz investieren. Erst auf Nachfrage gesteht er ein, dass er in der Frankfurter Zentrale dennoch Jobs streichen würde. Aber natürlich „nicht so viele, wie immer spekuliert wird“, sagt Orcel.
Und außerdem: In ein paar Jahren werde die Commerzbank selbst noch mehr Stellen abbauen müssen, als er es jemals planen würde. „Keine Bank kann überleben“, wenn sie so hohe Kosten wie die Commerzbank habe, fährt er fort.
Anders ausgedrückt: Wenn die leidgeplagten Mitarbeiter der jahrelang kriselnden Commerzbank mal wieder eine bittere Pille schlucken müssen, dann doch am besten die, die Unicredit-Wunderheiler Orcel verabreicht.
Als wäre all das nicht genug, hat der Manager ein viertes Argument parat, um die letzten Zweifler zu überzeugen: Er hat es sich für den Schluss aufgespart, mutmaßlich, weil es das bedeutungsschwerste ist.
Orcel holt aus: Wenn sich Europa tatsächlich fit für die Zukunft machen wolle, reichten die Finanzmittel nicht, die den Regierungen in Rom, Paris und Berlin zur Verfügung stünden. Diese Gelder „müssen wir hebeln“, findet Orcel. Nämlich mit Kapital, das private Investoren und auch die Banken bereitstellen. Dazu seien die Institute aber nur in der Lage, wenn sie entsprechend groß und stark seien, klingt zwischen den Zeilen durch. „Europa kann nicht noch fragmentierter sein“, urteilt der Unicredit-Chef.
Rasch schiebt der Manager einen Satz nach, um die quasi-historische Bedeutung seiner Übernahmemission zu betonen: Europa müsse der „jungen Generation zuliebe“ gestärkt werden.
Unicredit ist die deutsche Politik egal
Nichts an diesem Satz ist falsch. Aber natürlich darf man Zweifel haben, ob Orcel tatsächlich auf einem Kreuzzug für ein besseres Europa ist. Oder ob er bloß vorgibt, an einem solchen Kreuzzug teilzunehmen, um sein eigenes Vorhaben zu legitimieren, was bekanntlich ein uralter rhetorischer Kniff ist.
Dass die zweite Lesart der Wahrheit am nächsten kommt, legt Orcels bisheriges Verhalten nahe: Immer wieder hat der Italiener Versprechen gebrochen, etwa nicht gegen den Willen der Bundesregierung mit dem Übernahmeversuch fortzufahren. Doch obwohl Berlin sein Missfallen mehrfach ausgedrückt hat, schraubte Orcel seinen Aktien-Anteil an der Commerzbank immer weiter nach oben. Inzwischen beträgt er fast 30 Prozent. Bei seinem Auftritt verrät ein kurzer Moment dann auch, dass Andrea Orcel auch künftig nicht gedenkt, Andrea Orcels vorherigen Aussagen Folge zu leisten.
Der Italiener erklärt, die Politik bei seinem weiteren Vorgehen „einzubeziehen“. Und ganz selbstverständlich „respektiert“ er die Haltung der Bundesregierung. Die sei auf jeden Fall ein „kritischer Faktor“. Aber eben „nicht der entscheidende“, sagt der Unicredit-Manager. Was wohl heißen soll: Herrn Orcel ist die Bundesregierung wumpe.
Diese Auffassung ist legitim: In einer Marktwirtschaft sollte der Staat die Leitplanken setzen, aber nicht den Fahrstil vorschreiben. Weshalb man mit Fug und Recht befinden kann, die Bundesregierung solle sich aus dem Ringen um die Commerzbank heraushalten.
Aber es wäre ehrlicher, wenn Orcel das auch so sagen würde, anstatt ständig Zusagen zu machen, die ihn ohnehin nicht bekümmern. Mit der Charmeoffensive an diesem Donnerstag verhält es sich ja auch so: Sie hält ziemlich genau jene 30 Minuten an, die Orcel auf der Bühne verbringt.
Im Anschluss an seinen Auftritt läuft Orcel am Veranstaltungssaal vorbei, eine Riege Vertrauter begleitet ihn, vor dem Aufzug trifft der Trupp auf den Pulk der Finanzreporter. Und Orcel: schweigt nun eisern, Fragen beantwortet er keine. Der Trupp steigt in den Aufzug, schon schließen sich die Türen.