Teure H-1B-Visa: Donald Trump wird zum Talent-Schreck – Deutschland muss die Chance nutzen

An Bord eines A380 spielten sich am Wochenende turbulente Szenen ab. Kurz vor dem Start von San Francisco nach Dubai wollten Passagiere die Maschine schnell wieder verlassen. Sie hatten gerade die Nachricht gelesen, dass Donald Trump für H-1B-Visa eine Gebühr von 100.000 Dollar verlangen will – und wer das Land einmal verlässt, so die Panik, muss bei Wiedereinreisen zahlen. Wenn er denn überhaupt wieder ins Land darf.
70 Prozent der derzeitigen H-1B-Besitzer kommen aus Indien, viele von ihnen waren offenbar an Bord des Emirates-Flugs, um über Dubai in die Heimat zu fliegen. EK226 startete am Ende mit einer Verspätung von drei Stunden – und deutlich weniger Passagieren, wie Szenen im Netz zeigen.
Chaos pur, mal wieder, nicht nur an Bord der Emirates-Maschine, sondern auch bei vielen anderen H-1B-Visa-Besitzern und potenziellen Bewerbern, die von Donald Trumps neuestem Dekret verunsichert waren. Genau das sollte Deutschland jetzt nutzen. Aus Donald Trumps „Brain Drain“ kann Deutschlands „Brain Gain“ werden. Kann.
H-1B-Visa USA: Auch der Gesundheitssektor ist betroffen
Denn nach den Spitzenforschern nimmt sich der US-Präsident nun auch die Spitzenfachkräfte vor. 85.000 solcher H-1B-Visa werden pro Jahr an Talente aus dem Ausland vergeben. Sie heuern im Techsektor an, bei Start-ups, aber auch im Gesundheitsbereich. Rund 10.000 der 43.000 US-Assistenzarztstellen sind derzeit mit H-1B-Visa-Inhabern besetzt.
Bisher wurden für das Visum eine Gebühr von rund 5000 Dollar fällig. Den neuen Betrag von 100.000 Dollar mögen sich Konzerne wie Amazon, Google und Microsoft noch leisten können, aber für Start-ups sowie für den Gesundheitssektor sind solche Summen wohl unbezahlbar.
Viel entscheidender als die Giga-Gebühr ist aber das Signal, das Trump an die Talente branchenübergreifend sendet: Ihr seid in den USA nur dann erwünscht, wenn ihr blecht – nicht, weil ihr das Land mit euren Fähigkeiten im wahrsten Sinne bereichert.
Jede H-1B-Stelle schafft im Schnitt 7,5 neue Jobs
Denn Studien zeigen, was für eine regelrechte Wunderwaffe das Visum bisher für die Vereinigten Staaten ist: Für jede H-1B-Stelle, die von einem Arbeitgeber beantragt wird, werden in den USA im Schnitt 7,5 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen, so etwa eine Analyse der National Foundation for American Policy (NFAP).
Trump und sein Handelsminister Howard Lutnick argumentieren jedoch, dass Konzerne die Visa für Lohndumping missbrauchen. Tatsächlich sind die Durchschnittsgehälter der H-1B-Visa-Inhaber mit rund 85.000 Dollar im Jahr geringer im Vergleich zu einem US-Softwareingenieur, der im Mittel etwa 120.000 bis 130.000 Dollar verdient.
Auch Pichai, Nadella und Musk startete mit H-1B
Doch gesamtwirtschaftlich gesehen macht sich die Fachkräfteeinwanderung über die Visa bezahlt. Auch Google-CEO Sundar Pichai, Microsoft-Chef Satya Nadella und Tesla- und SpaceX-Gründer Elon Musk sind einst auf einem H-1B-Visum gestartet – und leiten heute einige der innovativsten Milliardenkonzerne.
Wenn Trump nun dank der neuen Gebühr zum Talent-Schreck wird, rückt die Bundesrepublik als Alternative aber ganz sicher nicht automatisch auf Platz eins. Denn neben der viel diskutierten Willkommenskultur vergleichen die hochmobilen Spitzenkräfte vor allem nackte Zahlen – und da droht in Deutschland ein ganz anderer Schreck.
Schon heute liegt der Spitzensteuersatz bei 42 Prozent. Die SPD erwägt sogar eine Anhebung auf 47 Prozent, auch die Reichensteuer könnte nach Auffassung der Genossen von 45 Prozent auf 49 Prozent steigen – damit ist Deutschland international nicht wettbewerbsfähig, vor allem dann nicht, wenn die Spitzenfachkräfte dafür weder Spitzenbildung für ihre Kinder noch Spitzeninfrastruktur bekommen. So klagen ausländische Pflegefachkräfte schon heute: „Steuern und Abzüge sind so hoch – ich komme kaum zurecht“.
Die Neiddebatte beendete eine bewährte Idee
Genau deshalb sollten Union und SPD jetzt eine alte Idee der Ampel aufwärmen. In ihrer sogenannten Wachstumsinitiative hatten SPD, Grüne und FDP nämlich Steuererleichterungen für ausländische Fachkräfte geplant, um sie nach Deutschland zu locken: Im ersten Jahr sollte die Erleichterung bei 30 Prozent liegen, im zweiten Jahr bei 20 Prozent und im dritten Jahr bei 10 Prozent des Bruttolohns.
Ähnliche Regelungen gibt es längst um Deutschland herum. Etwa in den Niederlanden, in Österreich, in Frankreich, Spanien, Italien und Portugal. Die Idee wurde von der Ampel nach Diskussionen um sogenannte Inländerdiskriminierung im Sommer 2024 allerdings schneller wieder kassiert, als man zu ausländischen Fachkräften „Herzlich willkommen!“ sagen kann.
Union und SPD sollten diese Idee aber genau jetzt wiederbeleben. Denn auch andere Länder werden sich die Talente schnappen wollen. Gegen die umtriebige Konkurrenz wird sich das Spitzensteuerland Deutschland ganz sicher nicht durchsetzen können, wenn es als vermeintliche Goodies lediglich mit einer niedrigeren Gastro-Steuer aufwarten will – die sowieso kaum an die Kunden weitergegeben werden dürfte.
Deshalb sollte die Koalition nicht vor neuen Neid-Debatten zurückschrecken, sondern schlichtweg zur alten Ampel-Idee greifen – und der Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands damit einen Gefallen tun.