Verteidigung: Wie schnell kann die Europäische Union verteidigungsfähig werden?
Russische Drohnen dringen in den polnischen Luftraum ein. EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius fordert die Errichtung einer „Drohnenmauer“ entlang der EU-Ostflanke. Die sicherheitspolitische Lage in Europa ist dringlicher denn je.
Doch wie schnell kann Europa wirklich verteidigungsfähig werden – und was braucht es dafür?
Darüber diskutierten beim „PULSE Women Economic Summit 2025“ der Handelsblatt Media Group in Düsseldorf Helga Schmid, Diplomatin und Vizepräsidentin der Stiftung Münchner Sicherheitskonferenz, Susanne Wiegand, Multi-Aufsichtsrätin und Ex-Chefin beim Rüstungszulieferer Renk, und Markus Fasse, Chefreporter Rüstung beim Handelsblatt.
„Wir sind schon seit Jahren im hybriden Krieg mit Russland“, mahnte Wiegand in der Paneldiskussion. „Einen Zustand tiefen Friedens gibt es nicht mehr.“ Cyberangriffe, Drohnenvorstöße, Militärmanöver: All das seien bewusste Grenzverletzungen, um die EU zu testen.
Bis 2029 wolle Verteidigungsminister Boris Pistorius Deutschland daher kriegstüchtig machen – doch diesen politischen Termin teile sie nicht, sagte Wiegand: „Putin wird nicht warten, bis wir verteidigungsfähig sind.“ Um ihn zu bremsen, brauche es schneller eine glaubwürdige und wirksame Abschreckungsfähigkeit.
Die besteht für Wiegand aus vier Komponenten:
- Hoher politischer Wille und Geschlossenheit
- Eine resiliente Bevölkerung
- Eine Rüstungsindustrie mit Nachschubmöglichkeiten
- Eine modernisierte Bundeswehr
Vor allem bei der Drohnenabwehr sieht Wiegand großen Nachholbedarf. Die Luftverteidigung der Nato gerade an der Ostflanke sei eine zentrale Lücke, sagte auch Chefreporter Fasse. Hier müsse Europa zwingend mehr tun: „Uns läuft die Zeit davon. Die nächste Provokation im Baltikum wird auch unser Problem sein.“
Zudem brauche es mehr Soldaten und Reservisten. Fasse sagte: „Der Führungs- und Verwaltungsapparat der Bundeswehr ist groß, aber die Mannstärke der Kampftruppen viel zu gering.“ Dazu gebe es massive Lücken bei Nachrichtengewinnung und Aufklärung: „Dort sind wir sehr abhängig von den USA.“
Diplomatin Schmid fordert daher eine viel stärkere europäische Zusammenarbeit: Der Aufbau einer Euro-Drohne sowie gemeinsame Beschaffung seien unerlässlich. Wegen der Vielzahl verschiedener Panzer- und Waffensysteme in Europa seien Beschaffungsprozesse oft schwerfällig. „Europa gibt kollektiv fast so viel für Verteidigung aus wie die USA – für einen Output von lediglich 15 Prozent davon.“
Diese Zersplitterung mache die gemeinsame Verteidigung teuer und ineffizient – während die USA mit deutlich weniger Systemen wesentlich schlagkräftiger seien. Es brauche also einen tiefgreifenden „Bewusstseinswandel“, der Verteidigung nicht mehr als nationale Aufgabe ansieht, sondern als Gemeinschaftsprojekt.
Zudem müsse gerade Deutschland Sicherheit breiter verstehen: „Nicht nur die militärische, auch die innere Sicherheit stärken“, sagte Schmid. Noch immer seien Zivil- und Katastrophenschutz hierzulande getrennt: Der Zivilschutz obliegt dem Bund, während die Länder den Katastrophenschutz verantworten. Es brauche jedoch mehr gemeinsame Strategie, innerhalb Deutschlands und Europas.
Mit hybriden Attacken und massiven Desinformationskampagnen wolle Putin das Vertrauen in demokratische Institutionen schwächen. Daher brauche es noch viel mehr Medienkompetenz, Medienschutz und Medienfreiheit, mahnte die Diplomatin. Gerade in Zeiten der KI sei das eine der wesentlichen Aufgaben für eine resiliente und wehrfähige Gesellschaft.
Die Aussetzung der Wehrpflicht in Deutschland 2011 sei ein großer Fehler gewesen, da waren sich alle Panelisten einig. „Die Bundeswehr verschwand so aus der Mitte der Gesellschaft“, sagte Wiegand. Sie selbst sei lange Gegnerin einer Pflicht gewesen, habe ihre Meinung in Anbetracht der Bedrohungslage aber geändert.
Als Vorbild nennen alle drei Diskutanten Finnland. „Die Finnen treiben Resilienz sehr weit“, sagte Fasse. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine sei das Land schnell der Nato beigetreten und habe Turnhallen, Parkhäuser und Schwimmbäder zu Schutzräumen umfunktioniert. Heute finden etwa 85 Prozent der Bevölkerung in den knapp 55.000 Bunkern im Land Schutz.
In Deutschland dagegen fehle es oft an diesem Tempo. „Die Bundeswehr ist nicht besser aufgestellt als vor drei Jahren“, sagte Wiegand. Kein Wunder: „Wenn sie mit Lieferterminen in sechs Jahren bestellt, ändert sich strukturell nichts.“ Dabei müssten die Prozesse in der Rüstungsindustrie viel schneller werden.
Doch damit die Branche skalieren kann, brauche sie Planungssicherheit. Nur wenn politische Zusagen auch im Haushalt abgesichert sind, könnten Unternehmen ihre Produktion hochfahren. Schließlich erfordere Nachschub in der Branche jahrelange Vorbereitung. Vor allem in Boomzeiten wie jetzt.
Pro Jahr wächst die Industrie laut Bain-Partnerin Christina Ellringmann, die im November Deutschlandchefin der Strategieberatung wird, um sechs bis sieben Prozent. Immer mehr Investoren, die Rüstung lange mieden, entdeckten das Thema neu. 2025 erreichten erstmals alle 32 Nato-Mitgliedstaaten das Zwei-Prozent-Ziel für Verteidigungsausgaben. Es ist eine Zeitenwende, auch für die Industrie.
Dieser Artikel ist zuerst im Handelsblatt erschienen.