Streit um Nexperia: Warum die Autoindustrie jetzt so besorgt auf diesen Zulieferer blickt
Die Autoindustrie schlägt Alarm wegen drohender Produktionsausfälle durch Lieferprobleme des niederländischen Chipherstellers Nexperia. Nach dem europäischen Verband ACEA warnte nun auch die US-Autolobby vor Störungen der Produktion. Nexperia habe Autobauer und Zulieferer am 10. Oktober darüber informiert, dass es seine Lieferungen nicht mehr garantieren könne, erklärte der europäische Autoverband ACEA bereits am Donnerstag.
Ohne die Chips von Nexperia, die in elektronischen Steuergeräten von Fahrzeugen verbaut werden, drohten Produktionsstopps. Die Bestände reichten nur noch wenige Wochen. „Wir befinden uns plötzlich in dieser alarmierenden Lage“, erklärte ACEA-Generaldirektorin Sigrid de Vries. „Wir brauchen wirklich schnelle und pragmatische Lösungen von allen beteiligten Ländern.“
In den USA drängte der Verband Alliance for Automotive Innovation, der unter anderem General Motors, Toyota, Ford und Volkswagen vertritt, auf eine schnelle Lösung. „Wenn die Lieferung von Auto-Chips nicht schnell wieder aufgenommen wird, wird dies die Autoproduktion in den USA und vielen anderen Ländern stören und einen Dominoeffekt auf andere Branchen haben“, sagte Verbandschef John Bozzella. Einigen Autobauern zufolge könnten US-Werke bereits im kommenden Monat betroffen sein.
Nach Informationen aus Branchenkreisen halten Fahrzeughersteller in Europa eilige Krisensitzungen ab, um drohende Ausfälle in den kommenden Wochen abzuwenden, heißt es bei „Bloomberg“.
Der Neubiberger Chiphersteller Infineon – einer der führenden Zulieferer der Automobilindustrie – erhalte laut dem „Bloomberg“-Bericht aus Branchenkreisen zunehmend Anfragen von Nexperia-Kunden, die Ersatzlieferungen suchen.
Nexperia: Warum das Unternehmen für die Autobranche so wichtig ist
Hintergrund ist der Handelsstreit zwischen den USA und China, der zu Ausfuhrbeschränkungen für Nexperia von beiden Seiten führte. Die Firma aus den Niederlanden gehört dem chinesischen Konzern Wingtech. Mit weltweit rund 11.700 Beschäftigten ist sie der führende Anbieter einfacher Halbleiter wie Dioden oder Transistoren. In Hamburg steht das größte Werk, in Deutschland hat Nexperia 2500 Mitarbeitende. Die Chips werden nach China zur Verpackung und Weiterverarbeitung geliefert. Doch das chinesische Handelsministerium verbot Anfang Oktober den Export bestimmter Bauteile mit Nexperia-Chips. Das betrifft Wingtech zufolge 80 Prozent der Endprodukte.
Obwohl Nexperias Chips nicht als technologisch führend gelten, sind sie ein zentraler Bestandteil der Automobil-Lieferkette. In einem einzigen Fahrzeug stecken Hunderte dieser Halbleiter, die Funktionen wie Schalter oder Lenksysteme steuern. Der Automobilsektor steht für mehr als 60 Prozent des Nexperia-Umsatzes, der im vergangenen Jahr 2,06 Milliarden Dollar betrug.
In den USA steht Wingtech wegen angeblicher Gefahren für die nationale Sicherheit auf einer Sanktionsliste von Unternehmen, mit denen US-Firmen keine Geschäfte machen dürfen. Am Sonntag hatte die niederländische Regierung die Kontrolle bei Nexperia übernommen und den chinesischen Firmenchef per Gerichtsbeschluss absetzen lassen. Die Niederländer begründeten die Entscheidung mit der Sorge vor einer Weitergabe von Technologie an die chinesische Muttergesellschaft. Wie aus Gerichtsdokumenten hervorging, drängte die US-Regierung die Niederlande zu diesem Schritt. Nexperia erklärte am Dienstag, man sei mit Ausfuhrbeschränkungen sowohl aus den USA als auch aus China konfrontiert und suche Gespräche.
Nexperia teilte seinen Kunden und Geschäftspartnern laut einem „Bloomberg“ vorliegenden Schreiben mit, dass die chinesischen Exportbeschränkungen als höhere Gewalt gelten und das Unternehmen somit von vertraglichen Verpflichtungen entbinden. Es stehe in Kontakt mit den chinesischen Behörden, um eine Ausnahmegenehmigung für die Exportauflagen zu erhalten, hieß es am 14. Oktober. Weitere Kommentare lehnte das Unternehmen ab.
Auch große Zulieferer wie Bosch oder Valeo wären betroffen
Betroffen von Lieferausfällen wären neben den deutschen Autobauern BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen auch ihre großen Zulieferer wie Bosch, Aumovio oder Valeo. Die Unternehmen stellen sich auf Lieferprobleme ein. Teile des Lieferantennetzwerks seien von den aktuellen Entwicklungen bei dem niederländischen Unternehmen betroffen, erklärte ein BMW-Sprecher. Die Fertigung in den Werken des Konzerns verlaufe jedoch weiterhin planmäßig. „Wir stehen in engem Kontakt mit unseren Lieferanten und bewerten die Lage fortlaufend, um potenzielle Versorgungsrisiken frühzeitig zu identifizieren und gegebenenfalls geeignete Maßnahmen zu ergreifen.“ Mercedes-Benz erklärte, das Unternehmen beobachte die Situation und sei mit relevanten Beteiligten in Kontakt.
Volkswagen teilte mit, Nexperia sei kein direkter Lieferant. Aber Bauteile steckten in Komponenten, die VW von Zulieferern erhält. „Derzeit ist unsere Produktion unbeeinträchtigt.“ VW versuche, im Austausch mit den Lieferanten Risiken zu identifizieren, um darauf zu reagieren. ACEA teilte weiter mit, es gebe alternative Anbieter der Chips. Doch Zulassung und Aufbau der Produktion dürften mehrere Monate dauern.
Bosch, der weltweit größte Autozulieferer, erklärte gegenüber „Bloomberg“, man stehe in Kontakt mit Nexperia und arbeite daran, mögliche Auswirkungen so gering wie möglich zu halten.
Die Autoindustrie hatte bereits während der Corona-Pandemie Produktionsausfälle, weil Halbleiter aus Asien bei hoher Nachfrage anderer Branchen Mangelware wurden. Auch Exportbeschränkungen für seltene Erden aus China behindern die Fertigung.
Lesen Sie auch: Nexperia: Ist das deutsche Rüstungshilfe für China?