Wirtschaft von oben #367 – Wirtschaftslage im Iran: Hier floriert Irans Wirtschaft trotz Sanktionen
Seit mehr als zwei Wochen demonstriert die Bevölkerung im Iran gegen das machthabende Regime. Ursprünglicher Auslöser der landesweiten Massenproteste ist die angespannte ökonomische Lage im Land. Doch während sich große Teile der arbeitenden Gesellschaft wie etwa Händler oder Taxifahrer wegen der hohen Inflation kaum noch etwas für ihr Geld leisten können, scheinen Industrieproduktion und Exportgeschäfte munter weiterzulaufen.
Wie steht es also um die iranische Wirtschaft – und bei wem kommt das Geld am Ende an?
Der Iran gehört zu den rohstoffreichsten Ländern der Welt. Im Jahr 2024 produzierte er laut einem Bericht des britischen Energy Institute mit fast 263 Milliarden Kubikmetern mehr Erdgas als China. Die vier größten Produzenten, die Vereinigten Staaten, Russland, der Iran und China, vereinen einen Anteil von 53 Prozent auf sich. Gleiches gilt für die Rohölproduktion: Nach den USA, Saudi-Arabien und Kanada landet der Iran hier auf Platz vier weltweit – trotz verschärfter Sanktionen.
Dass das Land trotz der Beschränkungen einen Weg gefunden hat, sein Exportgeschäft fortzuführen, zeigt sich rund um den wichtigsten Ölhafen des Landes: Vor der Insel Kharg im Persischen Golf, lagen Anfang Januar gerade einmal vier Schiffe vor Anker. Im Oktober waren es noch 14. Ein Indiz, dass der Iran neue Möglichkeiten gefunden hat, sein Öl zu exportieren.
Bilder: LiveEO/Sentinel
Anfang vergangenen Jahres hatten die USA Handelsunternehmen sanktioniert, denen sie vorwarfen, dem Iran beim Export des Öls geholfen zu haben. „Dieses Netzwerk illegaler Transportdienstleister verschleiert und täuscht über seine Rolle beim Verladen und Transportieren von iranischem Öl zum Verkauf nach Asien hinweg“, schrieb das US-Außenministerium damals.
Nach den Satellitenaufnahmen zu urteilen, zeigte dieser Schritt zunächst die erhoffte Wirkung. In den Monaten darauf musste der Iran eine große Menge an Öl in Tankern vor der Insel bunkern, in der Hoffnung, es bald verkaufen zu können. Sanktionsbedingt ist es keine Seltenheit, dass in den Gewässern vor Kharg eine große Anzahl Supertanker vor Anker liegt. Dieser werden vom Iran als sogenannter Floating Stock – also schwimmende Lager – verwendet.
Staaten wie China beziehen jedoch weiterhin über Umwege Öl aus dem Iran. Um offizielle Zahlungen zu vermeiden, fördert China laut Berichten des „Wall Street Journal“ mit staatlichen Firmen Bauprojekte im Iran. Auf diese Weise soll die Volksrepublik schätzungsweise bis zu 8,4 Milliarden Dollar in die iranische Infrastruktur investiert haben.
Seitdem die USA 2018 aus dem Atomabkommen ausgestiegen sind, ist China der größte Abnehmer iranischen Öls. Auch Russland hat sich im Laufe des Ukrainekriegs zu einem engen Vertrauten entwickelt. Weitere wichtige Handelspartner sind die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate und Indien.
Nicht nur die Ölindustrie boomt
Viel Schiffsverkehr ist auch auf aktuellen Satellitenaufnahmen des Unternehmens Jam Petrochemical Company (JPC) in Assaluyeh zu erkennen. Ein Zeichen dafür, dass die petrochemische Anlage gut ausgelastet ist und dort weiterhin gearbeitet wird.
Ferner ist auf den Aufnahmen eine Flamme zu erkennen. Es wird also Gas verwendet, was auf eine intakte Produktion hindeutet.
Bilder: LiveEO/Sentinel
Assalyeh hat sich im Laufe der Zeit zu einem zentralen Industriestandort des Iran entwickelt. Das Dorf in der Provinz Buschehr am Persischen Golf beherbergt mehrere Produktionsstätten. Sie unterstehen der National Petrochemical Company of Iran (NPC), einem staatlichen Unternehmen, das seinen Sitz in der Hauptstadt Teheran hat.
Das US-Finanzministerium hatte die JPC im Jahr 2022 mit Sanktionen belegt, um den Export von iranischen Produkten in ostasiatische Länder zu reduzieren. Viele von ihnen soll JPC über die ebenfalls sanktionierte Firma Iran Petrochemical Commercial Company (PCC) nach China weiterverkauft und transportiert haben.
Irans Rüstungsindustrie profitiert vom Ukrainekrieg
Am südlichen Stadtrand der iranischen Metropole Isfahan lässt das Mullah-Regime unter anderem für das befreundete Russland Drohnen bauen. Seit Beginn des Ukrainekriegs brummt das Geschäft. Die iranischen Shahed-Drohnen sind zum Inbegriff der neuen perfiden Waffentechnik geworden – billig, robust und leicht in großen Stückzahlen zu produzieren. Inzwischen baut Russland diese Systeme auch in Lizenz.
Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar, LiveEO/Google Earth/Airbus, LiveEO/Up42/Airbus
Seit Beginn des Ukrainekriegs sind am Standort Isfahan gleich mehrere Gebäude dazugekommen, vermutlich, um die Fertigungskapazität zu erhöhen. Die Fabrik könnte ein Ziel der US-Truppen sein, sollten die USA den Iran angreifen. Das dürfte den Nachschub an Drohnen besonders für Russland einschränken.
Laut dem Friedensforschungsinstitut Sipri hat der Iran 2024 rund 226 Millionen US-Dollar mit dem Verkauf von Rüstungsgütern umgesetzt – ein Geschäft, welches vor 2022 praktisch nicht existent war. Aktuellere Zahlen sind nicht verfügbar.
Auf einem Satellitenbild vom 25. Oktober 2025 sind neben Shahed auch deutlich größere fertige oder halbfertige Tarnkappendrohnen erkennbar. Dabei handelt es sich vermutlich aber nicht um Kamikaze-Modelle. Ob diese ebenfalls nach Russland verkauft werden, ist nicht bekannt.
Der Iran und sein „schwarzes Gold“
Im nördlichen Iran in der Provinz Gilan wird etwas produziert, das vor allem relevant für das Prestige des Landes ist. In Karganrud stellt der Aquakulturbetrieb Darya Caviar Talesh den teuersten Kaviar weltweit her, die Sorte „Beluga“.
07.07.2023: In dieser Zucht für Störe wird Beluga-Kaviar, der edelste der Welt, hergestellt. Die Fischeier werden etwa in andere Golf-Staaten exportiert. Foto: LiveEO/Google Earth/Airbus
Gewonnen wird Beluga-Kaviar aus den Eiern des Störfischs, dessen größter Bestand sich im an den Iran angrenzenden Kaspischen Meer befindet. Abnehmer des „schwarzen Goldes“, wie Kaviar gelegentlich genannt wird, sind zum Beispiel andere Golf-Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate.
Aufgrund der hohen Nachfrage und Preise (30 Gramm kosten zwischen 100 und 150 Euro) ist der Stör inzwischen jedoch stark vom Aussterben bedroht. Um die Fische vor Überfischung, illegalem Handel und Umweltproblemen zu schützen, wird die iranische Kaviarzucht staatlich überwacht und unterliegt den Regeln des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES).
Autobauer freut sich über gut laufendes Geschäft
Neuste Satellitenbilder eines Werks des Auto- und Nutzfahrzeugherstellers Iran Khodro in Teheran zeigen, dass auf den Auslieferungsparkplätzen zahlreiche Pkw stehen. Auf Aufnahmen der vergangenen Monate ist zudem zu sehen, dass dort viel Bewegung herrscht: Das Werk scheint also sowohl Fahrzeuge zu produzieren als auch zu verkaufen.
Iran Khodro zählt neben Saipa und Pars Khodro zu den größten iranischen Autobauern. Im Jahr 2024 stellte das Unternehmen knapp 600.000 Fahrzeuge her, konnte sich also zuletzt nicht über niedrige Produktionszahlen beschweren.
Geldentwertung im Galopp
Doch wie passen die augenscheinlich gut laufende Wirtschaft und die Proteste auf den Straßen zusammen? Aus Sicht von Rolf Langhammer vom Kiel Institut für Weltwirtschaft erklärt sich das recht einfach: Die zu beobachtende Wirtschaftstätigkeit täuscht. Um das zu verstehen, verweist er auf die Inflation im Land – und ihre Ursachen.
Einer Analyse der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge hat die iranische Währung, der Rial, in den vergangenen zehn Jahren einen atemberaubenden Wertverlust durchgemacht. Noch 2016 – ein Jahr nach Inkrafttreten des Atomabkommens mit dem Westen – benötigten Iraner demnach beim Währungstausch 34.000 Rial, um einen Dollar zu erhalten. Im Zuge der wieder verschärften Sanktionen ab 2018 wertete die Währung dann in mehreren Schritten ab. Heute liegt der Wechselkurs auf einem nur noch als Ramschniveau zu betitelnden Kurs von 1,5 Millionen Rial für einen Dollar.
Folge war ein rasanter Kaufkraftverlust im Land, da die Importkosten durch den fallenden Wert der heimischen Währung nach oben schossen. Die Inflation liegt weiterhin bei über 40 Prozent, wobei die Kosten für Lebensmittel und Wohnen in einigen Regionen sogar noch schneller steigen. Da der Lohnzuwachs nicht im gleichen Tempo angezogen hat, sind Familien mit mittlerem und niedrigem Einkommen gezwungen, bei Grundgütern zu sparen.
Doch hier macht die Entwicklung nicht halt. Während bedeutende Handelspartner wie die Emirate und die Türkei sich auf Druck der USA zurückziehen, reduziert sich, Angaben der Weltbank zufolge, auch der Umfang der Erdölexporte nach China. Der mangelnde Zugang zu Devisen macht die Misere für den Iran folglich noch schlimmer und untergräbt die Möglichkeiten der Zentralbank, die Währung zu stabilisieren. Auf den mangelnden Kapitalzustrom verweist auch Langhammer. Insgesamt herrsche ein Kapitalüberhang im Land: Da der Import von Gütern zu teuer sei, stünden dem im Land verfügbaren Kapital zu wenige Waren gegenüber, was die Inflation weiter anheize.
Der Ökonom sieht jedoch auch jenseits dessen eine Wirtschaft, die mehr Schein als Sein ist. Trotz Exportgütern wie Öl und Gas wird das Wirtschaftswachstum Schätzungen des Internationalen Währungsfonds zufolge in diesem Jahr nur 0,6 Prozent betragen, bei einem BIP pro Kopf von rund 5500 Dollar: „Das ist praktisch nichts, für ein Land, das so arm ist. Hier rechnen wir immer mit höheren Wachstumsraten.“
Gleichzeitig betont er, dass die verfügbaren Daten bei noch existierenden Handelspartnern und internationalen Organisationen oft nur bruchstückhaft vorliegen und es daher schwer ist, ein wahrheitsgetreues Bild von der Situation im Land zu bekommen: „Manchmal hat man das Gefühl, man betastet einen Elefanten mit verbundenen Augen – je nachdem, wo man steht, sieht alles anders aus“, sagt Langhammer.
Trotz dieser Einschränkung ist ein deutlich negativer Trend zu erkennen, mit wenig Hoffnung auf Besserung. Dass aufgrund der hohen Teuerung zuerst die Einzelhändler und dann die restliche Bevölkerung auf die Straße gingen, verdeutlicht den wirtschaftlichen Aspekt der Proteste im Land. Andere Probleme wie eine hohe Luftverschmutzung und die generelle politische Unzufriedenheit im Land kommen noch hinzu.
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