Kraftwerksstrategie: Macht mal Tempo!

Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Da lernen Kinder laufen und sprechen, Erwachsene bauen sich ein ganzes Haus. Ein gut genährter Baum wächst locker zwei Meter. Und in Berlin? Da reicht diese Zeitspanne gerade, um eine Kraftwerksstrategie niederzuschreiben, zu verwerfen, neu zu besprechen und nun, nach der Genehmigung aus Brüssel, hoffentlich bald zu verabschieden.
Immerhin: Jetzt ist sie wirklich da. Die Zustimmung der EU zur deutschen Kraftwerksstrategie, entworfen noch von den Beamten im Wirtschaftsministerium unter Robert Habeck (Grüne), später neu aufgelegt von seiner Nachfolgerin Katherina Reiche (CDU).
Der Kern der jetzigen Strategie ist immer noch erstaunlich ähnlich zu Habecks erster Fassung: Die Politik will Stromerzeugung mit einer Kapazität von 12 Gigawatt ausschreiben und sowohl deren Bau als auch deren Betrieb durch einen Kapazitätsmarkt subventionieren. Die Vergabeverfahren sollen „noch“ 2026 starten.
Endlich, endlich, dürften viele aus der Energiewirtschaft jubeln. Das Thema taugte schon zum Zynismus: Ist das die neue Deutschland-Langsamkeit? Hätten wir das nicht schon vor zwei Jahren haben können?
Unsichere Umstellung auf Wasserstoff
So sollten doch die fertigen Kraftwerke einst 2030 ans Netz gehen, nun heißt es: 2031. Alles wäre schneller gegangen, hätte sich Katherina Reiche nicht zu Beginn verrannt. Zunächst wollte sie noch über 20 Gigawatt ausschreiben lassen, was EU‑beihilferechtlich schwierig gewesen wäre. Sie ruderte zurück, zum „Schnellboot“: zwölf Gigawatt. Zehn davon müssen durch Kraftwerke gedeckt werden, die mindestens zehn Stunden am Stück laufen können. Das werden vermutlich Erdgaskraftwerke sein. Zwei Gigawatt werden technologieoffen ausgeschrieben, etwa für die Speicher.
Wasserstofffähig und emissionsfrei sollen alle Kraftwerke, nach einem gewissen Umbau, bis spätestens 2045 sein. Die umstrittene Option, stattdessen weiter Erdgas zu verbrennen und CO2 abzuscheiden (CCS), ist vom Tisch. Experten halten von CCS an Gaskraftwerken ohnehin wenig. Ein festes Datum für den Umstieg von Erdgas auf grünen Wasserstoff gibt es nicht mehr – anders als unter der Ampel. Das macht Sinn, denn der Markt ist zutiefst verunsichert. Wie viel Wasserstoff verfügbar sein wird, zu welchem Preis und wann, ist offen. Doch klar ist auch: Wer keine Ziele setzt, erreicht selten eines.
Jetzt zählt Geschwindigkeit. Deutschland will bis allerspätestens 2038 aus der dreckigen Kohleverstromung aussteigen, NRW sogar schon 2030. Diese Versorgungslücke muss geschlossen werden. In erster Linie natürlich durch den ununterbrochenen, stetigen Ausbau von Wind- und Solarenergie und durch einen flexibleren Stromverbrauch von Haushalten und Industrie.
Aber es braucht auch steuerbare Leistung, die spontan einspringen kann. Dass die Kraftwerksstrategie nun kommt, ist daher bitter notwendig. Doch bei aller Eile: Der Teufel liegt im Detail. Kanzler Friedrich Merz und Reiche müssen das Gesetz auf den Weg bringen, dann muss die EU-Kommission final zustimmen. Die Bundesnetzagentur muss währenddessen die Ausschreibungsbedingungen festlegen. Sind sie zu lukrativ, verwendet Deutschland Milliarden an Steuergeldern für die Subventionierung – größtenteils fossiler – Kraftwerke. Sind sie zu unattraktiv, bewirbt sich niemand und die Gefahr für eine Stromlücke wächst.
Offene Fragen bleiben. Dürfen sich auch Stadtwerke mit kleineren Kraftwerken bewerben? Und: Wie hoch und wie technologieoffen werden weitere Ausschreibungen sein? Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft etwa fordert 22 Gigawatt steuerbare Leistung. Besser wäre es, wenn die Bundesregierung weitere Kapazitäten auch wirklich technologieoffen ausschreibt, um klimafreundlicheren Optionen neben Erdgas eine größere Chance zu bieten.
All diese Fragen sollte die Bundesregierung mit größter Sorgfalt beantworten – aber eben auch mit deutlich mehr Realismus und Tempo als zuvor. Gleiches gilt für den parallelen Ausbau von Netzen, Speichern und Erneuerbaren. Denn die Energiewende hat keine Zeit mehr zu verlieren.
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